» Read the English version of this article
Seit sich Demokratien als Staatsformen entwickelt haben, gibt es das Nachdenken über die Krise der Demokratie. Ständig scheint der demokratische Prozess irgendwie gestört und Reform dringend geboten. Eine der ersten Beschreibung der Demokratie in Amerika (1835) von Alexis de Tocqueville ist von Warnungen über die »Tyrannei der Mehrheit« durchzogen. 140 Jahre später beschreibt der politikwissenschaftliche Kassenschlager The Crisis of Democracy von Michel Crozier, Samual P. Huntington und Joji Watanuki den Niedergang politischer Parteien und den Vertrauensverlust in die Regierungen. Heute ist die Krisenliteratur zur Demokratie kaum mehr zu überschauen.
Die Krisenanalyse gehört zum festen Repertoire demokratisch verfasster Staaten und ihrer Öffentlichkeiten. Aktuell erleben wir einen neuen Krisendiskurs. Die Demokratie, so wie wir sie kennen, kann keinen Klimaschutz. Zumindest nicht ausreichend. Das, was ökologisch dringend notwendig und wissenschaftlich recht eindeutig skizziert wird, setzen demokratisch gewählte Regierungen viel zu langsam um, wenn überhaupt – so die Deutung.
Statt endlich die großen Hebel umzulegen, um die Erhitzung des Planeten zu verlangsamen, verzetteln sich die Demokratien im Klein-Klein. Statt großer Würfe die Frage, ob über 80-Jährige vom Heizungstausch verschont bleiben. Der Frust und die Enttäuschung darüber bricht sich jeden Tag Bahn auf den Straßen der Republik in Form von Sekundenkleber.
Kann man sich angesichts all der vergangenen Krisenbefunde zur Demokratie nicht einfach mit einer Portion Gelassenheit zurücklehnen? Schließlich hat sich die Demokratie in den vergangenen 200 Jahren weltweit beständig ausgebreitet. Zwar kam es dabei auch immer wieder zu Rückschlägen, sodass Demokratieforscher von einer wellenförmigen Ausbreitung der Demokratie sprechen. Aber: Trotz aller Kritik an der Demokratie hat sich die demokratische Praxis immer weiter durchsetzen können. Also frei nach dem britischen Motto: Keep calm and carry on. Das mit dem Klima und der Demokratie, das kriegen wir schon hin.
Weit gefehlt, denn der immer spürbarere Klimawandel hat eine andere Qualität, als die bis dato in den Krisendiskursen gewälzten Herausforderungen: Das mögliche Ende der menschlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten erfordert rasches und entschlossenes Handeln. Schnelle Entscheidungen und deren konsequente Umsetzung sind gefragt.
Demokratie braucht Zeit
An dieser Stelle wird die Sollbruchstelle zwischen Klimaschutz und Demokratie deutlich. Demokratie braucht Zeit. Geduldiges Zuhören und Verhandeln von unterschiedlichen Interessen, Abwägen von Argumenten, Kompromisse finden, möglichst viele mitnehmen - das ist die Geschäftsgrundlage der Demokratie. Im Hauruck funktioniert sie nicht. Wie soll das mit dem Handlungsdruck der Klimakrise zusammengehen?
Schlimmer noch: Demokratische Entscheidungen sind vor allem auf das Hier und Jetzt bezogen. Die Menschen, die hier leben, entscheiden überwiegend gegenwartsbezogen. Die Interessen anderer Menschen in anderen Teilen der Welt oder die Interessen künftiger Generationen stehen in einem System, dass die derzeitigen Interessen der vor Ort lebenden Bürger in Wahlen abbildet, nicht im Vordergrund.
