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Rudolf Breitscheid 1874 – 1944, ein Mann des Wortes in Schrift und Rede Kampf um Wahrheit und Macht

Bei seinem berühmten Besuch in Erfurt (»Willy Brandt ans Fenster«) am 19. März 1970 und nach dem Gespräch mit Willi Stoph, dem damaligen Ministerpräsidenten der DDR besuchte Willy Brandt am Nachmittag die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Ernst »Teddy« Thälmann, von 1925 bis 1933 Vorsitzender der KPD, war 1944 in Buchenwald ermordet worden. In der DDR war es für viele Schulklassen obligatorisch, die Gedenkstätte in Buchenwald zu besuchen. Zu den dort geehrten Opfern gehörte als einziger Sozialdemokrat Breitscheid.

»Rudolf Breitscheid trat aktiv für die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiterklasse und der antifaschistischen Volksfront in Deutschland ein«, steht auf seiner Gedenktafel in der Gedenkstätte. Breitscheid wurde bei einem Luftangriff der Alliierten auf Buchenwald am 24. August 1944 verschüttet und tot geborgen. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Südwestfriedhof in der Gemeinde Stahnsdorf. Willy Brandt war bei seinem Besuch 1970 sicherlich unter anderen auch Ernst Heilmann erinnerlich, Fraktionsvorsitzender der SPD im Preußischen Landtag, der am 3. April 1940 in Buchenwald ermordet wurde.

Von der Geschichtsschreibung in der DDR wurde Breitscheid herausgestellt. Er hatte sich 1935/1936 in seinem Pariser Exil dem Lutetia Kreis angeschlossen, in dem sich Literaten und Politiker unter Vorsitz von Heinrich Mann und Breitscheid zu einer gemeinsamen Plattform gegen den Faschismus zusammenfanden. Sie waren beeinflusst von der französischen Volksfrontregierung unter Leon Blum. Willi Münzenberg war von kommunistischer Seite einer der Organisatoren des Lutetia-Kreises.

Breitscheid geriet mit seinem Engagement in Widerspruch zum SPD-Exilvorstand »SOPADE« in Prag um den Vorsitzenden Otto Wels. Im Herbst 1937 brach Breitscheid enttäuscht seinen Einsatz für die Einheitsfront ab. Vor allem die Ablösung von Münzenberg durch Walter Ulbricht als Vertreter Moskaus im Pariser Volksfrontausschuss führte zur Kehrtwende von Breitscheid. »Ich vermag an die Möglichkeit einer ›Deutschen Volksfront‹ zu meinem Leidwesen nicht mehr zu glauben, da die Haltung der Kommunisten den Voraussetzungen gemeinsamer Arbeit zuwiderläuft ..., aber ich will unter keinen Umständen im Moskauer Schlepptau segeln.« (Brief an Wilhelm Hoegner).

»...ich will unter keinen Umständen im Moskauer Schlepptau segeln.«

Der SED war Breitscheid als »Kronzeuge« für die Einheitspartei so wichtig, dass fast in jeder Stadt in der DDR eine Straße nach ihm benannt wurde. Umso wichtiger ist es, gerade im Jahr seines 150. Geburtstages und seines 80. Todestages von seinem Leben so zu erzählen, dass es ihm gerecht wird. Mit den zahlreichen journalistischen Arbeiten und Reden Breitscheids liegen ergiebige Quellen vor. Von besonderem Wert sind die Briefe aus dem Pariser Exil an seinen Parteifreund Wilhelm Hoegner. Der Historischen Kommission der SPD Brandenburg kommt ein besonderer Verdienst zu. Sie hat die Dissertation von Peter Pistorius aus dem Jahr 1968 ausgegraben, gründlich überarbeitet, bebildert und als gut lesbares Buch veröffentlicht. Mit diesem Buch liegt die einzige umfassende Darstellung des Lebens und Wirkens von Rudolf Breitscheid vor. Es füllt damit eine große Lücke und entreißt sein Leben einer einseitigen und verfälschenden Interpretation.

Rudolf Breitscheid ist eine schillernde Persönlichkeit, ein Mann des Wortes in Schrift und Rede, von ganzem Herzen war er Jounalist und Parlamentarier. Er studierte Nationalökonomie in München und Marburg und schloss sein Studium mit der Promotion ab. 1901 heiratete er die Frauenrechtlerin Tony Drevermann. Zur Sozialdemokratie stieß er über den Umweg des Liberalismus. Zunächst war er Mitglied der Freisinnigen Vereinigung, für die Vereinigung auch Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und des Brandenburgischen Provinziallandtages.

