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© picture alliance / Klaus Ohlenschläger | Klaus Ohlenschläger

Dimensionen und Wirkungen sozialen Zusammenhalts Kitt der Gesellschaft

»Ein Land, in dem wir niemanden zurücklassen – egal ob in der Stadt oder auf dem Land; ob alt oder jung, ob gut situiert oder weniger wohlhabend, ob hier geboren oder erst später hierhergekommen. (...) Unser Zusammenhalt ist unser größtes Pfund. Halten wir auch im kommenden Jahr zusammen«. Mit diesen Worten beendete Bundeskanzler Scholz seine Neujahrsansprache am Silvesterabend 2022. Die von Zuversicht durchzogene Rede enthielt viele Beispiele für Taten, die das Potenzial haben, das Land, in dem wir leben, zu einem »starken Deutschland« machen.

Scholz sprach davon, dass sich das Jahr 2022 durch Hilfsbereitschaft und Mitgefühl für Andere ausgezeichnet habe. In diesem Beitrag soll es nun aber nicht um patriotische Gedanken oder Gefühle gehen, sondern um das, was in Wissenschaft und Sozialpolitik als »sozialer (oder gesellschaftlicher) Zusammenhalt« verhandelt wird: ein Begriff, der in aller Munde, aber keineswegs neu ist und manchmal wie ein Catch-All-Begriff daherkommt, hinter dem sich – mit nur wenigen Ausnahmen – alle versammeln können. Im Folgenden soll ein Einblick gegeben werden, wie es zum Zusammenhalt geopolitischer Einheiten (Kommunen, Regionen/föderale Einheiten, Staaten) kommt, und was sozialer Zusammenhalt konkret bedeutet.

In den Sozialwissenschaften und unter sozialpolitischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern wurde lange diskutiert, was dazu führt, dass sich Menschen in einem geopolitisch abgegrenzten Raum zusammengehörig fühlen und was genau dieses Gefühl ausmacht. Sozialer Zusammenhalt spielte schon in der Französischen Revolution eine zentrale Rolle; deren Hauptziele waren »Liberté, Égalité« und eben »Fraternité«. Der Soziologe Émile Durkheim definierte den Begriff des sozialen Zusammenhalts in modernen Gesellschaften als »organische Solidarität«. Er unterscheidet zwei Gesellschaftstypen, die die Funktionalität menschlichen Miteinanders sicherstellen.

Unter »mechanischer Solidarität« versteht Durkheim eine eher kleinere Gemeinschaft, die durch Ähnlichkeit ihrer Mitglieder überdauert, durch ähnliche Weltsicht, ähnliche Tätigkeiten, Normen und Regeln. Die organische Solidarität moderner Gesellschaften definiert sich hingegen durch einen gelingenden Umgang mit Unterschiedlichkeit, neudeutsch »Diversität«.

Die zunehmende Arbeitsteilung führe, so Durkheim im späten 19. Jahrhundert, zu immer selbstständigeren Mitgliedern der Gesellschaft, die aber gleichzeitig immer abhängiger voneinander werden, da jedes Mitglied essenziell in seinen Tätigkeiten ist. Dies führe dazu, dass ein gewisses Mindestmaß an Solidarität erforderlich ist, um das Überleben zu sichern. Über Jahrzehnte »frühkapitalistischen Wirtschaftens« (Marx) wuchs nicht nur der Differenzierungsgrad moderner Gesellschaften, sondern auch die Anonymität und Individualisierung unter ihren Mitgliedern, so dass Gemeinsamkeiten oft kaum noch zu erkennen sind. Dies hat zur Folge, dass auch die Definitionen dessen, was sozialer Zusammenhalt eigentlich ist, und wie man ihn in seiner Stärke oder Schwäche erfassen will, in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur stark divergieren.

Bereiche des sozialen Zusammenhalts

Eine für den »Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt« der Bertelsmann Stiftung erarbeitete und inzwischen im soziologischen Mainstream etablierte Definition beschreibt sozialen Zusammenhalt als den »Kleber« oder »Kitt«, der eine Gesellschaft zusammenhält. Zusammenhalt ist ein komplexes Konzept, das die Qualität von Gesellschaft – oder allgemeiner formuliert von »geopolitischen Einheiten« – beschreiben soll und das Ausmaß des kollektiven Zugehörigkeitsgefühls erfasst. Es werden drei Bereiche des sozialen Zusammenhalts angenommen: erstens eine hohe Qualität der sozialen Beziehungen von Menschen, die einem Gemeinwesen angehören, zweitens ein hohes Maß an Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und drittens eine nachhaltige Orientierung der Mitglieder der zur Debatte stehenden geopolitischen Einheit am Gemeinwohl.

