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Jürgen Habermas, geb. 1929 ©

picture-alliance/ dpa | Maxppp Riccardo De Luca

Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag Der Bürger-Philosoph

Für die Republik ein Glücksfall


Jürgen Habermas wirkt dabei nicht allein durch die Überzeugungskraft seiner Argumente, sondern auch durch das Beispiel seiner Haltung und seine Zi-vilcourage. Das begann bereits in den fünfzig50er Jahren, als er, ein junger Mann von noch nicht 25 Jahren, Heidegger bei dem Versuch ertappte, die Mitverantwortung seiner hochmütigen Seinsphilosophie für die Wegbereitung des Führerkults zu verwischen; es setzte sich fort in der heißen Phase der Studentenrevolte, als er den Begriff »Linksfaschismus« wagte, um politische Fehlentwicklungen und wachsende Gewaltbereitschaft zu verhindern; und es erreichte seinen Höhepunkt, als er im »Historiker-Streit« der 1980er Jahre Ernst Nolte in den Weg trat, weil er nicht zulassen wollte, die Entsorgung der deutschen Vergangenheit durch fragwürdige Kausalitäten und falsche »Normalisierung« zu betreiben. 
Im folgenden Jahrzehnts erinnerte Habermas mit Leidenschaft daran, dass ein großzügiges Asylrecht nicht nur ein ethisches Gebot darstellt, sondern so wesentlich im rechtsstaatlichen Gründungsgeist der Bundesrepublik verankert ist, dass das Gemeinwesen durch Einschränkungen Schaden nehmen muss. Dem fahrlässigen Diskurs über »Menschenzüchtung« stellte er in neuer und zeit-gerechter Form die Überzeugung entgegen, dass personale Identität als Bedin-gung menschlicher Würde unverfügbar sei. In der Debatte über den problematischen – politisch instrumentalisierbaren und potentziell chauvinistischen – Begriff einer »deutschen Leitkultur« erinnerte er daran, dass nur die »Einbeziehung des Anderen« (so der Titel eines Buches von 1996) die Grundlage politischer Kultur bilden könne. Und noch die um sich greifende Europa-Faulheit oder -Abstinenz unserer politischen Eliten hat Habermas im letzten Jahrzehnt bei lei-der allzu vielen Anlässen immer wieder auf den Plan gerufen. 
Das Medium seiner Interventionen sind nicht moralische Weckrufe, vielmehr Analyse und kritische Argumentation, so wie es der Diskurstheorie entspricht. Um so erstaunlicher, dass diese Interventionen ihre Wirkung gleichwohl nicht verfehlt haben. Unter der Übermacht politischer Routine, im fragwürdigen Automatismus des politischen Geschäfts mochte die Stimme der Vernunft zwar nicht immer erhört werden, gehört aber wurde sie so gut wie immer. In der Per-son von Habermas bleibt sie auch im anschwellenden Medienrauschen jederzeit vernehmbar, wie zum Beleg seiner einzigartigen Rolle als Intellektueller und Ge-lehrter.

