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Demokratische Emotionskultur gegen radikale AffektpolitikMehr Türöffner als Barriere

 Eine Partei wie die AfD ist spezialisiert auf die Skalierung, Transformierung und Regulierung von Emotionen. Das heißt, dass sie bestehende Störgefühle und Sorgen zu Ängsten verstärkt, passive Ängste in aktive Wut umwandelt und, oft kaum beachtet, das Bedürfnis nach einem positiven Gefühlsausgleich mit Hoffnung und Identifikationsangeboten erfüllt. Niedergang und Erlösung sind dramaturgisch miteinander verbundene Eckpfeiler der Emotionspolitik der AfD. In Wahlkämpfen setzt die Partei auf eine Volksfest-Strategie, bei denen gelacht und getanzt, Popcorn und Bier serviert wird.

Der sachsen-anhaltinische Spitzenkandidat, Ulrich Siegmund, ist mit seinen gut gelaunten TikTok-Clips der Prototyp des »Feel-Good-Rechtsxtremisten«. Daten der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigen, dass das Verhältnis der AfD-Anhängerschaft zu ihrer Partei stärker von Hoffnung geprägt ist als das für andere Parteien und deren Unterstützer gilt. Weder gegen die emotionale Anziehungskraft der AfD noch gegen das eigene defizitäre Emotionsangebot haben die Kräfte der demokratischen Mitte bislang wirksame Ansätze gefunden und vermutlich auch gar nicht gesucht.

Emotionsaversion der demokratischen Mitte

Auf den Emotionalismus des rechten Randes reagiert die demokratische Mitte mit betontem Rationalismus. Gewissermaßen aus Tradition. Die Emotionsaversion ist ein Markenzeichen der postheroischen Nachkriegspolitik. Helmut Schmidt empfahl die »nüchterne Leidenschaft«, Theodor Heuss prägte die Formel vom »Pathos der Nüchternheit« und als erster Bundes-präsident damit eine neue politische Emotionskultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Lehre aus dem Emotionsmissbrauch durch die Nazis erscheint ein verantwortlicher Umgang mit politischer Emotionalisierung zwingend.

Allerdings muss heute in Erinnerung gerufen werden, dass in der Weimarer Republik das unterlassene Emotionsangebot der Demokraten zum folgenschweren Nachteil gegenüber dem Faszination auslösenden Faschismus wurde. Die erste deutsche Demokratie war im Rückblick eingequetscht zwischen »Kaiserreich« und »Drittem Reich« – aus gefühlspolitischer Sicht eine äußerst schwierige Lage, wie der Historiker Peter Reichel konstatiert: »Zwischen ihnen hatte die Weimarer Republik […] mit ihrem ›Pathos der Nüchternheit‹ einen schweren Stand.« Zwar gab es in der Weimarer Republik zahlreiche überzeugte Demokratinnen und Demokraten, doch unter ihnen waren auch jene, die offen zugaben, dass sie keine sonderlich positiven Gefühle gegenüber der Republik hegten, sie hauptsächlich aus Vernunftgründen unterstützten (»Vernunftrepublikanismus«).

»In einer Demokratie dürfen deren Feinde nicht die Emotionsdominanz besitzen.«

Heute gibt es eine große Mehrheit, die sich der Demokratie auch emotional verbunden fühlt und in schwierigen Zeiten für sie auf die Straße geht. Allerdings ist gegenwärtig erneut ein Mangel an demokratischer Gegenemotionalisierung im Angesicht des erstarkten Populismus und Ex­tremismus festzustellen. Und exakt in diesem Punkt sollte man eben auch aus der Geschichte lernen: Die Nazis haben Emotionen für ihre Machterlangung missbraucht, ihren Aufstieg hat aber das unterlassene Emotionsangebot demokratischer Kräfte begünstigt. Bedeutet: In einer Demokratie dürfen deren Feinde nicht die Emotionsdominanz besitzen.

