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Wenn Asynchronität und Spekulation die Preise verzerren Nur der Deal interessiert

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Sie sind volatil und irrational, sie produzieren Gewinner und Verlierer und sie sorgen für Knappheiten und Schwemmen, für Armut und Reichtum: Märkte bestimmen unsere Wirtschaft – aber ist das eigentlich gut so?

90,20 Dollar kostete am 20. September 2023 ein Fass Rohöl. Am 11. Juli 2008 waren es 147,16 Dollar, am 20. April 2020 war der Ölpreis dagegen erstmals negativ, wer ein Fass Öl kaufte, bekam nicht nur das Öl, sondern auch 40,32 Dollar ausgezahlt.

Eigentlich unvorstellbar. Man bekommt Geld dafür, dass man Öl kauft. Auch wenn der negative Ölpreis ein bisher einmaliges und sehr kurzlebiges Phänomen war, stellt sich die Frage, wieso der Preis für den wichtigsten Rohstoff auf der Welt offenbar nichts mit den Förderkosten zu tun hat und sich unabhängig davon extrem auf und ab bewegt. Warum kosten 159 Liter Rohöl der Sorte WTI mal 147 Dollar und mal -40?

Die Kosten der Förderung sind sehr stabil. Im größten Förder- und Exportland Saudi-Arabien kostet es etwa zehn Dollar pro Barrel, das Öl zu fördern, in Russland etwa 20, in Norwegen um die 40 Dollar. Eigentlich gibt es noch genug Öl in der Erde und es ist meist nicht teuer, es zu fördern. Dennoch fordert der Markt zurzeit einen viel höheren Preis und so tanken wir eigentlich zu teuer. Der Markt scheint nicht richtig zu funktionieren.

Diskrepanz zwischen Wert und Preis

Die Frage stellt sich, welchen Wert wird den Dingen gegeben, wie kommt ein Preis zustande? Herstellungskosten könnten ein Faktor sein. Wenn es beispielsweise 20.000 Euro kostet, das Auto X zu bauen und zu vertreiben, dann wären 30.000 Euro sicherlich ein angemessener Preis, 180.000 würde man aber zu teuer finden.

Der Ölpreis richtet sich offenbar nicht nach den Herstellungskosten, sondern stärker nach Angebot und Nachfrage. Die daraus entstehende Volatilität hat große Auswirkungen auf das reale Leben; hohe Ölpreise bringen ganze Volkswirtschaften ins Stottern, verringern die Kaufkraft gerade der ärmeren Bevölkerung. Zu niedrige Ölpreise hingegen sorgen für Verschwendung und eine noch höhere Umwelt- und Klimabelastung durch den fossilen Brennstoff.

Doch nicht nur der Ölpreis ist in der Marktwirtschaft schwer vorherzusehen und wechselhaft, auch viele andere wichtige Preise schwanken extrem. Eine lange Nullzinsphase hat uns einen Immobilienpreisboom verschafft, der auch zu einem Mietpreisboom geführt hat, eine gewaltige Umverteilung von Arm nach Reich. Nach den Verwerfungen der Coronakrise und des Ukrainekriegs steigen plötzlich Inflation und Zinssatz rapide. Der Immobilienmarkt bricht regelrecht zusammen, die Hauspreise sinken plötzlich, die Mieten aber nicht.

Wieso liefert man sich den launischen Gesetzen des Marktes aus?

Leider gilt das auch für Lebensmittel. Mit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat sich der Weizenpreis an der Chicagoer Warenterminbörse fast verdoppelt. Eine Entwicklung mit krassen Folgen gerade für die ärmere Hälfte der Menschheit. Doch wieso nimmt man all dieses Auf und Ab hin und liefert sich derart den launischen Gesetzes eines unberechenbaren Marktes aus? Ist es wirklich so, dass Märkte die Wirtschaft am effizientesten steuern?

In vielen Bereichen trifft das zu, so steigt der Anreiz, bei einer Knappheit und entsprechend hohen Preisen, die Produktion zu erhöhen. Oder neue Akteure steigen in den Markt ein. Und so wird das Angebot erhöht und die Preise sinken. Oder hohe Preise lassen die Nachfrage sinken und die Preise ebenfalls. So sorgen die Märkte für eine Regulierung von Angebot und Nachfrage.

