Ein verträgliches CO2-Budget pro Mensch liegt bei ca. 2,5 Tonnen im Jahr. Der durchschnittliche Ausstoß in Deutschland beträgt zehn Tonnen. Dabei stößt ein Flug von Hamburg nach Mallorca 625 kg CO2 aus und ein Flug von Hamburg nach New York schon fast zwei Tonnen. Und diese Strecke musst Du dann ja auch noch wieder zurückfliegen. Flugscham ist also durchaus angebracht, zumal auch nur etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung jemals geflogen ist. Davon übrigens die meisten aus den Industrie-ländern, die mit ihrer Stromerzeugung schon für den größten Anteil CO2 in der Atmosphäre verantwortlich sind.
»Die von den Vereinten Nationen festgelegte Grenze der Erderwärmung (bis 2100 maximal zwei Grad) werden wir vermutlich schon 2050 erreichen.«
Nur weil etwas möglich ist, ist es noch lange nicht richtig. Fliegen ist für viele Menschen finanziell nicht möglich und oft treffen die Auswirkungen genau diese. Die von den Vereinten Nationen festgelegte Grenze der Erderwärmung (bis 2100 auf maximal zwei Grad Celsius) werden wir vermutlich schon 2050 erreichen. Der Verkehrssektor, zu dem auch das Fliegen zählt, verfehlt in Deutschland regelmäßig seine Ziele.
Wer denkt, zwei Grad sind ja nicht viel, sollte einmal auf die Eiszeit zurückblicken. Dort war die Erdtemperatur ca. drei Grad kühler und Europa lag unter einer Kilometerdicken Eisschicht. Umgekehrt würde das bedeuten, dass es bei zunehmender Hitze weniger regnet, gleichzeitig werden sich Katastrophen wie im Ahrtal häufen, da sich der Regen punktuell entlädt. Große Teile südlich des Äquators werden unbewohnbar, weil dort tagsüber 50 Grad plus zur Regel wird. Wer fliegt, zahlt genau auf dieses Szenario ein.
Das ist die harte Wahrheit. Auch wenn Fliegen nicht der einzige Faktor ist, so ist er aber ein nicht lebensnotwendiger. Unsere Großeltern konnten in ihrer Jugend in der Regel nicht in den Urlaub fliegen, sondern waren mit Fahrrädern, der Bahn oder mit dem Auto unterwegs. Und heute sind all diese Möglichkeiten noch besser ausgebaut und verfügbar.
Ich will niemandem den Urlaub vermiesen, aber darauf hinweisen, was für katastrophale Auswirkungen er für genau die Ziele hat, die wir so oft und gerne besuchen. Natürlich ist es cool, durch New York zu laufen und ein Roadtrip durch Australien zu machen, aber klimatisch können wir es uns nicht mehr leisten. Auch wenn uns das nicht gefällt. Wenn der Artikel Wut auslöst, kann ich das verstehen, es ist genau dieselbe Wut, die ich empfinde, wenn ein Junggesellenabschied aus Spaß nach Griechenland fliegt, der innerdeutsche Flug versucht wird, damit zu rechtfertigen, man hätte dann mehr Zeit mit der Freundin, oder man sich den Flug und die Kreuzfahrt in die Karibik hart erarbeitet habe. All das belastet das Klima zusätzlich. Das eigene Erlebnis, der eigene Spaß wird über das Wohl aller gestellt.
Zudem sind viele Reiseziele massiv vom menschengemachten Klimawandel betroffen. Steigt der Meeresspiegel in dem aktuellen Tempo an, werden ca. 80 Prozent der Malediven oder der Seychellen bis 2050 verschwunden sein. Durch die steigende CO2-Konzentration in den Meeren sind bereits jetzt 25 Prozent aller Korallenriffe gestorben und weitere stark geschwächt. Ein Tauchgang am berühmten Great Barrierreef würde dann eher dem Schwimmen in einem Friedhof gleichen als einer farbenfrohen Exkursion. Hitzewellen in Spanien und Portugal von über 40 Grad werden für einen Sommerurlaub eher uninteressant werden. Und auch der so geschätzte deutsche Vorgarten wird im Sommer nur schwer grün bleiben.
Dabei können wir einen schönen Urlaub auch mit der Bahn, dem Auto oder mit dem Fahrrad verbringen. Auch Deutschland hat Strand und Küste, die Weltstädte Paris, London, Brüssel oder Prag sind mit dem Zug in einem Tag erreichbar und schaffen gerade in Zeiten von Krisen eine europäische Stabilität. Wer Buy European unterstützt, hat auch Freude am europäischen Urlaub. Ein Interrailticket kostet auch nicht mehr als ein Flug und zahlt auf das Ziel ein, die Bahn zu stärken.
Gerade in der aktuellen Situation mit dem Angriff der USA auf den Iran, ist überall das Öl teuer und Kerosin knapp. Experten gehen davon aus, dass die weltweiten Kerosinreserven nur noch ein paar Monate reichen. So hat die Lufthansa 120 Flüge am Tag im Monat Mai gestrichen. Bei internationalen Airlines sieht es nicht anders aus. Gerade Länder in Asien sind stark vom Öl abhängig, das durch die Straße von Hormus kommt, und keine Airline fliegt in Länder, die nicht genug Kerosin besitzen um die Rückflüge sicherzustellen. So schützt der Verzicht auf das Fliegen nicht nur das Klima, sondern auch die Lieferketten, die vom Flugverkehr abhängig sind.
