Nur 100 Tage brauchte die neue Bundesregierung, die passenden Eckpunkte in den Haushalt 2026 einzuziehen, um ein Versprechen des Koalitionsvertrags von CDU/CSU und SPD umzusetzen. »Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandorts Deutschland durch eine zeitnahe Reform der Filmförderung verbessern, bestehend aus einem steuerlichen Anreizsystem sowie einer Investitionsverpflichtung. Das Filmförderungsgesetz werden wir im engen Dialog mit der Branche weiterentwickeln, Kinos werden wir durch verlässliche Förderprogramme für Investitionen und kulturelle Vielfalt in Stadt und Land stärken und die digitale Sicherung des Filmerbes vorantreiben.«
Der Rotstift bleibt gezückt
Ein Blick in den Haushaltsansatz für 2025 und den Entwurf für 2026 brachte für einen anderen Teil der Branche eine große Enttäuschung. Das bewährte Zukunftsprogramm Kino, mit dem Filmtheater bis 2024 bei ihren Investitionen in neue Technik oder Ausstattung unterstützt wurden, wird nicht fortgeführt. Obwohl der Bedarf groß ist. Die 20 Millionen aus dem Etat 2024 waren innerhalb von zehn Sekunden vergeben. Die beiden deutschen Kinoverbände haben die Bundesregierung und die Abgeordneten des Bundestages daher aufgefordert, das Erfolgsmodell wieder aufzulegen. Unterstützt werden sie von den Bundesländern.
Auch bei der Digitalisierung des Filmerbes macht die neue Regierung den Rotstift von Claudia Roth weder 2025 noch 2026 rückgängig. Der Etat für den Erhalt der Filmmaterialien im Bundesarchiv wurde 2023 um die Hälfte gekürzt. Außerdem hat die Bundesregierung 2025 ihren finanziellen Beitrag für das 2019 mit den Ländern und der Filmwirtschaft beschlossene Digitalisierungsprogramm Filmerbe von 3,3 auf 2,2 Millionen Euro eingestutzt, nachdem Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und das Saarland ihre Mittel gestrichen hatten. Sachsen-Anhalt zog ebenso wie die Filmwirtschaft nach, die sich an dem Programm über Mittel aus dem Etat der Filmförderanstalt beteiligt. Deren Verwaltungsrat kürzte den Haushaltstitel im Februar 2025 von 3,3 auf 1 Million Euro. Unter dem Strich stehen jetzt statt zehn, nur noch knapp fünf Millionen Euro für die Digitalisierung jährlich zur Verfügung. Wertvolle Filmbestände können nicht erhalten werden, zudem droht Deutschland die technischen Kapazitäten für diese Prozesse zu verlieren.
Großen Jubel gibt es dagegen bei den Verbänden von Produktionsfirmen über den Etatansatz für die Filmförderung 2026, der mit der Ankündigung der Umsetzung einer Investitionsverpflichtung verknüpft ist. Damit setzt die Bundesregierung eine Audiovisuelle Richtlinie der EU um. Sie erlaubt es den Mitgliedsländern, Fernsehsender, Pay-TV-Anbieter und Streamer zu verpflichten, bis zu 25 Prozent ihrer Einnahmen in Serien und Filme zu investieren. 13 Länder haben die Richtlinie bislang in nationales Recht überführt. Dänemark verlangt von den Anbietern sieben Prozent, der flämische Teil Belgiens 2,2 Prozent, Spanien fünf Prozent, Italien bis zu 16 Prozent Investitionen gemessen an ihren Einnahmen. In Deutschland wünscht sich die Branche 20 Prozent, so sah es auch der Gesetzentwurf der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth aus dem Februar 2024 vor. Zuletzt waren 15 Prozent im Gespräch. An welche Summe ihr Nachfolger Wolfram Weimar denkt, ist noch nicht bekannt.
