Was haben wir in den zurückliegenden Monaten nicht alles erlebt: von unangemessenen Zollforderungen über präzedenzlose Meinungsfreiheits-Schelte bis zur Infragestellung der territorialen Integrität von Verbündeten wie im Fall der Grönland-Krise. All dies spielt sich ab vor dem Hintergrund einer geopolitischen Lage, in der wir mit Russlands Krieg in der Ukraine und dem Zerfall der europäischen Sicherheitsordnung ebenso konfrontiert sind wie mit einem China, dass uns nicht nur wirtschaftlich, sondern systemisch herausfordert.
Wir dürfen uns daher bei allen Reibungen im transatlantischen Verhältnis in Europa nichts vormachen. Die Antwort auf sich verändernde Vereinigte Staaten kann nicht sein, die USA aus unserer strategischen Rechnung zu streichen. Ebenso wenig kann unsere Antwort darin bestehen, auf eine Rückkehr zur Welt von gestern zu hoffen. Nostalgie ist keine Strategie. Was Europa braucht, ist etwas anderes: geopolitische Handlungsfähigkeit.
Deutschland und Europa müssen in der Lage sein, ihre Interessen klar zu definieren, pragmatisch zu vertreten und auch durchzusetzen. Das gilt gegenüber Russland und China, und auch im – anders gelagerten – Verhältnis zu den USA. Geopolitikfähigkeit ist Voraussetzung für belastbare Partnerschaften. Denn dafür müssen beide Seiten etwas einzubringen haben. Und Geopolitikfähigkeit ist keine Abkehr von unseren Werten oder dem Völkerrecht. Sie dient ihrer Absicherung unter veränderten Bedingungen.
Die transatlantische Beziehung hat uns Deutschen seit Ende des Zweiten Weltkriegs Sicherheit und politischen Handlungsspielraum verschafft. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland wieder zu einem souveränen und wohlhabenden Teil der westlichen Staatengemeinschaft werden konnte. Jetzt muss sich Europa der unangenehmen Wahrheit stellen: Wir haben uns viel zu lange darauf verlassen, dass andere die schwierigsten Fragen für uns lösen.
»Europa muss in kürzester Zeit Fähigkeiten entwickeln, die es bisher vernachlässigt und in erheblichem Umfang aus den USA bezogen hat.«
Das betrifft zunächst die militärische Sicherheit. Auf dem NATO-Gipfel von Den Haag haben sich die Alliierten darauf verständigt, ihre Verteidigungs- und sicherheitsrelevanten Ausgaben auf fünf Prozent des BIP zu steigern. Ohne einen Präsidenten Donald Trump, und ohne einen russischen Angriffskrieg in der Ukraine hätte es diese Entscheidung nicht gegeben. Und doch: sie liegt auch im ureigensten Interesse der Europäer. Europa muss in kürzester Zeit Fähigkeiten entwickeln, die es bisher vernachlässigt und in erheblichem Umfang aus den USA bezogen hat: bei Luftverteidigung und Aufklärung, bei Munition und Logistik, bei Weltraum- und Cyberfähigkeiten, bei Drohnen und bei der industriellen Produktion von Verteidigungsgütern.
Geopolitische Handlungsfähigkeit erschöpft sich aber nicht in militärischer Stärke. Sie bedeutet auch, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu erkennen, Lieferketten und Rohstoffe zu sichern, kritische Infrastruktur zu schützen, und technologische Souveränität aufzubauen. Die schneller werdende Folge von Abkommen zu Handel, Investitionen und Verteidigung mit Partnern auf der ganzen Welt ist Beleg dafür, dass sich hier in Deutschland und Europa bereits einiges bewegt. Es könnte noch mehr sein und schneller gehen. Das gilt noch mehr für die Entscheidungsprozesse innerhalb der Europäischen Union.
Hinzu kommt ein weiterer, entscheidender Faktor. Geopolitikfähigkeit entsteht nicht aus Fähigkeiten allein, sondern sie ist das Produkt aus Fähigkeit und Willen. Und dieser Wille muss in der Gesellschaft verankert sein. Wenn nur 20 Prozent der Deutschen bereit sind, ihr Land im Kriegsfall militärisch zu verteidigen (so eine Umfrage im März 2025), hilft kein Beschaffungsprogramm der Bundeswehr. Angesichts unserer Geschichte und unserer pazifistischen Nachkriegstradition ist Skepsis in Macht- und Militärfragen zwar nachvollziehbar. Beispiele wie Finnland zeigen indes, dass Verteidigungsbereitschaft keineswegs zu Militarismus führen muss. Es droht uns eher die entgegengesetzte Bedrängnis: Dass reale Gefahren in der Wahrnehmung der Gesellschaft ausgeblendet werden, dass wir mangels strategischer Kultur nicht in der Lage sind, mit Unsicherheit und Desinformation umzugehen.
»Wir müssen auch maßgeblich in den gesellschaftlichen Zusammenhalt investieren.«
Das liegt nicht nur an Einflussnahme von außen. Wenn die politischen Extreme in Deutschland die russische Bedrohung relativieren oder leugnen, die Unterstützung der angegriffenen Ukraine als Eskalation darstellen oder Normalisierung mit Russland fordern, schwindet der gesellschaftliche Konsens über die Bedrohungslage. Und damit auch der Spielraum für Politik, notwendige Entscheidungen zu treffen. Wir müssen daher auch maßgeblich in den gesellschaftlichen Zusammenhalt investieren, um geopolitikfähig zu werden.
