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picture alliance / ZUMAPRESS.com | Calvin Ng

Die Erwartungshaltung in Deutschland ist eher defensiv, die Politik hat daran ihren Anteil Mehr Träume wagen!

Und Deutschland? Welche Träume tragen uns hier – persönlich wie gesellschaftlich? Ein Forschungsprojekt der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit dem Forschungsinstitut pollytix ist dieser Frage nachgegangen. Auf Basis von acht Online-Fokusgruppen und einer repräsentativen Befragung von über 4.000 Menschen im August/September 2024 zeigt sich: Die deutsche Mentalität ist vom »American Dream« weit entfernt. Der hiesige Traum ist leiser, bodenständiger – und erstaunlich einhellig. Ganz oben stehen Gesundheit, Sicherheit und ein verlässliches, glückliches Familienleben. Nicht die große Aufstiegsstory, sondern das gute, stabile Leben. Was die Frage nach den Träumen über unser Land verrät – und welche Chancen und Spannungen darin liegen – wird im Folgenden kurz dargestellt.

Dass die deutschen Träume klein ausfallen, überrascht kaum: Nach Jahren der Krisen steht für viele die Alltagsbewältigung vor der Zukunftsplanung. Träume brauchen Ressourcen – Geld, Zeit, Energie und ein Mindestmaß an Sicherheit. Die Daten zeigen: Etwas mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten in Deutschland haben grundsätzlich Zukunftsträume, knapp ein Drittel nicht. Von denen ohne Träume erinnert sich mehr als die Hälfte, früher welche gehabt zu haben. Träumen ist also verbreitet, aber nicht selbstverständlich – und es verändert sich im Lebenslauf. Mit dem Alter nimmt die Zahl der Träumer:innen ab: 78 Prozent der Unter-40-Jährigen haben Zukunftsträume, bei den Über-60-Jährigen sind es 60 Prozent. In der ältesten Gruppe findet sich zugleich der größte Anteil früherer Träumer:innen (64 Prozent) – teils, weil Wünsche erfüllt wurden, teils, weil sie im höheren Alter als kaum noch realisierbar gelten.

»Träume brauchen Ressourcen – Geld, Zeit, Energie und ein Mindestmaß an Sicherheit.«

Deutlich sind auch die sozialen Unterschiede. Mit niedriger formeller Schulbildung träumen 57 Prozent, mit hoher 77 Prozent. Beim Einkommen zeigt sich ein ähnliches Bild: Unter 1.000 Euro Haushaltsnetto träumen 58 Prozent, über 4.000 Euro sind es 79 Prozent. Entsprechend liegen in nichtakademischen Berufsfeldern – etwa bei Büroangestellten oder Produktionsarbeitenden – die Anteile niedriger (jeweils 65 Prozent). Zugespitzt bedeutet das: In Deutschland muss man es sich leisten können, Träume zu haben.

Erreichbare Träume, nicht Träumereien

Im Zentrum des deutschen Traums steht immer auch, dass die Träume erreichbar sein sollten. Die Sorge ist groß, dass Hoffnungen enttäuscht werden könnten. Auf der einen Seite spiegeln sich hier die aktuelle Stimmung und der Krisendruck in Deutschland wider, die kaum größere Zukunftsträume zulassen. Auf der anderen Seite zeigen sich hier auch sozialisierte Unterschiede zu anderen Ländern. So werden beispielsweise explizit Differenzen zu dem »amerikanischen Traum« in den Fokusgruppen thematisiert – grundsätzlich wird diese Mentalität häufig skeptisch wahrgenommen und als lebensfern oder unrealistisch beurteilt. Große Lebensträume finden sich daher in Deutschland selten – die Sorge davor, zu groß zu träumen und enttäuscht zu werden, steht für viele im Vordergrund. Kleinere Träume wie eine sichere Zukunft erscheinen jedoch greifbarer. Die Erwartungshaltung ist dabei eher defensiv und besteht darin, den aktuellen Status möglichst zu halten.

So klein und bodenständig diese Träume auch sein mögen, sie sind in den letzten Jahren unter Druck geraten: Zum einen, weil der Staat im Alltag vieler nicht mehr als verlässlicher Garant für Sicherheit, wirtschaftliche Stärke und Gerechtigkeit erlebt wird. Zum anderen, weil die Krisen der Gegenwart die Grenzen der eigenen Wirkmacht offenlegen und die eigene Verletzlichkeit spürbar machen. Diese doppelte Erfahrung hat Folgen: Die Nostalgie nimmt zu – das Gefühl »Früher war alles besser« ist weit verbreitet. Zugleich verengt sich der Blick auf den Nahbereich. Trotz Sehnsucht nach Zusammenhalt begünstigt das egoistische Handeln die Abwertung anderer Gruppen. Der Wunsch nach Stabilität im unmittelbaren Umfeld wächst – ebenso wie die Enttäuschung über die Politik. Da beschränkt man sich auf realistische Lebensziele, doch auch diese erweisen sich als unerreichbar.

Politik wird bei der Erreichung der eigenen Träume verstärkt als Bremse wahrgenommen, nicht als Unterstützung. Auch das Leistungsversprechen wird kaum noch staatlichen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zugeschrieben. Positiv wirken nach eigener Einschätzung vor allem man selbst sowie das nahe Umfeld: Rund drei Viertel sehen die eigene Person als unterstützend, etwa jede:r Dritte nennt Familie und Freund:innen. Alle anderen abgefragten Akteur:innen, wie Vereine, Kolleg:innen oder religiöse Institutionen, spielen keine größere oder gar eine überwiegend hindernde Rolle. Für politische Organisationen und Entscheider:innen ist besonders alarmierend, dass sie zu 42 Prozent als hinderlich für die Verwirklichung eigener Träume betrachtet werden. Kein anderer Akteur wird so stark als Verhinderer bei der Verwirklichung von Träumen gesehen.