Leerstelle: steuerliches Anreizmodell
In Frankreich hat sich die Branche mit leichtem Druck der Regierung auf eine freiwillige Vereinbarung geeinigt, nach der alle Anbieter bis zu 20 Prozent der Einnahmen in fiktionale Programme investieren müssen. Seitdem boomt die Produktion, der Arbeitsmarkt ist so gut wie leergefegt. Die Honorare und Gagen stiegen um rund 30 Prozent. Solch freiwilliges Abkommen hat auch Wolfram Weimer angeregt. Doch wer die Branche kennt, weiß, dass es schwierig sein wird, sich zu einigen. Die Streaminganbieter und die privaten Fernsehsender laufen seit Bekanntwerden der Pläne Sturm gegen die Einschränkung ihrer Programmhoheit durch die Investitionsverpflichtung. Die öffentlich-rechtlichen Sender sehen zudem rechtliche Bedenken.
Von einem konkurrenzfähigen steuerlichen Anreizmodell hat der Kulturstaatsminister vorerst Abstand genommen. Er setzt weiter auf die bewährte deutsche Variante mit dem Deutschen Filmförderfonds 1 (DFFF1), des Deutschen Filmförderfonds 2 (DFFF2) und des German Motion Picture Fund (GMPF), die er finanziell stärken will.
Es lohnt sich Hollywood-Produktionen anzuwerben.
Hinter dem steuerlichen Anreizmodell verbirgt sich eine automatische Förderung einer Filmproduktion mit einem Rabatt auf die im Land anfallenden Herstellungskosten. Erstmals wurde das Modell von Ungarn nach der Jahrtausendwende eingeführt, Großbritannien zog schnell nach. Seitdem brummt in beiden Ländern die Produktion, neue Studiokapazitäten wurden aufgebaut.
Insbesondere die Anwerbung von Hollywood-Produktionen lohnt sich, wie eine vom Studio Babelsberg in Auftrag gegebene Studie von PWC errechnet hat. Für einen Euro Unterstützung fließen gut fünf bis sechs Euro als Steuern oder Sozialabgaben sowie als Einnahmen für Ausgaben in Hotels, Restaurants oder die Anmietung von Drehorten zurück in die verschiedenen Kassen. Denn die Amerikaner bringen meist nur einen kleinen Teil der Crew mit, der Großteil der Arbeitskräfte kommt aus der Region. So staunte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch am Set von Steven Spielbergs »Bridge of Spies«, dass dort deutsch gesprochen wurde.
Das lohnende Modell fand weltweit Nachahmer. Malta lockt mit 40 Prozent Steuererlass, dort drehte zuletzt Ridley Scott »Gladiator 2«. Großbritannien, die baltischen Länder, Ungarn oder Polen bieten 30 Prozent, in Österreich gibt es auf die 30 Prozent bei einem hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen oder der Berücksichtigung von ökologischen Standards einen Zuschlag von 5 Prozent. Tschechien lockt mit 25 Prozent bei einem niedrigeren Kostenniveau regelmäßig Produzenten aus aller Welt an. In der Umgebung von Loket wurde unter anderem »Im Westen nichts Neues« gedreht.
Gedeckelter Etat des DFFF
Deutschland erfand dagegen 2007 den Deutschen Filmförderfonds. Bis Ende 2024 wurden über ihn für 1.930 Filme Unterstützungsleistungen von rund 1,21 Milliarden Euro bewilligt. Die Gelder sorgten für Folgeinvestitionen in Höhe von rund 6,82 Milliarden Euro. Der DFFF erwies sich zunächst trotz der komplizierten Antragsstellung für große Produktionen als erstaunlich wettbewerbsfähig. Im Studio Babelsberg gaben sich in seinen ersten Jahren Stars wie George Clooney, Ralph Fiennes, Brad Pitt, Kate Winslet oder Tom Cruise die Klinke in die Hand. Der Erfolg weckte Begehrlichkeiten in anderen europäischen Ländern, die bald bessere Konditionen boten. Daher galt der DFFF als Auslaufmodell.
Für einen Euro Unterstützung fließen fünf bis sechs Euro als Einnahmen zurück.