Doch etwa beim Ölmarkt funktioniert es nicht so. Die OPEC als Erzeugerkartell hält die Produktion zurzeit trotz hoher Preise niedrig – im Interesse aller Produzenten, die sich über satte Margen freuen können. Solange die Nachfrage nicht deutlich sinkt, werden die Ölpreise weit über den Förderkosten bleiben. Im Fall von Saudi-Arabien ist der Preis zurzeit fast zehnmal so hoch wie die Kosten. Und so macht jeder, der sein Auto betankt, derzeit ein sehr schlechtes Geschäft, denn er oder sie kauft einfach zu teuer ein, weil der Markt von der OPEC manipuliert wird, indem sie das Angebot koordiniert verknappt.

Schweinezyklus und Tulpenmanie

Schwierig ist es auch, wenn das Angebot nicht so schnell wie nötig an die Nachfrage angepasst werden kann – bekannt als Schweinezyklus-Effekt. Bei hoher Nachfrage und geringem Angebot steigen die Preise, die Produzenten investieren, weil sie ein gutes Geschäft wittern. Zum Beispiel entscheiden sie sich, mehr Ferkel aufzuziehen oder mehr Containerschiffe bauen zu lassen. Doch bis die Schweine schlachtreif sind oder die Schiffe vom Stapel laufen, hat sich die Lage womöglich verändert: Plötzlich ist das Angebot unter Umständen vergrößert oder die Nachfrage wieder verringert, es gibt ein Überangebot und die Preise sinken. Nun muss das Angebot wieder verknappt werden, bis die Preise wieder steigen und der Zyklus von Neuem beginnt.

Diese Asynchronität ist ein großes Problem in der Weltwirtschaft, so werden zurzeit auf chinesischen und koreanischen Werften Dutzende riesige Containerschiffe fertiggestellt, die in der Zeit der Rekordraten für Containerfracht bestellt wurden. In den zwei Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich der Bedarf aber wieder normalisiert und ein riesiges Überangebot an Containertonnage ist für die nächsten Jahre absehbar.

Ein weiteres Problem ist die Spekulation. Sie verzerrt den Markt und führt zu Übertreibungen, von denen einzelne Akteure profitieren – auf Kosten der Allgemeinheit. Manchmal erfasst die Spekulation weite Teile der Bevölkerung, wie bei der Tulpenmanie in den Niederlanden der 1630er Jahre, der ersten gut dokumentierten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte.

»Warum soll eine Tulpenzwiebel oder ein alter Porsche mehr Wert sein als eine Villa?«

Über Jahre sind die Preise für einzelne Tulpenzwiebeln immer weiter gestiegen, besonders seltene Exemplare kosteten zwischenzeitlich so viel wie ein herrschaftliches Haus an einer Amsterdamer Gracht. Bis die Blase am 3. Februar 1637 platzte und die Preise um 95 Prozent einbrachen. Waren zuvor viele Niederländer mit den Tulpenzwiebeln reich geworden, gingen sie nun reihenweise Bankrott. Aber auch heute gibt es Preisblasen, beispielsweise während der Nullzinsphase in den 2010er Jahren, als ratlose Anleger in Uhren oder Oldtimer investierten. Mit dem Effekt, dass ein Porsche 911 S/T aus den frühen 70er Jahren plötzlich an der Millionenmarke kratzte. Aber auch für weniger seltene 11er Porsche explodierte in kürzester Zeit der Preis. Rational lassen sich solche Preisentwicklungen nicht erklären. Warum soll eine Tulpenzwiebel oder ein alter Porsche mehr Wert sein als eine Villa? Das funktioniert nur, wenn man glaubt, dass jemand einen noch höheren Preis zahlen wird. Weil er oder sie denkt, später ebenfalls mit Gewinn verkaufen zu können.

