Seit Mai 2025 sind sogar die dünnen roten Heftchenwieder da. Im unverkennbaren Design der 1920er Jahre, als Die Weltbühne mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren das führende Forum des demokratisch-linken Bürgertums war. Damals verbunden mit den bekanntesten Intellektuellennamen, wie Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Erich Mühsam, Lion Feuchtwanger, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Arnold Zweig oder Fritz Sternberg.
1933 verboten, war der Titel Die Weltbühne nach einem Exilintermezzo zu DDR-Zeiten schon einmal neu weitergeführt worden. Sicher mit weniger berühmten Autoren, immerhin mit Hermann Budzilawski, der sie bereits im Exil auf Moskauer KP-Kurs gebracht hatte, mit Heinz Knobloch, Richard Christ, Lothar Lang oder Jürgen Kuczynski. Wieder als Blatt für Intellektuelle, gegenüber Weimarer Zeiten mit zehnfacher Auflage, manchmal binnen Stunden ausverkauft, aber natürlich angepasst im Rahmen dessen, was der SED-Staat erlaubte. Oft zitiert wurde Peter Hacks zynische Rechtfertigung der Biermann-Ausbürgerung (Heft 47/1976), ein publizistischer Tiefpunkt, für viele der Beweis, man war auf Linie und alles andere als kritisch.
1993 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt, sahen sich seit 1997 die kleinen Periodika Ossietzky (Eckart Spoo, Hannover) und Das Blättchen (Jörn Schütrumpf, Berlin) in der Tradition der Weltbühne. Nun ein drittes Heftchen. Nach über 30 Jahren sicherte sich der Verlag der Berliner Zeitung, der seit 2019 dem umstrittenen Ehepaar Holger und Silke Friedrich gehört, den berühmten Titel. Die Süddeutsche Zeitung fragte prompt, ob Friedrich die traditionsreiche Weltbühne nur »je nach Lesart wiederbelebte oder dreist ihren Namen kaperte«. Für letzteres sprechen Erfahrungen aus der Berliner Zeitung, wo deren Eigentümer selbst offenbar immer mal wieder inhaltlich ein- und durchgreifen. Bereits zu Beginn gab es Streit mit dem Weltbühne-Erben Nicholas Jacobsen, in dem sogar von Antisemitismus die Rede war; für Verdikte wie Russlandversteher, Impfgegner oder Autokratenfreunde fand mancher Hinweise.
Obwohl angeblich »keiner ideologischen Linie verpflichtet« legt nun die Lektüre des ersten Halbjahres der wiederbelebten Weltbühne-Hefte nahe, dass man sich dort, wie bereits die vierteljährliche deutsche Ausgabe des demokratisch-sozialistischen US-Magazins Jacobin, vor allem im Umfeld der Linkspartei aufhält. Aber auch darüber hinaus, vielleicht trifft es das Ettikett »ostdeutsch gefärbter Populismus« am besten, da sind manchmal selbst Positionen von BSW oder AfD anschlussfähig.
Es bleibt ein ungutes Gefühl. Ist da nicht doch mehr DDR als Weimarer Republik drin? Warum erinnert manches bei Formulierungen des Humanismus, des Antimilitarismus/Pazifismus und der Haltung gegen rechts an das kommunistisch gelenkte »Bündnis aller demokratischen Kräfte« der 1970/80er Jahre? Weniger wegen Autorinnen und Autoren wie Daniela Dahn, Gregor Gysi, Slavoj Žižek oder Michael Brie. Auch nicht wegen eines akademisch hochnäsigen Stils, der in einigen Texten wie ein bemüht linker Gegenentwurf zum monatlich erscheinenden bürgerlich-elitären Merkur daherkommt.Doch finden sich Essays im autoritären Gestus des Bekenntnisses, selbstverliebt in die eigene Position, vom ̆diskursiven Abwägen verschiedener Sichtweisen wenig haltend. Etwa: Putin würde niemals die NATO angreifen, dazu sei er militärisch viel zu schwach, die NATO habe zusammengerechnet schließlich mehr Waffen. – Kann man sich da angesichts der ukrainischen Erfahrungen wirklich so sicher sein? Diese Einseitigkeit erinnert an den »Krefelder Appell« der damaligen Friedensbewegung, bei dem die Freunde des »Realsozialismus« bestimmten, wo es langging.
Die wiederbelebte »Weltbühne« bewegt sich im Spektrum eines ostdeutsch gefärbten Populismus.
