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Eine Warnung von Madeleine Albright »Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus«

Die frühere US-amerikanische Außenministerin Madeleine Albright wendet sich mit einer ebenso außergewöhnlichen wie eindringlichen Warnung an die Demokratinnen und Demokraten in der westlichen Welt – mit der Warnung vor einem neuen Faschismus. Der Begriff, der auf dem Cover ihres neuen Buches prangt, ist mitnichten die Erfindung der PR-Abteilung des Verlags. Sie selbst hat auf diesen Titel bestanden. Wenn manche ihn für alarmistisch halten, so hält sie ihn für mehr als gerechtfertigt. Denn mit Primo Levi verweist sie darauf, dass jedes Zeitalter seinen eigenen Faschismus habe und sie schlägt jetzt Alarm, weil der Angriff auf die Demokratie nach ihrer Ansicht längst begonnen hat. Dem lässt sich nicht widersprechen. Die Demokratiebewegungen sind abgeflaut, scheinbar gefestigte Demokratien verwandeln sich in autoritäre Systeme und die Demokraten finden vor allem dann kein rechtes Mittel gegen eine solche Entwicklung, wenn sich Autokraten auf demokratische Wahlen und die Stimme des Volkes berufen.

Die krisenerfahrene Diplomatin, die ein ungewöhnlich klares Urteilsvermögen auszeichnet, ist zudem alles andere als eine Frau, die einer großen Schlagzeile wegen ihre Reputation aufs Spiel setzen würde. Das Buch hat sie mit ihren Doktoranden an der Georgetown University entwickelt, aber sie bringt darin auch ihre eigene Lebensgeschichte ein. Marie Jana Korbelová – so ihr Geburtsname – floh zweimal mit ihrer Familie vor einer Diktatur, zweimal wurde ihr Asyl gewährt. Das erste Mal 1939 in Großbritannien, nachdem die Tschechoslowakei vor den Augen der demokratischen Schutzmächte von der deutschen Wehrmacht überrollt wurde. Das zweite Mal 1948 in den USA, als die Kommunisten im Zuge eines Umsturzes die Macht in Prag usurpierten.

Die Tschechoslowaken können auf eine stolze demokratische Tradition zurückblicken. Anders als alle anderen mitteleuropäischen Staaten bauten sie nach dem Ersten Weltkrieg eine widerstandsfähige Demokratie auf, die von außen beseitigt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete sich die Demokratie immerhin drei Jahre, bevor sie von den aus Moskau massiv unterstützten Kommunisten zerstört wurde. 1968 wurden die demokratisch-sozialistischen Befreiungsbestrebungen des Prager Frühlings von der Roten Armee und verbündeten Truppen gewaltsam erstickt, und es dauerte mehr als weitere 20 Jahre bis eine neuerliche Demokratiebewegung das kommunistische Regime endgültig abschütteln konnte und Václav Havel zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Inzwischen steckt die 1993 gegründete tschechische Republik, die 2004 der EU beitrat, in einer schweren politischen Krise. Der 2018 wiedergewählte Staatspräsident Miloš Zeman – ein politisches Chamäleon, dessen einzige biografische Konstante im Willen zur Behauptung seiner Amtsmacht liegt – hat sich in der Flüchtlingspolitik auf die Seite Viktor Orbáns gestellt, bringt Wladimir Putin längst große Sympathie entgegen und bezeichnet sich gern als »tschechischer Trump«. Nicht nur Madeleine Albright, wir alle haben gute Gründe, über die Politik in Prag beunruhigt zu sein.

Doch Albright greift in ihrer Warnschrift weiter aus. Sie nimmt Bezug auf den Faschismus Benito Mussolinis, den deutschen Nationalsozialismus, die spanischen Francisten, die ungarischen Pfeilkreuzler und Oswald Mosleys British Union of Fascists. Es sind nicht deren ideologische Programme, die sie vorrangig interessieren, sondern die Frage, wie sich Demokratien von Diktatoren überwältigen ließen, wie sie voneinander lernten und warum sie Nachahmer und Bewunderer finden konnten. Bei ihrer Tour d’Horizon über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gesellt sich eine weitere Fragestellung hinzu: Wie konnten sich politische Hoffnungsträger in Afrika, Süd- und Mittelamerika, in der Türkei oder in Russland in Autokraten verwandeln? Auf der Suche nach griffigen Antworten kombiniert Albright klare Analysen mit biografischen Miniaturen, so zum Beispiel über Putin (»der Mann, der seit Stalin Russland länger als jeder andere regierte«), über Orbán (ein »dünnhäutiger Opportunist« und »Schaumschläger«), über Jarosław Kaczyński (der gelobte, »Budapest nach Warschau« zu bringen) oder über Recep Tayyip Erdoğan (der schon in einer Rede von 1997 die Demokratie als einen Zug bezeichnete, auf den man aufsteige, bis man am Ziel sei).

Zunächst erscheint das Kapitel über Donald Trump (»Präsident der Vereinigten Staaten«) nur wie eines, das nicht fehlen darf. Doch tatsächlich hat Albright zwei Bücher geschrieben. Das Buch im Buch handelt von der bis vor Kurzem unvorstellbaren Gefahr, dass eine der ältesten und die mächtigste Demokratie, die USA, implodieren könnte. Natürlich weiß Albright zwischen Ideal und Wirklichkeit zu unterscheiden. Doch dass ein Präsident, der sich selbst für »ein sehr stabiles Genie« hält, die Ideale der Demokratie und Freiheit mit leichter Hand nicht nur preisgibt, sondern geradezu auf niederträchtige Art verrät und so zu einem Geschenk für alle Diktatoren und Autokraten wird, dies besorgt die frühere »Madam Secretary« zutiefst, die bei all ihren Einsätzen in internationalen Krisenherden neben dem nationalen Interesse ihres Landes stets auch dessen Verfassungswerte im Blick hatte. Sie ist sich sicher: »In einem Land mit schwächeren demokratischen Sicherungen würde er sich zu einem Diktator aufschwingen, denn dorthin treiben ihn seine Instinkte.«

Es bleibt die Frage der Fragen, nämlich wie sich die Kräfte der Demokratie gegen die Feinde der Demokratie mobilisieren lassen. Für ihre Antwort kommt Albright wieder auf Primo Levi zurück. Sie lautet schlicht und einfach: rechtzeitig! Denn wenn die Demokraten erst auf den einen, vermeintlich kritischen Punkt warten, an dem sich alles entscheidet, dann ist es schon zu spät, dann erhebt sich aus den Trümmern einer Demokratie eine offene Autokratie, und die Chancen für einen friedlichen Widerstand wurden verpasst.

Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung. Dumont, Köln 2018, 320 S., 24 €.

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