Die Warnung klingt drastisch. »Verhaftungen und Verurteilungen können jederzeit, auch aufgrund konstruierter Vorwände, erfolgen. Sie können als politisches Druckmittel dienen; lange Haftstrafen unter harten Bedingungen sind möglich, bei schwerwiegenderen Vorwürfen auch die Verhängung der Todesstrafe.« Diese Zeilen sind Teil einer Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Sie gilt nicht etwa für Iran oder Nordkorea, sondern für ein europäisches Land, dessen Hauptstadt nur etwa 950 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt ist.
Belarus – das unsichtbare Land
Die Rede ist von Belarus, oft auch Weißrussland genannt. Dieses seit 1991 unabhängige osteuropäische Land mit etwa 9,2 Millionen Einwohnern grenzt an Polen, Litauen, Lettland, Russland und die Ukraine – und ist hierzulande weitgehend unbekannt. Auch 33 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion interessieren sich nur wenige Deutsche für Belarus.
Dabei liegt es geografisch zwischen drei NATO-Staaten und den Parteien des schwersten Krieges in Europa seit 1945. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Sowjetrepublik Belarus von der Wehrmacht besetzt und mit unzähligen Kriegsverbrechen überzogen. Warum wird dieses Land dennoch notorisch übersehen? Und wie ergeht es den in Belarus und im europäischen Exil lebenden Menschen heute, 30 Jahre nach der Machtübernahme des Diktators Alexander Lukaschenko?
»Es ist leider bis heute keine Selbstverständlichkeit für uns, dass dieses Land existiert«, sagt Ingo Petz. Der Osteuropajournalist schreibt seit mehr als 25 Jahren über Belarus und leitet die Belarus-Redaktion beim Onlinemagazin dekoder. Auf die notorische Unsichtbarkeit des Landes findet Petz keine allgemeingültige Antwort. Ein wichtiger Faktor sei aber, dass Belarus außer einer kurzen Episode im Jahr 1918 nie als Staat existiert habe: »Als Kulturraum war Belarus immer Teil von größeren Herrschaftsbereichen: Großfürstentum Litauen, polnisch-litauische Adelsrepublik, russisches Zarenreich und Sowjetunion.«
»Belarus lag immer im Schatten Russlands.«
»Es lag immer im Schatten Russlands und der großen Politik zwischen Deutschland, Europa und Russland«, so Petz weiter. Belarus sei ein Transitland zwischen Ost und West. Aus dieser geopolitischen Lage erklärt sich womöglich auch die Schaukelpolitik, die das Lukaschenko-Regime eine Zeitlang gegenüber Russland und der Europäischen Union verfolgte. So wurde das sogenannte Minsker Abkommen, welches den 2014 von russlandtreuen Separatisten entfachten Krieg in der Ostukraine beenden sollte, im Februar 2015 in der belarussischen Hauptstadt verhandelt und unterzeichnet.
Zehntausende Belarussen wurden seit der jüngsten gefälschten Wahl inhaftiert
Der auch von belarussischem Staatsgebiet aus begonnene großflächige russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 veränderte die politischen Koordinaten. »Lukaschenko war da zumindest am Anfang sicherlich auch der Aggressor«, unterstreicht Ingo Petz. Er habe sich seit Langem in eine fatale Abhängigkeit von günstigen russischen Energielieferungen und Krediten manövriert. Mit der mit Moskaus Billigung begonnenen massiven Repressionswelle nach der gefälschten Präsidentschaftswahl im August 2020 »war es ein Leichtes für Putin, das belarussische Territorium 2022 für den Aufmarsch gegen die Ukraine zu nutzen«.
»Hunderttausende Belarussen haben seit 2020 das Land verlassen.«
Die Entwicklungen in Belarus seit 2020 charakterisiert Petz unmissverständlich: »Es ist tragisch, es ist dramatisch, und es ist katastrophal.« Insgesamt drei Millionen Belarussen hätten im Sommer vor vier Jahren gegen die Wahlfälschung demonstriert: »Es war ein breiter gesellschaftlicher Aufstand.« Lukaschenko habe laut Petz »zu Recht Angst und Panik« gehabt, »dass dieser Protest sich durchsetzen könnte, dass er dadurch also seine Macht verliert«. Zehntausende seien seit 2020 aus politischen Gründen festgenommen worden, unter ihnen seien aktuell mehr als 1.400 politische Gefangene. Drakonische Haftstrafen seien nicht nur gegen bekannte politische Figuren verhängt worden. Petz weist darauf hin, dass das letzte Lebenszeichen von Protagonisten der Demokratiebewegung, wie etwa Sjarhej Zichanouski oder Maryja Kalesnikawa, über ein Jahr zurückliegt.
Nicht zuletzt hätten seit 2020 Hunderttausende Belarussen das Land verlassen – »aus Angst vor Repressionen und politischer Verfolgung«. Sie seien jetzt in Georgien, Litauen und vor allem in Polen. Über 100.000 seien zunächst auch in die Ukraine geflüchtet und hätten im Februar 2022 noch einmal weiterziehen müssen. Diese dramatische und herausfordernde Situation »dauert bis heute an«, betont Ingo Petz.
Einige Belarussen, unter ihnen auch Künstler und Literaten, kamen im Zuge der großen Fluchtwelle nach Deutschland. Nicht immer war das Fluchtziel bewusst gewählt. »Ich bin mit nur einem Rucksack ausgereist«, erinnert sich Zmicier Vishniou. Der 1973 geborene Schriftsteller, Künstler und Verleger lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Belarus verließ er eigentlich nur für zwei kurze Residenzaufenthalte in Schweden und im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in Brandenburg. Den von ihm mitbegründeten Verlag Halijafy habe er währenddessen online geleitet: »Alles lief, wir publizierten und verkauften Bücher«. Dann aber sei er zusammen mit weiteren unabhängigen belarussischen Verlagen »in diesen Fleischwolf geraten«.
Einige Autoren haben mit dem Schreiben aufgehört
Das Minsker Informationsministerium habe angefangen, ihm zu drohen, berichtet Vishniou: »Da habe ich entschieden, dass es wohl besser ist, nicht nach Belarus zurückzukehren.« Dort droht ihm eine Gefängnisstrafe. Seinem Verlag wurde unterdessen nicht nur die Publikation neuer Bücher, sondern auch der Vertrieb des über 200 Titel umfassenden Programms untersagt: »15 Tonnen Bücher sind bis heute eingelagert.« Die Repressionen trafen neben Halijafy auch die unabhängigen Verlage Limarjus, Knihazbor und Medysont.
Dass einige der in Belarus nicht mehr erhältlichen Titel trotzdem eine Leserschaft finden könnten, möchten die Übersetzerin Iryna Herasimovich, der Autor Lukas Bärfuss und die Zürcher Slavistin Sylvia Sasse mit der Aktion »33 Bücher für ein anderes Belarus« erreichen. 33 europäische Verlage beteiligen sich an diesem temporären Produktionsnetzwerk für belarussische Bücher, die momentan nicht erscheinen können. Auch Zmicier Vishniou engagiert sich für das Vorhaben.
33 europäische Verlage und ihre Aktion »33 Bücher für ein anderes Belarus«.
Mit der zugespitzten Lage in Belarus muss Vishniou indes nicht nur als Verleger, sondern auch als belarussischsprachiger Schriftsteller umgehen: »Ich kann nicht mehr so schreiben wie vor 2020.« Einige Kollegen hätten gar nach dem 24. Februar 2022 mit dem Schreiben aufgehört. Alle relevanten belarussischen Autoren lehnten die Aggression gegen die Ukraine ab, betont Vishniou. Der Krieg habe die Welt »bis zur Unkenntlichkeit verändert« und »auf den Kopf gestellt«, sagt er. Paradoxerweise kam der Wegfall der zeitraubenden verlegerischen Tätigkeit seinem literarischen Schaffen zugute: »In den vergangenen zwei Jahren habe ich einige meiner bisher besten Texte geschrieben.« Seit Juli 2022 ist Zmicier Vishniou Stipendiat im »Writers-in-Exile-Programm« des PEN-Zentrums Deutschland.
Mit dem Exil hadern viele geflüchtete Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler. »Sie befinden sich im Ausland in der Situation dazwischen: gedanklich in Belarus, physisch in Deutschland«, beobachtet Lena Prents. Die in Minsk geborene und aufgewachsene Kunsthistorikerin lebt seit mehreren Jahren in Deutschland und leitet heute die Berliner Prater Galerie. Über die große Fluchtbewegung nach der belarussischen Präsidentschaftswahl 2020 sagt sie: »Viele Künstler:innen, Kurator:innen, Wissenschaftler:innen haben für die Teilnahme an Protesten Haftstrafen bekommen und wurden nach ihrer Freilassung mit neuen drohenden Strafverfahren konfrontiert. Also verließen sie das Land.«
Keine baldige Rückkehr aus dem Exil
Dabei sei das Exil sei weder geplant noch vorbereitet gewesen. Viele hätten auf einen baldigen Sieg der demokratischen Kräfte und eine schnelle Rückkehr nach Belarus gehofft: »Wie wir wissen, ist das nicht passiert.« Und so berichtet Prents von Menschen, die »von Ängsten um Familienangehörige und Freunde in Belarus zerfressen werden« und zugleich »das Gefühl haben, hier unerwünscht zu sein«. Dazu trügen unter anderem die komplizierte Klärung des Aufenthaltsstatus und die mitunter kafkaesk anmutende Kommunikation mit den deutschen Behörden bei.
Mit einer baldigen Rückkehr belarussischer Intellektueller aus dem Exil rechnet auch Zmicier Vishniou nicht: »Jedem Rückkehrer drohen sehr ernste Konsequenzen.« Es gebe schon viele Beispiele von Menschen, die nach Belarus zurückkamen und lange Haftstrafen erhielten. »Die Repressionsmaschine läuft unvermindert weiter«, betont Vishniou. Was kann man in dieser Situation tun, um die Menschen in Belarus zu unterstützen? Zmicier Vishniou mahnt, die in belarussischen Gefängnissen festgehaltenen politischen Gefangenen nicht zu vergessen, von denen mindestens jeder Zehnte ein Literat sei.
Dass die deutschsprachige Öffentlichkeit die Lage in Belarus im Blick behält, ist Ingo Petz' langjähriges Anliegen. Während das mediale Interesse an Belarus während der landesweiten Proteste im August 2020 einen einmaligen Höhepunkt erreichte, geriet es in der Folgezeit allmählich wieder in den Hintergrund. »Nichtsdestotrotz hat sich etwas getan«, resümiert Petz. Mittlerweile werde er regelmäßig zu Veranstaltungen eingeladen, um seine Belarus-Expertise zur Verfügung zu stellen. Und die Exil-Belarussen arbeiteten auf vielen Ebenen daran, belarussische Themen und Belange in der Öffentlichkeit zu halten.
Damit das Bewusstsein für die Eigenheiten osteuropäischer Länder wie Belarus zunimmt, genügen aus Petz' Sicht jedoch keine kurzen Zeiträume. Bei seiner Beschäftigung mit Belarus habe er gelernt: »Man braucht einen langen Atem.«


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