Historisches Geschehen, so beobachtete es Sebastian Haffner in seinen 1939 verfassten Erinnerungen an die Weimarer Zeit, besitzt verschiedene »Intensitätsgrade«, es umfasst Schichtungen, und was wir Geschichte nennen, fügt sich aus unterschiedlich tiefen Spuren. Nicht in allen historischen Momenten erreicht die Dimension der Ereignisse das Bewusstsein der Menschen. Nicht immer ist das Ausmaß des Wandels für alle gleichermaßen begreifbar. Während tektonische Verschiebungen auf der Ebene der internationalen Beziehungen oder der »großen Politik« das Gefüge eines neuen Zeitalters andeuten mögen, kann auf der Ebene der individuellen Erfahrungen alles unverändert erscheinen. Oder aber, es kann eine tiefe Verwerfung im Alltag des Einzelnen empfunden werden, ohne dass diese dem Zustand der Welt entsprechen muss.
Vergangenheitsorientierung
Die sich ausbreitende Irritation über eine Zeit, in der die Maßstäbe unsicher und die äußeren wie inneren Ordnungen fragil werden, stellt wohl jene Erfahrung dar, die uns mit den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg am stärksten verbindet. Es ist die mit den Weimarer Zeitgenossen geteilte Ungewissheit über die eigene Gegenwart, die in der Hoffnung auf Orientierung den Blick in die Vergangenheit lenkt. Anders als in den schillernden Aufbrüchen nach 1918 scheint uns, zumindest in Europa, allerdings die Zukunftsfreude, das optimistische Machbarkeitsdenken zu fehlen. So führt heute mehr als damals die Suche ins Gestern, nicht in ein Morgen.
Die Frage, ob »wir« gegenwärtig in Weimarer Verhältnissen leben, meint also weniger, ob eine Partei wie die AfD die bestehende Demokratie in ähnlicher Weise bedrohen kann wie es die NSDAP um 1930 tat. Die Unterschiede in der Parteienlandschaft, im Zustand der staatlichen Institutionen und, vor allem, in der Betroffenheit der eigenen Bevölkerung durch Armut und Krieg sind zwischen dem damaligen und dem heutigen Deutschland ohnehin so groß, dass sich simple historische Analogien verbieten. Vergleichbar aber ist wohl ein gesellschaftlicher Zustand der Ungewissheit, in dem der Sog des Radikalen, der Akt der Grenzüberschreitung, die versuchte (Selbst-)Ermächtigung und die Sehnsucht nach entschlossener Führung immer mehr Menschen als Versprechen erscheinen.
»Uns scheint die Zukunftsfreude, das optimistische Machbarkeitsdenken zu fehlen.«
Damit verbunden ist ein omnipräsentes Krisengefühl. Die derzeitige publizistische Konjunktur der »Polykrise« ist ebenso ein Ausdruck dessen wie der von vielen Menschen nicht erst in der Pandemie formulierte Eindruck, in einem permanenten »Ausnahmezustand« zu leben. Daraus entsteht ein tiefes Misstrauen gegenüber allem, was als normal und etabliert gelten könnte, eine dauernde Suche nach außerordentlichen Lösungen, der Wunsch nach einer befreienden Entscheidung, der dezisionistische Erwartungshorizont: Der Normalzustand, so formulierte es zuletzt Stephan Lessenich in seinem Essay »Nicht mehr normal«, sei ein Trugschluss der Ahnungslosen und Bequemen, gefordert werden müsse stattdessen die fundamentale Anfechtung aller Selbstverständlichkeiten. Die bewusste Entscheidung, Gewissheiten aufzugeben, verbindet sich so mit einer Entwicklung, in der gesellschaftlicher Konsens tatsächlich immer seltener gelingt – und nicht nur alternative Fakten, sondern parallele Wirklichkeiten behauptet werden.
Doch wessen Krise meinen wir – und von welchem Ende der Welt her denken wir die Geschichte, aus der wir lernen möchten? Wenn wir nach »Weimar« suchen, führt uns der Blick zunächst in die deutsche Vergangenheit, es findet eine Fokussierung auf altbekannte nationale Zusammenhänge und politische Figuren statt – auf das Nachwirken des vom Deutschen Reich begonnenen und verlorenen Krieges, auf die Belastungen durch den Versailler Vertrag und die Reparationszahlungen, auf die im internationalen Vergleich besonders starken Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die dadurch ausgelöste Staatskrise mit ihrem scharf autoritären Führungspersonal und den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung seit 1930. Schließlich sehen wir 1933, das Jahr, in dem in Deutschland »die Demokratie starb«, wie ein jüngst erschienener Sammelband es formulierte. Es war der Moment in Europa, in dem viele der nach 1918 entstandenen neuen Staatsgebilde aus ihren demokratischen Experimenten und engagierten »Lebensversuchen« (Tim B. Müller) in verschiedene Varianten von Ausnahmeregimen und autoritärer Herrschaft taumelten. Der deutsche Fall war hier also einer von vielen und doch jener, aus dem die radikalste Gewalt hervorging.
