Der Auftakt ließ Schlimmes befürchten: Die Londoner Zentrale der Sozialistischen Internationale (SI) erwies sich als völlig überfordert, den Kongress zu organisieren, auf dem Willy Brandt zum neuen Präsidenten gewählt werden sollte. Die Behörden in Genf, wo man ab dem 26. November 1976 tagen wollte, wurden erst wenige Tage zuvor informiert, dass Staatsmänner aus aller Welt eintreffen würden. Die Konferenzunterlagen transportierte man im VW-Bus von Großbritannien in die Schweiz, aber die helvetischen Grenzer hielten sie für Handelsware, die zu verzollen sei. Der naive Einwand, »Das ist für die Sozialistische Internationale. Sie wissen doch sicher, was das ist«, half nicht weiter, die Zöllner kannten diese Organisation nicht und alarmierten die Polizei, hier wollten sich Ausländer in der Schweiz politisch betätigen.
Hoffnung auf einen Neustart
Am Ende ging dann doch alles glatt und Willy Brandt wurde einstimmig gewählt. Der rechtskonservative Münchner Merkur kommentierte: »Willy Brandts Wahl zum Präsidenten wird dieses eher unbedeutende Gremium zu einer gefährlichen Institution machen.« Wohl wahr! Auf der Linken verband man mit dem Genfer Kongress die Hoffnung auf einen Neustart der SI. Einig war man sich links und rechts, dass mit Willy Brandt an der Spitze die Internationale erstmals seit ihrer Wiedergründung 1951 die Chance besaß, eine ernstzunehmende Stimme zu werden. Das internationale Ansehen des SPD-Vorsitzenden war auch nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers zweieinhalb Jahre zuvor ungebrochen, während er aus bundesrepublikanischer Binnensicht nur noch die zweite Geige hinter Helmut Schmidt spielte.
Drei »Offensiven« kündigte der neue Präsident in seiner ersten Rede an: für den Frieden, für veränderte Beziehungen zwischen Nord und Süd und für die Menschenrechte. Alleine schon der Begriff »Offensive« war für die bisher träge vor sich hin dümpelnde Internationale etwas Unerhörtes. In der Praxis trat eine weitere »Offensive« hinzu und wurde zur wichtigsten Errungenschaft: die Ausdehnung der Organisation über Europa hinaus. Bis 1976 waren die außereuropäischen Mitgliedsparteien von geringer Zahl und Bedeutung gewesen, nun aber sah man von Kongress zu Kongress immer mehr neue Gesichter.
»Für den Frieden, für veränderte Beziehungen zwischen Nord und Süd, für die Menschenrechte.«
Für die globale Expansion der Internationale bedurfte es keiner missionarischen Tätigkeit. Die Hoffnung, dass mit der politischen Unabhängigkeit bisheriger Kolonien auch ihre wirtschaftliche kommen würde, hatte sich ebenso zerschlagen wie die, dass die Kubanische Revolution von 1959 den Weg in eine bessere Zukunft weisen würde. Auf der Suche nach einem Vorbild waren reformerische Kräfte außerhalb Europas seit geraumer Zeit auf die Sozialdemokratie aufmerksam geworden, der sie nacheifern wollten. Auf dem Alten Kontinent war es nach 1945 gelungen, Wirtschaftskraft, Wohlfahrtsstaat und Demokratie auf bisher ungeahnte Höhen zu bringen. Aus Mexiko, aus Venezuela, aber auch aus dem Senegal kamen Initiativen, man wolle enger als bisher mit Westeuropas Sozialdemokraten zusammenarbeiten.
Um 1980 sah es so aus, als gelänge das Unterfangen, die Sozialdemokratie als weltweit strahlendes Modell zu etablieren. Zentralamerika wurde für einige Jahre zum Aushängeschild der Sozialistischen Internationale. In mehreren Ländern (Costa Rica, El Salvador, Nicaragua, Panama) gelangten Parteien, die Mitglied waren oder von ihr unterstützt wurden, in die Regierung. Ähnliches geschah in der Dominikanischen Republik und auf Jamaika. Im ölreichen Venezuela regierte über Jahre hinweg ebenfalls eine Partei der SI.
Problemfall Nicaragua
Zum Paradebeispiel für die Herausforderungen, vor denen die SI in ihrer Ausdehnung über Europa hinaus stand, wurde Nicaragua. Die dortige Sandinistische Befreiungsfront, die 1979 den Diktator Somoza stürzte und das Land sozial gerecht umgestalten wollte, war eine heterogene Koalition aus Marxisten-Leninisten, Basisdemokraten und linken Sozialisten. Zum Prüfstein für die SI wurde die Frage,
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