Menü

Sendungsformate von und für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder psychischen Problemen Inklusive Medienarbeit

Im Rahmen eines Radioworkshops für Menschen mit (geistiger) Behinderung, bemühte sich einer der Teilnehmer darum, ohne Worte zu moderieren und sich anschließend selbst immer wieder anzuhören. Ausschließlich mit Lauten artikulierte und kommunizierte er und hörte sich nach der Aufnahme mehrmals sein eigenes Sprechen »vom Band« an. Er dabei war ganz konzentriert.

Aus der Betrachtung dieser faszinierenden Situation entstand die Frage: Lässt sich diese Form des Umgangs mit oder am Mikrofon, diese Form des Sprechens ins Mikrofon, die Arbeit mit einer Kamera und dem Bild, das (Ab-)Hören der eigenen Stimme auch für andere fruchtbar machen? Die Begeisterung bei der Betrachtung dieser Szene und die Frage, wie für mehr Menschen eine Teilhabe in der Medienarbeit möglich werden könnte, stand am Beginn meiner Erfahrungen mit dem, was heute im Rahmen »inklusive Medienarbeit« für viele Menschen selbstverständlicher geworden ist.

Inklusive Sendeformate

Vor elf Jahren entstand die inklusive TV-Sendereihe NA (JA) GENAU. Ein Teil davon sind die NA (JA) GENAU - Breitenseer Lichtspiele - Kinogespräche, die seit drei Jahren Teil dieser Sendereihe sind. Menschen aus der österreichischen Filmbranche werden dann im ältesten Kino Wiens interviewt. Für die Sendereihe wurden erste Schritte vor der Kamera gemacht, es gab erste Interviewübungen und Gespräche mit Gästen. Kann so eine TV-Serie funktionieren? Spätestens 2023, als die Sendereihe einen Fernsehpreis bekam, war klar, dass die Sendung auch für TV–Expert*innen ansprechend ist. Trotzdem ging es nicht in erster Linie um eine funktionierende TV-Sendung. Die Interessen, Kompetenzen und das individuelle Sprechen steht immer an erster Stelle.

Die Geschichte der inklusiven Medienarbeit im deutschsprachigen Raum führt zurück ins Jahr 1975, als die TV- Sendung Sehen statt Hören im Programm des bayerischen Fernsehens erstausgestrahlt wurde. Für viele gehörlose Menschen war und ist sie eine wichtige (mediale) Identifikations- und Informationssendung. In Österreich startete im Jahr 2005 der Kanal Gebärdenwelt-TV im Internet. Die erste Folge des Podcasts Deafies in Wonderland wurde 2020 veröffentlicht. Die Talkshow Fingerzeig, die erste in Gebärdensprache im deutschen Fernsehen, die in Berlin produziert wird, ist seit 2015 auf Sendung. In der Schweiz in Bern gibt es das Radioloco-motivo, das von Menschen mit Psychiatrieerfahrung gemacht wird; Gianni Python hat es in Zusammenarbeit mit der Radioschule klipp+klang und Radio RaBe ins Leben gerufen. Pate für Radio loco-motivo stand wiederum das Radioprojekt einer psychiatrischen Klinik in Chile, das Radio der Verrückten— Radio loco.

Menschen mit psychischer Erkrankung wird das Sprechen und Radiomachen ermöglicht.

Diese Art des Radiomachens nimmt in der der inklusiven Medienarbeit eine wichtige Stellung ein: Es ermöglicht einerseits Menschen mit psychischer Erkrankung das Sprechen und Radiomachen, andererseits bietet es auch für die Hörer*innen eine gute Möglichkeit, sich von falschen Vorstellungen über psychische Erkrankungen zu befreien. Die österreichische Radiosendung Bündnis gegen die Depression oder auch Das Leben in der Kapsel ermöglicht Menschen mit Depression, Depressionserfahrung, Schizophrenie u.a., Sendungen selbst zu gestalten, ähnlich wie Radio Durchgeknallt beim Radio Z in Nürnberg.

