Nicht erst seit den zuletzt verlorenen Bundestags- und Landtagswahlen wird über die SPD heftig diskutiert: in der Partei selbst, aber auch medial. Dabei geht es um die Frage, warum die SPD für Viele nicht mehr wählbar scheint. Und darum, wer »früher« die SPD gewählt habe. »Na klar, die Arbeiter!« ist man geneigt zu rufen, denn schließlich hat die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ihre Wurzeln im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und in der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei«.
Die herben Verluste bei Wahlen und die Veränderung der Parteienlandschaft geben jedoch Anlass, genauer hinzuschauen, wo die ursprüngliche Zielgruppe der SPD, die Arbeiterschaft, eigentlich heute steht und wen sie wählt. In den Medien und der Wissenschaft finden sich dazu Botschaften wie: »Arbeiter wählen nicht SPD« oder »Arbeiter, die Kernklientel der SPD, existieren gar nicht mehr«. Beginnen wir mit letzterem, denn wenn es keine Arbeiter mehr gäbe, wäre es nicht verwunderlich, dass die SPD nicht von ihnen gewählt würde.
Im hier betrachteten Kontext scheint die sozioökonomische/soziologische Einordnung des »Arbeiterbegriffs« relevant, denn der Einfluss der Sozialstruktur auf das Wahlverhalten betoniert die Zielgruppe der SPD seit über 160 Jahren geradezu. So war der Arbeiter nach Karl Marx Teil des Proletariats. Er besaß keine Produktionsmittel, sondern musste seine Arbeitskraft verkaufen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis definierte die Zugehörigkeit zur Klasse. Die Schichtmodelle der sozialen Differenzierung nach 1945 spreizen die »Arbeiterschicht« auf, dort wird zwischen »ungelernten Arbeitern« und »Facharbeitern« unterschieden. Neuere Modelle definieren neben der »neuen Arbeiterklasse« (akademisch, abhängig Beschäftigte, gebildete Arbeiter, ohne Führungsaufgaben) noch eine »konventionelle Arbeiterklasse« (Menschen mit niedrigeren bis mittleren Bildungsabschlüssen). Auch Angestellte sind danach »Arbeiter«, allerdings gehören sie in eine bildungshöhere Schicht.
Diese neuere Sicht auf die »Arbeiter« hat viel mit dem Übergang zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft zu tun. Eine Folge dessen ist auch die Krise der Gewerkschaften, denn die heutigen Arbeitnehmer im Niedriglohn- oder Dienstleistungssektor sind seltener in Gewerkschaften organisiert. 2005 waren noch 54 Prozent der Arbeiter, die SPD gewählt hatten, auch Mitglied einer Gewerkschaft. 2025 wählten 30 Prozent der Arbeiter, die auch Mitglied einer Gewerkschaft sind, die AfD. Dieser Prozentsatz liegt deutlich über dem der SPD.
Den akademisch gebildeten SPD-Repräsentanten fehlt der Resonanzboden in der Arbeiterschaft.
Hatten vor der Jahrtausendwende »Arbeiter« und »Angestellte« verschiedene Rentenkassen und getrennte Tarifabschlüsse, so wurde dies Anfang der Nullerjahre aufgehoben. Arbeiter und Angestellte gingen im »Arbeitnehmer« auf. Auch die Statistik folgte dem, nur der Mikrozensus hielt noch länger an der Trennung fest. Daher wissen wir, dass die einst große Gruppe der »Arbeiter im engeren Sinn« von 50 Prozent (1950) auf 10,6 Prozent aller Erwerbstätigen (2013) geschrumpft war.
Der traditionelle Arbeiter wandelte sich also im Laufe der Zeit – die Narrative über die SPD
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