Der Bereich der Kriminalliteratur ist wenig erforscht, schon gar nicht hinsichtlich der Erkundung von Wirklichkeit und gegebener Wertorientierungen. Das scheint verständlich. Liest man sie doch der Unterhaltung halber. Doch erschöpft sich darin die Wirkung oder ist nicht auch anderes, »nebenher« Geliefertes von Bedeutung? Und wie wäre das zu bewerten? Welches Bild der Wirklichkeit wird unterschwellig oder ganz direkt vermittelt? Geschichten über Verbrechen lassen sich bis in die Antike hinein und vielleicht noch weiter zurück finden. Selbst in den Heiligen Schriften finden sie sich. Kain erschlägt seinen Bruder Abel und Gott klären dies Verbrechen auf.
Eigenständiger Literaturzweig und große Nachfrage
Erst seit dem 19. Jahrhundert aber ist es ein eigenständiger Literaturzweig, in dem die Aufklärung des Verbrechens im Mittelpunkt steht. Nicht nur Eigenständigkeit, sondern auch überaus große Nachfrage sind dessen Merkmal. Das Publikum schätzt das »literarische Kreuzworträtsel«, möchte selbst mitkombinieren und mitfiebern. Das Denken in Zusammenhängen wird gefördert und niemand ist wegen seiner gesellschaftlichen Stellung sicher davor, in den Kreis der Verdächtigen zu geraten, entlarvt und seiner gerechten Strafe zugeführt zu werden, sofern er oder sie sich tatsächlich als kriminell erweist. Es ist möglich, objektiv zu urteilen, sagen diese Geschichten. Es gibt schließlich logisches Denken und naturwissenschaftliche Methoden der Ermittlung, mittels derer sich die Glaubhaftigkeit von Indizien, Alibis und der Aussagen von Geschehnissen bezeugenden Personen überprüfen lassen.
Nach dem Erzwingen von Geständnissen unter Folter oder allein durch interessegeleitete missliebige Aussagen ebenso wie der Unantastbarkeit von Würdenträgern in feudalen Gesellschaften ist dies ein ungeheurer Fortschritt und: Das Kombinieren macht Spaß. Arthur Conan Doyle darf seinen Sherlock Holmes nicht sterben lassen, ruft es, er lässt dafür seine geliebten Historienschilderungen fallen. Die Figur des unbestechlichen Detektivs fasziniert.
Alle brauchen Geld. Viel Geld
Das Miträtseln, das befriedigende Gefühl, selbst die Verstrickungen in den Fall an der Seite der Detektivfiguren auflösen zu können, ist seither eine nicht zu unterschätzende Ingredienz dieses Erzählens. Ebenso wie das vorurteilsfreie Herangehen bei der Aufklärung. Wer hat ein Interesse daran, jemanden loswerden zu wollen? Das häufigste Motiv: Geld, viel Geld natürlich. Alle brauchen Geld.
Nur der Detektiv ermittelt unangefochten von niederen Trieben, ist ein in Alter, Auftreten und Charakter ein für allemal festgeschriebenes Wesen. Das gilt auch für die Heldinnen der Krimis von Agatha Christies Miss Marple, gilt allerdings nicht mehr für die Neuzeit. Bürgerlich rechtschaffene Polizisten nach Art von Georges Simenons Kommissar Maigret sind weiterhin präsent. Doch nun haben in den allermeisten Fällen auch die Ermittelnden ihre persönliche Geschichte. Sogar korrupte Polizeibeamte geraten ins Visier. Und nicht bestechliche Ermittler kranken an der Wirklichkeit wie etwa in den Romanen des schwedischen Erfolgsduos Maj Sjöwall und Per Wahlöö.
Milieustudien zum Leben der »kleinen Leute«
Für die Kriminalromane deutscher Sprache gilt noch etwas Besonderes. Schon der Namensgeber des Glauser-Preises, des berühmtesten und von Kriminalliteratur Schaffenden selbst verliehenen größten europäischen Krimi-Gegenwarts-Preises, der Schweizer Friedrich Glauser hatte in seinen Krimis um den Wachtmeister Studer Milieustudien zum Leben der »kleinen« Leute, ihrer Armut, ihrer Sorgen und Nöte geliefert, unter denen auch er selbst litt.
