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Der 8. Mai 1945 in der deutschen Geschichte Niederlage und Befreiung

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Es ist offensichtlich, dass der militärische Zusammenbruch des Jahres 1945 einen der tiefsten Einschnitte in der neueren, namentlich deutschen Geschichte markiert, auch wenn politik-, kultur-, wirtschafts- und gesellschaftshistorische Zäsuren nicht unbedingt synchron verlaufen. Mit dem 9. Mai 1945 ließen die neuen Souveräne, die Siegermächte, de jure jedwede deutsche Herrschaft erlöschen, um ihr gemeinsam verkündetes Ziel, die völlige Zerstörung des Nationalsozialismus und die Verhinderung seiner Wiedererrichtung, durchsetzen zu können.

Ganz unsinnig ist die Gegenüberstellung von »Niederlage« und »Befreiung«, denn die militärische Niederlage der Wehrmacht und damit des Deutschen Reiches war schlicht die Voraussetzung für die Befreiung. Befreit wird man von etwas, in diesem Fall das ganze nationalsozialistisch beherrschte Europa, von einem schrankenlosen, monströsen Terrorregime. Das beinhaltete nicht unbedingt die Durchsetzung einer wie auch immer definierten Freiheit.

»Die militärische Niederlage war Voraussetzung für die Befreiung.«

Es liegt auf der Hand, dass die so verstandene Befreiung für Länder wie Frankreich (wo sie faktisch schon im Sommer 1944 erfolgt war) als Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit und einer autochthonen Verfassungsordnung wesentlich weniger problematisch war als für Deutschland, Ausgangspunkt und Zentrum des NS-faschistischen Kontinentalimperiums; dort war der aussichtsreichste Versuch der Selbstbefreiung, der Staatsstreich des 20. Juli 1944, gescheitert, und örtliche Selbstbe­freiungsversuche blieben auch in den Todeszuckungen des Regimes im Frühjahr 1945 marginal. Daraus ergab sich die Unvermeidlichkeit der Eroberung und Besetzung Deutschlands durch die Truppen der Siegermächte.

Befreit im buchstäblichen Sinn und teilweise vor dem sicheren Tod gerettet wurden im Frühjahr 1945 unter den Deutschen die überlebenden KZ-Gefangenen und Zuchthausinsassen, die eindeutigen NS-Gegner sowie verfolgte und diskriminierte Bevölkerungsgruppen. Befreit wurden Soldaten und Zivilisten von der Kriegsfurie, die hierzulande gerade in den letzten Monaten besonders hohe Opferzahlen und Zerstörungen mit sich gebracht hatte. Objektiv befreit wurde zudem das deutsche Staatsvolk, das sich 1933 die innere politische Selbstbestimmung hatte nehmen lassen, und insbesondere die 1933 entrechtete Lohnarbeiterklasse, namentlich die Millionen »Fremdarbeiter«. Das ist aber nicht das ganze Bild.

Verwüstung und Millionen Vertriebe

Die Befreiung durch Eroberung, ratifiziert mit der bedingungslosen Kapitulation, war – teils zwangsläufig, teils durch politische Entscheidungen der Sieger – aufs Engste verbunden mit neuem Leid und neuer Unterdrückung. Mit insgesamt mindestens sechs Millionen Kriegs- und Kriegsfolgetoten entrichteten auch die Deutschen einen hohen Blutzoll.

Nach dem Inferno der letzten Kriegsphase schien Deutschland 1945 über weite Strecken verwüstet. Die Innenstädte glichen teilweise einer Trümmerlandschaft. Millionen Ostflüchtlinge und Vertriebene aus den jetzt Polen bzw. der Sowjetunion zugeschlagenen Gebieten strömten in die Besatzungszonen, Millionen »displaced persons« aus den alliierten oder ehedem deutsch besetzten Ländern irrten umher, nach und nach entlassene deutsche Kriegsgefangene kehrten in ihre Heimatorte zurück. Die Versorgungssituation war mehrere Jahre dramatisch; es fehlte an allem, in erster Linie an quantitativ und qualitativ ausreichender Nahrung. Es wurde wieder gehungert in Deutschland.

Die Zerstörung der industriellen Anlagen war, wie sich dann zeigte, insgesamt weniger gravierend als es aussah, insbesondere unter Berücksichtigung der Kapazitätserweiterung in der Kriegszeit. Nach der Reparatur der wichtigsten Verkehrsmittel und -wege, mit der Umstellung auf Friedenswirtschaft und mit der Lockerung alliierter Restriktionen konnte die Produktion bald wieder Fahrt aufnehmen.

