Im Jahr 2025 feiert Frankfurt den 100. Geburtstag Hilmar Hoffmanns, der als Kulturdezernent der Stadt von 1970 bis 1990 seinen Stempel aufdrückte. Seine Vision einer »Kultur für alle« prägt die Stadt am Main bis heute. Das Museumsufer, Hoffmanns sichtbarstes politisches Erbe, ist bis heute ein Publikumsmagnet weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Er etablierte zudem die Förderung der freien Theater- und Musikszene, setzte sich für eine Verbreiterung des kulturellen Angebots ein und initiierte die Gründung zahlreicher neuer kultureller Institutionen. 35 Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit sind die Ideen Hilmar Hoffmans nach wie vor aktuell. Gleichzeitig gilt es, sie einer völlig veränderten politischen und gesellschaftlichen Realität anzupassen und weiterzuentwickeln.
Erweiterter Kulturbegriff
So ist die Bevölkerung seit 1990 um mehr als 130.000 Menschen gewachsen und die kulturellen Prägungen der Bürgerinnen und Bürger haben sich erheblich diversifiziert, wie in vielen deutschen Großstädten. Frankfurt verkörpert exemplarisch kulturelle Vielfalt und erfolgreiche Migrationsbiografien. Ein Kulturangebot, das sich ausdrücklich an die Gesamtheit der Stadtbevölkerung richtet, muss dieser Entwicklung Rechnung tragen, etwa durch die Erweiterung der Angebote, aber auch durch die Erweiterung des Kulturbegriffs.
Dies ist in den vergangenen Jahren bereits an vielen Stellen geschehen. So fragt etwa das Historische Museum mit seinem innovativen »Stadtlabor« explizit nach den Erfahrungen der Frankfurterinnen und Frankfurter, die in der Stadtgeschichtsschreibung bislang unterrepräsentiert sind. Die Städtischen Bühnen, lange als Symbol von Hochkultur für viele keine Option der Abendgestaltung, richten sich mit eigenen Formaten besonders an junge Menschen und öffnen ihre Häuser zusehends. Und auch die Clubkultur ist heute ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt Frankfurt, die mit öffentlichen Geldern unterstützt wird, ebenso wie die Eröffnung eines Museums für elektronische Musik an der Hauptwache im Stadtzentrum – zu Hilmar Hoffmanns Zeiten noch nicht vorstellbar.
»Auch die Clubkultur ist heute Bestandteil des kulturellen Lebens.«
Damals wie heute erzeugen dabei öffentliche Investitionen in die Kultur immer auch Widerstand, gerade die Kommunen, die bei dauerhaft knappen Mitteln genau zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Leistungen abwägen, wobei der Kulturetat in letztere Kategorie fällt. Auch wenn Frankfurt in dieser Hinsicht im bundesweiten Vergleich hervorragend dasteht, sind Debatten um entsprechende Einsparungen auch dieser Stadt nicht fremd – in den 90ern ließen sich die Grünen im Römer gar zu der martialischen Forderung »Die Kultur muss bluten!« hinreißen. Tatsächlich fielen diesem Ansatz einige fest im Kulturleben der Stadt etablierte Institutionen, wie das Theater am Turm oder die Ballettsparte der Städtischen Bühnen, zum Opfer.
Kultur macht Stadt attraktiv
Erfreulicherweise setzt sich in den vergangenen Jahren dagegen vermehrt die Sichtweise durch, dass Kultur durchaus auch einen wirtschaftlichen Standortvorteil darstellt: als touristischer Anzugspunkt ebenso wie als Entscheidungskriterium für Firmen sowie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die über einen Umzug in die Stadt nachdenken. Kultur macht die Stadt attraktiv.
Natürlich hat die Betrachtung des kulturellen Lebens durch die ökonomische Brille ihre Grenzen. Zwar gehören auch große kommerzielle Konzerte und vergleichbare Events, die ganze Fußballstadien füllen, zur städtischen Kultur und lösen vermeintlich den Anspruch der »Kultur für alle« für viele Menschen ein. Fatal wäre es aber, daraus den neoliberalen Schluss zu ziehen, Kultur müsse »sich rechnen«. Das heißt, in dem Sinne, dass nur Angebote, die sich finanziell selbst tragen können, eine Existenzberechtigung hätten. Ein vielfältiger Kulturbetrieb ist ohne eine öffentliche Förderung undenkbar. Sie garantiert letztlich die Freiheit der Kunst, indem sie ihre Urheberinnen und Urheber ein Stück weit kommerziellen Zwängen enthebt. Eine Kultur, die sich auf reine Unterhaltungsindustrie reduziert, könnte vielleicht weiterhin eine üppige Zahl von Menschen ansprechen, wäre aber weit entfernt von dem Anspruch einer Kultur für alle – vor allem in einer Stadt, in der die kritische Theorie zu den traditionellen Fundamenten gehört.