Keine Hoffnung für die Zukunft der Gesellschaft?

Im Gegensatz zu den – wenn auch kleineren – individuellen Träumen wird Wünschen für die gesellschaftliche Zukunft kaum zugetraut, in Erfüllung zu gehen. Bereits der Entwurf gesellschaftlicher Zukunftsbilder fällt häufig schwer – in den Fokusgruppen zeigte sich, dass bereits im Entstehen unmittelbar die Umsetzbarkeit angezweifelt wird. Die diskutierten Zukunftshoffnungen beziehen sich häufig auf Wohlstand, Sicherheit und ein sozial gerechtes Land. Über die gesellschaftlichen Gruppen hinweg war ein Leben in Frieden ein Motiv, auf das sich alle Beteiligten verständigen konnten. Dabei sei aber gesagt, dass sich die Wege, wie man zu einem Frieden gelangen könnte, sehr voneinander unterscheiden.

Große Differenzen zwischen Wunsch und Wahrnehmng

Der Blick in die Zukunft Deutschlands ist ein nostalgischer – in den Augen vieler ging es Menschen wie ihnen in den 80er und 90er Jahren am besten. Auch wenn die Welt damals nicht in Ordnung war, so scheint sie vielen Menschen offenbar geordneter gewesen zu sein. Man möchte in einem demokratischen und freien Land leben, auf dessen Wirtschaftsstärke und Ansehen in der Welt gezählt werden kann, in dem Gerechtigkeit und Ordnung herrschen.

Die quantitative Erhebung verdeutlicht auch, wofür Deutschland heute steht und wofür es in Zukunft stehen sollte. Es zeigen sich große Differenzen zwischen der aktuellen Wahrnehmung und den Wunschvorstellungen der Wahlberechtigten in Deutschland. Ein nahezu gesellschaftlicher Konsens besteht darin, dass Deutschland für einen gerechten Sozialstaat (91 Prozent), eine innovative Wirtschaft (91 Prozent) sowie die Möglichkeit zum Bildungsaufstieg (93 Prozent) stehen sollte. Hier bestehen allerdings auch die größten Differenzen zwischen Wunsch und Wahrnehmung der Wirklichkeit, nur 42 Prozent meinen, dass Deutschland aktuell ein gerechter Sozialstaat sei, und lediglich 43 Prozent nehmen eine innovative Wirtschaft in Deutschland wahr. Immerhin 51 Prozent gehen davon aus, dass Deutschland aktuell für Bildungschancen und -aufstieg steht. Kurz: Zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, klafft eine deutliche Lücke. Diese Diskrepanz nährt Skepsis, aber dämpft sie auch den Mut zu großen gesellschaftlichen Entwürfen?

Ernüchterung über politische Handlungsfähigkeit heißt nicht Ablehnung von Politik. Im Gegenteil: Hinter der Skepsis steckt ein starkes Bedürfnis nach Veränderung – gekoppelt mit der Sorge, noch mehr Belastungen nicht zu schultern. Diese Ambivalenz prägt den Ton. Die Zahlen zeigen den Zug nach vorn: 56 Prozent der Wahlberechtigten wünschen sich »den großen Wurf«, doch 40 Prozent fürchten eine Überforderung und sprechen sich für eine Politik der kleinen Schritte aus. Kurz: Die Gesellschaft sehnt sich nach spürbarem Aufbruch, aber sie will ihn planvoll, verständlich und gut abgesichert. Politik, die Hoffnung weckt, ohne zu überfordern, trifft den Nerv der Zeit.

Wie Träume wieder tragen

Der deutsche Traum ist kein Höhenflug, sondern ein Versprechen auf Verlässlichkeit: Gesundheit, Sicherheit, Familie, ein gutes Leben in der Mitte. Er ist bewusst erreichbar gedacht – und doch unter Druck geraten. Träumen kostet Ressourcen, die ungleich verteilt sind; Krisen, Alltagsstress und Zweifel an staatlicher Handlungsfähigkeit verengen den Horizont. Das Ergebnis: Rückzug ins Private, wachsende Nostalgie – und eine deutliche Kluft zwischen dem, was Deutschland sein soll, und dem, was viele erleben.

Es geht um einen realistischen Traum: ein gutes, sicheres, fortschrittsfähiges Leben für viele.

Gleichzeitig ist der Wunsch nach Aufbruch spürbar. Eine Mehrheit sehnt sich nach dem »großen Wurf« – solange er nachvollziehbar bleibt und nicht überfordert. Menschen trauen vor allem sich selbst und ihrem nahen Umfeld zu, Träume zu stützen; Institutionen müssen sich dieses Vertrauen neu verdienen. Die Aufgabe für Politik und Gesellschaft lautet daher: Träume wieder möglich machen, ohne die Realität zu leugnen. Am Ende geht es nicht um den Mythos »vom Tellerwäscher zum Millionär«, sondern um einen realistischen Traum: ein gutes, sicheres, fortschrittsfähiges Leben für viele. Wenn Politik verlässlich liefert und Aufstieg wieder erfahrbar wird, gewinnt dieser Traum Größe – ohne seine Bodenhaftung zu verlieren.

(Dieser Artikel basiert auf der Studie »Welche Träume bewegen Deutschland?« von Lennart Hagemeyer, Lutz Ickstadt, Rainer Faus, Annika Arnold, Catrina Schläger und Jan Niklas Engels, siehe www.fes.de/zukunftstraum)

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