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Sachsens Konzepte für die bestmögliche Gesundheitsversorgung auf dem Land Nachwuchs dringend gesucht

Weniger Menschen, davon mehr Ältere (mit mehr und teils komplizierterem Hilfebedarf) und weniger Arbeitskräfte – so sieht für viele Teile in Deutschland die Zukunft aus. Für Sachsen ganz besonders. Hier sind, wie überall im Osten, diese Entwicklungen schon weiter fortgeschritten. Mehr als jede vierte Person in Sachsen ist über 65 Jahre alt. Auf 100 Personen im Erwerbsalter kommen 48 Über-65-Jährige. Mit 7,7 Prozent ist der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung im Verhältnis deutlich größer.

Als Folge spüren wir heute schon den Fachkräftemangel in unserem Alltag: Die Handwerkerin für eine Reparatur ist lange ausgebucht, das Lieblingsrestaurant verkürzt die Öffnungszeiten, in der Schule des Sohnes fällt schon seit Monaten der Physikunterricht aus. Alle Bereiche stehen in Konkurrenz um jungen Nachwuchs. Am stärksten und auch schon länger betroffen ist aber der Gesundheits- und Pflegebereich. In Sachsen haben wir nach aktuellen Schätzungen allein einen Mehrbedarf an Pflegepersonal bis 2035 von 5.000 Stellen. Derzeit sind 384 von rund 2.600 Hausarztstellen nicht besetzt und jede/r dritte Hausärztin beziehungsweise Hausarzt ist über 60 Jahre.

»Die Grundlagen unseres Zusammenlebens stehen auf dem Spiel.«

Zu all dem kommt das regionale Ungleichgewicht. Die beiden Großstädte Dresden und Leipzig haben eine positive Bevölkerungsprognose. In den Landkreisen und Chemnitz dagegen kippt die Prognose tief in die roten Zahlen. Für den Erzgebirgskreis etwa wird bis 2040 ein Bevölkerungsverlust von fast einem Sechstel erwartet! Hier stehen nicht einfach nur die Gesundheit und die gute Versorgung von Menschen auf dem Spiel. Wenn alle in unser Solidarsystem einzahlen, aber nicht mehr die versprochenen Leistungen erhalten, schwindet das Vertrauen in genau diese Systeme und damit auch die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Unter diesen Bedingungen die gesundheitliche Versorgung für eine lebenswerte Region zu sichern – vom Krankenhaus bis zur niedergelassenen Ärztin –, macht Veränderungen unumgänglich und erfordert auch den Mut für neue Wege. Das wird nur mit den Menschen vor Ort gemeinsam gehen. Die Veränderungen müssen erklärt werden!

Gerade, weil in Sachsen der demografische Wandel schon weiter fortgeschritten ist, lohnt der Blick auf unser Bundesland. Einige Schwerpunkte unserer Arbeit möchte ich hier vorstellen.

Der Freistaat Sachsen und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS), welche den Sicherstellungsauftrag für die vertragsärztliche Versorgung hat, sind seit gut zehn Jahren mit dem »20-Punkte-Programm – Medizinische Versorgung 2030« aktiv. Der ärztliche Nachwuchs war seit Beginn ein Schwerpunkt. Fachärztinnen und Fachärzte, für welche ein großer Bedarf besteht, müssen aus- und weitergebildet werden. Dazu müssen Studierende frühzeitig Einblicke in eine Praxistätigkeit im ländlichen Raum haben. So können sie sich schon im Studium in ländlichen Regionen verwurzeln. Dafür werden in Sachsen verschiedene Modelle verfolgt.

