Es sind allererst die Bücher, die den Unterschied zu anderen dritten Orten machen, weil sie die Hemmschwelle für viele Menschen entscheidend senken (selbst wenn viele von ihnen niemals zugreifen werden). Bücher verleihen Sicherheit, schon ganz pragmatisch: Für Bücher braucht es keine Tools oder Geräte, jede und jeder hat den Umgang damit gelernt, weiß, was man damit anfangen kann, und kann sie souverän bedienen (im Gegensatz etwa zu Gemälden in Museen). Allein das Da-Sein der Bücher hat die Frage »Warum bist du hier?« immer schon beantwortet; darüber hinaus muss niemand die eigene Anwesenheit begründen oder gar rechtfertigen. Und Bücher sind, das ist atmosphärisch kaum zu unterschätzen, nicht aus Plastik. Man stelle sich nur einmal inmitten von CD-Regalen auf der Suche nach Wohlbefinden vor.
»Für Bücher braucht es keine Tools oder Geräte.«
Was Bücher in öffentlichen Bibliotheken außerdem gegenüber privaten Büchern auszeichnet: Sie erzählen nicht nur vom Schreiben, sondern auch vom vielfachen Lesen; wer Bibliotheksbücher in der Hand hat, kommt nie umhin, sich die eigenen Vorgänger*innen vorzustellen. Von wem stammt der Kaffeefleck, von wem der Rotweinrand? Im Buch vergessene Notizzettel, die vom Lernen, Einkaufen und Tagesordnen zeugen, stiften als buchstäbliche Glossen Verbindungen zwischen Leser*innen, die sich anders kaum je begegnen werden. Davon erzählen Bücher in Bibliotheken: dass sie nicht nur Buchstaben, sondern auch all deren Lektüren enthalten; dass sie mehr repräsentieren als sich selbst.
Zerstören / Leerstellen
Zumindest Bibliotheken kennen kein anderes Medium, das derart große Begehrlichkeiten wecken kann wie ein Buch. Man betrachte nur die Faszination von Kindern für die papiernen Geschichten oder deren unverhohlene Gier, wenn es ans Auswählen und Ausleihen geht. Oder die Länge der Wartelisten für einzelne Bücher, die oft weit bis ins folgende Jahr reichen – welch demütige Geduld da aufgebracht wird! Oder das neidvolle Seufzen mancher Nutzerin angesichts der vollen Regale und des bibliothekarischen Berufs im Allgemeinen: muss das schön sein, den ganzen Tag in Büchern blättern und lesen! (Mal klären Bibliothekar*innen den Irrtum auf, mal nicht.)
Auch die ohnmächtige Wut über eine Welt, die in ihrer Komplexität als kaum mehr begreifbar empfunden wird, richtet sich verhältnismäßig oft gegen Bücher in Bibliotheken. Beschmieren, zerreißen, verbrennen, verbieten: Schon die Idee, dass man mit der Zerstörung des Papiers auch den Inhalt verschwinden lassen könnte, zeugt von einem gerüttelt Maß an Irrationalität. Und dennoch bleiben diese Taten nie ohne Folgen, denn Bücher, die nicht mehr sichtbar sind, sind in der beschleunigten Gegenwart tatsächlich bald auch aus dem Sinn. So einfach verschwindet eine kritische Stimme oder eine andere Perspektive.
Nahezu jede Bibliothek musste bereits Bücher aussortieren, weil darauf oder darin Aufkleber mit raunenden Fragen oder Postkarten klebten, auf denen in wirren Texten mit Majuskeln und Ausrufezeichen die Welt zuende erklärt wurde. Als überraschend hartnäckig und aggressiv erwies sich ein Berliner Mittdreißiger, der über zwei Jahre hinweg, von Oktober 2020 bis November 2022 immer wieder und insgesamt rund ein Dutzend Bücher der Berliner Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg beschmierte, zerriss und zerschnitt – laut Tagesspiegel allesamt Bücher, »die sich kritisch mit rechten gesellschaftlichen Tendenzen auseinandersetzen, sowie Biografien aus der Geschichte des Sozialismus«. Im Gegenzug hinterließ er nicht nur in Büchern, sondern auch auf Hauswänden Parolen wie »Nein zur Corona-Diktatur«, »Keine Minderheit im eigenen Land« und »Heil Putin«.