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kreierten Pieke Biermann, -ky (Hoerst Bosetzky), Fred Breinersdorfer und andere den Sozio-Krimi. Damit knüpfte man an Glausers Wirken und an die deutsche Verbrechenserzählung des 18./19. Jahrhunderts an. Die Aufklärung verbrecherischen Handelns verband sich mit der Frage, was den jeweiligen Menschen entwurzelt hatte, wie es etwa in Friedrich Schillers »Verbrecher aus verlorener Ehre« geschildert worden war. Man wollte auf soziale Problemlagen in der eigenen Gesellschaft aufmerksam machen und nutzte dazu die erfolgreiche Krimi-Sparte.
Kriminalliteratur in der DDR
Dieses Herangehen prägte in den 70ern auch Kriminalliterarisches in der DDR. Dafür stehen Namen wie Tom Wittgen (Ingeburg Siebenstädt), die nach 1989 als Krimi-Queen des Ostens bezeichnete Autorin, Jan Eik (Helmut Eikermann), Gert Prokop, in den 80er Jahren dann Hartmut Mechtel und andere. Als literarisches und filmisches Ventil geduldet oder sogar erwünscht wurden sie von der Literaturwissenschaft kaum beachtet.
»Die idealen Detektivfiguren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum waren willkommen.«
Es war nicht wünschenswert, wenn darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Karrierismus und Konsumstreben als häufigste Ursachen auftraten – das waren schließlich Auswüchse der kapitalistischen Ordnung und überhaupt bürgerliche Begriffe, an deren Verwendung sich bereits die Unwissenschaftlichkeit einer Arbeit zeigte. Aber die Bücher selbst wurden gebraucht und die Tradition der ursprünglich zunächst aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammenden idealen Detektivfiguren war willkommen und gab ja auch im Literarischen einiges her, war geeignet, Spannung und Spaß zu verstärken.
Der Buchmarkt der DDR war auf eigene Produktion angewiesen. Krimis zählten durchaus zur Bückware. Valuta zum Ankauf hatten die DDR-Verlage in sehr begrenzter Zahl. Es war die Zeit der Neuen Ostpolitik Willy Brandts. Wandel durch Annäherung. Für die deutsche Krimi-Welt bedeutete das auch Kooperation von Krimi-Vereinigungen. Das 1986 wenige Jahre nach dem Aktiv Kriminalliteratur (Ost) entstandene Syndikat (West), man war sich nicht unbekannt, traf sich auch im A.I.E.P. (Association Internacional de Escritores Policiacos, eine internationale Krimi-Vereinigung, von Paco Ignacio Taibo II und Julian Semjonow ebenfalls 1986 auf Kuba gegründet).
Man trat in geistigen Austausch und 1990 war man im nun gesamtdeutschen Syndikat gleichberechtigt vereint. Man schaute genau hin und kannte einander, versuchte gemeinsam, der eigenen Gattung Anerkennung zu verschaffen, traf sich mit Kriminalbeamten, um selbst Entwicklungen in der Verbrechensbekämpfung auf der Spur zu bleiben.
Wirklichkeit und Krimi heute
Der Hamburger Rowohlt-Verlag (rororo-Krimi-Reihe) trat in Kooperation mit dem Ost-Berliner Verlag Das Neue Berlin. Dadurch konnte der Kreis des Erscheinenden erweitert werden. In der DIE (Delikte-Indizien-Ermittlungen) -Reihe wurden in- und ausländische Krimis in einer Erstauflage von 100.000 und in Nachauflagen von jeweils 60.000 Exemplaren ediert. Die Konkurrenz hat sich seither vervielfacht, die Auflagenhöhen sind allgemein stark geschrumpft. Es sind keinesfalls weniger Krimis auf den Ladentischen vorfindbar, es sind ungemein viel mehr Autoren und Autorinnen geworden, die auf dieser Strecke publizieren. Das sei an einer Zahl verdeutlicht: 2004 wurden für den Glauser-Roman-Preis – es gibt neben dem Roman-Glauser mittlerweile auch noch den für Kinder- und Jugendkrimis und den für Kurzgeschichten des Genres – um die 200 Bücher eingereicht, 2023 ging die Zahl der von den Verlagen für preisverdächtig gehaltenen und deshalb bei der Roman-Jury eingereichten Bücher gegen 500.
Es lohnt einmal darauf zu schauen, was sich inhaltlich im Format des Kriminalromans in jüngerer Zeit getan hat. Welche Themen werden angegangen? Und wie nähert man sich diesen? Was könnte das über uns und unsere Wirklichkeit aussagen. Blättert man den Jahrgang 2023 auf, so fällt zunächst einmal die Vielfalt an unterschiedlichsten Schauplätzen, Tatorten, Kriminellen, Opfern, Detektivfiguren und Delikten auf. Herauszufinden, wer was wann, wo, womit, warum und wie getan hat, die großen sieben W des Journalismus, sind in jedem dieser Kriminalromane auf den konkreten Fall bezogen zu beantworten. Und das ist in etlichen verbunden mit dem Erkunden sozialer Milieus und gesellschaftlichen Alltags im jeweiligen Land.
