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© JR Berliner Ensemble

Über die Arbeit der Regisseurin Karen Breece Mit Nazis sprechen – aber wie?

Darf man mit Nazis sprechen? Und wenn ja – wie? Das sind Fragen, die die jüngsten AfD-Wahlerfolge und deren mediale Aufarbeitung in neuer Dringlichkeit stellen. Wie viel öffentlichen Raum sollen und dürfen Menschen bespielen, die unverhohlen antidemokratisch und rassistisch argumentieren? Hat ein Nationalkonservativer, der den Holocaust lächelnd als »Vogelschiss« der Geschichte bezeichnet, den Handschlag eines demokratisch gewählten Vertreters verdient?

Der Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg hat die US‑amerikanische Theaterregisseurin Karen Breece, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, darin bestärkt, noch genauer zu- und hinzuhören – um Strategien zu entwickeln, sich bewusst von rechten Parolen abzugrenzen. Die »Tür einfach zuzuschlagen« sei keine Lösung, sagt sie. Denn die Frage, warum Jugendliche nach rechts kippen, sich plötzlich radikalisieren, gehe uns alle an. Für ihr Stück Mütter und Söhne recherchierte Karen Breece im rechtsradikalen Milieu, sprach mit Aussteigern und deren Müttern, aber auch mit Sozialpädagogen, die Aussteigerprogramme leiten und mit Opfern rechter Gewalt. Auf Grundlage dieser Experteninterviews ist Mütter und Söhne entstanden – ein Theatertext, den sie zur Eröffnung des »Neuen Hauses« am Berliner Ensemble mit fünf Schauspielerinnen und Schauspielern inszeniert. Den Ort ihrer Inszenierungen wählt Breece sehr bewusst. Für frühere Arbeiten hat sie das Theater verlassen und in der ehemaligen SS-Schneiderei in Dachau und im französischen Oradour inszeniert, dem Ort, an dem die Waffen-SS 1944 ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübte. Über die Topografie mit der Geschichte in einen Dialog zu treten, fasziniere sie. Im neuen Haus des Berliner Ensembles kommt sie nicht umhin, sich mit dem Erbe Bertolt Brechts auseinanderzusetzen. Wie ihn interessieren sie die gesellschaftlichen Widersprüche. Wenige Tage vor der Premiere erlaubt Karen Breece einen Einblick in die Endproben. Neu gegossene Betonstufen führen zur ehemaligen alten Probebühne, die Helene Weigel einst als Abstellkammer und Sauna nutzte und die der vorigen Intendanz als charmantes Provisorium diente. Jetzt glänzt sie im nüchternen schwarzen Anstrich, der gut zu Breece' dokumentarischem Ansatz passt. Unter der frischen Farbe versucht man gedanklich ein wenig von der Aura freizulegen, die Inszenierungen wie George Taboris Kannibalen hier erzeugten. Das Haus ist noch eingerüstet, Geländer fehlen, dafür gibt es ein paar provisorische Latten zum Abstützen.

Dutzende weiße Stühle sind zu einem schneckenförmigen Labyrinth ineinander geschoben: Kinderhocker, Gartenstühle, Drehsessel, Bürostühle. Links außen überragt ein Schiedsrichterstuhl alle anderen. Schauplatz einer öffentlichen Therapiesitzung. Eine Familienaufstellung, in der Schauspieler die Stellvertreter geben. Wer nimmt welchen Platz ein? Wie bringt man Licht ins Beziehungsgeflecht? Da sprechen verzweifelte Mütter, die nicht verstehen, wie sie ihre Söhne an die braune Kameradschaft verlieren konnten. So viel Liebe hätten sie ihnen gegeben, fürsorglich Mützchen gestrickt, so viel gemeinsam unternommen. Wurden Grenzen nicht konsequent genug gezogen? Liegt es daran, dass der Sohn kein Ziel vor Augen hatte, sich für nichts begeisterte? Es sind wütende verhärmte Frauen, die ihre Kinder beschützen wollen, und dabei in einen Strudel exzessiver Gewalt geraten. Corinna Kirchhoff und Bettina Hoppe zerreiben sich als Aussteigermütter zwischen bedingungsloser Liebe, Wut und Selbstzweifeln. Ohnmächtig stammelnd stehen sie der Brutalität ihrer Söhne (Nico Holonics und Oliver Kraushaar) und der eigenen hilflosen Gegenwehr gegenüber: »Irgendwann sind wir wie Tiere übereinander hergefallen (…) das war nicht mehr normal, nicht mehr normal, nicht mehr normal (…)« zischt Hoppe.