Desorientierung und Verunsicherung

Neben einer nicht unerheblichen Zahl Unbelehrbarer war die vorherrschende Bewusstseinsverfassung der Deutschen bei Kriegsende eine tiefe Desorientierung und Verunsicherung. Doch eine nicht so kleine Minderheit von »Aktivisten der ersten Stunde«, teilweise in direkter Kontinuität zum Widerstand und meist aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterbewegung unterschiedlicher Ausrichtung, organisierte sich in mindestens fünfhundert Orten – bisweilen noch kurz vor der Besetzung und unabhängig voneinander – in antifaschistischen Ausschüssen oder sogar größeren Organisationen mit Tausenden von Mitgliedern, auch in provisorischen Betriebsräten, Gewerkschafts- und Parteigründungszirkeln. Die Antifa-Ausschüsse und die provisorischen Betriebsräte wirkten in allen vier Besatzungszonen elementar gesellschaftsstiftend, indem sie die solidarische Wiederingangsetzung der materiellen Lebens- und Produktionsbedingungen in die Hand nahmen und erste Maßnahmen gegen »die Nazis« durchführten.

Die »Antifas«, wie die Amerikaner sie nannten, wurden in aller Regel spätestens im Sommer 1945 von den Militärregierungen oder den Auftragsverwaltungen aufgelöst: als potentiell sozialrevolutionär und krypto-kommunistisch in den Westzonen, als »sektiererisch« und dysfunktional in der Ostzone, als zu eigenständig, kaum lenkbar und illegitim-basisdemokratisch zonenübergreifend. Dieser autochthon linke Antifaschismus passt in Quantität und Qualität weder zu dem heutzutage gern gezeichneten Bild einer nahezu gänzlich nazifizierten deutschen »Volksgemeinschaft« noch zu dem der vollständigen politischen Apathie der Deutschen bei Kriegsende. Ebenso wenig die rasante Organisationsentwicklung der linken Parteien und Gewerkschaften nach ihrer Legalisierung.

Nach den Verheerungen des NS-Faschismus und des Zweiten Weltkriegs schien es eine kurze Zeit so, als würde die Arbeiterbewegung in ganz Europa zur bestimmenden politischen Kraft werden. Ab 1943/44 ging die Krise der bürgerlichen Ordnung von der militärischen Wende und vom Aufschwung der nationalen Widerstandsbewegungen in den deutsch besetzten Ländern aus. Der Großbesitz und die tragenden Schichten der alten Staaten waren dort wegen der Zusammenarbeit mit dem Nazismus diskreditiert. Es gibt klare Indizien dafür, dass die Bevölkerung in ihrer Mehrheit den Antifaschismus nicht auf die politische Demokratisierung beschränken wollte: Die Macht des großen Kapitals sollte gebrochen und ein Entwicklungsweg »jenseits des Kapitalismus« – so der Titel des damals verbreiteten Buches von Richard Löwenthal (unter dem Pseudonym Paul Sering) – geöffnet werden.

Pro-amerikanische Orientierung

Allerdings bremste den Vormarsch der Linken bereits die Unfähigkeit und Unwilligkeit der im Juli 1945 gegen den Siegerpremier Churchill gewählten britischen Labour-Regierung, eine von den USA unabhängige Führungsrolle in Europa zu übernehmen. Die proamerikanische Orientierung der meisten sozialdemokratischen Parteien im Westen Europas in der Folgezeit war dann aber auch eine Reaktion auf die diktatorische und repressive Praxis in den neuen Volksdemokratien im östlichen Europa. Immerhin war die Linke mächtig genug, wie bei der Gründung der Bundesrepublik im Grundgesetz zum Ausdruck kommend, einen längerfristigen Kompromiss durchzusetzen: eine politische Demokratie mit sozialstaatlicher Absicherung und starken Organisationen der Werktätigen.