Der Prozess der Vernunft

Bereits die Methode seiner Einmischungen sollte die gröbsten Missverständnisse widerlegen, denen sein Werk und seine Person sich immer wieder ausgesetzt se-hen. Dass nicht allen gefällt, was er zu sagen hat, dass gelegentlich polemische Gegnerschaft hervorruft, wofür er plädiert, ist nachgerade der Sinn seiner intellektuellen Interventionen. Die Konsenstheorie der Wahrheit – Prüfstein für alle kognitiven, ethischen und moralischen Geltungsansprüche – begründet ja kein simples Harmonieprinzip, sondern ein diskursives Verfahren, das von der legitimen Differenz seinen Ausgang nimmt und dessen Ende in Politik und Lebenswelt jederzeit offen bleibt. Das gilt auch für die Frage des ethisch Richtigen: Übereinstimmung soll nicht aus dem Bestreiten oder Unterlaufen der Unter-schiede hervorgehen, schon gar nicht aus stillschweigendem Einvernehmen, sondern aus dem Zwang und der Notwendigkeit einer argumentativen Debatte, die diesen Namen verdient. 
Die kooperative Wahrheitssuche, die allein Geltungsansprüche verbürgt, beruht als Bewegung vernünftiger Rede und Gegenrede im Kern auf dem Diffe-renzprinzip, allerdings unter der zwingenden Voraussetzung, dass Verständigung nur dort erwartet und erreicht werden kann, wo sie im Ernst gesucht wird. Die Äußerung von Gründen, der Austausch von Argumenten ist nur sinnvoll, solan-ge die Beteiligten annehmen dürfen, dass Gründe und Argumente von allen ernst genommen werden. Dass diese Voraussetzung „kontrafaktisch“ für alle Akte sprachlicher Verständigung auch dann unverzichtbar bleibt, wenn die Ab-sicht ins Spiel kommt, sie faktisch zu missachten, bildet gleichsam den archime-dischen Punkt der Habermasschen Diskurstheorie.  In ihm konvergieren seine Erkenntis- und seine Gesellschaftstheorietheorie, aber auch die politische Philo-sophie der deliberativen Demokratie. 
Darauf beruht die enorme Reichweite der Diskurstheorie. Sie gibt gleich-ermaßen Antwort auf die philosophische Wahrheitsfrage, fungiert als basale Theorie der Gesellschaft und stellt normative Gesichtspunkte für die Organisati-on des sozialen und politischen Zusammenlebens bereit. In der Kultur der Mo-derne zeichnen sich menschliche Lebensformen durch die konstitutive Rolle von Gründen für das Zusammenleben aus; gerechte Formen politischer Gemein-schaft gebieten den Vorrang der Deliberation vor der bloßen Faktizität von Überlieferungen und Interessen. Darum ist das Prinzip Öffentlichkeit und seine angemessene Verwirklichung ein Schlüssel für die Organisation einer guten Gesellschaft.    
Das alles hat der Sozialphilosoph Habermas über fünf Jahrzehnte hinweg aufwäendig begründet und weiterentwickelt, und der Bürger Habermas hat es, wo es geboten war, beispielhaft praktiziert. Dabei ignoriert das Diskursprinzip weder Konflikte noch Interessen, eher stellt es ein Regelsystem für den fairen und produktiven Umgang mit ihnen bereit. Kommunikatives Einvernehmen ist niemals der Ausgangspunkt der Verständigungsversuche zwischen Menschen und Bürgern im öffentlichen Raum, bildet vielmehr deren Ziel und Horizont. Deliberation ist nicht illusionäre Flucht vor dem Konflikt sozialer und politischer Interessen, vielmehr das Medium seiner Zivilisierung und damit Grundlage der politischen Kultur in der Demokratie. Dazu gehört, wie auch Habermas weiß, die Einsicht, dass die Verwirklichungsform des Ideals auf Erden zumeist und zuletzt der Kompromiss ist, nicht als Einbruch der Willkür in das politische Leben, son-dern in seiner eigenen Begründungsrationalität.