Emotionale Repräsentationslücke

Neben der historischen Erfahrung speist sich die bundesrepublikanische Tradition der Emotions-aversion zusätzlich aus der Annahme, dass Emotionalität der natürliche Feind der Rationalität und somit ein Störfaktor für »vernünftige« Politik sei. Rekurriert wird dabei auf das Ideal der Aufklärung und große Denker wie Immanuel Kant, dessen Werk eine gewichtige Rolle im wiederbelebten deutschen Diskurs rund um Ethik und Moral nach dem Zweiten Weltkrieg spielte. In jüngerer Zeit hat es in der wissenschaftlichen Rezeption von Kant allerdings eine Art »emotional turn« gegeben, in seinen späten Schriften wird nunmehr die Integration von Gefühl und Vernunft erkannt, die die Opposition der beiden ersetzt. Kant nannte Emotionen »Triebfeder der praktischen Vernunft« und schrieb ihnen die positive Funktion zu, Aufmerksamkeit herstellen und Motivation zum Handeln erzeugen zu können.

Interessanterweise ist diese Sicht Kants erstaunlich nah am Forschungsstand der modernen Neurowissenschaft. In diesem Feld hat sich schon vor Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass menschliche Entscheidungen in einem kongenialen Zusammenspiel von Rationalität und Emotionalität entstehen. Emotionen sind in diesem Teamwork der Türöffner und nicht die Barriere zu bewusstem und reflektiertem Denken. Im Politikbetrieb hat diese Erkenntnis bislang einen schweren Stand. In der Kombination aus der Dominanz undemokratischer Emotionali-sierungen und der paradigmatischen Emotionsaversion der demokratischen Mitte ist eine emotionale Repräsentationslücke entstanden.

Wie also geht eine demokratische Emotionskultur in Abgrenzung zur Affektpolitik der Demokratiefeinde? Weil diese Grenzen in der politischen Debatte häufig verschwimmen, lohnt es sich der demokratischen Variante zunächst ex negativo, also anhand undemokratischer Formen zu nähern. Undemokratische Emotionalisierungen sprechen Individuen oder Gruppen das Menschsein ab (Dehumanisierung), markieren politische Mitbewerber oder Medien als Feinde (Antagonisierung), erheben auf ihre Lügen einen absoluten Wahrheitsanspruch (Wahr-heitsmonopolisierung) oder delegitimieren demokratische Institutionen und erklären sie zu Agenturen der Unterdrückung (Demokratieverachtung).

»Demokratische Kräfte müssen auch mit Ängsten und Wut umgehen, sie integrieren statt kleinzureden.«

Für ein eigenständiges Emotionsangebot brauchen demokratische Kräfte allerdings auch ein tiefergehendes Verständnis über die Funktionsweise von Gefühlen für die politische Meinungsbildung im Allgemeinen und über effektive Emotionalisierungen für ihr Politikangebot im Speziellen. Die Emotionsforschung hat hervorgebracht, dass Hoffnung, Wut und Angst die wichtigsten Emotionskategorien für das politische Verhalten von Menschen sind. Demokratische Kräfte müssen alle drei Kategorien besetzen, wenn sie Menschen für sich gewinnen wollen, das heißt auch mit Ängsten und Wut umgehen, sie integrieren statt kleinzureden.

Emotionales Potenzial haben in erster Linie die Verwirklichung und Verletzung von Werten, die Menschen wichtig sind, etwa Gerechtigkeit, Freiheit oder Sicherheit. Emotional ist auch, was real ist, sprich das Lebensweltliche und das Liebgewonnene im Alltag von Menschen berührt. Und schließlich wollen Menschen hoffen können, was den demokratiestützenden Kräften den Auftrag nicht gibt, von den Sorgen im Heute stets eine Brücke zur Hoffnung im Morgen zu bauen.

Infrastruktur ist emotional

In der Politik liegt die Hoffnung im Handeln. Konzeption und Kommunikation von Politik müssen allerdings ineinandergreifen, um Zuversicht und Vertrauen herzustellen. Bei einem zentralen Projekt dieser Bundesregierung, dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, scheint dies bisher nicht zu gelingen. Obwohl die Erfahrung mit Infrastruktur emotional ist. Mit einer Sonderseite auf der Website will das Bundesfinanzministerium die Öffentlichkeit über das Sondervermögen informieren und von der Umsetzung überzeugen.

