Im Mai dieses Jahres besuchte ich Syrien – etwa sechs Monate nach dem Sturz des Assad-Regimes. Nach Jahren der Flucht und des Exils hätte ich mir niemals vorstellen können, eines Tages wieder dorthin zurückzukehren. Meine Reise war zutiefst emotional. Es fühlte sich an, als würde ich mit all meinen Ängsten auf einmal konfrontiert: Soldaten an der Grenze, Kontrollen, Stempel – alles, was an Macht erinnerte. Als ich die Grenze erreichte, fiel mir als Erstes auf, dass keine Bilder von Baschar al-Assad oder seinem Vater mehr zu sehen waren. Ich konnte kaum glauben, was ich sah. Ohne ihre Porträts wirkte das Land fremd – als würde ich es nicht wiedererkennen: die Straßen, die Wände, die Institutionen, die Fabriken, die Schulen, die Viertel und Gassen. Diesen Satz konnte ich erst glauben, als ich an der Grenze ein Schild sah: »Willkommen in eurer Heimat« – und nicht mehr: »Willkommen im Assad-Syrien«. Das Land, das ihm und seiner Familie gehörte, seit ich geboren bin. Wie konnte ich glauben, dass es nun einfach Syrien ist – und nicht mehr Assads Syrien?
Ich erinnere mich an die leisen politischen Gespräche meiner Eltern am Abend. Wenn ich fragte, warum sie so leise sprachen, sagten sie: »Habibti, Hiba, die Wände haben Ohren.« Diese »Ohren« waren die syrischen Geheimdienste. Das Assad-Regime hatte Syrien in ein großes Gefängnis verwandelt, in dem man kaum sprechen konnte – aus Angst, der Nachbar, der Gemüsehändler oder die alte Nachbarin, die dich jeden Tag grüßt, könnten berichten. Und natürlich die Taxifahrer, Busfahrer und der Arbeiter in der Universitätscafeteria. Man konnte sich nirgends sicher fühlen.
»Wir wuchsen auf mit Nicken, Schweigen und Unterwerfung.«
Ich war zehn Jahre alt, als Hafez al-Assad, der Vater von Baschar, starb. Wir saßen im Taxi auf dem Weg zum Arzt, als die Nachricht im Radio kam. Obwohl die Straße laut war, verstummten plötzlich alle. »Wie kann der ewige Führer sterben?«, fragte ich meine Mutter. Sie legte ihre Hand auf meinen Mund, ließ den Fahrer anhalten und schrie mich an: »Sprich nicht über Politik!« Ich hatte meine Mutter nie zuvor so verängstigt gesehen. Wir wuchsen in Syrien mit Angst auf – vor Gefängniskellern, Soldaten, Geheimdiensten, Behörden, der Polizei und jedem, der Macht hatte. Wir wuchsen auf mit Nicken, Schweigen und Unterwerfung – aus Angst vor Schlägen in der Schule, aus Angst vor Fragen. Dann kam die Revolution – und plötzlich änderte sich alles. Durch die Straßen zu gehen und »Freiheit, Freiheit!« zu rufen, war das größte Glück derer, die gegen Unterdrückung und Demütigung aufgestanden waren.
An der Grenze im Mai 2025, nach dem Sturz des Assad-Regimes, kamen viele Fragen nacheinander in mir auf: Können all diese Schmerzen einfach verschwinden, nur weil das Regime gefallen ist? Werden die Menschen einer neuen Regierung vertrauen? Werden sie wieder einander vertrauen – miteinander leben, als wäre nichts geschehen? Wie sollen Menschen alles vergessen, womit sie aufgewachsen sind – die Lehren der Baath-Partei, die Denkweise der Geheimdienste, den Hass auf alles, was nicht den Maßstäben des Regimes entsprach? Was ist mit dem Nachbarn, der ständig Berichte für die Geheimdienste schrieb und damit viele junge Männer aus unserer Straße ins Gefängnis brachte? Was ist mit den Beamten, die jahrzehntelang von Bestechung lebten? Und mit den Waffen, die noch immer in den Häusern auf dem Land liegen?
