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Wie der Journalismus die KI klug nutzen kann Kein Tabu, im Gegenteil

Der erste Hype um »Künstliche Intelligenz« (KI) ist vorbei, aber verschwinden werden die Programme nicht. So übertrieben sowohl großspurige Heilsversprechen als auch alarmis­tische Untergangsszenarien sind: Dass die KI innerhalb kürzester Zeit große Teile der Gesellschaft mitgestalten und das Informationsverhalten der Menschen erheblich verändern wird, ist jetzt schon sicher. Den klassischen Journalismus und die traditionellen Medien, die in den vergangenen Jahren ohnehin schon Probleme hatten, sich in der digitalen Transformation zu behaupten und erfolgreich zu sein, stellt das vor neue Herausforderungen.

Herausforderungen für den klassischen Journalismus

Erneut brechen die Grundlagen wichtiger Geschäftsmodelle weg. So haben die sogenanntem »AI Overviews« bei Google dazu geführt, dass die Menschen im Durchschnitt seltener auf journalistische Webseiten zugreifen. Denn anstatt auf Links zu klicken, die ihnen die Suchmaschine anbietet, genügt vielen Nutzerinnen und Nutzern die KI-Zusammenfassung, die Google nun zu vielen Anfragen prominent präsentiert. Für viele journalistische Anbieter bedeutet das: weniger Klicks, weniger Reichweite, weniger (Probe-)Abos, weniger Werbeerlöse. In den USA, teilweise auch in Deutschland, ist der »traffic« auf journalistischen Plattformen, also die Zugriffszahl, regelrecht eingebrochen.

»Urheberrechte und Honorar­ansprüche werden gerne ignoriert.«

Was vor etlichen Jahren bereits beim Siegeszug der Suchmaschinen den traditionellen Medien zusetzte, passiert nun wieder: Die großen Tech-Unternehmen saugen erst einmal alle Inhalte auf, die sie kriegen können, erwirtschaften riesige Summen damit, wälzen alle Risiken und Probleme so gut sie können auf die Gesellschaft ab – und ignorieren, wenn man sie gewähren lässt, die Urheberrechte und Honoraransprüche derjenigen, die all die wertvollen Inhalte überhaupt erst hergestellt haben. Es wird nun wieder Jahre dauern, bis durch langwierige juristische Verfahren und politische Verhandlungen vielleicht – hoffentlich – ein System entsteht, das die Autorinnen und Autoren mit ihren Leistungen und Ansprüchen angemessen berücksichtigt, ob dies nun Reporterinnen und Kommentatoren sind, Musikerinnen oder Schriftsteller.

Echte eigene Inhalte sind gefragt

Für all diejenigen, die noch immer davon überzeugt sind, dass eine Demokratie ohne guten Journalismus nicht vorstellbar ist, hält die KI-Entwicklung aber auch eine kleine Genugtuung bereit. Denn wer nichts wirklich Neues, nichts selbst Recherchiertes, nichts Originelles und nichts Substanzielles liefern kann, sieht in dieser neuen Welt eines allumfassenden Schlaubergertums sehr schnell sehr alt aus. Einfach irgendwo etwas abzuschreiben und durch Suchmaschinen­optimierung und weitere digitale Tricks die Leute auf billig produzierte Pseudo-News-Seiten zu locken, lohnt sich immer weniger. Echte eigene Inhalte sind gefragt.

Wichtig geworden sind das Erklären, Ordnen und Überprüfen der Inhalte im Internet.

Je mehr die KI mit ihren erstaunlichen Möglichkeiten, täuschend echte Fakes zu erzeugen und massenhaft zu verbreiten, zu einer Verunsicherung in der Bevölkerung beiträgt, desto größer könnte die Sehnsucht nach guten, verlässlichen Quellen werden. Zumindest bei einem nicht unerheblichen Teil des Publikums, so zeigen es Studien, ist das Misstrauen gegenüber digitalen Plattformen und ihren Algorithmen schon heute groß – und das Vertrauen in den klassischen Journalismus nicht so klein, wie das viele Medienleute glauben, denen die radikalen »Lügenpresse«-Rufe einer lautstarken Minderheit nahegehen. Viele Menschen suchen Orientierung, verlangen nach verlässlichen Informationen und Analysen. Die kurze Nachricht und die schnelle, oberflächliche Information sind daher längst nicht mehr die zentralen Leistungen, die vom Journalismus erwartet werden. Wichtiger geworden sind das Erklären, Ordnen und kritische Überprüfen der vielen verwirrenden und teilweise irreführenden Inhalte, die im Internet kursieren. Darin liegt eine Chance für seriösen Journalismus.

Um diese Chance zu ergreifen, dürfen die Medienunternehmen keine Fehler bei der Integration von KI-Systemen in die redaktionellen Abläufe machen. Wollen sie sich als verlässliche Lotsen in einem stürmischen Ozean aus Informationen, Pseudo-Informationen und Falschinformationen empfehlen, müssen die Redaktionen journalistische Standards und Tugenden so gewissenhaft pflegen wie nie zuvor: Richtigkeit muss vor Schnelligkeit gehen. Sorgfältige Recherche, penibles Redigieren, transparentes Korrigieren von Fehlern – all das, was guten Journalismus ausmacht, geriet in den vergangenen Jahren durch neue Regeln und Routinen, einen Schwund an Ressourcen, gestiegenes Tempo und Fehlanreize der Algorithmen unter Druck. Wer den Journalismus retten und in sicheres Fahrwasser steuern will, muss das Ruder jetzt herumreißen. Sonst wird es bald keinen Grund mehr geben, überhaupt noch Journalismus zu betreiben.

KI im Journalismus ist kein Tabu

Klar ist aber auch: Gerade Redaktionen, die an hoher journalistischer Qualität interessiert sind, müssen, sollen und dürfen KI einsetzen. Das ist kein Tabu, im Gegenteil. Diese Programme können als Assistenten ungemein wertvoll sein, wenn es beispielsweise darum geht, Fehler in Texten zu finden oder die Journalistinnen und Journalisten auf weitere Ideen zu bringen. KI-Programme sind eben keineswegs nur eine Bedrohung. Richtig eingesetzt, können sie dazu beitragen, mediale Angebote zu verbessern.

»KI kann dabei helfen, das komplexe Klein-Klein der Demokratie zu durchdringen.«

Es gibt viele Möglichkeiten, KI-Software so einzusetzen, dass der Journalismus, sein Publikum und letztlich die Demokratie davon profitieren. War es früher äußerst aufwendig, die vielen Anträge und Beschlüsse von Gemeinderäten oder Landesparlamenten im Blick zu behalten, können Lokal- und Regionalzeitungen mit der Hilfe »Künstlicher Intelligenz« die Übersicht behalten und ihrem Publikum mehr von dem nahebringen, was auch im Alltag wichtig ist. Wo wird gebaut, welche Investitionen stehen an, was wird blockiert und von wem? Die KI kann dabei helfen, das komplexe, aber oft sehr wichtige Klein-Klein der Demokratie zu durchdringen.

Im Dienst der Bürgerinnen und Bürger

Ähnliches gilt für überregionale Themen. Bisher ist zum Beispiel die Berichterstattung über die EU oft mager und ähnlich technokratisch wie das Image der Institutionen in Brüssel. Das wird der großen Bedeutung vieler Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen werden, nicht gerecht. Mit Hilfe von KI könnten Redaktionen versuchen, dem Publikum bessere und umfassendere Einblicke in die europäische Politik zu verschaffen.

Die Medien sollten den Menschen nicht nur geben, was diese als Konsumierende wollen, sondern auch das, was sie als Bürgerinnen und Bürger brauchen. Das klingt ein bisschen bevormundend, gehört aber zum Kern der öffentlichen Aufgabe, die guten Journalismus ausmacht und ihn vom Betreiben eines Kettenkarussells oder einer Fruchtgummi-Fabrik unterscheidet. In den vergangenen Jahren wirkte es so, als sei diese Einsicht, auf die sich zu Recht auch ein gewisser Anspruch und Stolz von Redaktionen gründen kann, im Zuge von reiner Reichweitenorientierung verlorengegangen. Sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der das nicht nötig hätte, regiert die Quotenlogik auch dort, wo es der Qualität nicht zuträglich ist, etwa im Angebot an Kultursendungen.

»Sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk regiert die Quotenlogik.«

Unter diesen Vorzeichen besteht die Gefahr, dass die KI wieder nur dazu genutzt wird, Zielgruppen besser zu identifizieren und zu bedienen – und den demokratischen Auftrag zu vernachlässigen. Wenn Medienunternehmen hingegen die Chance ergreifen und ihren Redaktionen den Freiraum und die Ressourcen geben würden, »Künstliche Intelligenz« klug zu nutzen und sich dabei auf demokratierelevante Funktionen zu besinnen, könnte die KI den Journalismus tatsächlich besser und schlauer machen.

Das letzte Wort hat der Mensch

Schon jetzt nutzen viele Redaktionen KI-Software zum Beispiel dafür, Texte schnell zusammenzufassen, Ideen für bessere Überschriften zu bekommen oder in großen Datenmengen nach Auffälligkeiten zu suchen. Im investigativen Journalismus sind KI-Programme wertvolle Instrumente, um Akten- und Datenbestände zu durchforsten und Missstände wie Korruption oder Steuerbetrug systematischer als bisher zu recherchieren. In den vergangenen Jahren hat sich ein neues Berufsprofil im Journalismus herausgebildet: das der Datenjournalisten. Sie sind darauf spezialisiert, Statistiken zu verstehen und aufzubereiten, relevante Informationen und Geschichten in allgemein zugänglichen oder vertraulich zugespielten Datensätzen zu erschließen. KI-Software ist für sie ein wichtiges Hilfsmittel.

Einsparung oder Entlastung

Die Programme können den Journalistinnen und Journalisten mühsame und stupide Aufgaben abnehmen, die früher viel Zeit verschlungen haben: beim Zusammenstellen von Wirtschaftsdaten oder beim Erstellen von Ergebnistabellen im Sport. Natürlich bringen solche Entlastungen den Journalismus nur dann voran, wenn die Medienunternehmen solche Effizienzgewinne nicht für Einsparungen beim Personal nutzen. Wird KI vor allem für Einsparungen genutzt, wie das bei nicht wenigen Medienunternehmen zu befürchten ist, wird die journalistische Qualität weiter sinken. Die Zahl der Fehler wird steigen, die eigenen Rechercheleistungen werden zurückgehen.

Journalistinnen und Journalisten dürfen sich der KI nicht ausliefern und ihr auf keinen Fall blind vertrauen. Das letzte Wort muss ein Mensch haben. Ohne Kontrolle geht es nicht, zumal die gängigen KI-Programme bekanntlich »halluzinieren«, das bedeutet: Dinge frei erfinden. Hinzu kommt, dass die KI ebenso wie die Algorithmen der Social-Media-Plattformen anfällig sind für politische Einflussnahme und entsprechende Verzerrungen. Es wird eine der vornehms­ten Aufgaben kritischer Medien bleiben, die Mächtigen zu kontrollieren. Dazu gehört jetzt auch der kritische Blick auf das Weltbild der KI.

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