Nur darum hatte der Philosoph eingegriffen, der dieser Nachkriegsrepublik immer wieder eine Idee ihrer selbst gab: vor allem als eine über die deutschen Verbrechen der NS-Zeit aufgeklärte, demokratisierte, emanzipierte Bürgerschaft, die sich der in der deutschen Tradition lange verhassten westlich-liberalen Kultur öffnete.
Sein Text hat den Streit indes nicht ausgelöst, wie von Kontrahenten immer wieder behauptet. Wer eine Entwicklung auf den Begriff bringt und zur Diskussion stellt, ist nicht Auslöser, sondern Kritiker des Geschehens. Habermas machte öffentlich debattierbar, was bereits manifest geworden war. Daran zu erinnern, ist nicht nur Würdigung seiner maßgeblichen Rolle als Intellektueller der Bundesrepublik, sondern notwendige Gegenwartsanalyse und Auseinandersetzung mit den neuesten Tendenzen revisionistischer deutscher Identitätspolitik.
Das Erinnerungsprogramm der extremen Rechten fokussiert auf den wunden Punkt, den schon Habermas beleuchtet hatte – die Störung nationalistischer deutscher Pose durch das Entsetzen angesichts der Massenmorde in den Vernichtungslagern, eingebettet in den rassistischen Vernichtungskrieg, beides exekutiert durch ganz »normale« Wachmannschaften und Soldaten. Nicht der von Deutschen begangene Völkermord an Millionen von europäischen Juden, sondern die Aufklärung darüber und die emotional aufgeschlossene Erinnerung daran gelten dem Rechtsextremismus als aufreizender Störfall.
»Die von Habermas geforderte ›reflexive‹ Erinnerung gilt den extremen Rechten als Schaden am Nationalstolz.«
Die Forderung nach einer »erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad«, der frontale Angriff auf das Berliner Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« oder die im Landserton schnarrende Herabsetzung des Judenmordes als »Vogelschiss«, sprich läppisches Ärgernis der deutschen Geschichte, zielen sämtlich darauf zu beseitigen, was den aggressiven Hochmut nationalistischer Deutscher kränkt: das Bewusstsein von Auschwitz als deutscher Tat. Diese von Habermas geforderte »reflexive« Erinnerung gilt demnach als Schaden am Nationalstolz – sie soll abgewickelt, entsorgt werden. Deshalb erklärt die extreme Rechte Schulen, Universitäten, Kulturorte und Gedenkstätten zur Kampfzone.
Eine Rückblende: Dem »Zivilisationsbruch« (ein Begriff, den Dan Diner infolge des Historikerstreits prägte, um die universelle und singuläre Signifikanz der Schoah zu bezeichnen) folgte, als die Bundesrepublik sich der Aufarbeitung der Vergangenheit öffnete, der Traditionsbruch. Dies geschah in Westdeutschland von den 50er in die 60er Jahre hinein anhebend und noch weit länger laufend über die 80er Jahre bis hinein in das vereinte Deutschland. Nationalstaatstraditionalisten hatten zuvor den politischen Genius von Bismarck als Reichseiniger gefeiert, während der kritische Geschichtsblick nun dessen leidenschaftliche Parlamentsverachtung und verhängnisvolle Demokratiefeindschaft entdeckte.
Die Wehrmacht blieb nicht »ehrenhaft«
Traditionelle Geschichtsnarrative hatten begrifflich die NS-Propaganda von der »Machtergreifung« übernommen, während historische Aufklärung die Tatsache erhellte, dass Hitler die Macht nicht gegen den Willen der Staatsspitze ergriff, sondern von monarchisch-konservativen Eliten mit republikfeindlichen Motiven übertragen bekam. Nein, es waren nicht nur die fanatischen Nazis, die verfolgten, plünderten und mordeten, sondern auch die einfachen Leute. Nein, die Wehrmacht blieb nicht »ehrenhaft«, sie führte den Vernichtungskrieg und verübte Besatzungsverbrechen.
Es ist falsch, diese Aufklärungsarbeit einer »linken« Gesinnung zuzuschreiben, wie es die Traditionalisten oft tun. Es genügt ein nüchternes Wissenwollen, um die nationalen Mythen von Glanz und Unschuld zu entzaubern. Es waren typischerweise bürgerlich-liberale Historiker, die diese Arbeit leisteten, kollegial verbunden mit angelsächsischen Intellektuellen, oft solchen, die aus Hitlerdeutschland vertrieben worden waren. Mit gebrochener Tradition jedoch ließ sich fortan kein ganz heiles Geschichtsbild der Deutschen mehr malen. Das blieb die Provokation, an der sich auch manche konservative Demokraten rieben. Die Wiederaufrichtung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins konnte nach dem 8. Mai 1945 nur über die innere Befreiung von autoritärer Tradition erfolgen – so verstehe ich Habermas‹ »reflexive« Erinnerung. Noch vergangenes Jahr sagte er Norbert Frei und mir in einem gemeinsamen Gespräch: »Wir sind alle Kinder des 8. Mai« – als Bundesrepublik also zu uns selbst gekommen durch Befreiung und Bruch mit dem undemokratischen Erbe.
»Der nationale Affekt ist immer stärker und die reflexive Erinnerung prekär geworden.«
Es ist bekannt, dass Habermas mit Skepsis die Wiedervereinigung Deutschlands verfolgte. Die Wiederkehr eines konventionellen Nationalismus, der den notwendigen Traditionsbruch überspiele, ja widerrufe und eine Normalisierung des deutschen Geschichtsbildes anstrebe, war in seinen Augen eine schwerwiegende Gefahr. Was im beglückenden Moment der Selbstbefreiung der Ostdeutschen überzogen anmutete, es stellte sich über die Jahre als Vorhersage
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