Kryptowährungen wie Bitcoin versprechen eine neue, demokratische und ehrliche Form des Geldes. Eine Währung, die von keiner politisch beinflussten Zentralbank abhängt, sondern nur von unbestechlichen Algorithmen. Doch die Behauptung, Bitcoin sei Geld, hält der irische Wirtschaftswissenschaftler und Autor David McWilliams für falsch. Denn Bitcoin & Co könnten gar nicht als stabiles Tauschmittel funktionieren, weil sie begrenzt sind. Deshalb werden sie gehortet, schreibt er in seinem Buch Money: »Kryptowährungen basieren ausschließlich auf Stimmungen und sind im Gegensatz dazu die ultimative Spekulationswette, ein handelbarer Glücksspielvertrag. Der ›Markt‹ für diese Token ist ein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn eines Teilnehmers der Verlust eines anderen sein muss.«
Kryptowährungen profitieren von Krisen und dem Vertrauensverlust in demokratische Institutionen. McWilliams geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet sie als ausgeklügelten »Betrug« und »Raubüberfall«. Der Finanzjournalist hat bei der irischen Zentralbank gearbeitet, bei Privatbanken wie der Union de Banques Suisses (UBS) sowie am Trinity College in Dublin Wirtschaftswissenschaften unterrichtet. Mit seinem Buch will er nichts weniger als eine »Menschheitsgeschichte aus der Perspektive des Geldes« vorlegen. Denn unsere Entwicklung sei in den letzten 5.000 Jahren entscheidend durch Geld geprägt worden. Eines der ältesten Finanz-Artefakte ist sogar 20.000 Jahre alt: der sogenannte Ishango-Knochen, der in Zentralafrika mutmaßlich als kommerzielles Kerbholz diente. Seine Einkerbungen könnten Gutschriften und Belastungen bedeutet haben.
Geld und die dunkle Seite des Menschen
Natürlich ermöglicht Geld Annehmlichkeiten und Vergnügen, schafft Sicherheiten, fördert Kreativität und Kunst. Doch noch viel mehr bringt Geld die dunklen Seite der Menschen zum Vorschein: Neid, Gier, Hass, Gewalt und natürlich Kolonialismus. Daran läßt David McWilliams keine Zweifel, wenngleich er seine Faszination für Geld nur schwer zügeln kann. Er schreibt unterhaltsam, witzig bisweilen und ziemlich spannend.
Die ersten Währungen basierten auf Getreide. In Mesopotamien beispielsweise entsprach ein Schekel einem Scheffel Gerste. Im Althebräischen bedeutete Schekel »wiegen«. Die griechische Währung von der Antike bis zur Einführung des Euro war die Drachme, was »Handvoll« bedeutet. Dem griechischen Historiker Herodot zufolge kamen mit der Kultur der Lyder die ersten Münzwährungen auf, aus Kupfer, Silber und Gold.
Geld gleich Kapital?
McWilliams unterscheidet in seiner Geschichte des Geldes Geld nicht von Kapital und er geht sehr lax mit dem Begriff des Mehrwerts um, wenn er bespielsweise behauptet: »Die Globalisierung war damals wie heute ein urbanes Phänomen, und nicht das Land, sondern die Städte blühten durch den Handel. Ökonomisch gesehen schaffen Städte Mehrwert. Händler kauften Wolle von Bauern, fertigten Produkte an und verkauften diese dann zu einem höheren Preis an den Endverbraucher weiter – sie erzeugten Mehrwert.« Natürlich erzeugten weder die Städte noch die Händler den Mehrwert, sondern die Produzenten der Wollwaren. Doch solche Ungenauigkeiten können verzeihlich bleiben. Denn trotz seiner mitunter sehr affirmativen Haltung zum Geld läßt McWilliams keine Illusionen aufkommen.
Für die Azteken besaßen Gold und Silber keinen Tauschwert. Sie benutzten es ausschließlich für Schmuck und zu kultischen Zwecken. Die Spanier hingegen stahlen davon soviel sie kriegen konnten. Der Gesamtbestand an Gold und Silber in Europa hatte sich im 16. Jahrhundert seit Kolumbus verfünffacht. Spanier und Portugiesen plünderten die Neue Welt. Und die Niederländer raubten Afrika und Asien aus. 1601 gründeten Kaufleute die Vereinigte Ostindien-Kompanie (VOC). Ihre Handelsgewinne stiegen so rasch, dass die VOC zum größten Unternehmen der Welt wurde.