Mütter ehemaliger oder noch aktiver Nazis für ein Gespräch zu gewinnen, sei besonders schwer gewesen, erzählt Breece. »Weil ihre Familien an der Radikalisierung zerbrochen sind, wollen sie die Vergangenheit nicht erinnern.« Die Interviews anonymisiert Breece und transkribiert sie Wort für Wort. Dabei zählt jede Wiederholung, jedes Verlegenheitsfüllwort, eine ungewöhnliche Betonung oder lange Pausen. »Sie geben viel über die Eigenart meines Gegenübers preis, darüber, wie er oder sie das Gesagte bewertet.« Noch während des Abhörens beginnt Breece zu inszenieren. Manchmal sei es nur ein Versprecher, der ihr aufstoße, eine besonders geschliffene Formulierung, die Assoziationen an andere Texte wachrufe oder den Auslöser für eine selbstgeschriebene Passage gebe. Breece spitzt das dokumentarische Material zu, formt um, ergänzt es um wissenschaftliche oder historische Zitate. Einige Gespräche erfindet sie auf der Grundlage der Interviews völlig neu. Ihren Ansatz bezeichnet Breece als Dokufiktion – fiktionales Arbeiten auf dokumentarischer Basis. Die Akribie beim Abhören und Transkribieren sei dafür entscheidend. Nur so könne sie Nuancen und vielschichtige Zusammenhänge klar darstellen: »Gerade bei diesem Thema geht es mir um eine Tiefenbohrung. Ich will keine einfachen Schwarz-weiß-Antworten.« Die Beschäftigung mit der NS-Zeit durchzieht Breece Arbeiten. In zwei früheren Stücken, die beide auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau entstanden, befasste sie sich zuerst mit dem Schicksal der NS-Opfer, später mit dem Blickwinkel der Täter. Mütter und Söhne sieht Breece als dritten Teil einer Trilogie, in der sie den Rechtsextremismus der Gegenwart untersucht. Es falle zunehmend schwer, die Grenzen zwischen gemäßigt und extrem, populistisch und konservativ klar zu ziehen, Neurechte von Altrechten zu unterscheiden. Eine Partei wie die AfD diene als Sammelbecken. »Dass dort rassistische und antidemokratische Inhalte als bürgerlich und fürsorglich propagiert werden, macht mir Angst«, sagt Breece.

Auf der Bühne hat Oliver Kraushaar in Khakishorts und Pullunder eine dicke Schneise in die Stuhlreihen geschlagen. »Die Würde des Menschen ist unantastbar« zitiert er höhnisch das Grundgesetz. Warum den besonders Liberalen immer nur Artikel eins einfalle? Er und seine Kameraden würden alle auswendig können: »Denn was man bekämpfen will, muss man genau kennen: Bunt statt braun – ich kann's nicht mehr hören!«

Wieso sind die Rechten im Osten besonders laut? Warum Hitlergrüße in Chemnitz, Pegida-Aufmärsche in Dresden? Karen Breece verweist auf einen Artikel der Psychoanalytikerin Annette Simon, die eine Kontinuität der staatlichen Entmündigung feststellt: Zuerst der verordnete Antifaschismus des DDR-Staatsapparats, später die demütigende Vereinnahmung durch den Westen. Die Wut über das lange unterdrückte Schamgefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, bricht sich nun in hemmungslosem Hass auf Andersfarbige Bahn. Auf der Bühne stimmt Oliver Kraushaar mit heiserer Stimme Brechts Einheitsfront-Lied an: »Und weil der Mensch ein Mensch ist …« Unmerklich ändert sich der Duktus, aus Arbeitergenosse wird Volksgenosse, die übrigen Schauspieler fallen lautstark mit ein: »rechts, zwo, drei, vier … rechts, zwo drei vier!«

Nico Holonics hat inzwischen den Schiedsrichterstuhl erklommen und grölt den Song der Rostocker Rechtsrock-Band Nordmacht: »frei, sozial und national«. Er filmt sein Gesicht mit der Handy-Kamera. Grotesk verzerrt wird es hundertfach an die Bühnenwand projiziert: Eine mächtige Einheitsarmee, die mit der liberalen Gesellschaft aufräumen soll. SS-Devotionalien und Panzer-Poster über dem Kinderbett als Protest gegen das pazifistische Getue der Eltern. Breece presst nicht nur die Nachwehen der friedlichen Revolution von 1989 ins Gebrüll der Söhne. Der Frust über Bevormundung ist keine reine Ost-Angelegenheit.

»Verrecken sollst du! Ich bring dich um!!« Holonics boxt seine Bühnenmutter Corinna Kirchhoff plötzlich gegen einen Stuhl, jagt sie mit vor der Brust gekreuzten Armen durch das Labyrinth wie ein verwundetes Tier. In ihrer Gnadenlosigkeit gleicht die Szene einer modernen Orestie. Es sind Aufschreie von Ost- wie West-Söhnen, von Söhnen alleinerziehender Mütter, die ihre Väter nur abwesend erlebten oder nie kennenlernten – und ihre Mütter dafür abstrafen, sie »ins Gas« schicken wollen. Jungs, die nicht nur Probleme in der Schule haben, sondern sich vor allem nicht männlich genug fühlen. Die eifersüchtig den behinderten Adoptivbruder belauern, um den sich die Mutter intensiver kümmerte. Die Fokussierung auf Mütter und Söhne habe sich erst im Laufe ihrer Recherchen ergeben, erklärt Breece. Jungs radikalisierten sich viel häufiger als Mädchen. Und die Mütter seien oft die einzigen, die versuchten, ihre Kinder zum Ausstieg zu bewegen. Trotzdem, selbst wenn es viele erkennbare Muster gebe – »warum jemand plötzlich nach rechts driftet, ist immer eine einzelne Geschichte, die sich nicht pauschal an der Familienkonstellation ablesen lässt« sagt Breece.