Auch für Menschen mit (Lern-) Behinderung, die in einer betreuten Tageswerkstätte und nicht am Ersten Arbeitsmarkt tätig sind ist das Radio ein Gewinn. Das Österreichische Radio Wissensteam wurde vor allem während der Pandemie stark genutzt. Ängste, Erfahrungen und Informationen in der Pandemiezeit, Umgang mit Quarantäne u.a. wurden so für alle zugänglich. Vergleichbare Radios sind in Deutschland das Radio Inklusivo bei Radio Blau in Leipzig. In der Schweiz gibt es das Happy Radio, das von Menschen mit (Lern-) Behinderung gemacht wird. Warum es gemacht wird?: »Weil Radiomachen glücklich macht«.

Prominente Medienakteure mit Behinderung

Manche macht die inklusive Medienarbeit auch bekannt, insbesondere, wenn sie sich mit Humor und subtilem Witz in Szene setzen: Peter Radtke (1943–2020), arbeitete als Autor, Schauspieler und Regisseur zu einer Zeit, in der er als Mensch mit Behinderung noch recht alleine stand. Er war 1984 bis 2008 Fachgebietsleiter für das Behindertenprogramm der Münchner Volkshochschule und Geschäftsführer und Leitender Redakteur der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien, welches noch immer aktiv ist.

Auch Raul Krauthausen hat mit Fernsehsendungen, darunter die Sendereihe »face to face«–Gespräche mit Künstler*innen und Podcasts, Berühmtheit weit über die Grenzen der Szene hinaus erlangt, und sein österreichischer Kollege, der 1977 geborene Martin Habacher, wurde mit dem Format Mabacher-TV sehr bekannt. Habacher, der sich selbst als »der kleinste YouTuber der Welt« bezeichnete, verstarb 2019.

Alle inklusiven Medienformate setzen sich mit allen Bereichen der Gesellschaft auseinander und müssen sich nicht vor anderen Medienformaten verstecken. Wie begleitet und unterstützt man inklusive Medienarbeit am besten? Welcher Nutzen entsteht für die an ihr Beteiligten? Derzeit herrscht eine lebhafte Diskussion über einfache Sprache oder auch leichte Sprache. Ihr Einsatz hilft bei der Vermittlung von (journalistischen) Inhalten in Nachrichten und ähnlichen Sendeformaten und unterstützt Menschen, die geringe Leseerfahrung haben oder kognitiv beeinträchtigt sind bei der Informationsgewinnung.

Bei inklusiver Medienarbeit geht es aber vor allem um die eigene Arbeit mit Medien, das eigene Sprechen, die eigene (mögliche) journalistische Arbeit von Menschen mit (Lern-)behinderung und/oder psychischer Erkrankung. Ob das Sprechen ausschließlich mit Lauten oder mit wenigen aktiven Worten oder sich häufig wiederholenden Worten erfolgt, ist dabei einerlei.

Herangehensweisen und Chancen

Durch die Erfahrung, selbst (ins Mikrofon) zu sprechen, können sich neue Räume eröffnen, die Selbstwirksamkeit und Selbstbemächtigung ermöglichen. Es muss keine Sendung daraus entstehen, eine entstandene Sendung muss nicht zwangsläufig gesendet werden. Allerdings lassen sich die von Menschen mit (Lern-)behinderung und/oder psychischer Erkrankung produzierten Sendungen so gestalten, dass sie gerne gehört und gesehen werden und in einem (kommerziellen) Sender gesendet werden können. Eine inklusive TV-Sendung ist unterhaltsam und informativ wie jede andere Sendung.

Seit einiger Zeit werden auch die Grundpfeiler dafür auf breiterer Ebene diskutiert: inklusive digitale Medienkompetenz, Medienbildung, ein möglicher Studienzugang auch ohne Abitur. Sind diese Voraussetzungen erst gegeben, dann können Menschen mit unterschiedlichen Befähigungen noch besser Medien selbst(-bestimmt) nutzen, gestalten und journalistisch arbeiten.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben