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Warum Endzeitszenarien nicht weiterhelfen und Zuversicht möglich ist Kein Weltuntergang

Zum Optimismus bieten die gegenwärtigen Zeiten wahrlich keinen Anlass. Der zermürbende Gazakrieg mit vielleicht fragilem Waffenstillstand und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sind nur die drängendsten kriegerischen Konflikte, neben denen Probleme um Klima und Umwelt fast sträflich ins Hintertreffen geraten. Von der zuversichtlichen Grundstimmung nach der politischen Wende um 1990 in Europa ist nichts mehr zu spüren. Zum Glück gibt es doch noch kluge Geister, die immer wieder durchdenken, wie man den gegenwärtigen Krisen begegnen und wie eine drohende Klimakrise noch abgewendet werden kann. Die drei folgenden Titel mögen verdeutlichen, wie man mit soziologischer Analyse, mit historischem Ansatz und biographischer Darstellung etwas mehr Zuversicht vermittelt.

Der an der Europa-Universität Flensburg lehrende Soziologe Emanuel Deutschmann geht über die in der Soziologie gegenwärtig gängigen Erklärungsversuche wie »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck), »Beschleunigungsgesellschaft« (Hartmut Rosa) und »Gesellschaft der Singularitäten« (Andreas Reckwitz) hinaus und schlägt zur Analyse der globalen Weltgesellschaft den Begriff Exponentialgesellschaft vor, dies aus der Beobachtung, dass sich eigentlich alle wichtigen Trends derzeit exponentiell verstärken und wie das berühmte, sich rasant mehrende Korn auf dem Schachbrett bald unübersehbar bzw. unbeherrschbar wird: »Wir sind an einem Punkt angekommen, ab dem weitere Steigerungen in vielen Bereichen kaum zusätzlichen Nutzen bringen, aber schwerwiegende Nachteile haben.«

Die Dinge wachsen uns über den Kopf

Deutermann macht das in seiner Analyse wiederholt an sechs Bereichen deutlich, nämlich Wirtschaft und Ökologie, Pandemie (Corona wuchere fast unbemerkt fort), Wissenschaft und Information, Technik und Digitalisierung, Mobilität und Kommunikation sowie Demografie. Für alle Bereiche konstatiert er die eigentlich alltägliche Erfahrung, dass uns die Dinge in puncto Technik und Kommunikation über den Kopf zu wachsen drohen und dass bei Klima und Umwelt menschheitsgefährdende Zustände drohen.

Seine oft zwingenden Analysen von achtzig (!) empirischen Trends untermauert Deutschmann mit stupender Kenntnis der internationalen Forschung (ein Literatur­verzeichnis von mehr als 50 Seiten), wobei einmal mehr auffällt, wie intensiv in den USA über alle hier behandelten Probleme nachgedacht wird. Bevor der Leser vollends entmutigt aufgeben will, zeigt der Autor, dass diese Entwicklung selbst nicht ungebremst weitergehen muss: »Alle exponentiellen Trends stoßen früher oder später an ihre Grenzen.« Jedes exponentielle Wachstum komme regelmäßig zu einer Stabilisierung (etwa beim Zuwachs von Kühlschränken, Handy und Smartphone), was der Gesellschaft die Chance biete, wieder zu einer Stabilisierung zu kommen. Als »Paradebeispiel« nennt der Autor das Verbot von FCKW in den 1980er Jahren, was das gefährliche Ozonloch bereits deutlich verringert habe (»etwa 2070 sollte es vollkommen verschwunden sein«).

»Alle exponentiellen Trends stoßen früher oder später an ihre Grenzen.«

Aber Stabilisierung, warnt Deutschmann eindringlich, erfolge nicht automatisch; es bedarf des ständigen Willens von Politik und Gesellschaft: »die bislang hegemonialen Kräfte sind blind für die Probleme die sie selbst hervorgebracht haben«. Als personifizierte »Säulenheilige« nennt er Elon Musk für expansionistische und die Umweltaktivistin Greta Thunberg für eine stabilisatorische Position. Aber Musks hypertrophe Technik- und Fortschrittsaffinität spiegelt gegenwärtig die Mentalität der amerikanischen Administration, sie als blanken Unsinn abzutun wäre »angesichts dieser brandgefährlichen Situation« allzu leichtsinnig. Weg vom Expansionismus der Exponentialgesellschaft und hin zu einer stabilisierten, ihre Ressourcen schonenden Gesellschaft »ist die wohl wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe, vor der Politik im 21. Jahrhundert steht.«

Eines der berühmtesten Bilder aus der deutschen Renaissance ist Albrecht Dürers Holzschnitt »Die vier apokalyptischen Reiter.« Sie stehen für Seuchen, für Krieg, Teuerung und Tod. Der Göttinger Historiker Hartmut Lehmann nimmt das Bild als Menetekel für die Menschheitsplagen seit dem Mittelalter. Er nennt vier große Krisen, die bis heute »auf irritierende Weise aktuell« sind: Die Pest-Pandemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts, den Dreißigjährigen Krieg mit seiner von Hungersnöten und Seuchen geprägten Vorgeschichte, die Weltkriege im 20. Jahrhundert und die Klimakrise der Gegenwart. In allen Fällen fragt er, wie die Menschen auf diese extremen Katastrophen reagiert und ob sie möglicherweise aus ihnen gelernt haben.