Nachwuchsprogramme

Seit 2013 läuft das Hausarztstipendium für Medizinstudierende in Sachsen als Nachwuchsprogramm für die Gewinnung von Fachärztinnen und Fachärzte vor allem in der Allgemeinmedizin für den ländlichen Raum. Zudem wurden mit dem Programm der KVS »Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen« Studienplätze in Pécs/Ungarn etabliert. Die KVS und die Krankenkassen übernehmen pro Jahr Studiengebühren für 20 Medizinstudienplätze. Sachsen finanziert seit 2020 pro Jahrgang jeweils bis zu 20 weitere Medizinstudienplätze. Dafür verpflichten sich die Studierenden, später nach abgeschlossener Facharztweiterbildung in Sachsen außerhalb der Städte Leipzig, Markkleeberg, Dresden und Radebeul, etwa als Hausärztin/Hausarzt für mindestens fünf Jahre tätig zu sein.

Bei beiden Programmen sind für die Studierenden verpflichtende Praxistage im ländlichen Raum vorgesehen. Aber auch Mentorenprogramme für Medizinstudierende wie beispielsweise der »Leipziger Kompetenzpfad Allgemeinmedizin« (LeiKA) ermöglichen einen guten Einblick in die Hausarzttätigkeit in einer Praxis. 2022 haben wir die sächsische Landarztquote eingeführt. 40 Studienplätze werden nun außerhalb des regulären Numerus-Clausus-Regimes zur Verfügung gestellt. Die ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten müssen nach ihrer Facharztweiterbildung mindestens zehn Jahre als Vertragsärztin/Vertragsarzt etwa in der Allgemeinmedizin in einem Gebiet tätig sein, für das ein besonderer Bedarf durch die KVS festgestellt wurde.

Wir haben die Zahl der Studienplätze in der Humanmedizin deutlich erhöht. 90 sind es zusätzlich. Davon umfasst ist der Modellstudiengang »MEDiC« der TU Dresden/Medizinische Fakultät Dresden am Standort Chemnitz mit 50 Studienplätzen, welcher die medizinische Versorgung in den ländlichen Regionen Sachsens im Fokus hat. Daneben muss die Weiterbildung der Ärztinnen und Ärzte, insbesondere in der Allgemeinmedizin, weiter gestärkt werden. Hier unterstützt der Freistaat Sachsen regionale Weiterbildungsverbünde in der Allgemeinmedizin in Sachsen. Die bisherigen Maßnahmen zeigen, dass wir Fortschritte machen. 115 Facharztanerkennungen in der Allgemeinmedizin waren es 2023. Das ist ein Höchststand.

Ein weiterer Ausbau von Studienplätzen insgesamt muss geprüft werden, auch für die Zahnmedizin und für die Pharmazie. Sofern die Voraussetzungen für die Einführung einer Landzahnarztquote vorliegen, kann diese eine geeignete Maßnahme zur Versorgungssteuerung sein.

Strukturen weiterentwickeln – Neues probieren

Zeitgleich müssen sich aber auch die Strukturen weiterentwickeln. Das erfordert Veränderungen. Sektoren müssen zusammengedacht werden und dafür alle Partner mehr kooperieren und sich verzahnen. In Sachsen haben sich alle wichtigen Akteure im Gesundheitsbereich – von Landesärztekammer, KVS, Krankenhausgesellschaft bis zu den Krankenkassen sowie Gemeindetag und Landkreistag – gemeinsam auf ein »Zielbild 2030 – Gesundheit neu denken« geeinigt. Diese Zusammenarbeit ist unglaublich wertvoll, leider nicht selbstverständlich mit Blick in andere Regionen, aber die wichtigste Grundlage, um in Sachsen künftig landesweit den Menschen weiterhin das bestmögliche Angebot gesundheitlicher Versorgung zur Verfügung stellen zu können.

