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Ein Gespräch mit Marion Ackermann über Kunstfreiheit und Nofretetes Zukunft »Kunst hat eine positive Wirkung auf die menschliche Psyche«

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), deren Präsidentin Marion Ackermann ist, ist der bedeutendste Kulturverbund in Deutschland. Umbrüche der letzten Jahrzehnte verlangen neue Antworten von den Kultureinrichtungen. Die SPK-Präsidentin spricht über internationale Vernetzung, Verantwortung, Rückgaben und neue Schwerpunkte. Die Fragen für die NG/FH stellte Klaus-Jürgen Scherer.

NG/FH: Frau Ackermann, Sie sind seit Juni 2025 im Amt, erleben Sie, dass die SPK wirklich in der Liga des MoMA oder Louvres spielt?

Marion Ackermann: Ja, die SPK ist sogar noch größer als MoMA und Louvre, aber die Einrichtungen sind eben nicht unter einem physischen Dach konzen­triert, sondern an verschiedenen Standorten in Berlin. Zu uns gehören 21 Museen, sowie Bibliotheken, Archive und mehrere Forschungsinstitute. Also, die Stiftung ist gigantisch, es ist die größte deutsche Kultureinrichtung außer dem Goethe-Institut, das aber mehr im Ausland tätig ist.

Was die SPK bewahrt und veranstaltet, ist ein großer Touristenmagnet. Doch wie sieht das im internationalen Vergleich aus, kann Berlin mit der Bedeutung von New York, Paris oder London mithalten?

Von der Bedeutung der Sammlungen her auf jeden Fall. Aber manchmal würde man sich noch mehr Besucherströme wünschen. Die sind aber immer von vielen Faktoren abhängig, nicht nur von der Qualität der Ausstellungen. Es geht zum Beispiel auch darum, wie gute Flugverbindungen es in eine Stadt gibt, oder gar um die weltpolitische Lage. Das hatten wir nicht nur in Dresden hart erfahren, als plötzlich Besucherinnen und Besucher aus Russland und China, die dort 50 Prozent des internationalen Publikums ausmachten, nicht mehr da waren. Immerhin hat sich seit der Pandemie der nationale Binnentourismus stark erhöht. Und es gibt einen Trend von Groß- zu Kleingruppen.

Wie steht es um die Finanzausstattung? Der Rat der Künste sagte zu den empfindlichen Kürzungen des Landeskulturetats, »der kulturelle Kern Berlins wird angegriffen« – das gilt doch nicht für die stark durch den Bund finanzierte SPK?

»Die SPK braucht ab 2027 eine andere Grundausstattung.«

Das sagen Sie so. Ich habe da zur Finanzausstattung eine ganz andere Haltung: Es ist wirklich sehr dramatisch! Aber ich bin nicht der Typ, der die ganze Zeit klagen möchte. Wir haben es für dieses Jahr geschafft, unser Defizit durch gute Gespräche mit den Haushältern in der Bereinigungssitzung für 2025 mit zusätzlichen 20,9 Millionen auszugleichen. Doch das kann nicht das Dauerprinzip sein. Unser Ziel ist, dass erkannt wird, dass die SPK ab 2027 eine andere Grundausstattung braucht. Da geht es um die wichtigsten Grundlagen zum Erhalt unseres Kulturerbes! Dafür sind zum Beispiel Investitionen in Gebäude nötig, in Sicherheit. Man muss nur an den Kunstraub im Louvre denken. Manchmal geht es nur um kleine Investitionen, die aber einen großen Effekt hätten. Im Bereich der Sicherheit könnte man etwa mit Investitionen in Technik Personalkosten reduzieren, da prüfen wir gerade alle Möglichkeiten. Und wir könnten mit ein bis zwei Millionen Euro Investitionen 20 Prozent der Energiekosten sparen. Und beim Programm müssen wir dahin kommen, viel mittel- und langfristiger denken zu können, das war bisher nicht möglich.

Sie sagten mal, die SPK sei ein »Global Player«. Gibt es da in der internationalen Museums­szene über die Konkurrenz hinaus viel Kooperation?

