»Warum nennen Sie Maschinen kreativ? Möchten Sie sie anthropomorphisieren?«, fragte man Memo Akten. Der KI-Künstler der ersten Stunde sorgte bereits 2015 mit Deep-Dream-Videoinstallationen für Aufsehen. Akten antwortete, es gehe ihm nicht darum, Maschinen zu vermenschlichen, sondern den Begriff der Kreativität so zu erweitern, dass er nicht mehr allein den Menschen vorbehalten ist. Kreativität sei keine ausschließlich menschliche Domäne.
Damit vertritt Akten eine post-anthropozentrische Position: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern Teil eines Ökosystems aus Menschen, Tieren, Pflanzen, Maschinen sowie anderen organischen und anorganischen Akteuren. KI kommt da gerade recht, um uns aus unserem anthropozentrischen Hochmut aufzuschrecken.
Doch können Maschinen tatsächlich kreativ sein? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es kaum – denn Eindeutigkeit ist die Schwester des Dogmas, und Dogma der Feind der Kreativität. Entsprechend entzieht sich schon der Begriff der Kreativität selbst einer eindeutigen Definition. Margaret Boden unterschied 1998 drei Formen: kombinatorische, explorative und transformative Kreativität.
Bei der kombinatorischen Kreativität werden bekannte Elemente neu zusammengesetzt: Stile, Ideen oder Konzepte treffen unerwartet aufeinander und erzeugen durch Serendipität (einen »glücklichen Zufall«) etwas Neues. Explorative Kreativität erkundet dagegen einen bestehenden Möglichkeitsraum und findet darin bislang unentdeckte Optionen. Transformative Kreativität verändert schließlich die Regeln dieses Raums selbst. Grenzen werden überschritten und Konventionen verworfen.
Ist das Kunst?
Die Frage nach maschineller Kreativität ist älter als die heutige KI. Bereits seit den 1960er Jahren beschäftigen sich Künstler und Forscher damit – beispielsweise in Rahmen der Ausstellung »Cybernetic Serendipity« (1968), der Bewegung »New Tendencies« (1961–78) oder der japanischen Computerkunstbewegung »Computopia«. Vera Molnar, Nam June Paik, Liliane Lijn, John Cage, Günther Uecker, Gottfried Jäger und viele andere fragten sich, was geschieht, wenn Algorithmen am künstlerischen Prozess teilnehmen. Marcel Duchamp sprach 1962 von einer Kunst »ohne menschliche Hand«. Harold Cohen entwickelte 1973 mit AARON ein System, das eigenständig Zeichnungen erzeugte – und damit erneut die Frage aufwarf: Ist das Kunst? Seit dem Aufkommen von Deep Dream, GANs und anderen generativen KI-Modellen im Jahr 2014 stellt sich dieselbe Frage unter neuen technischen Bedingungen.
»KI ist kombinatorisch geradezu hemmungslos.«
Bodens Modell lässt sich gut an die Fähigkeiten der KI anwenden. Sie ist kombinatorisch geradezu hemmungslos, verbindet Dinge, die nicht zusammengehören, und halluziniert, wenn Wissen fehlt. Für faktenbasierte Arbeit ist das problematisch, für Kunst kann es hingegen produktiv, ja inspirierend sein. Salvador Dalí, der sich mit hypnagogischen Bildern befasste, hätte seine Freude daran. Schon Arthur Rimbaud und Max Ernst beschrieben Collagen als »Halluzinationen«, als »zufälliges Zusammentreffen von zwei entfernten Realitäten auf einer dazu ungeeigneten Ebene«.
KI ist k.o.
Generative Modelle können auch explorativ überzeugen. Sie nutzen die im Datenset gesammelten kulturellen und ästhetischen Daten und bringen Muster zutage, die menschlichen Betrachtern zuvor entgangen sind. Diese maschinelle Sicht auf Kultur und die generative Ästhetik ist inzwischen selbst zum Forschungsgegenstand geworden, wie die Arbeiten von Lev Manovich, Florian Cramer, Birgit Mersmann, Lotte Philipsen Anna Schober de Graaf und anderen zeigen. Ein Beispiel dafür ist auch die Konferenz »Aesthetics of Digital Image Syntheses« 2024 in Klagenfurt.