Es gibt sie: die Angst vor Büchern in Bibliotheken.
Handelte es sich um Taten Einzelner, würde man dies wohl als paranoide Störung behandeln. Allein, die Angst vor Büchern in Bibliotheken hat längst weitere Kreise gezogen. Während die Rechtspopulisten in Deutschland üblicherweise höchstens die Leerstellen (von Winnetou bis Wisnewski) bemängeln, also durchaus im Sinne der Meinungsfreiheit argumentieren, wird in US-amerikanischen Bibliotheken einfach gleich alle Vielfalt per Verbot oder indirekt durch die Kürzung von Finanzmitteln aussortiert. Am einfachsten und freilich wirksamsten ist das aus bürokratischen und populistischen Gründen in Schulbibliotheken: Der PEN America hat seit 2021 fast 16.000 Buchverbote in öffentlichen Schulen in den USA dokumentiert, »a number not seen since the Red Scare McCarthy era of the 1950s«, wie es auf der Seite pen.org/bookbans heißt. Und weiter: »Of the most commonly banned books in the 2023-2024 school year, 44% featured people and characters of color and 39% featured LGBTQ+ people and characters.«
Die Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt liegt um 60.000, eine große Stadtteilbibliothek hat Raum für etwa 35.000 »Medieneinheiten« (Bücher freilich der Großteil davon), Tendenz sinkend. Eine öffentliche Bibliothek kann mithin niemals alle neuen oder gar alle lieferbaren Bücher parat haben – und das ist unter anderem die Aufgabe von Bibliothekar*innen: auszuwählen, was in die Regale kommt und damit sichtbar wird; was zwar verfügbar sein soll, aber nicht zwingend vor Ort und umgehend; was gar nicht erst angeschafft und katalogisiert wird.
Etikettieren / Glossen
Die Entscheidungen darüber berufen sich freilich auch auf Zahlen, aber mehr noch auf Erfahrung, Bibliotheksprofil und Haltung – und höchst selten auf die eigene Lektüre. Weil viele Bibliothekarinnen zwar privat durchaus Vielleserinnen sind, in der Arbeit aber wenig anderes als E-Mails zu lesen bekommen (jedenfalls kaum je Bücher), müssen sie bei ihren Entscheidungen ein großes Vertrauen in die Verlage hegen; in deren ähnlich aufklärerisches Anliegen, in die Qualität des Lektorats und der Geschäftsprozesse. Es ist kein Geheimnis, dass dieses Vertrauen brüchig geworden ist, denn Bestseller wie Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab«, E.L. James’ Roman »Fifty Shades of Grey« oder der aktuelle Young-Adult-Trend Dark Romance stellen Bibliotheken ein ums andere Mal vor die Zerreißprobe: Lassen wir hier eine sichtbare Leerstelle im Regal, weil wir das Buch für sexistisch, falschinformativ oder in Teilen gar verfassungsfeindlich halten und enttäuschen damit unsere Nutzer*innen? Oder werden wir unserer Aufgabe, die freie Zugänglichkeit von Wissen und Information zu gewährleisten, besser gerecht, wenn wir das Buch ins Regal stellen, damit sich jeder Mensch selbst eine Meinung darüber bilden kann? Und andersherum gefragt: Wessen Perspektiven werden eigentlich im Bestand sichtbar und welche nicht?
