Eine der schönsten Eigenschaften des Menschen ist seine Fähigkeit, sich in eine völlig fremde Person zu verlieben, Hasen in Wolken zu sehen, und niemals die Hoffnung auf besseres Wetter zu verlieren. Diese poetische Kraft der Einbildung hat Kunst und Freiheitsdrang hervorgebracht, Revolutionäre und Erfinderinnen. Sie führt leider auch dazu, dass der verführbare, zu fabelhaften Illusionen fähige Mensch, in automatisierten Textsimulatoren, die auf der Basis von illegal angeeigneten Fremdwerken und leistungsstarker Wahrscheinlichkeitsrechnung Buchstabenfolgen reproduzieren, so etwas wie ein Bewusstsein, ein Können, gar eine »Kreativität«, hineinprojiziert.
Das ist nicht neu; viele geben ihren Autos Namen, sprechen mit Siri oder beleidigen den Drucker, der das Schwarzweiß-Dokument nicht ausdruckt, da Magentafarbe fehle (»Das Aas!«). Menschliche Werteheimaten auf die Objekte zu legen, die uns umgeben, gibt Sicherheit, man »versteht«, ohne zu wissen; und praktischerweise bekommt man auch keine Widerworte.
»Maschinen bedienen sich menschlicher Leistung.«
Diese unkritische Vermenschlichung und in Folge emotionale Überhöhung von datenbasierter Statistik (Vulgo: generative »KI«) jedoch führen zu tiefgreifenden Rupturen; sie machen wenige nicht-europäische Player unverschämt reich, verschieben die Wertschätzung von menschlicher Wissensarbeit und kreativer Leistung auf Maschinen, die sich von menschlicher Leistung bedienen und ohne sie nicht existierten, und stellen en passent den Sinn menschlicher Autorschaft in Frage.
Es ist immer schwierig, einen zum Schwärmen verführten Menschen zurück in die Realität zu holen. Wo beginnen, um das grandiose Missverständnis aufzuklären? Dass es sich bei generativen Chat Bots um die eben erwähnte datenbasierte Statistik handelt, aus auseinander gebrochenen Sätzen und Kontexten, linguistisch gelabelt, in Mathematik umgewandelt und auf Eingabebefehl zusammen gerechnet und so weit entfernt von künstlerischem Schaffen wie eine Kaffeemaschine davon, eine Mondlandung zu koordinieren? Dass wahrscheinlichkeitsbasierte Hochrechnungen von Wortfolgen immer nur das Nächstmögliche zitieren, und dabei rund 1.000 werksseitig vorzensierte Worte, Begriffe und Kontexte auslassen – und schon allein deswegen nie das Unerhörte, Unerzählte, Amoralische schaffen, also das, was Kreativität sucht?
Der intrinsische Willen ist das entscheidende Momentum für künstlerische Kreativität.
Oder dass »Kreativität« eine unüberschaubare, bis heute nicht abschließend erforschte Fähigkeit des Menschen ist, die am wenigsten mit logischen Denkwegen oder dem Anlesen (will heißen: Stehlen, Plagiieren) anderer Werke zu tun hat, aber dafür alles mit kognitiven Fähigkeiten, die sich nicht linear entwickeln; mit intimen Empfindungen, mehr Gefühl und Bild als Worte; mit persönlicher Sozialisation, und der Überwindung von Angst, Faulheit und was Mama dazu denken könnte? Oder dass der intrinsische Willen, etwas ausdrücken zu wollen, zu schaffen, schreibend zu ergründen, das entscheidende Momentum für menschliche künstlerische Kreativität ist, die eine Maschine per Design nicht besitzen kann? Wo sensibel intervenieren, wenn andere gekränkt einen Kommunikationssimulator verteidigen, der doch zu ihnen zu sprechen scheint, und optisch eh dasselbe fabriziert, wie die chiropraktisch bedenklich gekrümmte Autorin hier über ihrem Schreibblock: einen einigermaßen lesbaren Text?