Als besonderes Hindernis erwies sich die Deckelung des Etats des DFFF im Bundeshaushalt, außerdem muss er jedes Jahr bewilligt werden. 60 Millionen Euro standen in den Anfangsjahren jährlich zur Verfügung, nur 2013 waren es 70 Millionen Euro. Kulturstaatsministerin Monika Grütters reduzierte die Summe 2015 auf 50 Millionen Euro. Zugleich schuf der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den GMPF mit einem Etat von 10 Millionen Euro, um die Serienproduktion anzukurbeln.
Zwei Jahre später folgte eine Minireform mit der Trennung in DFFF1 für nationale Produktionen und den DFFF2 für internationale Produktionen und die Special-Effect-Produktionsfirmen. Trotzdem wanderten selbst deutsche Fernsehproduktionen in die Nachbarländer ab – der Grund war der im internationalen Vergleich niedrige Rabatt von 16 bis 20, später 25 Prozent auf die Kosten. Außerdem konnten pro Projekt nur bis zu 20, später 25 Millionen Euro beantragt werden, wodurch Deutschland für Großproduktionen mit mehr als 100 Millionen Dollar Budget unattraktiv ist.
Seit Anfang dieses Jahres sind es 30 Prozent Förderung, was laut Wolfram Weimer zu einer kleinen Antragsflut geführt habe. Obwohl für die drei Fördersäulen heute gut 133 Millionen Euro im Bundeshaushalt eingestellt sind, fürchtet die Branche, dass es spätestens im kommenden Jahr nicht mehr für alle reicht. Denn in den ersten fünf Monaten 2025 sind bereits mehr als 52 Millionen Euro ausgegeben worden.
Im Entwurf des Bundeshaushalts 2026 sind erhebliche Steigerungen vorgesehen. Der Etat des DFFF1 soll auf 70 Millionen Euro, des DFFF2 und des GMPF auf je 90 Millionen Euro angehoben werden. 120 Millionen Euro sind davon gesichert, der Rest steht unter Vorbehalt der Genehmigung von Finanzminister Lars Klingbeil und der Einführung einer Investitionsverpflichtung.
Föderalismus als Hemmschuh
Ob es zur Umsetzung einer Steueranreizmodells kommt, wie es sich der filmpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Martin Rabanus wünscht, ist unklar. Bisher scheiterte die Idee am Föderalismus. Die Hälfte der Steuerausfälle müssten die Bundesländer schultern, die über den mit ihnen im Vorfeld nicht abgestimmten Gesetzentwurf der Regierung Scholz erwartungsgemäß not amused waren. Inzwischen drängen die Politiker und Politikerinnen der fünf großen Filmregionen Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, die Reform umzusetzen. Die anderen Länder stehen dem Vorhaben zurückhaltend bis ablehnend gegenüber, denn die Steuerausfälle müssen nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt werden.
»Selbst deutsche Fernsehproduktionen wanderten in die Nachbarländer ab.«
Als großer Bremser erwies sich intern wohl das Bundesfinanzministerium. Hinter vorgehaltener Hand hörte man in den vergangenen Wochen in Berlin, dass die Beamten und Beamtinnen nicht wüssten, wie sie solch Gesetz in die Systematik von Einkommens- und Körperschaftssteuer einpassen können, damit alle Player in der Branche von den Zuschüssen profitieren.
Fraglich bleibt auch, ob die von Claudia Roth bei der Vorlage ihrer Pläne versprochenen 35 Millionen Zuschauer wieder in deutsche Filme gelockt werden können. Im vergangenen Jahr wurden nur 17 Millionen Karten für Filme made in Germany verkauft. Um diese Zahl signifikant zu erhöhen, braucht es zum einen Kinos, deren Unterstützung von der Bundesregierung im Moment zu wünschen übriglässt. Sowie starke Verleiher, die ausreichend Geld ins Marketing stecken können. Eine Umschichtung von Geldern von der Produktion zur Auswertung von Filmen wäre daher wünschenswert. Sonst erblickt die Mehrzahl der deutschen Filme nie so richtig das Licht der Welt.

Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!