Die SPK hat weltweite Verbindungen: Auf Sammlungsebene gibt es kaum ein Land, zu dem wir keine Beziehung haben. Doch wo liegt ein Schwerpunkt in den nächsten Jahren? Da ist an erster Stelle Europa zu nennen. Das »Weimarer Dreieck«, also Frankreich und Polen, ist ganz wichtig, auch Mittelosteuropa. International sind wir willens, auch aufzubrechen in Teile der Welt, wo wir noch nicht gearbeitet haben, etwa in Saudi-Arabien. Oder auch in Länder zu gehen, wo es durchaus wegen illiberaler Systeme kompliziert ist, wir das aber fachlich für wichtig halten. Und natürlich geht es um die Pflege der gewachsenen Beziehungen von den USA über Kanada bis hin zu Oxford.

Zu Europa eine Nachfrage: Europäische Identität ist ja vor allem ein kulturelles Thema, das ist jetzt Schwerpunkt in Berlin-Dahlem?

Ja, das liegt natürlich am dortigen Museum Europäischer Kulturen. Perspektivisch finde ich aber, dass das Ausstellungsprogramm des MEK noch stärker mit dem Humboldt Forum verknüpfen werden muss. Es ist ja nicht mehr zeitgemäß, dass alles außerhalb Europas in ein Haus kommt und die europäische Sammlung in ein anderes. Museen wie das MEK sind sehr wichtig zur Sichtbarmachung der europäischen Idee. So wird jetzt begonnen, die krimtatarische Sammlung Stück für Stück gemeinsam mit ukrainischen Kolleginnen und Kollegen zu erforschen und in einem quasi öffentlichen Prozess sichtbar zu machen.

Das Thema Dekolonialisierung hatte im letzten Jahrzehnt Konjunktur, um Restitutionsfragen ist es nach der Debatte um die Benin-Bronzen ruhiger geworden. Geht es nicht überhaupt um ein anderes Verhältnis zum Globalen Süden?

»Rückgabe allein reicht nicht, wichtig ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.«

Das ist ein sehr komplexes Thema. Wir haben uns da ja in den letzten zwei Jahrzehnten Stück für Stück mit neuen Erkenntnissen vorangearbeitet. Wir begannen bei Provenienzforschung und Restitutionen mit dem Washingtoner Abkommen zu NS-Raubgut. Diese Sachverhalte müssen ganz sachlich erforscht werden und dann Lösungen gefunden werden, Rückgaben sind dabei selbstverständlich. In meiner Dresdner Zeit hatte ich mit DDR-Unrecht zu tun und mit Objekten, die seit dem Zweiten Weltkrieg in irgendwelche anderen Kontexte gelangt sind, das ist wieder ein anderer Fall. Und in dem Bereich des Kolonialen war es für uns zunächst mal ein klarer Schritt zu sagen, »Human Remains« müssen auf jeden Fall zurückgegeben werden; schwieriger wird es schon, wenn es sich um Mischformen hin zu Kunstwerken handelt. Dann gab es natürlich ein paar öffentlich stark diskutierte Fälle wie Benin. Ich war immer der Meinung, dass Rückgabe alleine nicht reicht, sondern daraus eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe erwachsen muss. Schließlich haben sich die Museen sehr verändert. Es gibt in ethnologischen Museen Räume des Gedenkens, des Trauerns und transparenter Restaurierung.

Also wird es weitere Rückgaben geben?

Ja in manchen Fällen ist vollkommen klar, dass es Rückgaben geben muss. In anderen Fällen ist eine Zusammenarbeit an die Stelle dessen getreten, durchaus auch auf Wunsch der Herkunftsgesellschaften. Die Bandbreite der Fälle ist sehr hoch, einmal, weil die Erwerbsumstände vielfältig sind, und dann auch, weil wir mit der ganzen Welt zu tun haben, da gleichen sich natürlich nicht alle Haltungen – es ist also wichtig, dass man sich gemeinsam einer Lösung annähert. Und dafür sind oft jahrelange Gespräche nötig, Zugänglichmachung, Wissen teilen – all das gehört dazu.

Auch die Rückgabe der Nofretete an das wunderbare neue Museum in Kairo?