»Es fehlen immer noch Ent-würfe zu einer neuen und umfassenden Geschichte der Menschheit.«

Der Autor war Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts in Washington und lange auch Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen. Für einen »reinen« Historiker etwas ungewöhnlich ist seine intensive Analyse der Klimakrise unserer Tage, die er durchaus in einer Reihe mit den zuvor genannten Krisen sieht. Selbstkritisch bemängelt er an seiner Zunft, dass immer noch Entwürfe fehlen zu einer neuen und umfassenden Geschichte der Menschheit, in denen auf existenzielle Krisenzeiten im Laufe der Geschichte eingegangen wird. Im 14. Jahrhundert zog die Pest »wie ein heftiger Tornado« über alle Teile der Gesellschaft hinweg, und das mit katastrophalen Folgen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung, so schätzt man heute, fiel ihr zum Opfer, manche Landstriche wurden regelrecht entvölkert. Die Menschen waren auf die Seuche völlig unvorbereitet, so dass in ganz Europa eine heute kaum vorstellbare Panik ausbrach. Erst nach und nach setzten sich erste rudimentäre Maßnahmen einer Quarantäne durch (Venedig ließ einfahrende Schiffe vierzig Tage auf Reede liegen). Die Reaktion war wie nach vielen Krisen: einerseits Reue und Buße wegen des vermeintlichen Gottesgerichts, zum anderen die Suche nach Sündenböcken, für die einmal mehr die Juden herhalten mussten; der Autor sieht hier die Anfänge des europäischen Antisemitismus.

Stärker noch bis in die neuere Zeit prägten sich die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ein. Ihm gingen, was erst langsam ins historische Bewusstsein dringt, Teuerungen und Hungers­nöte infolge einer »kleinen Eiszeit« voraus. Als der Krieg 1648 mit dem Frieden von Münster und Osnabrück schließlich endete, waren damit die Kriegshandlungen keineswegs zu Ende; erst nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs, fast schon eine Fortsetzung des vorigen Krieges, trat in Europa eine gewisse Beruhigung ein.

Alle Katastrophen gipfelten in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, 1914 von allen Mächten bewusst akzeptiert, 1939 aus Skrupellosigkeit eines einzelnen. Die Katastrophe war so fundamental für alle Staaten, dass intensiv wie nie zuvor Bemühungen um eine dauernde Friedenssicherung einsetzten. Lehmann nennt als Beispiele die UNO mit ihren Unterorganisationen, vor allem aber »Europa« als Erfolgsgeschichte auf einem Kontinent jahrhundertelanger Kriege.

Mit Blick auf die Klimakrise schreibt er abschließend, heute liege das größte Problem für die Menschheit darin, dass die negativen Auswirkungen der Indus­trialisierung trotz vieler Warnungen nicht ernst genommen wurden. Gleichwohl, so Lehmann, helfen oft zu hörende Endzeitszenarien nicht weiter; es lohne sich, »den häufig spekulativen ›Blick nach vorn‹ durch einen gut informierten ›Blick zurück‹« zu ergänzen. Vorbilder wie Albert Schweitzer oder Gandhi, Einstein oder Martin Luther King zeigten, dass es trotz allen Zivilisationsbruchs »Wege zurück zu Frieden und Hoffnung gibt«.

Beide Bücher, das von Deutschmann und das von Lehmann, sind zwangsläufig wegen ihrer globalen Analyse eher allgemein gehalten. Wie sich der Einzelne in gefahrvollen Situationen konkret verhält, wie er Mitmenschlichkeit zeigen und trotz aller Entbehrungen treu zu seinen Überzeugungen stehen kann, zeigt der Berliner Schriftsteller Marko Martin in seinem Buch Dissidentisches Denken. In diesem in der »Anderen Bibliothek« wieder aufgelegten und erweiterten Buch stellt Martin 22 linke und linksliberale Intellektuelle vor, über die er entweder in Kurzbiografien berichtet oder die er nach oft berührenden Begegnungen mit den meist sehr alten Menschen vorstellt. Durchweg sind es Intellektuelle, die im vergangenen Jahrhundert vor totalitären Systemen geflohen sind und dabei oft genug in die Mühlen sowohl des stalinistischen als auch des NS-Terrors gerieten.

Selbst bei so Vertrauten Namen wie Manes Sperber, Arthur Koestler, Czeslaw Milosz, Hans Sahl (dem vielleicht eindringlichsten Denker über Flucht und Exil) oder bei dem geradezu ansteckend lebendigen Monat-Redakteur Melvin Lasky erfährt der Leser noch Neues. Aber mehr noch lebt dieses ungewöhnliche Buch von den Begegnungen mit weniger bekannten Menschen, etwa die in Mexiko 2004 verstorbene Autorin Mariana Frank-Westheim, die die ganze linke Kunstszene der Weimarer Republik in wenigen Sätzen lebendig macht, der wie Henry Kissinger 1923 in Fürth geborene Schriftsteller Robert Schopflocher, der in Buenos Aires geblieben ist und dort 2016 starb, der tschechische Schriftsteller Josef Skvorecky, der in Toronto 2012 starb und in angelsächsischen Ländern gleichrangig neben Milan Kundera steht, der jüdische Lektor Alexander Spiegelblatt, dem eine abenteuerliche Flucht ins damalige Palästina glückte oder das exilpolnische Ehepaar Jerzy und Zofia Hertz, deren Leben in Paris eng mit der Zeitschrift Kultura verbunden war. Jeder und jede Einzelne ist trotz mitunter extremen Gefährdungen und Entbehrungen den Idealen einer besseren, von Gewalt und Klassenkämpfen befreiten Welt beispielhaft treu geblieben.

Emanuel Deutschmann: Die Exponentialgesellschaft. Vom Ende des Wachstums zur Stabilisierung der Welt. Suhrkamp, Berlin 2025, 448 S., 32 €.

Hartmut Lehmann: Apokalypsen. Lektionen aus vergangenen Katastrophen. Wallstein, Göttingen 2025, 192 S., 24 €.

Marko Martin: Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters. Die Andere Bibliothek. Aufbau, Berlin 2025, 552 S., 32 €.

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