Wird jemand einfach die Speicherkarte in den Köpfen löschen können – all diese Jahrzehnte? Reicht der Sturz Assads, um Syrien in eine neue, bessere Ära zu führen – ohne Tod, Verhaftungen und Schikanen? Werden die Verbannten zurückkehren, die Gefangenen frei sein – ohne Trauma, ohne psychische Wunden? Werden wir den Staub abschütteln, uns umarmen und über die alten Tage lachen, in denen wir uns »Sunnit« oder »Alawit« nannten? Werden wir neue Erinnerungen schaffen – frei von Bildern des Diktators und Geschichten über Folter? Vielleicht hätten viele Syrerinnen und Syrer am 8. Dezember 2024 auf diese Fragen mit »Ja, natürlich! Assad ist weg!« geantwortet. Doch die Realität war anders. Trotz der großen Freude, die viele Syrerinnen und Syrer – egal welcher Herkunft oder Religion – an jenem Tag empfanden, ist die Gegenwart eine andere.
Bald kehrten die Menschenrechtsverletzungen zurück.
Einen Monat nach dem Sturz des Regimes saß ich mit einem Freund in einer Berliner Weinbar. Er erzählte mir von dem Haus seines Großvaters, das er in den Bergen restaurieren wollte. Ich sprach von meinem Traum, mir in Latakia ein Haus am Meer zu kaufen, um dort zwei Monate im Jahr zu verbringen. Ich rief meine Freunde im Exil an: »Wir haben es geschafft! Die Revolution hat gesiegt! Wir haben das Regime gestürzt!« Doch bald kehrten die Menschenrechtsverletzungen zurück. Seit März 2025 wurden mehr als 1.400 Menschen der alawitischen Gemeinschaft an der Küste getötet, viele gelten als vermisst.
Erschöpftes Aleppo
Als ich im Mai nach Damaskus kam, sprach niemand über die Ereignisse an der Küste. Vielleicht hatten alle Angst. Einige sagten: »Was, wenn sie mich einsperren, wenn ich rede – wie früher?« Zugleich herrschte Euphorie über die Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien. Die Menschen waren hoffnungsvoll, besonders in Damaskus. Taxifahrer sagten: »Noch hat sich wirtschaftlich nichts verändert – Wasser, Strom, Gehälter –, aber es gibt Hoffnung. Wenigstens gibt es keinen Assad und keine Geheimdienste mehr.« Wenn ich fragte: »Reicht der Lohn? Geht es euch besser?«, antworteten sie: »Nein – aber das wird kommen.«
In Aleppo hingegen, inmitten der Ruinen, spürte ich weniger Optimismus. Die Menschen wirkten erschöpft, ängstlich, als warteten sie auf etwas Schlimmes – und doch lebten sie weiter, weil sie leben mussten. Ein Händler in der Altstadt sagte zu mir, während ich die zerstörten Mauern betrachtete: »Er – Baschar al-Assad – hasste Aleppo, er und sein Vater. Deshalb hat er sie zerstört. Sie haben die Stadt nie geschätzt, und als sie die Gelegenheit hatten, bombardierten sie sie.«
Trotz der Zerstörung gab es Hoffnung – vermischt mit Angst und Erwartung. Ich sah junge Menschen, die ihre Stadt aufräumten und Geld von Verwandten im Ausland sammelten, um Straßenlaternen zu reparieren. Ich sah Studierende, die in zerstörten Häusern mit Hilfe eines Generators Filme zeigten. Ich sah Kinder, die im Dunkeln arbeiteten und dabei lachten, als ich sie fotografierte.
In Aleppo wirkten die Menschen müde, die Straßen erschöpft, die Farben der Stadt verdunkelt vom Rauch des Krieges. Ich sprach mit Freundinnen und Freunden aus der Kulturszene über ihre Hoffnungen – viele fürchteten, dass die neue Macht neue Einschränkungen bringen könnte, diesmal im Namen der Religion. Es dauerte nicht lange, bis einige Theateraufführungen aus verschiedenen Gründen abgesagt wurden. Auch ein paar Stand-up-Comedians durften nicht auftreten, nachdem sie Witze über die neue Situation gemacht hatten. Im Internet verbreiten sich Videos von Menschen, die andere am Singen oder Musizieren hindern, oder von Gruppen, die Frauen zum Tragen des Kopftuchs auffordern – und all das sorgt bei vielen für ein Gefühl der Unruhe und Besorgnis. Nach Jahren des Krieges und der Zerstörung – ist das wirklich das, was Syrien jetzt braucht? Eine Debatte über Bikini und Burkini?