Das Spektrum reicht vom Kalten Krieg, über Rechtsextremismus bis zu Genderfragen.
Krimis des auf Island lebenden Schweizer Autors Joachim B. Schmidt ranken sich um die Figur des »Sheriffs« Kallmann, Sohn einer alleinerziehenden Isländerin und eines amerikanischen Farmers, und thematisieren Konflikte, die bis in die Zeit des Kalten Krieges zurückreichen und Spuren in der Landschaft hinterlassen. Mit rechtsextremistischen Haltungen und Handlungen setzte und setzt man sich in der Kriminalliteratur auseinander (Horst Eckert u.a.). und lässt dabei auch die Arbeit der Polizei nicht außen vor. Verbrechen der NSU wurden von ihm und anderen durchleuchtet. Auch die Gender-Thematik ist in sehr vielen Krimis präsent, augenzwinkernd humorvoll bei der österreichischen Autorin Sabine Kunz mit ihrer als migrantischen Putztruppe getarnten Detektei.
Oder wie beim österreichischen Autor Andreas Gruber in Thrillern um den sächsischen Ermittler Andreas Gruber, der zusammen mit der Wiener Anwältin Evelyn Meyers einen Mord an der Wiener Chirurgin Aleyna Al-Rashid aufklärt. Behindert deren anreisende arabische Familie ihn dabei oder hilft sie ihm? Und was ist mit den Podcasts zum Mord? Historische Kriminalromane wiederum geben ungewohnte Einblicke, wenn sie etwa von frisch gebackenen Kommissarinnen unter den Bedingungen von Besatzung und Nachkriegszeit und von während der Weimarer Republik mit verschiedenen politischen Strömungen des linken Lagers konfrontierten Journalistinnen erzählen oder vom Kampf um Mitbestimmung während der Kaiserzeit, im Mittelalter und noch davor.
Die Sisters in Crime (internationale Autorinnen-Vereinigung) sorgen dafür, dass das Feminismus-Thema in Literatur und Leben präsent bleibt. Auch die deutschsprachige Sektion ist aktiv. Dem Charakter des zeitgenössischen Krimis gemäß werden auch die Gefahren mit Künstlicher Intelligenz verbundener Entwicklungen ins Bild gesetzt. Karl Olsberg, der selbst über Künstliche Intelligenz promoviert hat, macht in seinen Thrillern darauf aufmerksam, welcher Gefahr wir ausgesetzt sind, wenn KI-Programme unausgereift in Produktion gehen und rückt dabei Probleme Heranwachsender ins Bild.
Die jährliche »Criminale«
Das Syndikat trifft sich jedes Jahr in einer anderen Stadt zur »Criminale«. Dort informiert man sich über Entwicklungen in der Welt des Verbrechens und der Aufklärung, erfuhr beispielswese 2008 in Wien, wie einem österreichischen Oberst der Kriminalpolizei nach gelungener Ermittlung gegen die organisierte Kriminalität vor Gericht organisierte Zeugen präsentiert wurden und er daheim die Wohnungstür eingetreten vorfand. Die Welt des Verbrechens sucht die Aufklärung zu behindern und nutzt dabei auch Mittel modernster Technik.
So viele Morde wie in der Literatur gibt es in der hiesigen Wirklichkeit nicht. Doch das, was die Kriminalliteratur insgesamt zur Sprache bringt, ist ernst zu nehmen. In Zeiten von medialer Reizüberflutung, abnehmender direkter Kommunikation, digitaler Fälschungen wird es immer wichtiger, in Zusammenhängen zu denken, genau hinzuschauen, offen für andere und anderes zu bleiben und Entwicklungen zu erkennen, aber nicht wie das Kaninchen auf die Schlange gebannt darauf zu starren, sondern kreativ zu bleiben.
Die deutschsprachige Kriminalliteratur kann heilsam sein. Im Umgang mit Sprache und Kommunikation, im Offenlegen von Konfliktpotenzial. Heitere Krimis von Ingrid Noll, Sabine Kunz und anderen, auch in Art von Western, sind sehr begehrt. Vielleicht fehlt gerade dieses Element im Leben, sich selbst auf die Schippe nehmen zu können.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!