Zwischen dem Flugzeug und der Bahn geht es eh nicht fair zu. So gibt es Steuerbefreiungen für Kerosin, für den Strom der Bahn aber nicht. Die Mehrwertsteuer für internationale Flüge fällt weg, wird aber auf jedes Bahnticket erhoben. Alleine in der EU werden jedes Jahr 27 Milliarden Euro an Subventionen auf fossile Brennstoffe gezahlt. Das entspricht dem doppelten des Jahresbudgets des UN-Flüchtlingshilfswerks, welches Menschen auf der ganzen Welt immer schwieriger mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen kann. Wollen wir, dass man ein gesundheitsschädliches Produkt so stark subventioniert, während gesunde Produkte verteuert werden?
»Sich aktiv gegen das Fliegen zu entscheiden, könnte auch zeigen, welche Werte wir als Gesellschaft vertreten.«
Sich aktiv gegen das Fliegen zu entscheiden, könnte auch zeigen, welche Werte wir als Gesellschaft vertreten. Wollen wir unsere Nachbarn kennenlernen oder zieht uns das aktuelle Fernweh in eine schlimmere Klimakatastrophe? Verzichten wir heute aktiv auf Luxus, damit die nachfolgenden Generationen ebenfalls einen lebenswerten Planeten haben? Genau diese Verhandlungen über gemeinsame Werte können zu mehr Akzeptanz und einer neuen Gemeinschaft führen. Denn in Deutschland möchten nach Umfragen 55 Prozent der Menschen, dass die Politik mehr für den Klimaschutz tut, 18 Prozent sind der Meinung, es sei genug und vier Prozent machen keine Angaben.
Dabei geht es aber um einen sozialverträglichen Klimaschutz, der alle Menschen und ihre Ressourcen im Auge behält. Für mich ist der einfachste Weg, meinen Ressourcenverbrauch zu reduzieren und so meinen Beitrag zu leisten. Anstatt zu fragen, »Wieso darf ich nicht mehr fliegen?« sollte die Frage lauten: »Warum dürfen wir eigentlich so schädlich für unsere Umwelt und uns selbst leben?« Eine weitere Realitätsüberprüfung würde zu der Einsicht führen, dass wir gar nicht lange genug leben, um jedes Reiseziel der Welt zu erreichen. Denn man müsste schon von der Geburt an jedes Jahr zwei Länder bereisen, um im Alter von 100 auf die Liste mit allen abgehakten Zielen zu blicken.
Klimafreundlich reisen, wie geht das?
Wenn Fliegen besser für das Klima werden soll, brauchen wir die Unterstützung von Biokerosin auf großer politischer Ebene, viel weniger Inlandsflüge und auch Flüge innerhalb Europas, die innerhalb eines Tages auch mit dem Zug gut erreichbar sind, müssen wegfallen. So schaffen wir es, die CO2-Reduktion schnell voranzutreiben. Schreibe dafür Deinen Abgeordneten auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene, unterstütze Organisationen, die dieses Thema voranbringen und investiere in Unternehmen, die ihre Kapazitäten in dieser Richtung ausbauen. Vielleicht können wir dann in 20 Jahren ohne CO2-Ausstoß fliegen und wieder all die fernen Reiseziele erkunden, die uns in Dokumentationen zum Fliegen animieren.
Auch Unternehmen sollten hier mit an Bord kommen und z. B. mehr Urlaubstage für klimafreundliches, aber längeres Reisen bereitstellen. So macht es z. B. die Genossenschaft Weiberwirtschaft in Berlin. Wer mit dem Zug in den Urlaub fährt, erhält drei Tage extra. Ein weiteres Beispiel ist das Verlagshaus Gutekunst, welches mit ihren No-Flight-Dates die längere Anreise kompensieren will. Zwei Beispiele, die wirken. Warum sollte man also nicht versuchen, seinen Arbeitgeber davon zu überzeugen, es den beiden Unternehmen gleichzutun und das klimafreundliche Reisen zu unterstützen.
Die Debatte ist eine sehr schwierige. Denn es geht um Einschränkungen der persönlichen Freiheit, die niemand gerne hat. Aber was ist die Lösung? Weitermachen wie bisher kann keine Option sein. Wenn man auch im Alter auf einer intakten Erde leben möchte, die klimatisch nicht heißer geworden ist, muss man Einfluss nehmen: auf die Politik, auf die Unternehmen, in denen wir arbeiten und auf unseren privaten Ausstoß. Und wir müssen darüber erzählen. Darüber, was es bringt, wenn wir auf das Fliegen verzichten, darüber, welche Werte wir damit vertreten und was wir zusammen erreichen können. Als ein gesellschaftliches Ziel, nicht als Bürde und Einschränkung, sollte der Kampf gegen den Klimawandel, gegen die steigende Hitze auf unserer Erde gesehen werden. Es geht jetzt um jedes Zehntel Grad und da hilft jeder nicht gemachte Flug mit.

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