Mit ihrer Arbeit will Karen Breece Zuschauer dazu bringen, zu differenzieren, ein genaueres Gespür für die eigene Position zu entwickeln. Dafür verpasst sie Klischeeparolen einen doppelten Boden.

»Ein so unglaublich sensibles und liebes Kind (…)« sei ihr Sohn gewesen, säuselt Kirchhoff als Münchener Aussteigermutter. Sie sitzt auf einem kleinen Kinderhocker ganz nah an den Zuschauern: „(…) aber ein wahnsinniger Dickschädel. Sein Kopf bereits bei der Geburt riesengroß!« Mitten im verstrahlten Regen nach dem Super-GAU von Tschernobyl sei er zur Welt gekommen. Kirchhoff stöhnt, seufzt. In ihrer Stimme schwingt Liebe und Abscheu zugleich. Hat die Radioaktivität denn etwas mit dem Nazisein zu tun, mit der Größe des Dickschädels? In diesen blitzartigen Assoziationen, über die sich Verständnisbrücken und neue Schauplätze eröffnen, liegt die Kraft des Stücks. War der Sohn doch dem ideologischen Dunst ausgesetzt, den seine Familie umgab, den Vereinnahmungsparolen der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung, an denen er sich nun abreagiert?

Neben Söhnen kommen auch Töchter zu Wort. Als blonde Nazi-YouTuberin erklärt Laura Balzer, wie hip alte deutsche Tugenden wieder seien: Jetzt, da sie ihren Eisprung bewusst erlebe, erkenne sie ihre wahre Bestimmung. Im Plauderton lässt Balzer alte Rollenbilder aufleben und weiß, wie sie sich mit Schmollmund am besten im Netz vermarktet. Bettina Hoppe glänzt vor der Kamera als Nazi-Ulknudel und lebt mit breitem österreichischen Zungenschlag in einem Bonobo-Affen-Gleichnis ihren rechts-feuchten Traum aus. Das soll mehr als platter Slapstick sein. Denn von einer ironisch-satirischen Aufbereitung des Themas Rechtsradikalismus hält Breece ausdrücklich nichts. Vielmehr sollen die Szenen verdeutlichen, wie weit rechtes Gedankengut bereits in die Mitte unserer Gesellschaft vorgedrungen ist. Längst sind Springerstiefel und Glatzen Hipster-Outfits und showtauglichem Makeup gewichen.

Am Ende der Probe sprechen die geläuterten Aussteiger. Mithilfe von Regieassistentin und Hospitanten ordnen die Schauspieler die Stühle neu – stellen sie nun frontal zu den Zuschauern. Soll heißen: Unsere Erkenntnisse gehen euch an – aber werden sie die Zuschauer tatsächlich (be)treffen? Dann zählen sie Gründe auf, die rechte Szene wieder zu verlassen: eigene Kinder, zu deren Erziehung die Härte und Empathielosigkeit der Bewegung nicht mehr passe, Enttäuschung über den Zusammenhalt der Kameradschaft, die Erkenntnis, dass Ideologie und Wirklichkeit viel zu weit auseinanderklafften. Nico Holonics liefert den Beleg und erzählt in schönstem Bühnen-Sächsisch, wie ihm ein brauner Genosse die Freundin ausgespannt hat. »Tatsächlich steigen diejenigen, die aus ideologischen Gründen ins rechte Milieu gerutscht sind, auch häufiger wieder aus«, sagt Breece. Das hätten ihre Untersuchungen gezeigt. Diejenigen, die nur einen Grund suchten, ihren Sadismus auszuleben, seien jedoch kaum zurückzugewinnen.

Karen Breece ist vom Ästhetizismus und der Selbstverliebtheit vieler zeitgenössischer Regietheaterarbeiten gelangweilt. Kraft und Relevanz entwickle Theater nur dort, wo es sich engagiert und mutig zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußere.

Doch befriedigende Antworten, warum sich ein Kind radikalisiert, findet Breece in Mütter und Söhne nicht. In den besten Momenten gelingt ihr ein genaues Psychogramm, das die erschreckende Vielfalt möglicher Beweggründe offenlegt. Was man ihrem Text als Schwäche vorwerfen könnte – dass dessen theatralisch überformte Doku-Szenen lediglich skizzieren, aber nicht zu Ende formulieren, wird so zu dessen Stärke: zur Forderung, sich ein eigenes Bild zu machen.

Ob man Nazis allerdings eine Bühne geben sollte – eine Antwort auf diese Frage bleibt eine politische und ästhetische Gratwanderung.

(Das Stück »Mutter und Söhne« von Karen Breece wird bis zum 24. November im Berliner Ensemble aufgeführt. Eintrittskarten: 22–29 €.)

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