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Neu gelesen: Das Prinzip Hoffnung

»Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.« Fünf Kinder- und zugleich Grundfragen der Philosophie, die den Eindruck erwecken, mit der ihr folgenden Analyse das vorherrschende Gefühl der ganzen Generation Z beschreiben zu können: Ein ständiger Schwindel, die Gedanken vernebelt, orientierungslos, sich nur ängstlich nach vorne tastend in der Welt(-politik).

Aber es scheint doch etwas vermessen, anzunehmen, dass diese Gefühle ein Charakteristikum der Generation Z wären. Reaktionäre Sehnsüchte, die sich in plakativen Formeln (»früher war alles besser«) wiederfinden, stimmen selbstverständlich nur selten und nur weil der Krieg zwischendurch mal kalt war, wäre es verkürzt, die damalige geopolitische Lage eine »bessere« zu nennen. Die Tatsache, dass auch frühere Generationen sorgenvoll in die Zukunft blickten, ist insofern interessant, als dass die Geschichte offensichtlich nicht mit ihnen endete. Geeint hat die jeweils jüngste Generation über Jahrzehnte hinweg ein Prinzip: Die Hoffnung, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird – respektive dass die Welt eine bessere wird.

»Haben wir den Zenit als Gesellschaft bereits erreicht?«

Doch gilt dieser Katalysator wirtschaftlichen Aufschwungs auch noch für uns? Haben wir den Zenit als Gesellschaft bereits erreicht – kann es den eigenen Kindern überhaupt noch einmal besser gehen als uns? Folgerichtig stellt sich die Frage, ob das Prinzip der Hoffnung für uns als Gesellschaft noch Wirkung haben kann. Die jüngste Traum-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung legt dies nicht mehr nahe: Rund die Hälfte aller Bürgerinnen und Bürger glaubt nicht mehr daran, dass es den eigenen Kindern und Enkeln einmal besser gehen wird.

Die vermeintliche Beschreibung der Gefühlslage der Generation Z in dem Eingangszitat ist im Übrigen die Einleitungssequenz von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung. Die mittlerweile über 70 Jahre alte Passage eines im 19. Jahrhundert geborenen deutschen Philosophen aus Ludwigshafen. Es handelt sich also tatsächlich um kein allein zeitgenössisches Gefühl und auch nicht um einen Zeitgenossen.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitet Bloch in seinem Geist der Utopie (1918) sein mittlerweile sprichwörtlich gewordenes Prinzip Hoffnung heraus, indem er die Welt als mangelhaft charakterisiert, aber betont, dass ihr zugleich das Potenzial zur Änderung immanent sei. Anhand seines dreibändigen Hauptwerks, dem Prinzip Hoffnung, wird seine Hoffnungsphilosophie konkreter: Kondensiert sieht Bloch in der Hoffnung das die Geschichte vorantreibende Prinzip. Als anthropologisches Charakteristikum ermöglicht das Hoffen dem Menschen ein progressives Fortschreiten in der Weltgeschichte. Denn die Hoffnung – auf etwas Fehlendes; auf ein durchaus auch im Dunkel waberndes unkonkretes »Noch-Nicht«; oder umgangssprachlicher: auf die Sehnsucht nach einem besseren Leben – motiviere den Menschen zur Entdeckung von Möglichkeiten und zu den Versuchen, diese umzusetzen.

Und tatsächlich. Der Mensch muss sich im Kern nicht durch sein Tun verstehen und die Geschichte nicht durch eine reine Chronologie – beide lassen sich auch durch die sie jeweils auszeichnenden und vorherrschenden Hoffnungen verstehen. Sehnsüchte nach besseren Verhältnissen haben uns eine gesellschaftliche Weiterentwicklung ermöglicht, ohne die wir heute nicht hier stehen würden.

Geschichte, quo vadis?

Der wichtigste Punkt für uns ist aber zu begreifen, dass die Hoffnungen auf erfolgreiche Umsetzung des zuvor Gehofften – falls sich dies überhaupt konkretisieren ließ – nicht abbricht. Als dem Leben respektive dem Menschen inhärente Funktion lässt sie sich nicht abstellen oder gar befriedigen. Der Mensch hofft noch immer und muss erkennen, dass er trotz seiner Arbeiten noch kein eschatologisches Endprodukt erreicht haben kann. Der Mensch ist noch nicht, was er sein kann. Wir sind als Gesellschaft noch (lange) nicht, was wir sein können. Die Mängel sind uns doch offensichtlich bewusst. Sie liegen auf der Hand. Und wir hatten vermutlich noch nie so viele Freiheiten und Möglichkeiten, diese selbst zu beheben.