»Eye-Catcher« ist eine überdimensionierte »Invesitionsuhr«, ein Zähler, der angibt, wie viele Mittel aus dem Topf bereits abgeflossen sind. Der Mittelabfluss stand Anfang 2026 bei über 37 Milliarden Euro. Ein riesige Summe ist die Hauptbotschaft dieser Kommunikationsoffensive, wohin diese Mittel genau geflossen sind, bleibt trotz (oder wegen) mancher Diagramme und Tabellen im weiteren Text unklar. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dieser Fokus auf den »Mittelabfluss« bei einigen Menschen das Bild vom »Fass ohne Boden« erzeugt. Befördert wird das dadurch, dass erst gar nicht der Versuch unternommen wird, die wichtigen Bilder, also jene von einer modernisierten Infrastruktur, zu transportieren.

Wie ging es besser im Sinne einer demokratischen Emotionskultur? Die sozialpsychologische Hoffnungsforschung liefert einige Anhaltspunkte, wie ein politisches Programm tatsächlich Zuversicht und Vertrauen bei den Menschen auslösen kann. Auch Hoffnung ist ein Handwerk. Mindestens drei Bausteine sind dafür wichtig: ein Zielbild, ein Fahrplan und die Selbstwirksamkeit der Menschen.

»Auch Hoffnung ist ein Handwerk.«

Gehen wir diese drei Element der Reihe nach durch. Ein Zielbild beschreibt, wohin man das Land oder die Region führen will. Zielbild ist dabei buchstäblich gemeint, denn die bildliche Vorstellung entsteht im limbischen System des Gehirns, das auch für Emotionen zuständig ist. Der Vorteil von Infrastruktur ist ihre Verankerung und Spürbarkeit im Alltag der Menschen, ein guter Ausgangspunkt für lebensweltliche Bilder. Nicht die Bagger, die »rollen«, sind das wirksame Bild, sondern die sanierten Kitas und Schulen, die fahrenden Bahnen auf den verlegten Schienen, die angelegten Parks und Grünflächen oder die neuen Sporthallen und Schwimmbäder. Ein plausibler Umsetzungsplan lässt die Erreichung des Ziels realistisch erscheinen, immunisiert das Programm gegen den Vorwurf des »leeren Versprechens«. Dafür braucht es keinen detaillierten Kalender, nur einen groben und verständlichen Fahrplan mit den wichtigsten Etappen, damit die Menschen wissen, wann sie was erwarten können.

Selbstwirksamkeit und Kontrollgewinn

Sinnvoll kann es sein, ganz zu Beginn das Vertrauen in den mehrjährigen Gesamtprozess mit einem schnell nutzbaren Spezialbudget für 1.000 neue Schwimmbäder oder 10.000 neue Kneipen (wie Wolfgang Schroeder vorschlägt) zu stärken. Hierbei könnte auch der dritte Faktor, die Selbstwirksamkeit der Menschen, zum Tragen kommen. Die Menschen sollten bei der Ent-scheidung über die Mittelverwendung eingebunden werden. Was ist vor Ort am dring-lichsten? Straßen und Brücken, oder doch Schulen, Kitas, Begegnungs- und Gemeinschaftsorte, der öffentliche Nahverkehr, schnelles Internet oder klimaneutrale Energienetze?

Nicht nur diejenigen, die mitentscheiden, sondern auch jene, die mitwirken können angesprochen werden, denn mit Handwerkern, Projektmanagerinnen, Ingenieuren und anderen werden viele Berufsgruppen an der Modernisierungsinititiave mitwirken. Teilhabe stiftet Gemeinschaft, Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit erzeugen ein Gefühl des Kontroll-gewinns. Das wären wirksame Gegenemotionen zum populistisch ausgebeuteten Kontrollverlust und exkludierendem Gemeinschaftsangebot.

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