Wir verfügen inzwischen über moderne Technologien, wenden sie aber auf ein Familienbild der 50er Jahre an. Ein Beispiel: Krankenkassen bezuschussen künstliche Befruchtungen mit 50 Prozent bei den ersten drei Versuchen. Dieser Zuschuss sieht aber vor, dass es sich um ein verheiratetes, heterosexuelles Paar innerhalb einer bestimmten Altersspanne handelt. Nicht vorgesehen: Paare ohne Trauschein, mit spätem Kinderwunsch, gleichgeschlechtliche Beziehungen oder Frauen ohne Partner. Wer dennoch unbedingt ein Kind möchte, landet schnell bei einer fünfstelligen Rechnung.
Auch Vereinbarkeitsdebatten laufen seit Jahren ins Leere. Noch schlimmer: Appelle an die Jugend, qua Vermehrung das Rentensystem zu stützen. Deutsche zwischen 18 und 49 planen im Schnitt 1,75 Kinder. Die Realität bleibt dahinter deutlich zurück. Familienpolitik setzt zu spät an. Das Ziel muss eigentlich sein, dass Menschen nicht weniger Kinder bekommen, als sie wollen. Finanzielle und strukturelle Hürden sprechen oft gegen ein zweites oder drittes Kind. Manchmal schon gegen das Erste.
Auf Instagram ging kürzlich eine Anwältin viral, die ihr Kind monatelang zu Gericht mitnahm und während einer Zeugenvernehmung stillte. Ein Vorsitzender habe sogar angeboten, ihr Baby für sie zu schaukeln. Auch Abgeordnete nehmen ihre Kinder gelegentlich mit ins Parlament.
Mein Zukunftsbild wäre eine Gesellschaft, in der die Präsenz von Kindern normal ist. Die genannten Beispiele zeigen, dass auch ehrwürdige Institutionen nicht zusammenbrechen, nur weil gestillt wird. Wenn ein Kind im Parlament Platz hat, warum nicht auch an der Supermarktkasse? Bisher bleiben solche Lösungen ein Privileg. Die Antwort auf Betreuungsengpässe darf nicht nur »Kita« oder »Oma« heißen, sondern auch »Fortbildung« oder »Betrieb«. Kinder stören eingeübte Systeme. Daher tut ihre Anwesenheit unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft gut. Vielleicht können sie genau diese »notwendige Disruption« sein, von der Unternehmensberater so gerne sprechen. Wer unter dem Schreibtisch eine Playmobil-Burg duldet, lernt Resilienz.
Es geht nicht darum, den Arbeitsplatz als Ersatz für Betreuung zu sehen. Es geht darum, die strikte Trennung zwischen der Welt der Kinder und der Erwachsenen aufzuweichen. Denn wir verlangen flexible Berufsbiografien, organisieren Familie aber weiter starr privat. Das führt dazu, dass Familienplanung oft an der Unterstützung durch Verwandte hängt. Moderne Biographien produzieren aber reisende Großeltern und Kinder auf anderen Kontinenten. Die Oma wird staatliche Versäumnisse also zukünftig nicht mehr ausbügeln.
Für meine Zukunftsvision sind auch die Herren der Schöpfung zentral. Sie machen es sich zu lange schon darin bequem, dass sie bis zur Rente »können«. Denn auch sie werden mit 75 kaum zur Krabbelgruppe gehen. Familie sollte daher nicht mehr als Produktion von Kindern gedacht werden, sondern als Großziehen von Kindern. Mindestens gleichberechtigt. Mindestens. Und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zugleich hat die Gesellschaft zu akzeptieren, dass manche keine Kinder möchten, Kinder ohne Partnerschaft bekommen oder schlicht nicht für einen Krankenkassenzuschuss heiraten.
Noch notwendiger wäre eine Familienpolitik für Menschen, die noch keine Familie haben. Wer erst bei Kindergeld und Elternzeit ansetzt, unterschätzt, wie viele Gedanken sich junge Menschen machen. Wer bereit ist, Kinder in eine Welt voller hybrider Kriegsführung und KI-Revolution zu setzen, sollte sich nicht um die Fortsetzung der Ausbildung sorgen. Wer mit Familie bis zu einer »fertigen« Berufsbiografie wartet, wird möglicherweise keine mehr bekommen. Daher müssen zweite Karriere, Quereinstieg und Umschulung Normalität werden. Das könnten Lernzeitkonten, Teilzeit-Ausbildung oder geförderter Wiedereinstieg ermöglichen. Solange Karrieren mit 20 beginnen und mit 40 ihren Höhepunkt erreichen müssen, wird ein gesellschaftlicher Konflikt um Zeit technisch gelöst – beispielsweise mit Social Freezing. Der zukünftige Arbeitsmarkt sollte sich daher nicht daran orientieren, wer zuerst die entscheidende Station erreicht.
Die Familienpolitik der Zukunft ist Querschnittsthema, nicht Orchideen-Fach. Auf gut sozialdemokratisch »Gedöns«. Man könnte bei jedem neuen Gesetzesvorhaben prüfen, ob es Menschen von der Familienform abhält, die sie sich eigentlich wünschen.
Meine biologische Uhr schrillt. Ich bin aber gerade mitten in einer beruflichen Neuorientierung. Es wäre Zeit, die soziale Uhr nachzustellen. An mir soll’s nicht liegen.
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