»Das niederländische Wirtschaftswunder war Gesprächsthema in ganz Europa.«
Holland handelte mit Zucker aus Westindien, Pelzen aus Französisch-Kanada, Tabak aus den britischen Kolonien in Nordamerika sowie Zimt, Pfeffer, Ingwer und Seide aus Borneo.Die Niederländer spielten im Sklavenhandel eine führende Rolle und verkauften Afrikaner an die Spanier. Das niederländische Wirtschaftswunder war Gesprächsthema in ganz Europa. Zwischen 1630 und 1640 verdoppelte sich der Amsterdamer Aktienindex. »Das Streben nach Geld, für manche eine Befreiung, führte auch direkt zur Kolonisierung, Misshandlung und Erniedrigung von Millionen«, bilanziert David McWilliams. »Die Technologie, die so viel menschlichen Fortschritt und Innovation ermöglichte, begünstigte auch Terror und Leid.«
Handelskrieg wortwörtlich
Die VOC gilt als das wertvollste Unternehmen der Geschichte. Der Unternehmenswert war noch höher als der der Britischen Ostindien-Kompanie (EIC). Allerdings war die britische EIC das mächtigste Unternehmen mit einer eigenen Marine und einer riesigen Armee. Sie war durch einen königlichen Freibrief ermächtigt, Krieg zu führen. Und um ihre Ziele zu erreichen, war Gewalt das Mittel ihrer Wahl, schreibt der schottische Historiker William Dalrymple in seinem fast 900 Seiten umfassenden Mammutwerk Anarchie: Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company.
In ihren ersten 100 Jahren besaß die Londoner Zentrale nur ein paar Dutzend Mitarbeiter. Und doch gelang es dieser spärlichen Belegschaft beziehungsweise ihren Gesandten vor Ort, weite Teile Südasiens zu erobern und auszuplündern. Ihre Privatarmee war mit rund 200.000 Mann doppelt so groß wie die britische Armee und verfügte über mehr Feuerkraft als jeder andere Staat in Asien.
Die East India Company war der erste multinationale Konzern.
Im indischen Mogulreich des 18. Jahrhunderts war Krieg oftmals eine förmliche Angelegenheit, die eher einem Schachspiel ähnelte als einem Akt der Aggression, schreibt William Dalrymple. Meist spielten Bestechung und Verhandlungen eine wichtigere Rolle als das Schlachtfeld: »Armeen ließen sich kaufen, Generäle wandten sich von ihren Zahlmeistern ab.« Der britische Statthalter und General Robert Clive brach mit diesen Konventionen, indem er rücksichtslos angriff. Vorzugsweise nachts. Mit seinen Truppen eroberte er zunächst Delhi, dann Kalkutta und ganz Bengalen. Nachdem er die Schlacht bei Papashi gewonnen hatte, überwies er nicht weniger als 2,5 Millionen Pfund Beute an die EIC (heute ca. 300 Mio. Euro). Sein Privatvermögen war nicht viel kleiner: Als Cilve mit seiner Frau Margaret 1760 wieder Richtung Britannien segelte, hatte er Bargeld, Wertpapiere und Edelsteine im Wert von heute etwa 150 Mio. Euro in Gepäck, seine Ehefrau besaß eine Schatulle mit Juwelen im heutigen Wert von 24 Mio. Euro.
Selbst während der großen bengalischen Hungersnot von 1770, als ungefähr zehn Millionen Menschen verhungerten, trieb die EIC weiterhin rücksichtlos Steuern ein und überwies mehr als eine Million Pfund an die Zentrale nach London (heute ca. 116 Mio. €).
Vom Privatunternehmen zur imperialen Macht
William Dalrymple zeichnet in seinem Werk Anarchie den Weg der EIC von einem Privatunternehmen zu einer imperialen Macht akribisch nach. Manchmal zu detailversessen, wenn er die Schlachten und Kriegen inklusive der Anzahl der Geschütze und der Infanterieaufstellung nacherzählt. Wichtig ist insbesondere sein Fazit: Die East India Company stellt als erster multinationaler Konzern ein warnendes Beispiel für den Missbrauch unternehmerischer Macht dar. Ihre Geschichte ist deshalb hoch aktuell: Ein Elon Musk beispielsweise läßt mit seinem privaten Satellitenprogramm Starlink Tausende von Satelliten ins Weltall schießen und nach wenigen Jahren wieder auf den Planeten abstürzen, ohne irgendjemandem Rechenschaft abzulegen über die dadurch entstehenden Umweltschäden.
