Der Verlust an Industriearbeitsplätzen in den vergangenen Jahren gilt als Ausweis der wirtschaftlichen Schwäche Deutschlands. Namentlich das Flaggschiff deutscher Ingenieurskunst, die Automobilbranche, schrumpft erheblich: Seit dem Höhepunkt 2018, als in diesem Wirtschaftszweig 830.000 Menschen beschäftigt waren, gingen bis Mai 2026 130.000 Arbeitsplätze verloren. In der Industrie insgesamt gab es seit 2018 einen Rückgang um rund sechseinhalb Prozent bzw. 420.000 Arbeitsplätze.
Seit 2018 bleibt Deutschland hinter dem durchschnittlichen BIP-Wachstum in der EU zurück.
Industriejobs sind dank ihrer hohen Kapitalausstattung überdurchschnittlich produktiv. Technischer Fortschritt zeigt sich hier besonders deutlich. Unternehmen erzielen in konjunkturell günstigen Zeiten hohe Gewinne; Fachkräfte aus der Stammbelegschaft verdienen einschließlich Sonderzulagen überdurchschnittliche Stundenlöhne; der Staat profitiert von entsprechend hohen Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen. Kein Wunder, dass ein Abbau dieser Arbeitsplätze sowohl der Politik als auch betroffenen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Sorge bereitet. Die Bundesregierung listet in ihrem »Programm für Aufschwung und Beschäftigung« 34 Maßnahmen auf, um diesen Trend umzukehren und das Wachstum anzukurbeln. Vorrangig soll Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit erhöht werden, um den Wohlstand zu erhöhen oder zumindest zu erhalten.
In der Tat bleibt Deutschland seit 2018 hinter dem durchschnittlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der EU zurück, so auch im Vergleich zu Frankreich, sieht man von der Corona-Krise 2020/21 ab. Italien hat Deutschland seit 2022 abgehängt. Spanien – bei aller Skepsis bezüglich der Datenlage – tut das seit über zehn Jahren. Auch die Niederlande schneiden besser ab. Dass jüngere EU-Mitglieder wie Polen deutlich schneller wachsen, mag noch mit der Aufholjagd seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammenhängen. Aber auch wenn man von dieser Ländergruppe absieht hat sich Deutschland den Ruf des »kranken Mannes Europas« zugezogen.
Können steigende Wachstumsraten das Gesundungsziel für die deutsche Wirtschaft sein?
Doch worin besteht die »Krankheit«? In unterdurchschnittlichen Wachstumsraten? Diese Diagnose überzeugt wenig. Unsere Art zu produzieren und zu konsumieren überschreitet die planetaren Grenzen und ruft immer gravierendere, auch hierzulande spürbare Schäden hervor. Die Folgen der Überlastung des Planeten schaden inzwischen der Privatwirtschaft selbst, man denke nur an die Probleme bei den Lieferketten, beim Kühlwasser, in der Land- und Forstwirtschaft oder an die sinkende Produktivität von Erwerbstätigen, wenn deren Arbeitsumgebung nicht vor Hitze geschützt ist. Können also steigende Wachstumsraten das »Gesundungsziel« für den »kranken Mann Europas« sein?
Betrachtet man die Arbeitsmärkte, gibt es übrigens »kränkere« EU-Länder: Bei der Arbeitslosenquote schneidet Deutschland mit derzeit (Stand Mai 2026) 3,9 Prozent nämlich nach wie vor deutlich besser ab als der EU-Durchschnitt (6,0 Prozent). Italien verzeichnet eine Quote von 5,7 Prozent, also wenig unter dem EU-Schnitt, Frankreich liegt klar darüber (8,2 Prozent), und Spanien muss eine Arbeitslosigkeit von 10,1 Prozent verkraften. Zudem ist die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland in den vergangenen sechs Jahren um 1,5 Prozent auf fast 46 Millionen gestiegen, die der Arbeitnehmer sogar um 2,8 Prozent auf über 42 Millionen. Das ist zwar langsamer als im EU-Durchschnitt (sechs Prozent), aber angesichts der negativen Entwicklung im Industriesektor beachtlich.
Arbeitsplatzzuwächse an der falschen Stelle?
Viele Fachleute sehen jedoch in diesen sektoral unterschiedlichen Trends einen entscheidenden Schwachpunkt: Deutschland habe mehr Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich und dort vor allem im öffentlichen Sektor geschaffen.
Dieser Artikel ist noch nicht im Volltext freigeschaltet.
Sie können aber hier die
Ausgabe
bestellen
.

Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!