Die Diskussion um die Nofretete kommt vor allem aus Deutschland und einer kleinen, aber sehr aktiven Gruppe von Privatpersonen in Ägypten. Sie spielte bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung des Grand Egyptian Museums gar keine Rolle. Die Büste ist im Rahmen einer genehmigten Grabung mit anschließender Fundteilung, also auf Basis geltenden Rechts, nach Berlin gekommen. Und es gab auch keinen Betrug dabei, wie so oft fälschlich berichtet wird. Natürlich muss man über die ethischen Fragen immer wieder neu nachdenken. Bei der Nofretete ergeben diese Überlegungen aber derzeit für uns keinen Handlungsbedarf. Es gibt ganz andere Fälle, denen wir uns stellen müssen, wo Kontexte inzwischen als ethisch sehr fragwürdig erscheinen. Da wird es sicher noch einige Gespräche über Rückgaben geben.

Erleben wir in der Präsentation der Sammlungen nicht mittlerweile viel Moralisierung des historischen Kontextes? Es wurde sogar kritisiert, dies könne den ästhetischen Genuss der ausgestellten Kunstwerke stören?

Ich glaube, dass so ein gewisser Schockeffekt zur Sensibilisierung notwendig war. Es ist noch nicht so lange her, da fand ich in den Sammlungen diskriminierende Bildbeschriftungen in Hülle und Fülle. Wenn man da mit ausländischen Gästen durchgegangen ist, hat man doch begonnen, sich zu schämen. Deutschland hat sich vergleichsweise spät den ganzen Themen der Aufarbeitung der eigenen kolonialen Geschichte gestellt. Man war hier zunächst beschäftigt mit der nationalsozialistischen Geschichte, dann der deutsch-deutschen Geschichte und der Wiedervereinigung. Ich bin gegen Hysterie, aber ein gewisses Wachrütteln, was in Amerika als »woke« bezeichnet wird, war vielleicht an ein paar Punkten auch ganz gut. Jetzt kommen wir hoffentlich in ein ruhiges Fahrwasser.

Aber das Unrecht der Kolonialzeit zu thematisieren, darf doch nicht heißen, den Holocaust zu relativieren…

...genau, das ist ja in unserer DNA eingeschrieben, dass es keine relativierenden Vergleiche geben darf.

»Diesen Kulturkampf in den Museen gab es schon immer.«

Unsere Arbeit ist doch immer politisch. Schon als ich in München gearbeitet habe, hatten wir uns historisch mit dem Kulturkampf der 70er Jahre auseinandergesetzt. Es gab eine Zeit, da hat ein Ankauf von Beuys einen ewig währenden Streit ausgelöst. Genauso hatte sich in Stuttgart, als man 1972 das Otto-Dix-Großstadt-Triptychon angekauft hat, der Stadtrat ein Jahr lang gestritten. Es gab diese Zeiten, in denen extrem harte gesellschaftliche Debatten geführt wurden und oft das am Museum arbeitende Personal, also die Direktoren, Kuratoren usw. angegriffen wurden. Vielleicht hatten wir uns in den 80er und 90er Jahren, wo es die großen Blockbusterausstellungen gab, daran gewöhnt, dass die Menschen einfach ins Museum strömen – und sind jetzt überrascht, dass dieser Kulturkampf wieder da ist. Aber es gab ihn schon immer. Ich habe meine Doktorarbeit über Kandinsky geschrieben, habe in den Medienartikeln untersucht, wie er damals beschimpft und diskriminiert worden ist. Also Kunst hat durchaus eine polarisierende Wirkung, was aber erstmal nicht schlimm ist. Die Avantgarde-Bewegung beruht ja sogar darauf, sich vom anderen ganz klar abzusetzen, teils zu verstören und deshalb auch zu polarisieren. Das hat dadurch etwas Wachrüttelndes, was erst einmal positiv ist.

Merkt man auch bei uns in Deutschland, dass sich das kulturelle Klima durch die politischen Erfolge Rechtsaußen ändert?

Was wir in Deutschland, in ganz Europa und auch in Amerika beobachten können, ist, dass eines der ersten Themen, das Rechtspopulisten im Visier haben, die Kultur ist. Da finden zum Beispiel einseitige Interpretationen statt, eine Instrumentalisierung auch, aber es wird auch ein ganzer Berufsstand an sich angezweifelt. Das Vermittlungspersonal zwischen Kultur und Gesellschaft. Und in Amerika sieht man ganz klar, es geht nicht nur um die Verantwortlichen für die Museen, sondern auch um Frauen.

