Als Studierende in einem Erasmus-Masterstudiengang und kurz vor dem Umzug nach Großbritannien stehend, wissen wir um die positiven Effekte unserer Studienmobilität. Gerade aus dieser Position nehmen wir wahr, dass für ein zukunftsfähiges Erasmus an einigen Stellschrauben gedreht werden muss.
Für Liebhaber*innen des Buckingham Palace, Baked Beans und der London Bus Aunty hielt das vergangene Jahr gute Zukunftsnachrichten bereit: Ab Januar 2027 wird es Studierenden, wie den jährlich 4.500 deutschen Studierenden vor dem Brexit vor ihnen, wieder möglich sein, sich für eine Erasmus+-Förderung im Vereinigten Königreich zu bewerben. Das ist nicht nur ein gutes Zeichen für junge Menschen, die jenseits des Ärmelkanals studieren wollen, sondern auch gegen rechtspopulistische Stimmungsmache gegen die EU. Während zum Wiedereintritt des UK vor allem die Vorteile für Studierende und internationale Partnerschaften diskutiert werden, ist die Tragweite dieser politischen Entscheidung nicht zu unterschätzen. Bei Umfragewerten von rund 25 Prozent für die rechtspopulistische, europafeindliche Reform-Partei sendet sie ein klares Signal, dass für Großbritannien eine andere Zukunftsperspektive zur Verfügung steht – die der Annäherung an die EU. Die praktische Zusammenarbeit in Bereichen von Forschung, Sport, Sicherheit und Bildung macht deutlich, dass europäische Integration Vorteile schafft, die selbst nach einem Austritt nur schwer zu ersetzen sind und für beide Seiten konkrete Mehrwerte bieten. Das zeigt, dass auch Großbritannien erkannt hat, dass Isolation und Protektionismus – gerade beim Thema Bildung – kein nachhaltiges Zukunftsmodell sind.
Die Zusammenarbeit durch Erasmus ist für die EU ein vielversprechendes Mittel für eine Antwort auf Euroskepsis von rechts. Bereits 2014 hat eine Studie von Kristine Mitchell gezeigt, dass die Teilnahme an einem Austauschprogramm die Identifikation mit Europa und die eigene Selbstwahrnehmung beeinflusst. Auch eine Umfrage unter 23.000 Erasmus-Teilnehmenden hat den positiven Effekt der Mobilität gezeigt – nicht nur auf die Identifikation mit Europa, sondern auch auf deren Teilhabe an demokratischen Prozessen. Wer gemeinsam studiert, arbeitet, lebt und diskutiert, kommt nicht darum herum, langfristige persönliche und berufliche Beziehungen über Landesgrenzen hinweg aufzubauen. Während die vergangenen britischen Regierungen vor allem ein Augenmerk auf Handels- und Wirtschaftsbeziehungen legten, ist gerade die kulturelle Annäherung durch Programme wie Erasmus zentral für die Post-Brexit-Beziehungen zwischen dem Königreich und dem Festland.
Auch wenn diese Ausgangslage Hoffnung macht, bestehen im Modell Erasmus grundlegende Mängel, die für ein zukunftsfähiges Modell der Bildungsmobilität behoben werden müssen. Die Umfrage unter Erasmus-Teilnehmenden hat auch gezeigt, dass unzureichende finanzielle Unterstützung eine fortbestehende Hürde für die Partizipation an dem Programm darstellt. Neben zum Teil langen Bearbeitungszeiten bei der Auszahlung der Förderung gaben viele Studierende den Mangel an bezahlbarem Wohnen als Hindernis an. Soll Erasmus europäische Identität fördern, muss soziale Ungerechtigkeit in der Konzeption des gesamten Programms berücksichtigt werden – auch zur Vorbeugung des Vorwurfs, dass es sich dabei um ein Projekt von und für gesellschaftliche Eliten handelt. Dafür muss sich auch das Verständnis davon, was Erasmus ist, grundlegend ändern: Während den meisten die Studienförderung der EU bekannt ist, sind andere Förderprogramme wie die Möglichkeit der Förderung von Auslandsaufenthalten während der Ausbildung oder das Solidaritätskorps, das zivilgesellschaftliches Engagement fördert, weitaus weniger bekannt. Erasmus bietet weit mehr als das klassische Auslandssemester. Genau das muss in seiner Ausgestaltung sichtbar gemacht werden. Damit würde die EU dem Argument vorgreifen, dass sie nur zum Wohle einiger Weniger wirke.
Teil eines internationalen Masterprogramms der EU zu sein, hat uns in vielerlei Hinsicht bereichert. Unsere Kurse profitieren davon, dass kaum ein*e Kommiliton*in in demselben Land aufgewachsen ist. Gruppenarbeiten und alltägliche Mensagänge führen zu Diskussionen, die Lehrinhalte ständig herausfordern und erweitern. Diese Vielfalt von Perspektiven gehört nicht nur in unserem Studiengang »Global Studies« in den Hörsaal. Statt solche Erfahrungen wenigen vorzubehalten, sollten sie allen in Ausbildung und Studium zugänglich sein. Nur so wird Erasmus ein Baustein in der Schaffung einer sozial gerechten Zukunft, die statt auf Engstirnigkeit und rechtspopulistischen Scheinlösungen auf Neugier und Verständnis aufgebaut ist.
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