Suche nach einem dritten Weg

Da Breitscheid die Zusammenarbeit der Freisinnigen mit den konservativen Kräften im »Bülow-Block«, benannt nach dem damaligen Reichskanzler Bernhard von Bülow, ablehnte, gründete er mit Theodor Barth und Hellmut von Gerlach die linksliberale Demokratische Vereinigung. Nachdem die neue Partei bei den Reichstagswahlen 1912 scheiterte, trat er in die SPD ein. Wegen der Burgfriedenspolitik und der Zustimmung zu den Kriegskrediten wechselte er 1917 zur USPD. 1922 kehrte er nach der Vereinigung von USPD und Mehrheitssozialdemokraten zurück in die SPD. 1918/19 war er kurzzeitig »Volksbeauftragter« für Inneres in der Regierung Preußens. In dieser Zeit suchte er »nach dem dritten Weg zwischen einer sozialliberalen parlamentarischen Demokratie und der sozialrevolutionären Rätediktatur«. (Pistorius)

Rudolf Breitscheid überzeugte vor allem mit seinen rednerischen Fähigkeiten.

Seit 1920 war Breitscheid mit einem Wahlkreis in Potsdam I Reichstagsabgeordneter. Im selben Jahr war er zuvor schon Mitglied des Brandenburgischen Provinziallandtages und des Provinzialausschusses geworden. Breitscheid wurde außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und arbeitete eng mit dem langjährigen Außenminister Gustav Stresemann zusammen. Schwerpunkte waren die deutsch-französischen Beziehungen, der Vertrag von Locarno und die Arbeit im Völkerbund. 1928 wurde er neben Otto Wels und Wilhelm Dittmann zum Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Reichstag gewählt. Die Wahl war eine Anerkennung seiner Arbeit, vor allem aber seiner rednerischen Fähigkeiten, mit denen er im Parlament und in vielen Versammlungen überzeugte. Seit 1931 gehörte er auch zur engeren Parteiführung. Eine gewisse Distanz blieb zwischen Breitscheid und Partei. Ihm fehlte der Stallgeruch. Als Akademiker und wegen seinem gepflegten Äußeren wurde er auch »Lord Breitscheid« genannt.

Die Zeiten wurden immer schwieriger. Die Große Koalition unter dem SPD-Reichskanzler Hermann Müller überstand 1928 die Krise um den Bau der Panzerschiffe. An der Finanzierungsfrage der Arbeitslosenversicherung scheiterte sie 1930. Bei den Reichstagswahlen im September desselben Jahres verlor die SPD 5,3 Prozent, die NSDAP gewann 15,5 Prozent hinzu. Breitscheids Hoffnung auf neue Konstellationen für eine demokratische Regierung zerschlugen sich.Nach dem »Preußenschlag«, der Absetzung der preußischen Regierung des SPD-Ministerpräsidenten Otto Braun vom 20. Juli 1932, rief Breitscheid dazu auf: »Bereit sein ist alles«. Aber die Zeit zum Handeln mit Reichsbanner und Eiserner Front sah er noch nicht. Die Folgen einer nationalsozialistischen Machtergreifung unterschätzte er. Bei der Rede von Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz war Breitscheid nicht mehr dabei. Er war schon auf der Flucht oder bereitete seine Flucht vor. Bis 1940 blieb er in Paris. 1940 floh er vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Süden, eine weitere Flucht zum Beispiel über Portugal in die USA schlug er aus. Er vertraute dem Vichy-Regime, das ihm eine legale Ausreise in Aussicht gestellt hatte. Stattdessen wurde er beim Treffen in Vichy verhaftet und kam über das Gestapo-Gefängnis in Berlin und das KZ Sachsenhausen schließlich mit seiner Frau nach Buchenwald, wo er am 24. August 1944 starb. Tony Breitscheid überlebte und zog 1945 zu ihrem Sohn nach Kopenhagen. Sie starb 1968 mit 90 Jahren.

Peter Pistorius: Rudolf Breitscheid 1874 – 1944. Kampf um Wahrheit und Macht. Schüren, Marburg 2024, 232 S. , 28 €.

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