»Wir werden in jedem Fall regionale Lösungen mit den vorhandenen Ressourcen finden müssen.«

Wichtiger Partner in der regionalen Versorgung sind die Kommunen. Damit sie besser selbst aktiv sein können, fördern wir als Freistaat »Gesundheitskoordinatoren«. Diese bringen alle Partner einer Region an einen Tisch. Gemeinsam und fachübergreifend wird so beraten, wie die gesundheitliche Versorgung vor Ort verbessert und vor allem langfristig sichergestellt werden kann. Wir werden in jedem Fall regionale Lösungen mit den vorhandenen Ressourcen finden müssen. Dafür braucht es auch den Mut neue Wege zu gehen und Modelle auszuprobieren. Initialzündung für das oben beschriebene »Zielbild 2030« war der Prozess, um unser sächsisches Krankenhausgesetz zu novellieren. Dieser war als eine »Zukunftswerkstatt« gestaltet und wirkt heute in alle Sektoren. Auch das schließlich Anfang 2023 in Kraft getretene neue Sächsische Krankenhausgesetz trägt hierzu bei. Nun können Gesundheitszentren im Krankenhausplan zugewiesen werden. Das sind Einrichtungen, die (nur noch) eine eingeschränkte stationäre (Notfall-)Versorgung leisten.

Über das Instrument der Regionalkonferenzen besteht jetzt die Möglichkeit, dass die Verantwortlichen vor Ort in den Landkreisen und Kreisfreien Städten – gemeinsam – Entwicklungsstrategien für die künftige Krankenhausversorgung erarbeiten und diese in die Krankenhausplanung einbringen können. Dazu wurde ein besonderer Anreiz für die ärztliche Weiterbildung in Krankenhäusern in ländlicheren Regionen gesetzt, um einen weiteren Beitrag für die Fachkräftesicherung und letztlich die Sicherung der Versorgung in diesen Regionen zu leisten.

Wichtige neue Impulse liefern uns digitale Anwendungen, Plattformen und Lösungen. Kürzlich berichtete mir ein Hausarzt einer ländlichen Region, dass er Dank Telemedizin seine älteste Patientin auch über ihren 100. Geburtstag hinaus gut begleiten konnte. An dem Beispiel machte er deutlich, wie gut die Angebote inzwischen angenommen werden und wie wichtig die Förderung in dem Bereich ist. Der Freistaat Sachsen fördert über die Richtlinie eHealthSax die Digitalisierung des Gesundheitswesens und telemedizinischer Lösungen. Zu den Vorzeigeprojekten gehört die akute Versorgung von Schlaganfallpatienten durch die Schlaganfallnetzwerke SOS-TeleNET, TESSA Netzwerk und TNS-NET.

Viele Puzzleteile

An diesen Projekten konnte man sehen, wie viele Puzzleteile vor Ort zusammengebracht werden müssen. Aber nur so werden wir die Regelversorgung sicherstellen. Begeistert war ich besonders von einem Hausarzt in Löbau-Zittau. Auf seine Initiative hin entstand, schließlich mit Unterstützung aller Akteure, das deutschlandweit einmalige Projekt eines dermatologischen Telekonzils. Damit wurde eine große Versorgungslücke geschlossen. Die Beratung durch Hautärzte ist damit in einer Region wieder möglich, wo schon lange keine Hautärzte mehr waren.

Notwendig ist ein Bündel von Maßnahmen. Einige sächsische Wege habe ich beschrieben. Um den Anspruch der bestmöglichen gesundheitlichen Versorgung in allen Regionen erfüllen zu können, müssen wir aber diese immer hinterfragen und weiterentwickeln. Wichtige grundlegende Schritte konnten wir in Sachsen gehen. Alle Partner sind zusammengebracht, Strukturveränderungen ermöglicht und Modelle aufgesetzt. Jetzt müssen wir gemeinsam weiter in sie investieren. Damit Menschen gesund bleiben, nicht erst krank werden und wir so auch den Druck von unseren Gesundheitssystemen nehmen, dafür ist jedoch nicht nur »Gesundheitspolitik« gefragt. Hier ist eine Gesellschaft als Ganzes in der Verantwortung, um gemeinsam Menschen ein Aufwachsen und Leben in Gesundheit zu ermöglichen.

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