Der Wille zum Kommentar treibt mithin nicht nur Bürger*innen und Politik um, sondern auch die Institutionen selbst. Jüngst Aufsehen erregte der Fall der Stadtbibliothek Münster, die sich nach wiederholten Beschwerden von Nutzer*innen dazu bemüßigt sah, zwei Bücher mit einem Hinweis zu versehen: »Dies ist ein Werk mit umstrittenem Inhalt. Der Inhalt dieses Werks ist unter Umständen nicht mit den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft vereinbar. Dieses Werk wird aufgrund der Meinungs-, Zensur- und Informationsfreiheit zur Verfügung gestellt.«
Was den einen wie eine recht nüchterne Verteidigung bibliothekarischer Werte klingt und den anderen vermutlich wie ein Empfehlungs-Blurb (auch Triggerwarnungen sind heutzutage zum Qualitätsmerkmal avanciert), stieß vor allem einem der beiden inkriminierten Autoren sauer auf, vermutlich bloß zu seinem eigenen Schaden: Gerhard Wisnewski reichte Klage ein und bekam in zweiter Instanz recht; es sei nicht Aufgabe von Bibliotheken, vor Büchern zu warnen, so das Urteil. Die Stadtbibliothek Münster musste die Aufkleber entfernen und wird vermutlich dem Rat des Gerichts folgen und Wisnewskis Werke nicht mehr anschaffen.
Solche Glossen im Aufkleber-Format finden sich auch auf Büchern der Münchner Stadtbibliothek, in der ich arbeite, darauf der Hinweis »Wichtig zu wissen!« und ein QR-Code, der auf eine Blogseite führt. Dort wird erklärt, warum sich die Münchner Stadtbibliothek mit Diskriminierung in Kinderbüchern beschäftigt und wie sie das tut: indem sie den Menschen das Wort überlässt, die von Rassismus oder Sexismus betroffen sind. In den Beiträgen erklären die Autorinnen, warum sie Jim Knopf, das Kleine Gespenst oder Pippi Langstrumpf nicht mit ungeteilter Freude lesen, und öffnen damit Horizonte, statt sie zu verengen.
Verteidigen / Zukunft
Wenn einer in den Nullerjahren eine kritische Debatte über die neuen Medien anstoßen wollte, stand die digitale Avantgarde schon parat und wedelte mit angestaubten Texten über die »Lesewut« und deren Folgen – als Beweis für die peinliche deutsche Tradition, gegen den Fortschritt zu Felde zu ziehen. Allein, es ist im 21. Jahrhundert genauso wenig ein Zufall wie im 18., dass medialer und gesellschaftlicher Wandel Hand in Hand gehen. Was einmal das Buch war, ist heute das Kürzestvideo: ein global operierendes Medium, das die Masse auf seine Narrative und Ästhetiken trainiert.
Bibliotheken, als deren wichtigster Impact immer noch die Wahrheitsverbreitung gilt, gehören deshalb nicht zufällig zu den Lieblingsarenen des Kulturkampfs, den die rechten TikTok-Autokraten gegen die linken Bildungseliten und deren Institutionen führen. Bibliotheken stiften – eben nicht zuletzt durch Bücher und deren Nebentexte – Gemeinschaft in der Vielfalt, und je vielfältiger die Perspektiven, die sie repräsentieren, desto wütender diejenigen, die in diesem Prozess Privilegien abgeben und Wahrheiten beim Bröckeln zusehen müssen. »Zorn ist Ausdruck einer Revolte gegen unfaire Institutionen und Machtverteilungen«, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem jüngsten Buch »Die explosive Moderne« – ganz gleich, ob die Ungerechtigkeit nun real oder gefühlt ist. Wie endet, was so beginnt, wissen Bibliotheken nur zu gut, da aus eigener Erfahrung. Timothy Snyders zweite von »20 Lektionen aus dem 20. Jahrhundert« darf man sich also gern sofort zu Herzen nehmen: »Verteidige eine Institution. […] Sprich nicht von ›unseren Institutionen‹, es sei denn, du machst sie zu deinen eigenen, indem du in ihrem Namen handelst. Institutionen schützen sich nicht selbst. Sie fallen wie Dominosteine, wenn sie nicht von Anfang an verteidigt werden.«


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