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»Mit Rechten reden?«

Zu Besuch in einem brandenburgischen Dorf im östlichen Speckgürtel Berlins: Inmitten der ruhigen und unauffälligen Nachbarschaft, umgeben von Feldern, Wäldern und Pferdekoppeln, ragt ein Fahnenmast in die Höhe. Die Deutschlandflagge ist gehisst, Banner mit Aufschriften wie »Lügenpresse« und »AfD wählen!« und ausländerfeindlichen Aussagen zieren über Monate hinweg den Zaun des kleinen Vorgartens. Wer hier wohnt? Wie die Nachbarschaft damit umgeht?

In dieser Gegend passiert es oft, dass man beim Durchfahren denkt: Hier liegt also die AfD bei knapp 40 Prozent. Zugegeben: Abgesehen von einem so provozierend dekorierten Vorgarten bekommen Außenstehende von diesem Prozentanteil nichts mit. Man könnte klingeln. Fragen stellen, wie: »Was hat Sie dazu gebracht, all das aufzuhängen?« Aber man tut es nicht. Man betrachtet die Menschen vorsichtig im Supermarkt und fragt sich im Stillen: Ist das so eine? Oder der vielleicht? Personen, die ihren Alltag leben. Ohne Vor­fälle, ganz normal eben. Es scheint, als lebt das Dorf friedlich vor sich hin.

Warum fällt es so schwer, mit den Leuten in den Dialog zu treten oder es wenigstens zu probieren? Vorurteile mit Fakten aus dem Weg zu räumen? Warum fällt es so schwer, beim Kaffeetrinken mit der dort wohnenden Verwandtschaft beiläufigen ausgrenzenden Aussagen sofort zu widersprechen? Vielleicht, weil man selbst es scheut, damit konfron­tiert zu werden, wie Rechtenun mal sind: argumentationshassend, gefühlszentriert, ideologisch. Es gäbe gute Gründe, dagegen zu halten, statt mit den Schultern zu zucken. Gedanken auf der Rückfahrt ins urbane Berlin: Wer versagt da gerade? Alle vielleicht?

Angst, Unsicherheit und Missmut prägen vermehrt den gesellschaftspolitischen Alltag. Vielleicht ist es wirklich so, dass solche Gefühle zu oft ausschließlich von rechts aufge­griffen und noch verstärkt werden. Dann fällt es im linken Spektrum umso leichter, von fern zu sagen: Die da rechts wählen, lassen sich von Ängsten treiben, wenden sich von den Herausforderungen ab, anstatt sich einer rationalen Abwägung der Fakten auszu­setzen.

Schlussfolgerung eins: Es ist und bleibt fatal, krisengeprägte heikle Emotionen dem rechten Spektrum zu überlassen. Wären nicht Demokratiekrise und Klimawandel Themen für offene, konstruktive, kritische Angstdebatten über politische Lagergrenzen hinweg – statt ausschließlich die einfach gestrickten Klischeedebatten bei den rechts-intonierten Themen Migrations- und Wirtschaftskrise? Der Journalist und Autor Axel Hacke greift in seinem Buch Wie fühlst du dich? Gefühle wie Hass, Angst, Einsamkeit und Wut auf, ohne sie ausschließlich der Rechten zuzuschreiben. Er beschreibt sie als etwas grundsätzlich Menschliches abseits der politischen Gesinnung und plädiert dafür, heutzutage erst recht nicht in den eigenen negativen Gefühlen zu versinken.

»Es ist fatal, krisengeprägte heikle Emotionen dem rechten Spektrum zu überlassen.«

Die linke Antwort auf die Angstkultur von rechts kann sicher nicht ein ebenso lautes Gegen-Krisenorchester sein. Auch ist es grundlegend falsch, rechte Narrative nachzu­ahmen, um dort vermeintlich die Wählerschaft abzuziehen. Nur: Was tun, wenn man mit dem »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« (Jürgen Habermas) nicht weiterkommt? Wenn Menschen, die ihre Ängste äußern (wollen), schnell mit Pauschal­verurteilung und Zuordnung zur AfD abgetan werden, ist es kein Wunder, dass sie sich tatsächlich den Parteien zuwenden, die sie direkt ansprechen – wenn auch mit falschen Antworten.