Blicken wir auf die Welt um uns, haben wir auch gar keine andere Wahl, als so schnell wie möglich geopolitikfähig zu werden. Dieser Befund wird durch die rasanten Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz noch weitaus dringlicher. Aus dieser Diagnose folgt allerdings nicht, dass Europa sich von den Vereinigten Staaten abwenden sollte, trotz aller Enttäuschung. Zum einen ist das purer Realismus – dass Europa künftig mehr kann, heißt noch lange nicht, dass es auch »alleine« kann: Die NATO bleibt das zentrale sicherheitspolitische Bündnis des Westens im Angesicht wachsender und miteinander verbundener Herausforderungen. Die Vereinigten Staaten bleiben Europas wichtigster militärischer Verbündeter. Und auch wirtschaftlich, technologisch und wissenschaftlich sind die Verflechtungen zwischen beiden Seiten des Atlantiks so tief, dass eine Vorstellung vollständiger strategischer Autonomie Europas an der Realität vorbeigeht.
Fehlende echte Alternativen
China ist schon aufgrund seines politischen und gesellschaftlichen Ordnungsmodells kein Ersatz. Und auch die Idee einer Welt der »Mittelmächte«, wie sie der kanadische Premier Mark Carney beschworen hat, kann aus deutscher Sicht nicht an die Stelle der atlantischen Bindung treten. Würden wir je nach Thema mal mit der einen, mal der anderen Mittelmacht kooperieren, mag das zunächst attraktiv erscheinen. Diversifizierung ist sinnvoll. Doch Vorsicht: Solch lose und variable Kooperation mit Partnern, die teils ganz andere Werte und Interessen haben, kann die trotz aller politischen Widrigkeiten bestehende Tiefe und Verlässlichkeit der transatlantischen Partnerschaft nicht ersetzen.
Partnerschaft heißt dabei nicht, dass unsere Interessen identisch sind. Müssen sie auch nicht. Auch Bündnissolidarität bedeutet nicht, dass jeder amerikanischen Position gefolgt werden muss. Die USA verfolgen ihre Interessen. Europa muss das ebenfalls tun. Eigenständigkeit und transatlantische Kooperation sind keine Gegensätze. Je mehr Europa selbst leisten kann, desto attraktiver wird es auch als Partner. Geopolitikfähigkeit brauchen wir also dringend, egal wer in den USA Wahlen gewinnt. Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel. In der europäischen Debatte wird häufig darüber gesprochen, was die Vereinigten Staaten von Europa verlangen. Weniger sprechen wir darüber, was wir anzubieten haben. Dabei ist die Liste lang.
Gerade Deutschland ist nicht mehr nur ein sicherheitspolitischer Empfänger, sondern exportiert mittlerweile Sicherheit zu unseren Partnern – sichtbar etwa mit der Brigade in Litauen. Europa verfügt nach wie vor über erhebliche industrielle, technologische und finanzielle Ressourcen. Deutschland besitzt eine leistungsfähige Industrie und eine zentrale Rolle in den europäischen Lieferketten. Um unsere klugen Köpfe und qualifizierten Fachkräfte werden wir trotz aller Debatten beneidet. Europa verfügt über einen der größten Binnenmärkte der Welt. Europäische Staaten investieren in Verteidigung. Und gerade Deutschland kann bei der industriellen Skalierung von Verteidigungsproduktion einen Beitrag leisten, der auch für die Vereinigten Staaten von Interesse ist.
Den Blick weiten
Eine moderne transatlantische Politik darf nicht nur aus Berlin und Washington gedacht werden. Die USA sind mehr als ihre Bundesregierung. Wir haben Bundesstaaten, Kongress, Städte, Unternehmen, Universitäten, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und einer vielfältigen Öffentlichkeit als Partner. Und damit haben wir noch nicht über das Potenzial des amerikanischen Doppelkontinents insgesamt gesprochen. Nur ein Beispiel: Besonders dynamisch ist unser Verhältnis zu Kanada. Die geplante Zusammenarbeit beim Bau von U-Booten ist ein besonders sichtbares Projekt. Dahinter steht aber eine viel breitere, ambitionierte Agenda: Sicherheit und Verteidigung, Technologie, Investitionen, Lieferketten, Rohstoffe, Energie und Raumfahrt. Hier liegt viel unerschlossenes Potenzial.
»Die transatlantische Beziehung lebt von vielfältigen Netzwerken auf allen Ebenen.«
Die transatlantische Beziehung insgesamt lebt von vielfältigen Netzwerken auf allen Ebenen. Das ist gerade in politisch schwierigen Zeiten entscheidend. Wenn Regierungen unterschiedliche Positionen vertreten, müssen Gesellschaften nicht auf Distanz gehen. Wir sollten uns nicht zwischen zwei falschen Alternativen entscheiden – zwischen US-Abhängigkeit auf der einen und europäischer Abschottung auf der anderen Seite. Die richtige Frage lautet: Was müssen Deutschland und Europa können, damit sie in einer Welt konkurrierender Mächte selbstbewusst handeln können?
Und genau dort liegt vielleicht die nüchternste Antwort auf die schwierige transatlantische Lage unserer Zeit: Wir müssen nicht weniger transatlantisch werden. Wir müssen europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben. So schaffen wir die Grundlage dafür, dass Europa und Amerika auch in einer veränderten Welt gemeinsame Interessen erkennen, unterschiedliche Interessen aushalten und dort zusammen handeln können, wo ihre Interessen sich überschneiden. Europa muss deshalb geopolitikfähig werden. Nicht um Amerika zu ersetzen. Sondern um auch künftig relevanter Partner sein zu können.


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