Die Rechten »kapern« den Kulturbegriff
Abgesehen davon ist das kulturelle Leben in unserer Gegenwart von enormer politischer Bedeutung. Die erstarkte politische Rechte hat nicht nur in Deutschland erkannt, welche Wirkung sie aus einer Vereinnahmung oder Skandalisierung von Diskursen auf diesem Feld ziehen kann. Der Begriff »Kulturkampf«, lange verbunden mit Bismarcks Kampagne gegen die katholische Kirche im 19. Jahrhundert, hat erneut Aktualität gewonnen. Rechtsextremisten wollen die Uhr der Zivilisation zurückzudrehen und träumen von einer ethnisch homogenen, einer völkischen Gesellschaft. Sie glauben, dass nur bestimmte künstlerische Ausdrucksformen die Gesellschaft repräsentieren und öffentliche Anerkennung verdienen. Solche Vorstellungen wecken Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der menschlichen Geschichte. Ebenso, wenn in Kommunalparlamenten die Nationalitäten der Schauspielerinnen und Schauspieler an städtischen Theatern abgefragt werden oder gegen das UNESCO-Welterbe des Bauhaus' pauschal als »Irrweg der Moderne« polemisiert wird. Die abstrakten Werte Demokratie und Meinungsfreiheit werden im kulturellen Leben angegriffen – aber auch verteidigt.
»Das kulturelle Leben ist heute von enormer politischer Bedeutung.«
Angesichts der großen Verantwortung, die damit einhergeht, ist es von zentraler Bedeutung, diese Aufgabe nicht naiv wahrzunehmen. So bestätigen wir als kulturpolitisch Verantwortliche uns in Sonntagsreden gern selbst, beschwören die Bedeutung besonders der Kunst- und Meinungsfreiheit für den Erhalt der pluralistischen Demokratie. Natürlich zu Recht: Die genannten Rechte sind zweifellos elementare Werte unserer Demokratie. Es entspricht unserem Selbstverständnis und ist an zentraler Stelle im Grundgesetz verankert, dass wir es kategorisch ausschließen, Menschen wegen ihrer politischen Meinung zu verfolgen oder ihnen die Verbreitung von ihnen gefertigter Kunstwerke zu verbieten.
Doch diese Aufrufe zur Meinungsfreiheit in der Demokratie drohen ins Leere zu laufen, wenn sie nicht die damit verbundenen Ambivalenzen thematisieren. Meinungsfreiheit deckt in vielen Fällen leider auch Hass und Hetze. Es gibt Bücher, die man sehr wohl als böse bezeichnen kann, ja muss; es gibt unerträgliche politische Artikel und Aufsätze, die hasserfüllt sind und gleichwohl publiziert werden und viele Menschen in ihren Bann ziehen.
Genau an dieser Stelle müssen die demokratischen Kräfte in Kunst und Kultur den Kommunikationswettbewerb aufnehmen und ihre rhetorischen Waffen schärfen, um diesen »Meinungen« etwas entgegenzusetzen. Es gilt für die eigenen Überzeugungen einzustehen und für eine Vision wie die »Kultur für alle« zu werben. Es reicht dabei nicht aus, die Gegenseite als antidemokratisch und damit politisch nicht satisfaktionsfähig abzutun, so zutreffend das in der Sache auch sein mag.
Die Verantwortung liegt bei der Politik
Dieser Punkt ist mir wichtig: Keinesfalls sollte in dieser Situation die Verantwortung der Politik auf die Kulturverwaltungen abgeladen werden. Entsprechende Ideen, Förderrichtlinien so anzupassen, dass alle Künstlerinnen und Künstler, die irgendjemandem als politisch verdächtig erscheinen, pauschal von öffentlichen Geldern ausgeschlossen werden, machen ja längst die Runde. Es ist selbstverständlich, dass keine Projekte oder Personen eine öffentliche Förderung erhalten, die sich gegen das Grundgesetz oder die universellen Menschenrechte aussprechen, Volksverhetzung, eine Relativierung des Holocausts oder ähnliches vorhaben. Entsprechende Passagen finden sich zu Recht in den Kulturförderungsrichtlinien der allermeisten Städte und Kommunen. Wenn es jedoch in einem Einzelfall dennoch einmal angebracht sein sollte, eine rote Linie zu definieren, muss die Politik entscheiden, nicht die Verwaltung.
Der Diskurs um diese Fragen muss allerdings öffentlich geführt werden, in differenzierter und der Sache angemessener Form. Dabei steht nicht nur viel auf dem Spiel, sondern ist auch viel zu gewinnen. Wenn eine kulturpolitische Vision, die den Werten der Kultur für alle verpflichtet ist und diese in eine zeitgemäße Ausformung überträgt, auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens bauen kann, ist sie nicht nur ein Bollwerk gegen politische Extremisten, sondern auch ein identitätsstiftender Anker in dynamischen Zeiten.


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