»KI«: ein Begriff ohne Objekt
Grundsätzlich ist das kreativste an »KI« der Begriff selbst. Weder Fachterminus noch spezifische Bezeichnung eines konkreten Objektes, sondern schlicht: eine Marketing-Fata Morgana, oder höflicher: eine steile These. Dafür Chapeau an John McCarthy, der die Wortschöpfung 1956 in einem Förderantrag eintrug, um die damalige Mauerblümchen-Fachrichtung von »Computerwissenschaft« finanziell zu pimpen, und um, wie er zugab, um den Sammelbegriff Kybernetik oder noch arger: Informationsverarbeitung, herumzukommen. Für die es keine Mittel gegeben hätte.
Seit entsprechend 70 Jahren mäandert der Unbegriff der artifiziellen »Intelligenz« durch diverse Bedeutungsräume: Gefördert wurde »KI« in der Ära des Kalten Krieges aus der Mentalität und dem Etat der US-Militärindustrie. Vollautonome Waffensysteme, Umgebungserkennung, Sprachführung für Kampfpiloten – Siris Urahnin war keine Pazifistin. Nach einer Förderflaute in den 80er Jahren wurde 2010 umgesattelt, die einst kriegsführende Informationsverarbeitung mit tech-positiven, altruistischen Narrativen ausgestattet, der Kampfjet in den Wolken in einen Hasen geschönt.
Seither infiltriert die Sicht meinungspotenter Wissenschaftler und privater Wirtschaftsunternehmen – oft auch eine monetär fruchtbare Ehe zwischen beiden – auf den Menschen als »informations-verarbeitendes System« die Wahrnehmung auf die unter »KI« zusammengefassten datenbasierten Systeme. Die These, den Menschen durch Computer und Quantenphysik simulieren zu können und, natürlich, als Clou, zu verbessern, und ihm, Superclou!, Arbeit, Denken und Entscheiden abzunehmen.
Marginalisierung des Menschen
Auch hier Chapeau für die Spielfreude der Marketender der »KI«-Monopole: Man marginalisiere den Menschen als etwas, das formaler Logik folgt – inklusive seiner Kreativität. Während die Maschine, hach ja, monetär vorteilhaft mystifiziert und anthropomorphisiert wird als Entität, was »lernt«, »Krebs heilen wird«, und natürlich »kreativ« sei, ausgehend von der Prämisse, menschliches Schaffen folge doch auch »nur« strikt nachvollziehbaren, also komputational simulierbaren Prozessen. Sweet.
Benennt man »KI« als was sie ist: Informationsverarbeitung, wird deutlich, dass der Prozess bei generativen Sprach-, Bild, oder audiovisuellen Modellen, die Output »im Stil von…« als Plagiate bestehender Songs, Filme und Bilder ausrechnen, nur ein Rückgriff auf spektakuläre Datenbanken darstellt. Gefüllt mit Milliarden Werken von Menschen. Von KI-Apologeten angeeignet via Piraterieseiten, Datentrades geschlossener E-Mail, Cloud oder analoger Speichermediensysteme, privater Partnerschaften von Unternehmen mit Universitäten und das Abräumen entsprechender Werkskorpora. Ohne Zustimmung, ohne Bezahlung, ohne Transparenz.
»KI kann nichts. Weder Kreativität noch Lernen noch Bettlaken zusammenfalten.«
Wer sich an einem Chatbot bedient, und in der Remixzentrifuge einen Schöpfer im Datencenter, gar Spuren von künstlerischer Aktivität detektiert, muss wissen: das ist der Rest menschlicher Kreativität. Digestiert, halb verdaut, repetiert. (Re-)generative Informationsverarbeitung ist ein Kaumagen.
Fazit: Natürlich »kann« »KI« nichts. Weder Kreativität noch Lernen noch Bettlaken zusammen falten. Aber der Mensch, in all seiner wilden Sehnsucht nach – ja, nach was? Nach dem Deus ex Machina? Nach dem großen Pankreator, der vernünftiger und gerechter als der emotionale, neidische und xenophobe Mensch handelt und entscheidet? Nach dem Geist im Motherboard, den er rief, all seine Nöte und Schreibblockaden zu lindern? – Der Mensch also sieht mehr in den Rechenschiebern, als wirklich da ist, mit all seiner wilden, fabelhaften, und sehr kreativen Einbildungskraft.

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