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© Jan Schenk

Zum 50-jährigen Jubiläum des Berliner GRIPS Theaters Kindertheater braucht Kulturpolitik

Die Studie Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland, herausgegeben von ASSITEJ e. V., der Internationalen Vereinigung des Theaters für junges Publikum, hat zuletzt Erkenntnisse zutage gefördert und Herausforderungen formuliert. Die Theaterarbeit für die junge Zielgruppe finde in sehr unterschiedlichen organisatorischen Strukturen statt, pflege die Zeitgenossenschaft, spreche diverse gesellschaftliche Gruppen an, gewähre kulturelle Teilnahme und künstlerische Teilhabe, verstehe sich als Ort des offenen Diskurses, kooperiere mit schulischen und sozialen Akteuren und könne daher durchaus als Vorreiterin für neue Modelle und Arbeitsweisen in den darstellenden Künsten gelten. Die Arbeitsbedingungen seien allerdings prekär, Theaterpädagogik werde überwiegend von Honorarkräften geleistet, die Ensembles bestünden zumeist nur aus drei bis fünf Schauspielerinnen und Schauspielern, neben den Inszenierungen würden sich alle Theatermitarbeitende zusätzlich auch in Projekten vor allem der kulturellen Bildung engagieren.

Aber immerhin, es gibt sie, die Kinder- und Jugendtheaterlandschaft. Und das hat seine Gründe: Im Osten der Republik sind es unter anderen die ehemaligen Theater für junge Zuschauer der DDR in Leipzig, Berlin und Dresden, die heute als Spielstätten dienen, im Westen vor allem die freien Theater für junges Publikum. In Westberlin begann es 1966 mit dem »Reichskabarett« als Teil der Studentenbewegung, das mit Spott und Satire gegen die alte Bundesrepublik, die Große Koalition und den amerikanischen Imperialismus agitierte. Nach drei Jahren kam es dann zur Geburt des GRIPS Theaters.

Alternative zum Weihnachtsmärchen

»Kabarett habe ich aufgegeben«, sagt Gründervater Volker Ludwig, »weil wir nur Publikum hatten, das sowieso unserer Meinung war«. Kinder waren als neue Zielgruppe entdeckt, das erfolgreichste Kindertheater der Welt erfunden. »Wir waren ein sozialistisches Theater und für uns waren die Kinder eine unterdrückte Klasse. Und wir versuchten ihnen ein bisschen Selbstbewusstsein beizubringen. Wir waren die einzige Alternative zu dem vergammelten Weihnachtsmärchen der Staats- und Stadttheater damals.« Schon mit der Gründung hatte Volker Ludwig sein Kindertheater als Gegenmodell zum etablierten Erwachsenentheater erhoben: Künftige Theaterabonnenten könne man mit lebendigem Kindertheater kaum großziehen. »Man kann mehr: Den Kindern jeden sterilen Staatstheaterbetrieb ungenießbar machen.«

Das GRIPS wird 50 Jahre alt, Grund genug in der Arenabühne am Hansaplatz zu feiern, denn dieses Kinder- und Jugendtheater hat in den darstellenden Künsten in der Tat Neuland betreten, bei der Themenwahl, in der Dramaturgie sowie der musikalischen Akzentuierung und immer wieder gerne auch als moralische Instanz.

Wolfgang Kolneder, dritter im künstlerischen Bunde mit dem Autor Ludwig und dem Komponisten Birger Heymann, hat einmal das Spezifische der GRIPS-Stücke beschrieben, deren Grundregel die Genauigkeit in Einzelheiten sei, im Typischen, mit Konzentration auf das Wesentliche. Die Spielweise war geprägt von Recherchen vor Ort. »Auf Schulhöfen, in Heimen und Diskotheken beobachteten wir, welche Jacken, Schuhe, Kleider diese Leute tragen«, notierte der 2010 verstorbene Hausregisseur, »sammelten wir Redewendungen, Sprüche, Kalauer, belauschten Unterhaltungen, Streitigkeiten, Flirts«.

»Dass ihr’s wisst, nichts muss bleiben wie es ist, ganz egal woran du bist, nichts muss bleiben, wie es ist«, heißt es in dem »Stück für Menschen ab 9« Nashörner schießen nicht von 1975. Der Chor aller Mitspielenden singt am Ende dem Publikum die Moral von der Geschichte: »Das tut gut, wenn man sich zusammen tut, wehe dem, der das vergisst, nichts muss bleiben wie es ist.« Viele der Stücke aus der Feder des GRIPS Theaters waren geprägt durch eingängige Songs. Sie übernehmen das Resümieren, sie sollen die Handlung reflektieren und haben die didaktische Aufgabe, den Zuschauern – wie im brechtschen Lehrtheater – allgemeine Besinnung nahezulegen und ihnen auch flammende Appelle auf den Heimweg mitzugeben. Die Kinderlieder Doof gebor’n ist keiner (aus dem Stück Doof bleibt doof, 1973), Trau dich, trau dich, auch wenn es daneben geht (Mensch Mädchen, 1978) oder Wir werden immer größer (Die fabelhaften Millibillies, 2012) fanden wie viele andere weite Verbreitung.

