Am 2. August 1914 schrieb Franz Kafka einen der bekanntesten Tagebucheinträge der Literaturgeschichte: »Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.« Eine ganze Welt brach zusammen im August 1914 und der wohl größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts lernte derweil schwimmen. Das eine schien ihm so notierenswert wie das andere. Als Beleg für die vermeintliche Weltfremdheit oder Politikvergessenheit des Prager Autors oder gar der Literatur überhaupt wurde der Satz in den letzten Jahrzehnten immer wieder zitiert – zu Unrecht. Tatsächlich scheinen politische Ereignisse in Geschichtsbüchern und populären Geschichtsdokus bis heute prominenter als in der Literatur. Am Anfang des Dreißigjährigen Kriegs stand der Prager Fenstersturz, am Anfang der Französischen Revolution der Sturm auf die Bastille und am Anfang des Ersten Weltkriegs die Ermordung des Habsburgischen Thronfolgers. Gedichte, Dramen oder Romane über diese Ereignisse im strengen Sinn blieben vergleichsweise spärlich.
Der historischen Durchschlagskraft politischer Ereignisse stand die Literatur oft misstrauisch gegenüber; nicht, weil sie politisch desinteressiert gewesen wäre, sondern weil sie lange vor den 68ern erkannt hatte, dass das Private politisch ist. Mehr als das Ereignis bekümmerten sie die Konsequenzen, die dieses für das alltägliche Leben zeitigte – oder auch gerade nicht zu zeitigen schien.
Gehört es nicht zu den irritierendsten Erfahrungen der letzten Jahre, dass trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine, der unzumutbaren Wiederwahl Donald Trumps oder der schier endlosen Terrorakte und Kriege im Nahen Osten unser Alltag zumindest vordergründig oder auch nur vorläufig von all dem unbehelligt geblieben ist? Vom Einkaufen, Putzen oder von angesagten Leibesertüchtigungen haben diese Ereignisse die wenigsten abgehalten, und in den Kriegs- und Krisengebieten selbst kann die Aufrechterhaltung des Alltags sogar zum Akt des Widerstands avancieren. Es dürfte auch die Fassungslosigkeit ob dieser Schieflage gewesen sein, die Kafka in seiner berühmten Tagebuchnotiz sowohl festgeschrieben als auch versteckt hat. Seine »Schwimmschule« birgt jedenfalls eine Mixtur aus Skepsis, Ratlosigkeit und Trotz, die für die Haltung der literarischen Tradition politischen Ereignissen gegenüber alles andere als untypisch ist. Die Literatur schwimmt, wo alle anderen strammstehen.
»Die Literatur schwimmt, wo alle anderen strammstehen.«
Politische Ereignisse werden in aller Regel erst nachträglich zu solchen ausgerufen. In ihnen werden soziale Energien zu Bildern oder Geschichten komprimiert, die meist den Interessen bestimmter gesellschaftlicher Machtzentren dienen. Der Sturm auf die Bastille dürfte am 14. Juli 1789 zunächst kaum mehr als ein Sturm im Wasserglas gewesen sein. Ikonisch für die Initialzündung einer nationalen gesellschaftlichen Selbstbefreiung wurde er erst im Lauf der Zeit und bis in die unmittelbare Gegenwart hinein. Von Erzählungen, Paraden und Reden über Gemälde, Lehrbücher und Filme bis hin zu Blaskapellen und Flugshows waren ganze Medienverbünde hieran beteiligt.
Selbstverständlich kann Literatur an pathetischen Aufbereitungen politischer Ereignisse auch teilhaben und sie sogar maßgeblich zu generieren versuchen. Legendär bleibt Goethes Diktum zur Kanonade von Valmy aus dem Ersten Koalitionskrieg gegen die französische Revolutionsarmee von 1792: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Nachweisen lässt sich der Satz erst in Goethes Memoiren von 1820, gesprochen hat er ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nie, schon gar nicht am Tag der Kanonade. Es handelt sich demnach nicht um einen historischen, sondern um einen literarischen Satz, der ereignisbildend wirken wollte.
Literarische Texte setzen jedoch öfter dort ein, wo mediale und politische Inszenierungen des Ereignisses als intellektuell oder moralisch ungenügend empfunden werden. Die Geschichte wird von Siegern geschrieben und die Literatur hat eine notorische Schwäche für Verlierer. Auch und gerade für solche, die sich einmal auf der Siegerseite wähnten.
Ablesen lässt sich dies etwa an Georg Büchners 1835 verfasstem Theaterstück »Dantons Tod«. Er lenkt den Fokus von politischen Großereignissen der Französischen Revolution konsequent ab und führt vor, wie ihre Handlungsmacht den revolutionären Akteuren zusehends entgleitet und nicht mehr der Mensch, sondern der sich verselbständigende Apparat der Guillotine die Herrschaft in einer Geschichte antritt, die einst so verheißungsvoll begonnen hatte. An die Stelle singulärer Ereignisse tritt die endlose Monotonie der Selbstabschlachtung. Und dennoch wäre nichts irriger, als Büchners Stück für ein politisch reaktionäres literarisches Dokument über die Französische Revolution zu halten. Den Blick für mögliche Restbestände von Freiheit und Selbstbestimmung hält sein Drama zwar zaghaft, aber doch konsequent offen, so lädiert sich diese in Anbetracht eines völlig sinnlosen Blutvergießens auch ausnehmen mögen.
Blinde Flecken in der Literatur
Auch in der jüngeren Geschichte blieb die Literatur angesichts ikonisch gewordener politischer Großereignisse meist verhalten.
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