Auch der französische Historiker Christian Grataloup beschäftigt sich mit der Auspünderung des Globalen Südens durch die Europäer. Aber in seinem Buch Geogeschichte – Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte, das bereits vor einem Jahr erschienen ist, schlägt er einen viel weiteren Bogen.
Migration immer und überall
Grataloup beginnt mit den Ursprüngen: Noch vor Homo sapiens durchstreifte Homo erectus die riesige Landmasse von Afrika, über Europa bis ins ferne Asien: »Eufrasien«, vor zwei Millionen Jahren. Diese Lebensräume waren schwierig zu meistern, aber dank Kleidung und Feuer konnten Menschen überleben. Immer und überall war Migration. Darum ist für historische Entwicklungsprozesse die Geografie so wichtig. Einige Gesellschaften waren besser an Verkehrs- und Handelswege angeschlossen, während andere an der Peripherie blieben. Ihre Geschichten konnten nicht synchron verlaufen, auch wenn sie miteinander verflochten sind, schreibt Grataloup: »Jede Gesellschaft hat ihre eigene Geschichte, aber sie teilt auch Geschichten mit ihren Nachbarn, manchmal in einem sehr viel größeren geografischen Maßstab. Dies zu verstehen, ist Aufgabe der Geogeschichte.«
»Was, wenn die Chinesen Afrika umschifft hätten?«
Mit dem Ende der letzten Eiszeit blieb nur noch Homo sapiens übrig. Alle heutigen Menschen entstammen der gleichen Art. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern. Wachsende Bevölkerungsdichte und Besitz von Anbaugebieten führten zu Rivalitäten und Krieg. Die sogenannte neolithische Revolution war ökologisch auf dem Holzweg, behauptet Grataloup, weil die Nahrung einseitig wurde und von schlechterer Qualität. Silber und Gold, Seide, Indigo, Gewürze, Guanodünger, Salpeter und Kautschuk bis hin zum modernen Treibstoff Öl und Seltenen Erden – all diese Kostbarkeiten, die Europa reich gemacht haben, stammen paradoxerweise aus den tropischen Ländern, den vermeintlich unterentwickelten. Die Dynamiken der gleichzeitigen Ausbeutung unterschiedlicher Lebensräume und menschlicher Gesellschaften lassen sich nicht voneinander trennen.
Was, wenn ...
Es ist faszinierend zu lesen, wie souverän Grataloup zwischen den Zeitaltern und Kontinenten wechselt und welch aufregenden Fragen ihm dabei einfallen: Was, wenn die Chinesen Afrika umschifft hätten? – Sie besaßen die größeren Schiffe! – Was, wenn die globale Expansion von Amerika oder Subsahara ausgegangen wäre? Wenn die Azteken Europa entdeckt und erobert hätten? Oder Europa auf Übersee verzichtet hätte?
Das heutige globale System besteht aus zwar sehr ungleichen Wechselbeziehungen. Aber trotzdem bilden sie ein Geflecht von Abhängigkeiten, das zu zerreißen viel Schaden anrichten würde, warnt Christian Grataloup. Den Tee oder Kaffee zum Frühstück durch einen lokalen Kräuteraufguss zu ersetzen, würde vielleicht die CO2-Bilanz des Transportwesens verbessern, dafür aber Produzenten in Brasilien oder Indonesien ruinieren.
Alle drei Bücher sind spannend zu lesen, überraschen mit eindrucksvollem Wissen und regen zum Nachdenken an.
David McWilliams: Money. Eine Geschichte der Menschheit aus der Perspektive des Geldes. Aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux. Goldmann, München 2025, 400 S., 26 €.
William Dalrymple: Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600–1874. C. H. Beck, München 2026, 597 S., 38 €.
Christian Grataloup: Geogeschichte. Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte. C. H. Beck, München 2025, 390 S., 38 €.


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