Ist da der Blick auf autoritäre Lösungen nicht verlockend? Brauchen wir nicht einen Öko-Autoritarismus, der endlich eine konsequente Klimapolitik umsetzt? Ist nicht China das Land mit den größten Kapazitäten bei erneuerbaren Energien? Und kommen nicht von dort fast alle Solarmodule? Wäre es nicht schön, Stromtrassen ohne zeitaufwändige Bürgerbeteiligung verlegen zu können oder einfach per Dekret einen Windpark aus dem Boden zu stampfen?
Der britische Wissenschaftler und Klimaaktivist James Lovelock hat davon gesprochen, dass man die Demokratie für eine Zeit auf Pause (»on hold«) setzen müsse, um dem Klimawandel wirklich etwas entgegenzusetzen. Andere sprechen von einem Cockpitism. Gemeint ist damit, dass die Klimapolitik der Regie-
rungen wie der Kurs eines Flugzeugs vom Cockpit aus bestimmt werden müsste. Mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse und präziser Angaben der Bordinstrumente wird die effizienteste Route geflogen.
Mit dem Klimaschutz und den Möglichkeiten autoritärer Strukturen ist es allerdings wie mit Tur Tur bei Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer: Es handelt sich um einen Scheinriesen. Aus der Ferne betrachtet mag es so sein, dass autoritäre Strukturen rascher Entscheidungen zum Klimaschutz herbeiführen und umsetzen können. In der realen Praxis ist davon nichts zu sehen.
Die vergleichende politikwissenschaftliche Forschung hat in den vergangenen Jahren gut herausgearbeitet, dass die vermeintliche Umsetzungsstärke autoritärer Regime im Klimaschutz nicht gegeben ist. Es zeigt sich sogar ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Demokratische Staaten haben eine wesentlich bessere Leistungsbilanz als autoritäre Staaten. Und noch mehr: Je demokratischer die Staaten sind, desto leistungsstärker sind sie im Bereich Klimaschutz. Die skandinavischen Staaten, die als hoch entwickelte Demokratien gelten, können als Musterbeispiele herangezogen werden.
»Freie Gesellschaften leisten substanziellere Beiträge zum Klimaschutz.«
Mehr Demokratie gleich mehr Klimaschutz? Das ist kein zwingender, aber ein naheliegender Zusammenhang, trotz all der oben genannten Schwächen demokratischer Regime. Mindestens drei Zusammenhänge legen nahe, dass eine freie Gesellschaft substanziellere Beiträge leisten kann, als irgendeine Form von Öko-Autoritarismus.
Erstens gibt es in Demokratien freie Forschung und freie Debatten darüber. Die tatsächlichen Verhältnisse können untersucht und thematisiert werden. Das ermöglicht Herrschaftskritik, das Transparentmachen von Lobbyinteressen und die Entwicklung von Alternativen zu den bisher verfolgten Politikansätzen.
Zweitens ist damit etwas möglich, was in autoritären Strukturen so gut wie nie gelingt: einen eingeschlagenen Weg zu korrigieren, Eliten auszutauschen, Gegenpositionen in der öffentlichen Debatte und im politischen Wettbewerb zuzulassen und Entscheidungen rückgängig zu machen. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist ein Beispiel par excellence. Wenn es gelingen soll, unsere Art des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens klimaverträglich umzubauen, werden wir davon jede Menge brauchen.
Drittens schließlich sichern Demokratien eine möglichst breite gesellschaftliche Zustimmung und verankern damit einen politischen Wandel hin zu mehr Klimaschutz in der Gesellschaft. Gerade ein so tiefgreifendes Projekt wie die sozialökologische Transformation, die das Leben jedes Menschen verändern wird, kann nicht als autoritär verordneter Wandel von oben gelingen, sondern muss möglichst breit getragen werden.
Transparenz und Beteiligung
Ende gut, alles gut? Können wir uns jetzt, nachdem zumindest die relative Leistungsfähigkeit von Demokratien bestätigt wurde, endlich zurücklehnen und darauf hoffen, dass das schon irgendwie wird? Leider nein. Denn so richtig es ist, dass Demokratien Klimawandel besser bewältigen können, so richtig ist auch, dass es dabei weit mehr braucht, als wir bisher gesehen haben.