Schlussfolgerung zwei: Es bietet sich eine notwendige Differenzierung an. Rechts ist nicht gleich rechtsextrem. Rückblende auf die historische Genese des Rechts-links-Schemas: Die Ende des 18. Jahrhunderts in der französischen Nationalversammlung rechts sitzenden politischen Gruppen, die die Monarchie unterstützten, standen zumindest teilweise für etwas anderes als die rassistischen, antisemitischen und diskriminierenden Gruppierungen heute. Und weiter macht es immer einen Unterschied, ob konservative Kreise traditionelle Werte im Einklang mit der Verfassung thematisieren oder ob generell menschenfeindliche Parolen propagiert werden.

Positionen gegen Verfassung und Menschenwürde dürfen niemals Teil eines demokratischen Diskurses werden. Aber mit den anderen, die (noch?) kein ideologisch-gefestigtes Weltbild haben und für Alternativen außer der rechten vielleicht zugänglich sind, sollten links-liberal Gesinnte in den Austausch kommen.

Schlussfolgerung drei: Die mit den rechten Symbolen im Garten sind wahrscheinlich nicht mehr erreichbar. Aber breiter gesellschaftlicher Dialog wird dadurch noch nicht sinnlos.

Wenn 30 Prozent AfD wählen, heißt das auch, dass in derselben Stadt- oder Dorfgesell­schaft mehr als zwei Drittel nicht rechts wählen. Wo ist das Engagement dieser Mehrheit? Die Mehrheit ist zu still. Die Mehrheit nimmt zu viel hin, statt ihre eigene Sicht in der Auseinandersetzung klar zu benennen und andere, aussichtsreiche und motivierende Antworten zu geben, dabei aber auch Zweifel nicht nur pauschal abzutun. Zumal müsste ein linkes Spektrum, das für Offenheit und Inklusion stehen will, schon gute Gründe haben, die eigene Sichtweise gegenüber manch anderen nicht mehr vertreten zu wollen. Diese Gründe gibt es so pauschal nicht.

Menschliche Zugewandtheit im Alltag

Der Umgang mit dem Rechtsruck ist offenkundig nicht leicht, schon gar nicht in der direkten Nachbarschaft. Aber wer sich abwendet von denen, die sich abwenden, zementiert damit etwas, das verändert werden muss. Denn wie gestaltet sich der gesellschaftliche Dialog? Zum einen, so schwer es oft auch fällt, in menschlicher Zugewandtheit im Alltag. Doch was zu sehen ist, ist dass die Gesellschaft insgesamt zu zerfallen droht – in viele digitale und sonstige Blasenmilieus, mitunter auch linke. Zum anderen dann aber auch, dass die Themen im Diskurs dann eben stets von allen bestimmt werden, die dabei sind.

Auseinandersetzen mit den Themen der Rechten? Wenn man an jenem Gartenzaun steht, drängt einen wahrlich nicht viel zum Dialogversuch. Aber es gibt viele andere Gelegenheiten. Es gibt – noch – gesellschaftliche Begegnung. Manchmal mag die Kraft fehlen, oft die Lust dazu. So etwas wie Verantwortung für das, was diskutiert und was nicht diskutiert wird, gibt es aber auch. Gegenargumente aussprechen: Solange demokratische Werte gelebt werden (können), gehört das dazu.

Und was, wenn so ein Diskurs nicht gelingt? Denn nein, niemand muss sich in jeden Vorgarten einmischen. Aber erst viele gemeinsam sind die Gesellschaft. Es gibt keinen anderen demokratischen Weg, als miteinander zu streiten.

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