Bedeutungsverlust Europas in der Welt
Verkehrte Welten, zerfallende geopolitische Ordnungen, durch Inflation verrutschende Wertbeziehungen, durch Massenmedien erzeugte konkurrierende Wirklichkeiten – solche Dynamiken wurden auch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erlebt, wahrgenommen und kontrovers diskutiert, allerdings nicht allein in Deutschland, sondern weltweit. Damals wie heute zeigt sich deshalb, dass es beim Vergleichen auf die Position ankommt, von der man blickt. Gegenwärtig, so ließe sich konstatieren, wird wieder in außergewöhnlich hoher Intensität Geschichte geschrieben, aber nicht unbedingt im Berliner Regierungsviertel und immer seltener in den europäischen Hauptstädten. Beobachtbar ist neuerlich eine »Enteuropäisierung des Globalen« (Christof Dejung), ein Bedeutungsverlust europäischen Einflusses in der Welt, und in dieser Hinsicht ergeben sich tatsächlich Ähnlichkeiten zur Zwischenkriegszeit.
Vielleicht weht der »Hauch von Weimar« heute eher durch Washington.
Nach 1918 entstand aus diesen globalen Verschiebungen ein Europa der Diktaturen und in Deutschland ein nationalsozialistisches Regime, von dem ein großer Teil der Welt in Trümmern gelegt wurde. In der Gegenwart ist der Aufstieg autoritärer Versuchungen in stärkerem Maße ein außereuropäisches Phänomen. Vielleicht, so könnte man sagen, weht der »Hauch von Weimar« heute eher durch Washington als durch ostdeutsche Landschaften, eher durch Moskau als durch München, eher durch San Salvador als durch Schlesien. Dort, in diesen kippenden Demokratien und sich festigenden Diktaturen, regiert der Ausnahmezustand, den der antiliberale Weimarer Staatsrechtslehrer Carl Schmitt Anfang der 1920er Jahre als erlösenden Akt, in einem Raum jenseits des gesetzten Rechts, imaginierte.
Die Angst vor der Wiederkehr der Vergangenheit, die in europäischen Gesellschaften und insbesondere in Deutschland gegenwärtig herrscht und Polarisierungen hervorbringt, resultiert aus der diffusen Wahrnehmung solcher Veränderungen auf globaler Ebene – sie ist also kein politischer »Erfolg« der AfD. Radikale politische Bewegungen waren auch nach dem Ersten Weltkrieg eine Reaktion auf die Destabilisierung der damaligen internationalen Ordnung, sie entstanden aus dem Zerfall von Imperien und Institutionen, der Anfechtung von Grenzen. So könnte es hilfreich sein, die Entwicklungen in der Bundesrepublik stärker mit solchen internationalen Verschiebungen zusammenzudenken. Gerade diese Verflochtenheit lässt sich aus »Weimar« lernen. Wie in der sogenannten Zwischenkriegszeit ist auch in der Gegenwart das Schicksal der Demokratie in Deutschland nicht allein von den nationalen Wahlergebnissen abhängig. Es ist zugleich nicht nur gebunden an globale Verschiebungen im Jetzt, sondern auch an temporale Strukturen längerer Dauer, an fortwirkende historische Prozesse. Hier liegt ein Anstoß, den Blick auf Weimar nicht auf einen einzelnen politischen Moment der Entscheidung im Jahr 1933 zu fokussieren, sondern die unterschiedlichen Entwicklungen kurzer, mittlerer und längerer Dauer zusammen zu denken, die diesen Moment bedingten und nicht an den Grenzen des Deutschen Reiches Halt machten.
Gewandelte Bewusstseinsmuster, gebliebene Tiefenstrukturen
Dazu gehört ein Nachdenken über die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte von Imperialismus, Kolonialismus und Kapitalismus – als Tiefenstrukturen, in denen wir noch immer denken und handeln, mit denen wir weiterhin kontrovers ringen, obwohl unsere Bewusstseinsmuster unterdessen ganz andere sind als 1848 oder 1918. Faschismus und Kommunismus erlebten ihre internationale Hochphase nach dem Ersten Weltkrieg auch deshalb, weil sie sich im antiimperialistischen Kampf gegen die liberale Moderne westlicher Provenienz denken und auf dieser Basis beispielsweise mit dem Nationalismus antikolonialer Provenienz mobilisierend verbinden konnten. Der antisemitische Vernichtungswille gegen die »jüdische Übermacht«, der durch Medienkampagnen globale Resonanz fand, konnte sich auch aus solchen Allianzen speisen, wenngleich er viele Quellen hatte. Diese komplexen, oft widersprüchlich erscheinenden Anschlusspunkte müssten auch in der Gegenwart wieder stärker betrachtet werden, will man die Strahlkraft verstehen, die etwa russische Propaganda gegen »Europa« und ihre antiliberalen Versprechen bei der deutschen Rechten ebenso wie im globalen Süden zu entfalten vermögen.
Die Vergangenheit hält insofern keine klaren Lektionen bereit. Sie bietet aber Erfahrungsmodelle, anhand derer wir uns selbst kritisch befragen und wie von außen betrachten können. Diente »Weimar« lange Zeit als Folie bundesrepublikanischer Abgrenzung und Selbstvergewisserung, als Verweis auf eine überwundene dunkle Epoche gescheiterter Demokratie, so kehrt es gegenwärtig in neuer Intensität zurück: als Laboratorium des Autoritären und als ein mit vielen anderen Räumen verflochtener Vorraum der Diktatur.


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