»Gesellschaftlicher (oder sozialer) Zusammenhalt« (beide Begrifflichkeiten werden synonym verwendet) ist ein hochgradig normatives Konzept: Eine von Zusammenhalt geprägte Gesellschaft soll unter anderem offen und tolerant sein, sie soll von ihren Mitgliedern als gerecht empfunden werden und die Menschen, die in ihr leben, sollen sich politisch engagieren.

Schaut man sich diese drei Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenhalts etwas genauer an, so braucht es für ein hohes Maß an Zusammenhalt zunächst einmal intakte Beziehungen der Menschen untereinander. Wichtig hierbei ist, dass es sich dabei nicht nur um Beziehungen zu Menschen handelt, die genauso »ticken« wie man selbst, sondern dass auch soziale Beziehungen zu Menschen außerhalb der eigenen »Blase« existieren und gepflegt werden. Vertrauen in die Mitmenschen, auch wenn sie anders sind als man selbst, ist der zweite wichtige Baustein von Zusammenhalt im Bereich der sozialen Beziehungen. Zudem gehört dazu, Diversität konstruktiv anzunehmen. Wenn man nur mit Seinesgleichen gut auskommt, ist das dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eher abträglich.

Der zweite große Baustein von gesellschaftlichem Zusammenhalt ist die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen, dem man zugehört. So müssen sich seine Mitglieder mit ihm identifizieren, dessen Institutionen vertrauen und sich gerecht behandelt fühlen. Das Gemeinwesen kann in diesem Zusammenhang verschiedene, wie die Soziologie formulieren würde, Aggregationsebenen haben. Ein hoher sozialer Zusammenhalt erwächst nicht zuletzt daraus, dass man sich mit seiner unmittelbaren Wohngegend wie auch mit seinem Bundesland verbunden fühlt, dass man etwa kommunalen wie auch föderalen Institutionen vertraut und sich vom Staat insgesamt gerecht behandelt fühlt.

Dabei wird bereits hier deutlich, dass sozialer Zusammenhalt ein multidimensionales Konzept ist: Ein prononciertes »Mir-san-mir« oder »Wir können alles außer Hochdeutsch« stärkt zwar in Bayern und Baden-Württemberg nach innen die Verbundenheit, es birgt aber auch die Gefahr der Ausgrenzung und bringt damit bei überzogener Stärke den gesellschaftlichen Zusammenhalt in seinen Dimensionen »generalisiertes Vertrauen« und »Akzeptanz von Diversität« in Gefahr.

Der dritte Bereich, der unverzichtbar für einen hohen sozialen Zusammenhalt ist, ist die allgemeine Orientierung der Menschen am Gemeinwohl. Die Mehrheit der Menschen fühlt ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Mitmenschen. Diesen in Notlagen aktiv – etwa durch Spenden – zu helfen ist einer dieser Bausteine. Auch sollten niedrigschwellige soziale Regeln von möglichst vielen Menschen anerkannt werden: Man lässt seinen Hund einfach nicht in Nachbars Garten sein Geschäft erledigen und regelt die Lautstärke seiner Musikboxen nach 22 Uhr herunter. Soziales und politisches Engagement sollte für möglichst viele Menschen alltägliches Handeln sein und sich zum Beispiel in einer hohen Wahlbeteiligung auf allen »Aggregationsebenen« manifestieren.

Wenn alle drei Bereiche (Soziale Netze, Verbundenheit, Gemeinwohlorientierung) mit ihren jeweils drei Teildimensionen in einem Gemeinwesen positiv konnotiert sind, spricht dies für ein hohes Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt. Doch kann man im Umkehrschluss behaupten, dass eine Gesellschaft gespalten ist, wenn nur wenige Menschen an Wahlen teilnehmen, wenn vielerorts Misstrauen gegenüber Nachbarn an der Tagesordnung ist oder wenn sich ganze Personengruppen, wie etwa Menschen mit ausländischen Wurzeln, ungerecht behandelt fühlen?

Sicherlich ist davon auszugehen, dass der Zusammenhalt dann – per Definition – niedriger wäre. Ob aber eine Gesellschaft dann auch schon als »gespalten« anzusehen ist, wäre zu diskutieren. Welche Rollen spielen externe Einflüsse wie die Globalisierung, die Polarisierung der politischen Debattenkultur und wachsende soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft? Die Antwort auf diese Frage ist eine unbefriedigende: »Es kommt darauf an«.