Wieweit sind die Museen auch für die Einheimischen, die Berlinerinnen und Berliner da? Öffnungszeiten, Preispolitik, Museumspädagogik, könnte da nicht vieles besser sein?

Unbedingt, da haben wir einiges vor. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass wir stärker in die Kieze gehen, im Hamburger Bahnhof passiert das zum Beispiel schon. Wir wollen auch noch stärker bestimmte Communities aktivieren. Wir haben jetzt Anfang Februar zwei Ausstellungen zur Türkei, mit denen wir auch die türkischen Communities, auch auf Türkisch, ansprechen. Mir ist es auch ein Anliegen, dass wir mit Einrichtungen wie der Charité zusammenarbeiten. Es gibt ja immer mehr Belege dafür, was für starke positive Wirkung Kunst auf die menschliche Psyche hat. Dazu gibt es momentan das Projekt »the healing museum« im Bode-Museum. Solche Ansätze, die dazu beitragen, uns tiefer in der Stadtgesellschaft zu verankern und über die Grenzen der Institution Museum hinaus zu wirken, würde ich gerne noch ausweiten.

Der Name Stiftung Preußischer Kulturbesitz war ja jahrelang umstritten, wie gehen Sie damit um?

Der Name ist ja jetzt gesetzlich festgelegt. Wobei offen ist, wie wir visuell damit umgehen, welche Art von Bildern man hier nutzt. Wie erzählt man diese Marke international? Die englische Übersetzung des Namens funktioniert nicht gut. In Deutschland müssen wir einfach die preußische Geschichte noch einmal neu erzählen, sodass sie auch für jüngere Generationen wieder interessant wird. Das ist eines der Dinge, an denen ich gerade arbeite, eine neue Deutschlanderzählung und besonders auch der preußischen Geschichte. Der Name, so habe ich einmal öffentlich gesagt, ist für mich wie so ein Ready-made von Duchamp, so ein historisch gefundenes Bruchstück, ein bisschen holprig, aber es ist da und ich nehme es ernst.

Was muss man sich unter der angekündigten SPK-Strategie 2030 vorstellen?

»Wir müssen vom Inhalt her und groß denken.«

Strategien sind ein gutes demokratisches Mittel, nach innen wie nach außen. Sie zeigen, worauf man sich konzentriert, aber auch, wo man nein sagen muss. Ein Prozess, der Zielgruppen und Schwerpunkte für die nächsten fünf Jahre festsetzt, ist besonders wichtig, weil wir Doppelhaushalte in den Ländern und einjährige Haushalte beim Bund haben. Die Strategien ermöglichen uns eine gewisse Unabhängigkeit davon, denn wir müssen darüber hinaus endlich in ein mittel- und langfristiges Arbeiten kommen. Und vom Inhalt her und groß denken.

Können Sie hier ein paar Stichpunkte beispielhaft nennen?

Der gesellschaftliche Bereich ist mir persönlich zum Beispiel ganz wichtig. Wir möchten als SPK mehr Debatten und Diskurse anstoßen, auch unbequeme. Zudem diskutieren wir selbstkritisch, mehr zum Thema deutsch-deutscher Geschichte zu machen. Bei den Fach-Communities betonen wir natürlich die Freiheit der Forschung. Den Bereich der Provenienzforschung werden wir noch weiter ausbauen. Wir wollen den Bereich Bildung und Vermittlung stärken. Und auch die Förderung von Leuchtturmprojekten, sowie der Bereich „Citizen Science“ sind einige weitere Schwerpunkte dieser Strategie.

Zum Schluss, gibt es eine geplante Ausstellung für die Sie besonders werben möchten?

Da nenne ich etwas, was vielleicht ein bisschen unerwartet kommt. »Berlin als Medienstadt«. Das wird von der Stabi gemacht – mit ganz wunderbaren Fotografien aus diesen reichen Nachlässen, die sie aufbewahrt. Man erfährt, was für eine besondere, vibrierende Medienstadt Berlin gewesen ist.

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