Schwieriger wird es bei der transformativen Kreativität. Zwar produzieren generative Modelle ständig neue Kombinationen, sie bleiben jedoch innerhalb ihrer technischen und konzeptionellen Grenzen. Ein trainiertes Modell befindet sich in einem eingefrorenen Zustand. Es verändert seine grundlegenden Regeln nicht aus Eigeninitiative und hinterfragt sie auch nicht. Es durchsucht auch nicht das Internet (ein weitverbreiteter Mythos über KI), wird aber ein- bis zweimal pro Jahr neu trainiert. Es kann sich nicht selbst transformieren oder Grenzen hinterfragen. Das können jedoch die Künstler:Innen tun, die mit diesen Systemen arbeiten. Hier beginnt das Spannungsfeld zwischen menschlicher und maschineller Kreativität. Dabei werden diese Künstler:innen von der anthropozentrischen Öffentlichkeit immer noch häufig angezweifelt.
Kreativität soll die letzte exklusive Domäne des Menschen bleiben.
Denn »Kreativität« ist auch ein Machtbegriff. Danah Henriksen zeigt, wie historisch festgelegt wurde, wem Kreativität zugesprochen wird. In der westlichen Kulturauffassung wurde lange zwischen der eigenen »hohen Kunst« und der als »primitiv« oder »dekorativ« betrachteten Kunst anderer Kulturen unterschieden. Heute taucht eine typologisch ähnliche Grenzziehung auf, diesmal zwischen Mensch und Maschine: Kreativität soll unsere letzte exklusive Domäne bleiben. Eine Studie der Universität Amsterdam aus dem Jahr 2023 zeigt, dass diese Grenze die Wahrnehmung beeinflusst. Wird ein Werk zunächst positiv beurteilt und anschließend als KI-generiert aufgeklärt, sinkt seine Bewertung. Das Wissen über die generative Herkunft des Werkes bestimmt damit dessen Wahrnehmung.
Narzisstische Kränkung
Der Medienkünstler shl0ms führte diese Reaktion kürzlich ad absurdum: Er veröffentlichte ein Bild und behauptete, es sei von einer KI im Stil von Claude Monet generiert worden. Sofort erschienen hunderte wütender Kommentare über »sinnlose Farbkleckse«, Inkonsistenz, dilettantische Komposition und die kreative Impotenz der KI im Vergleich zum Meister. Dann enthüllte er, dass das Bild ein Original von Monet war. Die Kritiken wiesen frappierende Ähnlichkeiten mit jenen Vorwürfen auf, denen die Impressionisten im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren, die von der Pariser Académie des Beaux-Arts ausgestoßen worden waren. Eine dogmatische, konservative Auffassung von Kunst durch die Betrachter war hier ausschlaggebend. Vielleicht erleben wir damit tatsächlich eine weitere narzisstische Kränkung: Nachdem der Mensch bereits durch Kopernikus, Darwin und Freud seine vermeintliche Sonderstellung verloren hat, wird ihm durch die KI nun auch das exklusive Vermögen zur Kreativität abgesprochen.
Sind Maschinen also kreativ? Ja – aber nicht unabhängig von uns. Wir konstruieren sie, trainieren sie und arbeiten mit ihnen. Zugleich ermöglichen sie Kombinationen und Perspektiven, die unsere eigenen Fähigkeiten übersteigen können. Dabei stehen Mensch und Maschine nicht notwendigerweise in einer Hierarchie. Sie sind Teile desselben Systems und das Ergebnis hängt davon ab, wie wir unser gestalten. Maschinen nehmen uns nicht die Kreativität. Wir irren uns, wenn wir glauben, sie hätte uns je allein gehört.

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