Eigentlich kann man darüber gar nicht schreiben, weil man dann ständig nur Sternchen, Anführungsstriche und (…) benutzen muss, um die guten Sitten nicht zu verletzten. Denn es gibt sie noch, zum Beispiel bezüglich dessen, was in der Öffentlichkeit, speziell in öffentlichen Medien geäußert werden kann, bzw. nicht geäußert werden sollte, wie etwa Flüche, Obszönitäten, Beleidigungen und Gotteslästerungen.
In Europa ist es in großem Maße gelungen, die guten Sitten zu demokratisieren.
Kindern werden entsprechende Regeln schon früh mitgegeben. Es gab einmal Kopfnoten, deren eine Betragen war. Sie trugen dazu bei, Höflichkeit, die, wie der Name sagt, auf die guten Sitten am Hofe zurückgehen, unters Volk zu tragen. Im Zuge der Verbreitung der Idee von universeller Gleichheit sollten sie nicht nur für privilegierte Schichten gelten; nicht nur noblesse oblige veranlassen. In Europa ist es nach der Französischen Revolution und der ersten Erklärung der Menschenrechte 1789 in großem Maße gelungen, die guten Sitten zu demokratisieren. Sie sollten für alle gelten. Adolph Freiherr (!) von Knigge schrieb schon 1788 Über den Umgang mit Menschen, einen Leitfaden, der im 19. Jahrhundert zum Standardwerk wurde und es bis weit ins 20. blieb. Ähnlich Anna Kistners Schicklichkeitsregeln für das bürgerliche Leben (1886) und Franz Vogts Anstandsbüchlein für das Volk von 1894.
»Das tut man nicht!«
Anstand, Benimm, gute Sitten, das sind Einschränkungen der Freiheit, aber sie deswegen abzutun, hieße, zentrale Errungenschaften der Zivilisation in den Wind zu schreiben. Wie Knigges eindrücklicher Titel sagt, geht es um den Umgang mit Menschen, und der erfordert Regeln nach dem Motto »Das tut man nicht«. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gefällt das nicht jedem. Noblesse, den Adel, gab es da nie, und darauf war man stolz. Alle sollten gleich sein (die Sklaven ausgenommen), und alles sollte möglich sein. Dabei gingen Tabus ebenso den Bach runter wie die Vorbildrolle von Menschen in Machtpositionen. Oder?
Wenn ein solcher eine Journalistin fragt, ob sie »dämlich« ist, zu einer anderen sagt, »Sei still, du Schweinchen«; Menschen – im gegebenen Fall Immigranten aus Somalia – als »Müll« bezeichnet und ganze Länder als »Drecksloch«, wenn er auf einer Pressekonferenz das Wort, das nicht nur die Tätigkeit bezeichnet, die für den Erhalt der Gattung unverzichtbar ist, sondern auch von den meisten Menschen gern getan wird, in Amerika aber zum meistgebrauchten Schimpfwort wurde, dann hat man es nicht nur mit »lebendiger Sprache« zu tun und »farbenfroher Rhetorik, um die Wahrheit zu sagen«, wie manche seiner Weggefährten entschuldigend glauben machen wollen.
Fehltritte gelten als oberflächliche Randerscheinungen.
Gerade im Umgang der Menschen über Grenzen hinweg haben sich Konventionen herausgebildet, die allgemeine Gültigkeit haben, wie sie in der Diplomatie befolgt werden. Es sei denn, man schert sich nicht darum und benimmt sich so grob oder auch unbeholfen, wie zuhause. Wenn man zum Beispiel bei einem Staatsbesuch die Flagge des Gastlandes ignoriert, statt sie, wie es üblich ist, als Zeichen des Respekts zu grüßen; oder wenn man einem Staatsgast sagt, er spräche ja gut Englisch, was seine Muttersprache ist; dann sind das üblicherweise unentschuldbare Beleidigungen.
Schockierend an diesen und vielen ähnlichen Fehltritten ist weniger das Individuum, das sie begangen hat, als dass sie als oberflächliche Randerscheinungen verteidigt werden und im Umgang der Menschen Schule machen. Ironischerweise kommt auch hier die Vorbildrolle von Menschen in Machtpositionen zum Tragen. Wenn der Vorgesetzte, der Chef, unser Repräsentant so reden kann, wieso dann nicht auch ich?!
Form ist Inhalt
Der Fehler, den die Apologeten solchen Benehmens machen, ist, dass sie die hierfür irrelevante, in der geistigen Tradition Europas aber fest verankerte Unterscheidung von Form und Inhalt heranziehen: Etikette ist doch nur oberflächlich, reg dich nicht auf! Falsch: Im Umgang der Menschen ist Form Inhalt. Wie soll man einander Respekt bezeugen, wenn nicht mit dafür allgemein anerkannten Formen des sprachlichen Ausdrucks, der Gestik, mit Zeremonien, Protokoll, Kleidung usw.? Die Gepflogenheiten anderer nicht herabzusetzen gehört auch dazu.
»Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Das ist der erste Satz des deutschen Grundgesetzes, das wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Angesicht der Verbrechen des Nazi-Regimes formuliert wurde. Schwer zu definieren, aber wenn Menschen als Müll bezeichnet werden, wird sie dadurch nicht verletzt? Wenn es darum geht, einen Deal – ja, das Wort steht im Duden – zu machen, spielt das vielleicht keine Rolle. Aber ob das den Umgang mit Menschen bestimmen sollte, ist heute eine wichtige Frage.


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