Neben einzelnen Reformschritten in einzelnen Politikfelder wird darüber zu reden sein, wie wir bessere demokratische Verfahren entwickeln können, um die große Transformation zu gestalten. In Ergänzung zur repräsentativen Demokratie haben sich deliberative Verfahren in den vergangenen Jahren als leistungsfähig erwiesen.
BürgerInnenräte haben in Teilbereichen bemerkenswert progressive Forderungen entwickelt. Sie haben dabei oft Handlungsempfehlungen entwickelt, die dem Ernst der Lage gerecht werden, ohne zu spalten. Unterschiedliche und mitunter widerstreitende Interessen wurden besprochen, in einem transparenten Prozess ausgehandelt und in Handlungsvorschläge übersetzt. Beispiele aus Irland, Frankreich und zunehmend auch aus Deutschland zeigen, dass die öffentliche Akzeptanz so ausgehandelter Politiken steigt.
Gute Klimapolitik setzt also auch gute Demokratiepolitik voraus. Mehr Klimaschutz wird nicht mit weniger, sondern nur mit mehr Demokratie gelingen.


Kommentare (1)
Hans
09.09.2025 - 01:46 UhrKlimawandel und Demokratie sind schlichtweg inkommensurabel!
Demokratie basiert auf sozialen und normativen Prozessen. Klima basiert auf Physik, das heißt auf logischer Konsistenz und objektivem Wissen über die Welt, wobei Wahrheiten nicht durch Abstimmung entstehen.
Ihre Naivität mag Ihrem politikwissenschaftlichen Hintergrund geschuldet sein. Aber wenn Sie schon einen Artikel über den Klimawandel schreiben, sollten Sie vielleicht vorher mal in ein Physikbuch schauen. Ich verweise auf Ihren Kollegen Jens Beckert und dessen Buch "Verkaufte Zukunft". Er ist ein breit gebildeter Sozialwissenschaftler, der sich gründlich in die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimas ein gearbeitet hat, bevor er an die Öffentlichkeit ging.
Da bringen Sie etwas total durcheinander. Sie schreiben: "... wie wir bessere demokratische Verfahren entwickeln können, um die große Transformation zu gestalten. In Ergänzung zur repräsentativen Demokratie haben sich deliberative Verfahren in den vergangenen Jahren als leistungsfähig erwiesen."
Wir sind doch aber gar nicht mehr in der Lage, jetzt noch irgend etwas zu gestalten. Vor 200 Jahren wäre das noch möglich gewesen. Jean Baptiste Joseph Fourier beschrieb 1824 erstmals das Prinzip des atmosphärischen Treibhauseffekts als Ursache für klimatische Veränderungen beschrieb. Die damaligen Politiker, Fürsten, Beamten wussten das, es stand in den Zeitungen.
Auch 1896 hätten Regierungen und Gesellschaften reagieren können. Damals rechnete Svante Arrhenius erstmals aus, wie stark der CO₂-Anstieg das Klima beeinflussen kann.
Und 1965 warnte ein Bericht an den US Präsidenten vor dem Klimawandel und dessen Auswirkungen. 1977 warnten Exxon-Wissenschaftler die Konzernleitung vor den Auswirkungen der CO2-Emissionen. Sämtliche Demokratien haben das ignoriert, allen voran die US-Demokratie. Dabei gab es damals auf der Erde noch mehr als heute, die sich irgendwie demokratisch nannten.
Der Klimawandel ist zeitkritisch und folgt einfachen physikalischen Gesetzen. Wir können inzwischen nur noch reagieren. Wobei: Gesellschaft und Politik stecken derzeit den Kopf in den Sand, während die Ahrtal-Dörfer trotz 30 Milliarden € Zuschüssen immer noch nicht aufgebaut sind, während im Harz die toten Wälder vor sich hin trocknen, während Pakistan wiederholt in Überschwemmungen versinkt, während Südafrika Wassermangel hat, während Indien verbrennt, ...
