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Neue Bücher zur deutsch-deutschen Verlagsgeschichte Literatur zwischen Ost und West

Als der junge Lektor des Ostberliner Aufbau-Verlags Christoph Links am 1. Dezember 1989 einen fast tollkühnen Antrag auf Gründung eines eigenen Verlags stellte, erhielt er die verblüffende Antwort, ein solcher Antrag sei »nicht mehr nötig« – es war drei Wochen nach dem Fall der Mauer. Nach weiteren vier Wochen, am 5. Januar 1990, wurde der »Ch. Links Verlag« ins Handelsregister eingetragen; es war der erste private Verlag in der DDR nach der Wende.

Links hat immer wieder Titel zur Verlagsgeschichte in der DDR herausgebracht und selbst eine Untersuchung Das Schicksal der DDR-Verlage publiziert. Im letzten Jahr sind in seinem Haus zwei weitere Bücher zu diesem Themenbereich herausgekommen: Das eine stellt einen großen Verlag der DDR – Reclam in Leipzig – vor, das andere spiegelt am Beispiel des in Neuwied ansässigen Luchterhand Verlags das aufregende Auf und Ab im literarischen Leben der beiden deutschen Staaten wider. Beide Bücher könnten gegensätzlicher kaum sein: Das Buch über Luchterhand ist aus einer Dissertation hervorgegangen und entsprechend analytisch-nüchtern angelegt; das zum Reclam Verlag ist ein Sammelband, zu dem fast 50 Autorinnen und Autoren beigetragen haben, die teilweise mit Herzblut auf ihre Erlebnisse zurückblicken. Jeder Band erzählt auf seine Art ein Stück deutsch-deutscher Literaturgeschichte, die trotz unterschiedlicher Entwicklungen und teils extremer Abgrenzungsversuche als ein Ganzes gesehen werden kann.

Werkzeug im Klassenkampf

Bei Luchterhand, ursprünglich ein auf juristische Inhalte und Steuertabellen spezialisiertes Verlagsunternehmen, hatte man seit den 50er Jahren auch literarische und soziologische Texte verlegt. Der Durchbruch kam 1959 mit dem Roman Die Blechtrommel von Günter Grass; 1962 folgte nach zähen Verhandlungen mit Ostberlin Anna Seghers’ berühmter Exilroman Das siebte Kreuz. Von nun an wurde Luchterhand mehr und mehr zum exemplarischen Umschlagplatz von Autoren aus Ost und West, zunächst durch das Engagement der Lektorin Elisabeth Borchers sowie, nach deren Wechsel zu Suhrkamp 1971, durch die umtriebige, im Westteil Berlins lebende Ingrid Krüger. Es ging Schlag auf Schlag: Manfred Bielers Bonifaz oder Der Matrose in der Flasche (1963), Helga M. Novaks Ballade von der reisenden Anna (1965), Gedichte von Wolf Biermann in der Loseblattsammlung Lyrik. Höhepunkte waren Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. (1969), Hermann Kants Das Impressum (1972) und Jurek Beckers Überraschungserfolg Jakob der Lügner (1970). Auch die Bücher von Franz Fühmann erschienen in westdeutschen Lizenzausgaben bei Luchterhand. Mitte der 70er Jahre wurde die wachsende Frauenbewegung im Westen stark von Autorinnen aus der DDR bestimmt: Gerti Tetzners Karen W. (1975), Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974), Maxi Wanders Guten Morgen, du Schöne (1977) und noch einmal Christa Wolf mit Kassandra (1983) erreichten derart hohe Auflagen, dass der im Verlag stets misstrauisch beäugte Literaturteil, der nach inneren Fehden 1972 nach Darmstadt ausgelagert worden war, sogar Gewinne einfuhr.

Umgekehrt wurde Luchterhand nicht müde, westliche Autoren in die DDR zu bringen. Es war ein aufreibendes Geschäft, musste doch der misstrauischen Staatsgewalt die Zustimmung förmlich abgerungen werden. Überraschend oft glückte es nach endlosem Tauziehen, aber mitunter senkten die SED-Gewaltigen Klaus Höpke und Kurt Hager gnadenlos die Daumen. Literatur war eben nicht nur, wie der Autor an vielen Beispielen zeigt, eine ästhetische Angelegenheit, sondern ein Politikum, ein Werkzeug in der Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind.

Zuerst konnte Luchterhand westdeutsche Autoren der sogenannten »Arbeiterliteratur« (Dortmunder Gruppe 61) wie Max von der Grün oder das DKP-Mitglied Günter Herburger platzieren (»ein realsozialistischer Adelsschlag«), später auch Peter Härtling und Ernst Jandl. Und schließlich klappte es auch bei dem zunächst misstrauisch gemiedenen Günter Grass: 1984 kamen bei Reclam Leipzig Das Treffen in Telgte und bei Volk und Welt Katz und Maus heraus, drei Jahre später folgte endlich auch Die Blechtrommel – fast 30 Jahre nach dem ersten Erscheinen in der Bundesrepublik. Die Luchterhand-Lektorin Ingrid Krüger erlebte »die hellen Ost-Berliner« bei einer Grass-Lesung, nach der sich rasant die Kunde verbreitete, nun sei auch in der DDR »Grassnost« ausgebrochen.

