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Die Geschichte der politischen Emotionsansprache Nüchtern, wütend, destruktiv

Wie intensiv und komplex diese Ebenen miteinander verstrickt sind, kann ein einfaches Beispiel deutlich machen: Wenn ich erfahre, dass ich arbeitslos werde, dann freue ich mich nicht, dass ich mehr Zeit habe oder nicht mehr arbeiten muss, sondern fühle mich in der Regel direkt belastet und bedrückt. Ich habe den gesellschaftlichen Wert von Erwerbsarbeit so »verinner-licht«, dass ich innerhalb von Sekunden entsprechend empfinde. Wir können also nicht mehr von einem Gegensatz von Verstand und Gefühl ausgehen, sondern müssen diese beiden Funktionen als vernetzt und verflochten sehen.

Gesellschaftliche Formung

Vor diesem Hintergrund haben die Geisteswissenschaften in den zurückliegenden Jahren vermehrt die gesellschaftliche Formung von Gefühlen herausgestellt. Die Kulturwissen-schaftlerin Monique Scheer hat in diesem Zusammenhang deutlich gemacht, dass Gefühle durch emotionale Praktiken entstehen. Emotionen werden kommuniziert, reguliert, mobilisiert und benannt und bekommen dadurch eine spezifische Form oder entstehen überhaupt erst. Wenn Gefühle aber nicht nur »einfach gefühlt«, sondern geformt und/oder grundsätzlich hergestellt werden können, dann unterliegen diese Prozesse auch dem historischen Wandel.

Zudem gibt es Emotionen, die früher anders bezeichnet wurden oder die in unserem Gefühlskanon tatsächlich kaum noch vorkommen. Im 18. Jahrhundert gab es zum Beispiel noch die Milde als benanntes Gefühl, dieses findet kaum noch eine Entsprechung im aktuellen Emotionsvokabular. Wenn Historiker:innen nach den emotionalen Signaturen einer Epoche oder einer bestimmten Regentschaft fragen, geht es nicht nur um »von oben« vorgegebene emotionale Normen wie das in der sächsischen Landesverfassung verankerte Prinzip der Heimatliebe, sondern um die emotionalen Stile und Regeln in der Breite der Gesellschaft, um ihre emotionale Landkarte.

So haben historische Studien (zum Beispiel von Ute Frevert und Birgit Aschmann) gezeigt, dass Ehrgefühle im 19. Jahrhundert eine ganz zentrale Bedeutung in den bürgerlichen Gesellschaften Europas bekamen. Sie fanden heraus, dass die vermeintliche Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs eher eine emotionale Aufwallung war, die sich aus Freude, Angst und Pflichtgefühl zusammensetzte und eine regelrechte Begeisterung nur bestimmte Schichten, Regionen, Alters- und Geschlechtsgruppen betraf. Der Blick in Trauerratgeber während des Ersten Weltkrieges machte deutlich, dass selbst die Trauergefühle der Soldatenangehörigen in ein emotionales Regime geführt wurden, in der die stille Trauer der angemessene Weg war, um mit dem frühen Tod des gefallenen Sohnes, Bruders oder Ehemanns umzugehen.

»Für politisch Tätige ist es riskant, auf der Gefühlsklaviatur zu spielen und das emotionale Regime der Nüchternheit zu verlassen.«

Dabei ist das Interesse am Zusammenhang zwischen Politik und Emotion jüngst stark gewachsen. Gerade dem aktuellen US-amerikanischen Präsidenten wird vorgeworfen, dass er emotional und irrational handeln würde. Doch auch

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