Und was haben deliberative Verfahren gebracht? Ich kenne kein Beispiel, dass Bürgerräte irgendwann etwas Nennswertes erreicht haben. Sie dienen Politikern nur als Alibi oder zur Akzeptanzbeschaffung.
Anträge für Volksbegehren werden in der Regel ignoriert und müssen zur Genehmigung teure juristische Verfahren durchlaufen, weil Behörden (und Politiker) erstmal versuchen solche Ansinnen zu boykottieren. Demokratischer Protest gegen mangelnde Klimapolitik werden in Demokratien in der Regel kriminalisiert (siehe Deutschland, England, USA).
Und dann die Show mit den Russland-Sanktionen. Sanktionen gegen Russland kann sich die westliche Industrie gar nicht leisten. Es sind Pro-Forma-Sanktionen, mit denen Politiker die Ukraine und die westlichen Bürger beruhigen.
Was denken Sie passiert, wenn Öl- und Gasexporte aus Russland wirklich boykottiert werden? Dann werden Öl- und Gas knapp und die Preise für fossile Energien schießen in die Höhe.
Das will keiner, weder die Bürger, noch die Gesellschaft, noch die Industrie, noch die Politik. Also beobachtet die Politik ganz genau, wie der Weltmark auf fossile Preissteigerungen reagiert. Wenn es zu teuer wird, werden die Sanktionen gelockert und man lässt es zu, dass Öl über Indien und Pakistan auf den Weltmarkt fließt, oder Gas in die östlichen Mitgliedsländer der EU oder in die Türkei. Besonders Wolfgang Kubicki (FDP), Michael Kretschmer (CDU), Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und weitere Politiker verschiedener Parteien wollen ja die Ostsee-Pipeline deswegen auch wieder öffnen.
Und das alles, während Afrika und Südeuropa wahlweise verbrennen oder ertrinken und die jungen Europäer die Suppe auslöffeln müssen, die die Rentner ihnen eingebrockt haben – genau die alten Menschen, die jetzt auf Kreuzfahrten und Flügen nach Mallorca, Malediven oder Thailand dem Klima noch so richtig einen drauf geben. Sowas könnte man auch in einer Demokratie einfach verbieten.
Ich sage damit nicht, dass autoritäre Gesellschafts- oder Staatssysteme besser mit dem Klimawandel umgehen können. Wahrlich nicht. Aber China, Indien, Ruanda oder Vietnam zeigen, dass es auch autoritäre Staaten gibt, sehr viel besser sind im Kampf gegen die Klimaerwärmung, als demokratische Staaten. Und es änder sich: Die Klimaschutzambitionen in demokratischen Staaten haben inzwischen auch Probleme wegen zu kurzer Wahlzyklen und den weiter wachsenden sozialen Ungleichheiten.
Es sieht so aus, als könnten menschliche Gesellschaften auf Grund ihres evolutionären Ballastes und der biologisch determinierten Gehirnstrukturen ihrer Individuen mit den Folgen ihren Handels schlichtweg nicht mit Vernunft umgehen. Schon Urgesellschaften konnten das nicht: War ein Boden ausgelaugt, zogen sie einfach weiter. Was funktionierte, als weniger als eine Milliarde Menschen die Erde bevölkerte, funktioniert heute mit mehr als acht Milliarden nicht mehr.
Ich denke. die menschliche Spezies lernt nur dann, wenn die Katastrophe da ist. Siehe Erdbeben in der Türkei: Die Menschen bauen illegalerweise wackelige Häuser, kommt ein Erdbeben, dann ist die Verzweiflung groß, wenn sie zusammenbrechen. Dabei wissen die Menschen es besser.
Grüße
/ Hans