1986 gelang dem GRIPS zudem ein Welterfolg, die Linie 1, das erfolgreichste deutsche Musical seit der Dreigroschenoper. Seitdem ist das populäre Berliner U‑Bahn-Drama im Repertoire und war auf Gastspielen in allen Erdteilen ebenso zu sehen, wie in vielen Stadttheatern in Deutschland. Andere Klassiker des Jugendtheaters waren Eine linke Geschichte (1980) als selbstkritische Retrospektive zur Generation der 68er und Ab heute heißt du Sara (1989) nach der Autobiografie Ich trug den gelben Stern von Inge Deutschkron.

GRIPS-Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt, zu allen Inszenierungen gibt es Begleitmaterialien zur Vor- und Nachbereitung und Theaterpädagogik ist selbstverständlicher Bestandteil der künstlerischen Arbeit. Das GRIPS ist nah dran an Kindern und Jugendlichen und im Theaterspiel mit den Zielgruppen mittendrin, auch um immer wieder Zeitgenossenschaft zu kultivieren.

Mittlerweile ist das GRIPS in so vielen Bachelor- und Masterarbeiten erforscht, dass diese einige Regalmeter füllen, und es wurde weltweit über die Theatralik der Kindheitsbilder und die Auseinandersetzungen um Adoleszenz promoviert. Akademische Zuschreibungen sprechen vom emanzipatorischen, sozialutopischen oder neorealistischen Kinder- und Jugendtheater, das GRIPS versteht sich selbst gerne als Mutmach-Theater.

Recht auf kulturelle Teilhabe

»Wir haben eine Verantwortung zukünftigen Generationen gegenüber, unsere Welt ein Stück weit lebenswerter, friedlicher und gleichberechtigter zu machen«, sagte der amtierende Theaterleiter Philipp Harpain vor Kurzem auf einer Pressekonferenz zum Jubiläum. Das könne aber nur gelingen, wenn »Sicherung, Sanierung, Ausbau und Weiterentwicklung der technischen und digitalen und räumlichen Ausstattung des Theaters« vom Berliner Senat gewährleistet werde. In einer Sitzung des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses Ende März dieses Jahres wurde Tacheles geredet. Es brauche ausreichend Personal, das tariflich bezahlt wird, denn laut einer Studie zum Kinder- und Jugendtheater in der Hauptstadt, »bewegen sich ja alle im Schnitt unter der europäischen Armutsgrenze. Und deshalb werden Sie auch weiterhin von allen Kinder- und Jugendtheatern in Berlin zu hören bekommen«.

Darüber wird zu diskutieren sein, auch beim Festakt und Festival sowie beim internationalen Symposium zum Thema »On the Child’s Side« (6.–19. Juni 2019), ganz im Sinne des Artikels 31 der UN-Kinderrechtskonvention, in der der jungen Generation die freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben garantiert wird, eine Garantie, die das GRIPS als Theater seit fünf Jahrzehnten einlöst, weil es nach wie vor mit Vers und Verve konsequent auf der Seite von Kindern und Jugendlichen steht.

Damit die Geschichte des Kinder- und Jugendtheaters in ganz Deutschland mit Relevanz und Substanz fortgeschrieben werden kann, hat der Rat für darstellende Kunst und Tanz im Deutschen Kulturrat auch 2018 eine Stellungnahme verfasst und fordert, »Tanz und Theater mit Kindern und Jugendlichen sowie für junges Publikum als kulturpolitische Schwerpunktsetzung in der Theaterlandschaft Deutschlands« in allen Tanz- und Theaterverbänden zu formulieren, auf allen politischen Ebenen zu konzeptionieren und in allen Praxen der darstellenden Künste einzusetzen, »um jedem Kind und jedem Jugendlichen mindestens zweimal im Jahr ein Tanz- und Theatererlebnis zu ermöglichen«. Weitere Forderungen beschäftigen sich mit der Schaffung professioneller Produktionszentren, der Verantwortung der Stadt- und Staatstheater für ein differenziertes ganzjähriges Programm für junges Publikum, dem Ausbau von Produktionsspielstätten und Gastspielförderung, mit der Verankerung der darstellenden Künste als künstlerisches Schulfach sowie dem curricularen Einbau in der Aus- und Weiterbildung aller Berufe am Theater.

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