Eine Weile schien es so, als würde die Arbeiter­bewegung in ganz Europa zur bestimmenden politischen Kraft werden.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs hatte sich als gemeinsamer, wenngleich unterschiedlich akzentuierter außenpolitischer Grundkonsens der amerikanischen Policy-Makers die Zielsetzung herauskristallisiert, die ökonomischen Blockbildungen der Zwischenkriegszeit zugunsten der Wiederherstellung eines einheitlichen liberal-kapitalistischen Weltmarkts (wenn möglich, unter Einschluss der UdSSR) unter informeller Dominanz der USA heraus. Die Wirtschaft der USA, namentlich die Industrie, ging schadlos aus dem Krieg hervor, der das Land nicht unmittelbar tangiert hatte. Der künftigen amerikanischen Führungsrolle dienten die Festsetzung des Dollars als internationale Leitwährung und die Einrichtung internationaler Organisationen wie der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der Welthandelsorganisation. Auf der Ebene der Verfassungsordnung sollten repräsentative Demokratien gefördert werden, jedenfalls in der nördlichen Hemisphäre.

Amerikanische Vision, sowjetische Interessen

Gegenüber der amerikanischen Vision, der One World, war die Sowjetunion unter der Ein-Mann-Diktatur Stalins vorrangig an einem Einflussgebiet im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa und dessen, sei es informelle, Anerkennung durch die Westmächte interessiert. 1945 war sie zunächst nur als dominierende Landmacht ein erstrangiger Faktor. Sie hatte auf ihrem Territorium die Wende des Krieges herbeigeführt, doch erst im Verlauf der 1950er und 60er Jahren zog sie mit den USA auf dem Feld der Atomrüstung gleich.

Für Deutschland einigten sich die »Großen Drei« in Jalta (4.-11.2.1945) und in Potsdam (17.7.–2.8.1945) auf die Einrichtung von vier Besatzungszonen, also einschließlich einer französischen, mit einem Alliierten Kontrollrat als Klammer, außerdem auf eine »Entmilitarisierung« und »Entnazifizierung«. Unstrittig war in Potsdam wie in Jalta eine erhebliche Westverschiebung Polens, nicht aber deren Ausmaß. Schließlich kam es zum Artikel XIII des Potsdamer Protokolls über den »geordneten und humanen Transfer« der Deutschen, die »in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind«. Das beinhaltete die – keineswegs geordnet und human ablaufende – Zwangsaussiedlung aller Deutschen bis zur Oder und Neiße.

Die deutsche Frage war Katalysator und wichtiger Bestandteil des Kalten Krieges.

Das Potsdamer Abkommen sprach ein Verbot nationalsozialistischer Parteien und Einrichtungen aus, sah Verfahren gegen die nazistischen Kriegsverbrecher vor und zielte auf eine Art Umerziehung der Deutschen ab. Von Anfang an Makulatur blieben die wirtschaftlichen Bestimmungen des Potsdamer Abkommens, zu denen die Behandlung Rest-Deutschlands als wirtschaftliche Einheit gehörte. Eine Ruinierung des Landes wurde von den Siegern, auch aus Eigeninteresse, nicht angestrebt. Allerdings spielte die Demontage von Industrieanlagen wegen der verheerenden Kriegsschäden und Menschenverluste im Bereich von 27 Millionen vor allem für die UdSSR eine entscheidende Rolle. Die Verwirklichung der in Potsdam vorgesehenen zentralen Verwaltungsbehörden, die als Klammer hätten wirken können, stieß auf den Widerstand vor allem Frankreichs, und die wirtschaftliche Separierung der Zonen beförderte die spätere politische Spaltung. Letztlich scheiterte die Wirtschaftseinheit an wachsenden Meinungsverschiedenheiten und Spannungen der Siegermächte. Der sich seit Kriegsende anbahnende, 1947/48 offen ausbrechende Kalte Krieg ergab sich nicht allein, nicht einmal hauptsächlich aufgrund der Deutschlandproblematik, aber die deutsche Frage war von Anfang an sein Katalysator und ein wichtiger Bestandteil.

Der Potsdamer Konsens erlaubte von Anfang an unterschiedliche Auslegungen und konnte die Auseinanderentwicklung der vier Besatzungszonen, insbesondere die Eigenentwicklung der Sowjetzone, nicht verhindern. Dort richtete sich die »antifaschistisch-demokratische Umwälzung«, die die KPD bzw. SED mit Rückendeckung der sowjetischen Besatzungsmacht einleitete, von Anfang an auch gegen das Großkapital und gegen den Großgrundbesitz. Die diesbezüglichen Eingriffe waren als solche keineswegs unpopulär; auch im Westen Deutschlands dominierte anfangs eine antikapitalistische Grundstimmung. Die diktatorische Formierung der SBZ begann indes schon mit der Schaffung eines Parteienblocks im Sommer 1945 und der unter massivem Druck zustande gekommenen Fusion von KPD und SPD im Frühjahr 1946.

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