Räuber und Gendarm

Der höchst lebendig geschriebene Sammelband zu Reclam Leipzig umfasst die gesamte Geschichte des Verlags zu DDR-Zeiten. Das traditionsreiche und mit seiner »Universal-Bibliothek« beispiellos erfolgreiche Haus war 1944 zu großen Teilen zerstört worden. Angesichts der unklaren Verhältnisse am Ende des Krieges waren die Firmeninhaber nach Stuttgart ausgewichen, wo sie ein neues Verlagshaus aufbauten. Reclam Leipzig unterlag wie alle Verlage in der DDR staatlicher Kontrolle. Stuttgart und Leipzig wurden sich bald spinnefeind; Reclam Stuttgart erreichte in den 50er Jahren ein Verbot aller Leipziger Titel im Westen, die Ersatzgründung »Röderberg« in Frankfurt hatte nur bescheidenen Erfolg.

Gleichwohl wurde Reclam Leipzig einer der großen Verlage der DDR. Das gelang durch die erfolgreiche Ausweitung der Universal-Bibliothek, durch bibliophile Bücher, Grafikmappen und Spezialreihen zu Musik, Philosophie, Kunst und Literatur. Spiritus rector an der Spitze eines hochmotivierten Verlagsteams war Hans Marquardt, der seit 1953 als Lektor, seit 1961 als Verlagsleiter tätig war. Bis 1987 stellte er unermüdlich Neues auf die Beine, nur allzu oft im Konflikt mit der Kulturpolitik der SED. Durch ihn erhielt Reclam Leipzig ein unverwechselbares Profil. Marquardt war seit 1970 Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Trotzig hat er sich auch nach der Wende zu dieser Rolle bekannt. Dennoch wird er im vorliegenden Sammelband dank einer ihm konzedierten Utopiegläubigkeit vergleichsweise milde beurteilt.

Wie ein roter Faden zieht sich durch beide Bücher die ständige Auseinandersetzung mit dem »vierten Zensor«, der nie kalkulierbaren Kulturpolitik der SED. Im Buch über Reclam Leipzig wird den Verästelungen in der SED-Kulturpolitik nur vereinzelt nachgespürt, aber doch von einem »nervenaufreibenden Nonsens beim Räuber- und Gendarm-Spiel mit den politischen Chimären« gesprochen. Im Luchterhand-Buch hat Konstantin Ulmer in akribischer Recherche zu allen Titeln jeden einzelnen Schritt zwischen West und Ost verfolgt, von den ersten Vorgesprächen über die intensive Arbeit am Text bis zu den zähen, manchmal sich über Jahre hinziehenden Gesprächen mit den zuständigen Stellen in Ostberlin. »Zensur war stets Verhandlungssache, Ergebnis einer Auseinandersetzung«, so seine Einschätzung, der wohl mancher Autor aus der DDR nicht so leicht folgen wird. Doch erlebt der Leser auch den Wandel der Einstellungen. Günter Grass zum Beispiel, nach seinem Stück Die Plebejer proben den Aufstand von 1966 der Klassenfeind par excellence, galt zunächst nur als »Mann nicht ohne Talent«; daraus wurde 1984 der »geniale Erzähler«, der »endlich sein Publikum in der DDR erreicht«.

Die beiden vorliegenden Bücher behandeln große Verlagszeiten, die nicht von Dauer waren. Luchterhand wurde 1987 an den niederländischen Verlag Wolters Kluwer verkauft, der den Literaturverlag schon bald abstieß. Alle renommierten Autoren mussten sich eine neue Bleibe suchen. Nach langer Odyssee landete der Verlag schließlich bei Random House, wo er heute mit jungen Autorinnen und Autoren um ein neues Profil bemüht ist. Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart kamen sich nach der Wende zunächst näher, bis die West-Eigentümer nach und nach das Leipziger Haus übernahmen. Obwohl der Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider noch einmal eine Millionenauflage erreichte, wurde die Leipziger Gesamtproduktion immer dünner, bis sie im Jahr 2006 endgültig eingestellt wurde. Kein Ruhmesblatt für Reclam, seinen beispiellosen Traditionsstandort so schnöde aufgegeben zu haben.

Konstantin Ulmer: VEB Luchterhand? Ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben. Ch. Links, Berlin 2016, 488 S., 50 €. Ingrid Sonntag (Hg.): An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945-1991. Ch. Links, Berlin 2016, 544 S., 50 €.

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