Der Gedanke an die Zukunft ist von einem Paradox geprägt. Einerseits speist sich der Gedanke an die Zukunft aus dem, was einem bisher widerfahren ist. Andererseits verändert sich mit der Zeit der alleinige Modus, wie das bisher Geschehene in der Präsenz wahrgenommen wird. Das bedeutet für die Zukunft, dass sie sich nicht an einer stetigen bzw. graduell verlaufenden Präsenz »festhalten« kann. Ich möchte dieses Paradox an einem Beispiel beschreiben.
Aktuell bin ich in Skopje. Als ich 2017 zum ersten Mal für einen Freiwilligendienst in den Balkan gezogen bin, musste ich zunächst googeln, wo sich Mazedonien auf der Karte befindet. Während ich dann dort lebte, wurde der Name des ganzen Landes, inklusive der Verfassung, geändert in Nordmazedonien. Auch wenn kaum jemand in der Region das Land so nennt, galt dies (das sogenannte Prespa-Abkommen zwischen Griechenland und dann Nordmazedonien) als großer zukunftsgerichteter Erfolg. Der damalige mazedonische Premierminister Zoran Zaev erhielt für seinen politischen Einsatz sogar den Menschenrechtspreis 2020 der Friedrich-Ebert-Stiftung. In einem schlechten Jahr für Menschenrechte sei es wichtig »auch die Leistungen zu würdigen, die sich diesem Trend entgegenstellen. Ein solcher positiver Lichtblick ist Zoran Zaev, amtierender Premierminister von Nordmazedonien«, wie im Internet nachgelesen werden kann.
Im Nachhinein liest sich jedoch auch die Laudatio, gehalten vom damaligen Außenminister Heiko Maas, fast wie ein Abschiedsbrief, war das politische Kapital mit dem Abkommen von Prespa und dessen problematische Umsetzung für die mazedonische Sozialdemokratie doch gänzlich verspielt. Spätestens mit dem historisch gravierendsten Machtumschwung bei dem Superwahljahr 2024, als die von den Sozialdemokraten angeführte Koalition »Für eine Europäische Zukunft« über 60 % ihrer Sitze im Parlament verlor, schien die Zukunft, die in meiner Freiwilligendienstzeit von 2017 bis 2019 euphorisch besungen wurde, eine komplett andere zu sein. Mazedonien bzw. Nordmazedonien ist ein interessantes Beispiel für das Paradox der Zukunft. Eben weil es so europäisch und zugleich reich an historischen Brüchen und Paradoxien ist, zeigt sich hier besonders deutlich, wie die Wahrnehmung der Zukunft einerseits aus der Vergangenheit gespeist wird und andererseits dem von globalisierten Algorithmen geprägten Zeitgeist ausgesetzt ist.
Der Gedanke an die Zukunft ist auch bei uns in Deutschland eng mit dem Gedanken an Europa verbunden. Wenn von europäischer Integration als Prozess gesprochen wird, dann ist dieser im Allgemeinen als zukunftsgerichtet zu verstehen. Es ging erst um Frieden durch ökonomische Verbindungen, dann immer mehr auch um die Schaffung einer europäischen Identität. Diese scheint aus der mazedonischen Perspektive wohl nur noch schwer nachvollziehbar zu sein, wuchs doch mittlerweile eine ganze Generation mit dem Versprechen auf, man würde bald Teil des europäischen Projekts sein. Noch ein bisschen conditionality hier, ein bisschen Demokratieaufbau da. Vereint in Diversität, auch wenn die eigene Identität im Europäischen Parlament weiterhin von bulgarischen Abgeordneten infrage gestellt wird. Als Zaev den Menschenrechtspreis erhielt, im ersten Coronajahr, begann ich mein Studium der Europastudien mit kulturwissenschaftlicher Ausrichtung in Chemnitz, das kurz nach meiner Ankunft zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 ernannt wurde.
Das Ziel des damaligen Bid Books, der Bewerbung zur Kulturhauptstadt, war nichts weniger als eine kleine Kulturrevolution, die Chemnitz und vor allem die Wahrnehmung von Chemnitz ändern sollte. Später würde mich mein Studium auch noch nach Graz und Novi Sad führen, ebenfalls Europäische Kulturhauptstädte, die von ihren ganz eigenen Bildern der Zukunft geprägt sind. Gerade in Novi Sad müssen die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche und Massenmobilisierungen gegen das politische Establishment Erwähnung finden, die mitunter in einer vollständigen studentischen Blockade des universitären Betriebs im gesamten Land mündeten und damit eine der größten Protestbewegungen des Landes seit den Protesten gegen das Regime der späten 1990er auslösten. Dabei fühlt sich Europa in Serbien noch entfernter an als in Skopje. Auch Skopje wird Europäische Kulturhauptstadt, und zwar 2028.
Vielleicht ist dies ein Trost für die ausbleibenden Fortschritte im Streit mit Bulgarien, dessen bilaterale Forderungen den EU-Beitrittsprozess seit 2020 blockieren (nach dem griechischen und kurzen französischen Veto). Jedoch scheint mir, als wäre der Gedanke an die Zukunft in Nordmazedonien mittlerweile symbolisch, um nicht archetypisch zu sagen, für die Wahrnehmung der Zukunft in ganz Europa. Es ist ein alter Kontinent. Der, der sich durch den Klimawandel am schnellsten verändert. Und obwohl die Voraussetzungen da sind, fühlt es sich oft eher nach einem Warten auf die Zukunft an, gedämpft von den Krisen und der Hitze der Welt. Eine ganze Generation hat in Nordmazedonien mittlerweile gewartet. Doch die Zukunft kam nicht, wie versprochen. Somit gewann die Vergangenheit wieder an Macht, was wir am Aufschwung konservativer bis rechtsextremer Bewegungen in ganz Europa beobachten können. Das Motto von Skopje2028 lautet »Culture Over Division« und stellt sich damit gegen einen aktuellen Zeitgeist, der zunehmend von glokalisierten Algorithmen geprägt ist. Zukunftsgerichtet so wie die Laudatio von 2020. Die Zukunft bleibt jedoch geformt vom Paradox der Prägung der Vergangenheit in einer nicht greifbaren Gegenwart.

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