Doch bei aller (vielleicht übertriebenen) Skepsis: Die Neuerscheinung der Weltbühne zeigt, dass das oft totgesagte Genre gedruckter Monats-, Viertel- oder Halbjahreszeitschriften lebt und gedeiht. Zwar ist der Trend hin zu digitalen Medien ungebrochen, etwa hat die Anzahl digitaler Zeitungsabonnements die der Printausgaben bereits überholt, die täglich gedruckte taz wurde gerade eingestellt. Doch wo Aktualität, Schnelligkeit, Polarisierung oder Bestätigung nicht alles sind, wo es mehr auf Intellektualität, Analyse, längere Linien, Differenzierung und Kreativität ankommt, hat das Gedruckte immer noch seinen Raum. Die Gutenberg-Ära wird nicht sang- und klanglos untergehen wie der Walkman oder der VHS-Recorder. Aus der Buchbranche verlautet, die Lage sei relativ stabil, zwar gehe die Zahl der Käufer etwas zurück, gleichzeitig gebe es leichte Umsatzzuwächse.
Ein anderes Revival war vor Jahren geglückt. Nach krisenhaften Umbrüchen und vierjähriger Pause erscheint seit 2012 wieder das legendäre Kursbuch, viermal im Jahr, ebenfalls im alten Orginaldesign. 1965 von Hans Magnus Enzensberger zusammen mit Karl Markus Michel gegründet, war die Kulturzeitschrift mit 50.000 Exemplaren eines der wichtigsten Organe der westdeutschen ApO und Studentenbewegung. Heute hat sie, herausgegeben von Armin Nassehi mit Sibylle Anderl und Peter Felixberger als Zeitschrift für die eher grüne akademische Mittelklasse ihren Platz gefunden. Die wiederbelebte Marke Kursbuch wurde zu einer Säule des kulturellen Selbstverständnisses der bürgerlich gewordenen einstigen Linksradikalen von 68.
Kritisch innovative Begleitung des öffentlichen Diskurses
Jedes Heft folgt wie früher fast ausschließlich einem thematischen Schwerpunkt aus den Bereichen Kultur, Politik, Ökonomie, Ästhetik, Medien, Moral und Religion, wie »jetzt wird’s knapp« (Heft 212) »Verteidigung« (Heft 221) »gewaltig autoritär« (Heft 222) oder »künstlich intelligent« (Heft 223). Sicher ist das Kursbuch eine kritisch-innovative Begleitung des öffentlichen Diskurses. »Im Themendickicht unserer komplexen Gegenwart versucht es, neue Schneisen zu schlagen und überraschende, ungewohnte Verbindungen zwischen Schon-Gesagtem und Noch-zu-Diskutierendem auszuloten.« Ein solcher Anspruch bleibt jedoch ziemlich vage, den einen Kurs gibt das Heft kaum mehr vor, berechtigte Entideologisierung und feuilletonistische Standpunktlosigkeit liegen eng beieinander; eine inhaltliche Verschiebung also auch hier. Die »überraschende Antwort« kann ziemlich beliebig daherkommen. Sollte der Satz, »nicht die großen Unterschiede werden diskutiert, sondern das, was einen Unterschied macht«, mehr als ein Wortspiel sein, wird verständlich, warum heute nicht mehr wie 1971 über »Übergänge zum Sozialismus« (Heft 23), sondern höchstens noch über »Soziale Konfliktzonen« (Heft 215) nachgedacht wird.
Die Vielfalt der meist linksliberal und radikal-demokratischen Periodika, allerdings oft mit relativ begrenzter Reichweite, ist nach wie vor beachtlich. Allein 191 Einträge (dabei allerdings auch ein paar rechte Blätter) verzeichnet Wikipedia unter dem Stichwort deutscher »Kulturzeitschriften«. Auf weitere Periodika, die primär politische Fragen behandeln, sei hier wenigstens kurz hingewiesen: INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Mittelweg 36 - Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik, Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Die Politische Meinung (der Konrad-Adenauer-Stiftung), spw – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (der SPD-Linken), Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, perspektivends – Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik, Ästhetik & Kommunikation – Zeitschrift für Kultur, Politik und Gesellschaft. Und vor allem auf die monatlichen Blätter für deutsche und internationale Politik, die zwar aus dem Umfeld der DKP stammen, doch seit Jahrzehnten Marktführer bei einem wissenschaftlich lesenden Publikum des rot-rot-grünen Spektrums sind.
Halten wir fest: Klar darf, damit sich das Schicksal der Weltbühne (und überhaupt der Meinungsfreiheit) vom März 1933 nicht wiederholt, das Internet nicht Rechtsaußen überlassen werden. Doch ebenfalls bedeutend bleibt die Vielfalt gedruckter Periodika mit eigener Demokratiegeschichte, die ja zudem oft wie wir als NG/FH auch im Internet unterwegs sind. Auch wenn die politische Linie eines aufgekauften Titels manchmal Fragen aufwirft, bei aller neuen Unübersichtlichkeit dürften diese Periodika dazu beitragen, die Sinne und das Urteilsvermögen intellektueller und kultureller Multiplikatoren zu schärfen. Eine Aufgabe, die zum Überleben der Demokratie immer wichtiger wird.


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