Erfahrbar wurde mir das bereits außerhalb der Universität. Ich habe an einer
Grundschule gearbeitet. Die Schule brauchte Lehrkräfte, meine Arbeit wurde geschätzt,die Kinder hätten Kontinuität verdient. Gekündigt wurde ich trotzdem, nicht wegen fehlender Leistung, nicht wegen mangelndem Bedarf, sondern wegen fehlender Gelder. Kaum etwas beschreibt das deutsche Bildungssystem treffender: Der Wille vor Ort ist vorhanden, der Bedarf ist offensichtlich, doch am Ende entscheidet das Geld über Bildungschancen.
Dieses Muster setzt sich allerdings nahtlos im Studium fort. Studiengänge, dieangehende Lehrkräfte auf einen Beruf vorbereiten sollen, sind oft zu theoretisch in den jeweiligen Fächern, praxisfern und teilweise so aufgebaut, dass sie Studierenden zusätzliche Hürden auferlegen, wie z.B. die Koordination im Praxissemester, als sie auf die Realität im Klassenzimmer vorzubereiten. Ausgerechnet in einem Bereich, in dem seit Jahren bekannt ist, dass Fachkräfte fehlen, wird jungen Menschen der Weg zusätzlich erschwert.
Gleichzeitig wird in Deutschland immer wieder betont, wie wichtig es sei, aus der eigenen Geschichte zu lernen. Zu Recht. Umso irritierender ist jedoch, dass wir offenbar kaum aus unserer bildungspolitischen Gegenwart lernen. Seit Jahren ist bekannt, dass unser Bildungssystem strukturell veraltet ist, Lehrkräfte fehlen, Schulen marode sind und soziale Ungleichheit immer wieder reproduziert wird. Trotzdem verändert sich kaum etwas. Probleme werden analysiert, diskutiert und vertagt, während Generationen durch ein System gehen, das längst nicht mehr zeitgemäß ist.
Besonders deutlich wird dieser Widerspruch in politischen Debatten. Während über die Verbeamtung von Lehrkräften gestritten wird, fehlen bereits jetzt hunderttausende pädagogische Fachkräfte. Während das BAföG kaum mit der Realität steigender Lebenshaltungskosten mithält, fragt man sich gleichzeitig, warum junge Menschen sich gegen ein Lehramtsstudium entscheiden oder ihr Studium abbrechen. Politisch wird beklagt, dass Fachkräfte fehlen, gleichzeitig werden aber genau die Bedingungen geschaffen, unter denen immer weniger Menschen bereit sind, diese Berufe überhaupt zu ergreifen.
Fast symbolisch wirkt in diesem Zusammenhang der Zustand der Gebäude der Technischen Universität Berlin: bröckelnd, unterfinanziert, irgendwie noch funktional, aber längst an einem Punkt angekommen, an dem nur noch verwaltet statt nachhaltig investiert wird. Was dort sichtbar wird, steht exemplarisch für einen Umgang mit Bildung, der seit Jahren auf kurzfristige Schadensbegrenzung statt langfristige Entwicklung setzt.
Hinzu kommt eine weitere politische Debatte, die die Prioritäten besonders deutlich offenlegt. Während über eine neue Wehrpflicht diskutiert wird, betrifft diese Diskussion genau jene Generation, bei der seit Jahren systematisch eingespart wird: marode Schulen, unterfinanzierte Universitäten, fehlende Unterstützung im Studium und zunehmend unsichere Berufsperspektiven. Einer jungen Generation wird immer mehr
Verantwortung zugeschrieben, während ihr gleichzeitig die strukturellen
Voraussetzungen genommen werden, dieser Verantwortung überhaupt gerecht werden zu können.
All diese Entwicklungen bleiben jedoch nicht auf die Gegenwart beschränkt, sondernreichen weit darüber hinaus. Denn ein Staat, der Bildung dauerhaft als Kostenfaktor behandelt, produziert keine Zukunftssicherheit, sondern verschärft genau die Krisen, die später mit weit größerem Aufwand bekämpft werden müssen. Fehlende Lehrkräfte heute bedeuten schlechtere Bildungsbiografien morgen. Schlechtere Bildung bedeutet wachsende soziale Ungleichheit, geringere gesellschaftliche Teilhabe und langfristig eine Demokratie, deren Stabilität ins Wanken geraten kann.
Dennoch diskutiert Deutschland permanent über Innovation, wirtschaftliche
Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dabei entsteht all das nicht von selbst. Die Zukunft eines Landes entscheidet sich nicht erst in Parlamenten oder auf Wirtschaftsgipfeln – sie entscheidet sich jeden Tag in Schulen, Universitäten und überall dort, wo in Menschen investiert wird.
Am Ende steht deshalb eine entscheidende Erkenntnis: Es braucht politischen Willen, Bildung nicht länger als Ausgabe zu betrachten, sondern als Fundament gesellschaftlicher Zukunft. Denn wenn wir weiterhin zulassen, dass junge Menschen durch ein kaputtgespartes Bildungssystem frustriert werden, verlieren wir mehr als Fachkräfte. Wir verlieren Vertrauen in staatliche Institutionen, Motivation zur gesellschaftlichen Mitgestaltung und irgendwann ganze Generationen, die dieses Land eigentlich tragen sollten.
Wer dauerhaft bei Bildung spart, spart nicht an der Gegenwart. Gespart wird an derZukunft eines ganzen Landes und irgendwann wird der Preis dafür höher sein als jede Investition, die heute verweigert wird.
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