Die sich in vielen Lebensbereichen manifestierende Globalisierung kann einerseits eine Gefahr in dem Sinne darstellen, dass die Identitätsfindung insbesondere von Heranwachsenden erschwert wird. Gleichzeitig aber kann Globalisierung auch als positive Verstärkung für eine Gesellschaft verstanden werden, in der neue soziale Kontakte möglich sind und in der es leichter wird über den berühmten »Tellerrand« hinauszuschauen. Man bewegt sich auf einem schmalen Grat, wenn man abwägen will, ob und wie aktuelle Einflüsse wie die Globalisierung, aber eben auch das tagesaktuelle Geschehen (Corona, Ukrainekrieg) den sozialen Zusammenhalt stärken oder schwächen.

Jüngste Studien in Baden-Württemberg haben gezeigt, dass der soziale Zusammenhalt in diesem Bundesland gegenüber der Zeit vor Beginn der Coronapandemie recht massiv zurückgegangen ist. Der im Jahr 2012 begonnene »Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt« der Bertelsmann Stiftung hatte zuvor immer nur geringe Schwankungen des sozialen Zusammenhalts ausgewiesen. Der Radar belegt dies in einer internationalen Studie für 34 OECD-Länder auf der Basis eines Index aus 36 Einzelindikatoren. Auch für 22 asiatische Länder hat der Radar Befunde vorgelegt. Die OECD-Studie endet mit ihren Auswertungen allerdings im Jahre 2012, der Asien-Radar im Jahre 2016.

Deutschland hält sich im internationalen Vergleich hinsichtlich des sozialen Zusammenhalts konstant im oberen Mittelfeld, wobei auffällt, dass Deutschen die Identifikation mit dem eigenen Land sehr viel schwerer fällt als Menschen in anderen Ländern, während Deutschland in der Gemeinwohlorientierung überdurchschnittliche Werte erreicht. Auch hinsichtlich der Akzeptanz von Diversität und des generalisierten Vertrauens in Mitmenschen schneidet Deutschland gut ab. Die Erstautorin dieses Beitrags arbeitet aktuell an einer Fortsetzung der sekundäranalytischen OECD-Studie für die beteiligten europäischen Länder.

Zentrale Bedeutung von Bildung

Möglichkeiten der – weiteren – Stärkung des sozialen Zusammenhalts scheinen vielseitig. Bildung für alle steht im Mittelpunkt solcher Bemühungen. Ein gemeinsames Lernen an Gemeinschaftsschulen stärkt Vertrauen in die Mitmenschen, senkt soziale Hürden nicht zuletzt auch für den tertiären Bildungsbereich und erweitert soziale Netzwerke. Andere Möglichkeiten sind Auslandserfahrungen in der Schule, im Studium oder in der Ausbildung, die oft mit dem Erlernen anderer Sprachen einhergehen und so die Chancen weiter erhöhen, sich mit Mitmenschen verbunden zu fühlen. Weitere Anknüpfungspunkte sind auch kostenlose Sportangebote, um sich dort vernetzen zu können und eventuell sogar später ein Ehrenamt zu übernehmen.

Bevor hierzu massive politische Forderungen gestellt werden, gilt es jedoch zu klären, ob gesellschaftlicher Zusammenhalt vom Grundsatz her überhaupt positiv zu bewerten ist oder ob die Forderung nach einer (weiteren) Stärkung des Zusammenhalts eher einer diffusen Sehnsucht nach Harmonie Ausdruck gibt.

Wenn sozialer Zusammenhalt der Kitt der Gesellschaft ist, so liegt die Frage nach dem »Zement« nahe. Sorgt Zusammenhalt womöglich vor allem dafür, dass die gut Situierten gut situiert bleiben und die weniger Wohlhabenden eben dieses, dass jeder also schön artig an seinem Platz bleibt und damit soziale Ungleichheit verstetigt wird? Ist die Lobpreisung von gesellschaftlichem Zusammenhang vielleicht doch nur Ausdruck eines Verlangens nach wohlschmeckender Harmoniesoße?

Die bisher im »Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt« vorgelegten Studienergebnisse widersprechen dieser Vermutung nicht, legen aber wiederholt ein Ergebnis vor, dass dem Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt eine umfassende Legitimität zubilligt: Wer in einer geopolitischen Einheit (Kommune, Bundesland, Staat) lebt, deren sozialer Zusammenhalt hoch ist, ist durchweg auch zufriedener mit seinem Leben.

Insofern mag die Forderung nach (mehr) gesellschaftlichem Zusammenhalt einerseits durchaus zur Verstetigung sozialer Ungleichheit beitragen. Gleichzeitig fördert ein starker sozialer Zusammenhalt aber auch das subjektive Wohlbefinden aller Menschen. Allein schon dieser Befund erlaubt es, der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts die Verfolgung eines wichtigen Staatsziels zu attestieren: Mehr Zusammenhalt stärkt die Lebenszufriedenheit aller Bürgerinnen und Bürger.

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