Emanzipation statt Erlösung

Das Leitmotiv seines Denkens, die Klärung der Voraussetzungen und die theo-retische Begründung menschlicher Praxis als verständigungsorientiertem Han-deln hat den gesamten Denkweg von Jürgen Habermas bestimmt, in systemati-scher Form seit der noch heute ibn der Forschung weltweit diskutierten Schrift Strukturwandel der Öffentlichkeit (1961) über die Theorie des kommunikativen Handelns (1981) bis in die Gegenwart. Habermas hat auf diesem Weg das theoretische Erbe der Frankfurter Schule, aus der er nicht eigentlich hervorging, sondern mit der sich in selbstbewusster Distanz zeitweise verbündete, im substantziellen Sin-ne rationalisiert. Den religiös grundierten Versöhnungswunsch, der das gesellschaftskritische Denken Adornos und Horkheimers im Innersten bewegte, verwies er aus der wissenschaftlichen Theorie; stattdessen gab er dem – bei den Frankfurter Klassikern damit auf heikle Weise verwobenen – Emanzipationsgedanken eine gesellschaftstheoretisch tief angelegte rationale Grundlage. Wenn zuweilen kritisch angemerkt wurde, Habermas’ Verständigungsdenken sei selbst nur eine letzte Säkularform des Versöhnungsverlangens, so kennzeichnet das keine spezifische Schwäche seiner Theorie, sondern eher den unüberwindbaren Kern aller menschlichen Gesellungsformen. Soweit Versöhnung eines der mitschwingenden Ziele in den Bemühungen um Verständigung ist, ist damit kein romantisches Einswerden getrennter Einzelpersonen gemeint, vielmehr die Möglichkeit des friedlichen Ausgleichs zwischen ihnen und die Erwartung, dass allgegenwärtige Konflikte durch Argumente und nicht durch Gewalt ausgetragen werden müssen.
In dieser rationalen Form wohnt dem Habermasschen Denken zweifellos ein utopischer Rest inne, den sie freilich mit der gesamten Moral- und Rechts-philosophie teilt und ohne den menschliche Lebensformen überhaupt nicht denkbar sind. Dazu gehört auch die in letzter Zeit immer eindringlichere Empfehlung, mit dem nicht rationalisierbaren religiösen Überschuss pfleglich und be-hutsam umzugehen. Keines der überlieferten Sinn- und Versöhnungsmotive soll auflösender Kritik verfallen, ehe nicht Ersatz in Sicht ist. Die religiös imprägnier-ten Lebenswelten, so gibt Habermas uns zu verstehen, bedürfen des besonderen Schutzes, da sie ein jederzeit gefährdetes Motivationsreservoir für die soziale Nachhaltigkeit sittlichen Handelns darstellen. Das ist freilich ein Gedanke, über den angesichts der nachweisbar ambivalenten Rolle der Religionen zwischen Krieg und Frieden  durchaus zu streiten wäre.  

Eine weltweit gehörte Stimme der Vernunft

Habermas genießt heute Achtung überall in der Welt. In den USA ist er gefrag-ter Gast in den Zentren der Gelehrsamkeit; in Japan wurde ihm vom Kaiser der Kyoto-Preis – oft »Nobelpreis der Geisteswissenschaften« genannt – verliehen; in China haben vor wenigen Jahren die Repräsentanten des wissenschaftlichen und intellektuellen Lebens das Gespräch mit ihm gesucht, in der berechtigten Erwartung, daraus Nutzen zu ziehen für die Reform ihres eigenen Gemeinwe-sens. Eines wird dabei deutlich: Das Verlangen nach universell verbindlicher, vernünftiger Argumentation ist keine fragwürdige Forderung, sondern zuneh-mend gelingende Praxis. Habermas fällt dabei die Rolle als wichtigster Anwalt für Geist und Praxis der Aufklärung in unserer Zeit zu. In Zeiten eines neu ent-fachten kulturellen Relativismus, der unter anderem auch den intellektuellen Zündstoff liefert für die fundamentalistische Politik der Verfeindung, schärft er den Blick für die Tatsache, dass Aufklärung und Vernunft sowie die Ideen von Freiheit und Gleichheit keine regionale Spezialität Europas oder des »Westens« sind, sondern ein Projekt der ganzen Menschheit. Menschsein heißt, sich sprach-lich verständigen, um nach Gründen fragen zu können. In dieser universalisti-schen Minimalanthropologie ist die ganze Sprengkraft der Aufklärung für das Zusammenleben der Menschen in Freiheit und Gleichheit enthalten: in der Frei-heit des Fragenkönnens nach den Gründen des Handelns, in der Gleichheit des Antwortenmüssens, wo Begründung verlangt wird, kurz im Widerspiel des ver-nunftgeleiteten menschlichen Diskurses.
Dass dies nicht bloß theoretische Erkenntnisse und methodologische Empfehlungen sind, sondern Grundsätze für die demokratische Gestaltung von Staat und Gesellschaft, darauf beruht das Geheimnis der Wirksamkeit von Ha-bermas’ Denken. Sein Idealismus ist nicht angestrengte Ermahnung zum Stre-ben nach hohen Idealen, sondern Erinnerung an das, was in Wahrheit immer schon vorausgesetzt werden muss, wenn wir uns mit anderen zu verständigen suchen oder wenn politische Herrschaft auf dem Prüfstand steht. Es trifft zu, dass das in der komplexen Welt unserer Gegenwart zunehmend schwieriger wird. Falsch ist es deshalb nicht.

 

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