»In der Masse lässt es sich leicht spekulieren.«

In der Masse lässt es sich leicht spekulieren, man muss nur den Punkt finden, an dem man den Gewinn mitnimmt und aussteigt – wie im Kasino. Das Timing entscheidet über Gewinner und Verlierer. Einzelspekulanten gibt es aber auch. Natürlich die klassischen Immobilienhaie, die sich unbeliebt machen, indem sie wertvollen Wohnraum leer stehen lassen. Es gibt auch immer wieder Individuen, die den Markt schlagen wollen. Hierfür braucht man viel Glück, Gespür, reichlich Kapital, einen Informationsvorsprung oder einen geheimen Plan.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Gebrüder Hunt, die Söhne eines texanischen Öl-Milliardärs. Im Jahr 1980 wollten sie heimlich den Silbermarkt übernehmen und kauften mit Geschäftspartnern aus dem Nahen Osten mehr als 280 Millionen Feinunzen Silber auf – 80 Prozent der jährlichen Weltproduktion. Diesen Silberschatz hatten sie, um nicht aufzufallen, unter zahlreichen falschen Namen zusammengekauft, ein Vermögen von zeitweise 14 Milliarden Dollar. Das Angebot an Silber auf dem Markt ging rapide zurück, der Preis stieg gewaltig. Doch als die Spekulation der Brüder ans Licht kam, wehrten sich Banken, die Rohstoffbörse und die US-Notenbank. Sie verschärften die Regeln, der Silberpreis stürzte ab und die Hunt-Brüder gingen pleite.

Ein objektiver Marktpreis, der alle Informationen zur Bewertung der Ware beinhaltet, ist eine Unmöglichkeit. Das Grossman-Stiglitz-Paradox, 1980 in der Economic Review ausgeführt, beschreibt es so: Ein Marktpreis, der sich aus allen Informationen herleitet und so objektiv und effizient den Zustand widerspiegelt, sei nicht möglich, denn wenn der Preis alle Informationen bereits beinhalten würde, gäbe es keinen Anreiz, sich Informationen zu verschaffen, es gäbe keinen Grund zu handeln und der Markt würde zusammenbrechen.

Ein Markt funktioniert also nur, wenn beide Teilnehmer aus den ihnen zur Verfügung stehenden Informationen den Eindruck haben, ein gutes Geschäft zu machen. Wie sehr Informationen helfen, zeigt sich zum Beispiel in Cushing in Oklahoma. Das ist ein Ort im mittleren Westen der USA, in dem sich Öllager befinden. Cushing sieht öde und verlassen aus, ist aber wichtig, denn hier müssen die Warenterminkontrakte für WTI-Öl erfüllt werden.

Es gibt dort Drohnenpiloten, die Fotos der Öltanks an Ölhändler verkaufen, weil man auf den Luftbildern den Füllstand der Tanks sieht. Über diese Information vor den offiziellen Angaben zu verfügen, ist bares Geld wert.

»Wir erschaffen Geld aus Papierfetzen, aus wertlosen Stücken Papier.«

Die Händler, die sich diese Informationen verschaffen, interessiert das Öl nicht, sie interessiert nur der Deal. Dan Dicker, der mehr als 25 Jahre lang Öl an der New Yorker Börse gehandelt hat und heute Sachbücher über den Ölhandel schreibt, war noch nie in Cushing, auch wenn sich sein Berufsleben um den dort ermittelten Preis drehte. Er wollte auch noch nie das Öl wirklich haben, er wettete auf Termingeschäfte: »Wir erschaffen Geld aus Papierfetzen, aus wertlosen Stücken Papier.«

Ein Wunder, doch auch hier lauern Fallen. Wenn sich alles verschwört, wie am 20. April 2020, dann muss man sich das Öl vom Leibe halten: Die Nachfrage nach Öl war wegen Corona extrem niedrig. Der Schweinezyklus spielte auch mit rein, denn Ölquellen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen abstellen, es dauert Wochen, sie herunterzufahren, weshalb viel zu viel Öl auf dem Markt war. Alle Lager waren randvoll. Wer am Ende den fälligen Terminkontrakt in der Hand hatte und in Cushing das Öl bekam, hatte ein Problem: keine Abnehmer und wegen der hohen Nachfrage und geringer freier Kapazitäten extrem hohe Lagerkosten.

Und so ist der Ölpreis in den negativen Bereich geraten, 40,32 Dollar bekam der, der ein Fass Öl tatsächlich abgenommen hat. Viele Milliarden Dollar haben einige Händler an diesem Tag verloren. Aber wer noch Platz im Öllager hatte, konnte das Geschäft seines Lebens machen. Denn am nächsten Tag hat Öl wieder Geld gekostet.

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