Vermutlich steht der rastlose Bloch selbst als Beispiel par excellence für seinen Hoffnungsbegriff: Schon seit seinen Studientagen gehörte er zu einem Kreis junger Wissenschaftler, die marxistische Traditionen in moderne philosophische und sozialwissenschaftliche Strömungen einbrachten. Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs ebenso wie später die von Nationalsozialismus und Emi­gration ließen Bloch zu einem entschiedenen Pazifisten werden. Dennoch schien sich für einen Moment alles zum Guten zu wenden: Er arbeitete ab 1948 für den DDR-Sozialismus, als er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Leipzig erhielt, während er gleichfalls seinen Ruf nach Frankfurt mit der Begründung ablehnte, er denke nicht daran, »dem Kapitalismus zu dienen«.

»Der Mensch ist noch nicht, was er sein kann.«

Das endgültige »Reich der Freiheit«, von dem Marx gesprochen hatte, ist für die Philosophie des Sowjetreichs erreicht. Aber der Hoffnungsbegriff Blochs führt offensichtlich jeden Glauben an Stabilität, an End- und Urzustände, zu denen man hin- oder zurückfahren sollte, ad absurdum. Seine Wahlheimat wird damit indirekt zu einem belanglosen Etappenziel erklärt. Denn die Weltgeschichte ist für Bloch zu jedem Zeitpunkt unentschieden und noch offen, wodurch das gegenwärtig Erreichte zugunsten einer in jedem Fall als besser »erträumten« Zukunft entwertet wird. Geschichte ist nicht fertig. Warum sollten wir uns folglich mit gegenwärtigen Zuständen zufriedengeben? Kein sarkastischer Voltaire ist nötig, um aufzuzeigen, dass wir aktuell nicht in »der besten aller Welten« leben. Und mit Bloch sollten wir begreifen, dass es sogar ohne Pax Americana weitergehen wird.

Das Ende der Geschichte?

Zwar nur konsequent zu Ende gedacht, allerdings hebt Bloch im Folgenden auch vom Boden einer potenziell alltäglichen und laienhaften Verwendung seiner Hoffnungsphilosophie ab: Seine Begriffskonnotation geht von vornherein auf das Heil als Weltzustand aus; unter Rückgriff auf jüdische Traditionen und chiliastische Ideen des Messianismus visiert Bloch teleologisch die Utopie einer befreiten Menschheit an.

Auch wenn sich diese Aspekte eher für religionsphilosophische Analysen nutzen lassen, darf Blochs Hoffnungsbegriff nicht vorschnell auf eine Eschatologie der Fernziele reduziert werden: Denn wir können sehr wohl konkrete Handlungsanweisungen ableiten. Für Bloch hat das tatkräftige Subjekt, das seinen Blick auf ein besseres Leben – also auf eine neue Gesellschaftsordnung – richtet, den Primat: Der Mensch und nicht eine anonyme gesellschaftliche oder politische Macht müsse die Weichen für die Weiterentwicklung stellen. Hierbei stand Bloch auch insbesondere im Konflikt mit der DDR: Er erkannte die Gefahr der Unterdrückung des Individuums und kritisierte offen die doktrinäre Erstarrung des Marxismus.

Blochs dreibändiges Werk ist zweifelsfrei stark hegelianisch, sprachlich herausfordernd und schlichtweg zu lang für eine laienhafte vollständige Auseinandersetzung damit. Dennoch ließe sich behaupten, sobald Blochs Intentionen verstanden sind, man an jeder Stelle des Werkes ansetzen kann, um sich in kleinen Tagträumen wiederzufinden. Es wäre naiv, wenn nicht sogar überheblich, die eigene Zeit nicht als Etappe, sondern als eschatologisches Endprodukt oder gar als Höhepunkt zu sehen.

Wir müssen wieder begreifen, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht allein von materiellen Verhältnissen abhängen, sondern vor allem vom »subjektiven Faktor«, dem aktiven und bewussten Handeln der Menschen, die durch ihre Hoffnungen getrieben werden. Es wäre verhängnisvoll, wenn wir Hoffnung fälschlicherweise als eine bloß passive »Hofferei« begriffen und uns zurücklehnten, um uns auf Errungenschaften auszuruhen – oder gar die Hoffnung ganz verlören; denn offensichtlich hoffen wir noch immer. Und damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

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