Wie sollen die Wunden jemals heilen?
Warum spricht niemand über die Vermissten in den Gefängnissen des früheren Regimes? Warum leben noch immer so viele Familien in Flüchtlingslagern – ohne einen klaren Plan, wie sie in ihre zerstörten Häuser zurückkehren können? Warum gibt es keinen Plan zur Räumung der Minen in den Grenzgebieten – Minen, die heute von jugendlichen Freiwilligen beseitigt werden, die dabei ihre Gliedmaßen verlieren? Und warum haben die Menschen noch immer Angst – jedes Mal, wenn ich jemandem eine Frage über die neuen Herrscher stelle?
»Viele haben die Hoffnung verloren. Die Spaltung ist tiefer denn je.«
Wie sollen Wunden heilen, die noch offen sind? Wie sollen Menschen den konfessionellen Hass vergessen, der weiterlebt – die Entführungen, die Unsicherheit, die Armut, die utopischen Preise für Grundnahrungsmittel? Wer spricht über Chancengleichheit – und nicht nur über den Austausch einer alawitischen durch eine sunnitische Machtelite? Syrien ist heute ein Ort, den ich kaum wiedererkenne. Viele meiner Freunde schweigen – aus Angst vor digitalem Hass, wenn sie etwas kritisieren. Viele haben die Hoffnung verloren. Die Spaltung ist tiefer denn je. Ich schreibe diesen Text und weiß, dass ich später Angriffen der neuen »Shabiha« ausgesetzt sein werde. »Shabiha«: Es ist ein Begriff aus dem Arabischen, der ursprünglich Anhänger eines autoritären Regimes bezeichnet, die mit Einschüchterung und Gewalt jede abweichende Meinung unterdrücken.
Bevor ich diesen Text schrieb, fragte ich meine Follower auf Facebook: »Wie groß ist eure Hoffnung für Syrien?« Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Einige sagten: »Die Hoffnung hängt davon ab, ob du einen Sunniten oder einen Nicht-Sunniten fragst.« Andere: »Mich interessiert dieses Land nicht mehr. Ich lebe im Ausland – und habe die Hoffnung verloren, seit die neue Regierung keine Transparenz zeigt.« Wieder andere: »Die Hoffnung liegt immer in den Menschen, nie in den Regierungen.« Was mich schockierte war die Menge an Kommentaren, die mich als Verräterin oder Provokateurin beschimpften – nur weil ich gefragt hatte, wie groß ihre Hoffnung sei. Die Polarisierung im Internet ist enorm. Selbst nach dem Sturz des Regimes ist das Land zutiefst gespalten, die konfessionellen Spannungen sichtbarer denn je. Und während die meisten nur Brot und Wasser wollen, arbeiten sie Tag und Nacht, um zu überleben – ohne zu wissen, was wirklich passiert.
Fast ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes weiß ich nicht, wie ich meine Gefühle für das neue Syrien beschreiben soll. Ich bin eine von denen, deren Füße wund wurden vom Laufen bei Demonstrationen. Ich weiß nicht, wie ich die Frage beantworten soll, ob die syrische Revolution erfolgreich war. Ich weiß es nicht, weil das, was jetzt geschieht, nicht das ist, wovon wir träumten, als wir in den Straßen riefen: »Das Volk will den Sturz des Regimes!« Hoffentlich versteht niemand meine Worte falsch – das Assad-Regime war faschistisch, ohne Zweifel. Aber ist das, was kommt, wirklich viel besser? Ich schreibe dies in meiner Berliner Wohnung, als deutsche Staatsbürgerin, die versucht, ihre verzerrten Erinnerungen an Syrien zu korrigieren. Aber viele haben dieses Privileg nicht. Sie leben dort – und können kaum noch an eine helle Zukunft denken.

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