Die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos markiert mehr als nur einen weiteren Beitrag zur Debatte über die Zukunft der Weltwirtschaft. Sie ist als strategische Intervention zu verstehen, die mit einer lange gepflegten Illusion aufräumt: der Annahme, die Welt operiere weiterhin in einer stabilen, regelbasierten Ordnung. Diese Ordnung befindet sich nicht in einem schrittweisen Wandel, sondern vor einem Bruch. Multilaterale Institutionen existieren zwar fort, doch sie garantieren keine Stabilität mehr, da Regeln zunehmend selektiv angewendet oder ignoriert werden. Wirtschaft ist dabei längst zu einem zentralen Instrument geopolitischer Macht geworden. Für Mittelmächte wie Deutschland ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Wer nicht aktiv gestaltet, wird zum Spielball.
Nostalgie ist keine tragfähige Strategie
Carney spricht bewusst von einem »Bruch« der Weltordnung – und grenzt sich damit von der oft beschworenen Vorstellung eines geordneten Übergangs ab. Institutionen wie die Vereinten Nationen bestehen fort, nicht die Institution verschwindet, sondern die gemeinsame Glaubensbasis zerfällt, weil die Ankermacht ihnen internationale Glaubwürdigkeit und Kapazität abspricht und sie in ihrer Funktion aushöhlt.
Parallel dazu tritt China als systemischer Gegenpol auf den Plan – nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als ordnungspolitische Kraft. China agiert als regelsetzende Macht mit eigenen Ordnungsangeboten und Parallelstrukturen. Peking positioniert sich bewusst als pragmatischer Partner ohne politische Auflagen und gewinnt so insbesondere im Globalen Süden an Einfluss. Der aktuelle Fünfjahresplan mit seinem Fokus auf »technological self-reliance« unterstreicht diesen Anspruch: Massive Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Halbleiter und erneuerbare Energien sowie die Sicherung kritischer Rohstoffe und Lieferketten sind Ausdruck einer langfristig angelegten Strategie. Hinzukommen die Kontrolle der Währungssysteme und globaler Finanzmechanismen, die die USA seit Jahren zu ihren Gunsten nutzen, die nun aber international gerade wegen des Verfalls der amerikanischen Glaubwürdigkeit unter Druck geraten.
Ein Rückzug in regelbasierte Nostalgie stellt keine tragfähige Strategie mehr dar. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier brachte die historische Einordnung kürzlich auf den Punkt: Es gebe weder ein Zurück in die 90er Jahre noch eine Rückkehr zu früheren Machtkonstellationen; vielmehr befinde sich die Welt in einem Moment ohne historische Blaupause. Es kann der Moment neuer, strategischer Kreativität sein – gerade für Europa. Die Annahme dieser Möglichkeit setzt aber voraus, dass Europa die eigenen Stärken erkennt, wirtschaftliche, technologische und politische Kapazitäten neu zusammendenkt – nämlich als Macht- und Positionierungsbasis (»statecraft«) und damit auch eigene Akteure (Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Wissenschaft) in die europäische Pflicht nimmt und sich außerdem anderen Mittelmächten als Partner anbietet. Kanada hat bereits begonnen: 20 neue Wirtschafts- und Sicherheitsabkommen mit unterschiedlichen Teilen der Welt hat Premier Carney in 2025 abgeschlossen.
Vom Taktieren zum Mitgestalten: (Europäische) Mittelmächte als Kipppunkte der kommenden Weltordnung.
Seit Jahren schon stützt sich die Europäische Union auf das Konzept der »offenen strategische Souveränität« um Abhängigkeiten im Energie-, Rohstoff-, Technologie- und Verteidigungssektor zu reduzieren – anfangs zunächst gekoppelt mit neuen Instrumenten der Abwehr (z. B. das Anti-Zwangsinstrument) fokussiert auf die Regelmanipulationen im Subventionsbereich und der Handelspolitik. Nun gilt es, Herausforderungen multidirektionaler Art zu erkennen, und über eine geschicktere strategische Vertiefung der eigenen Stärken diese kohärent und taktisch auszuspielen, während die Strukturen zur gemeinsamen Finanzierung beschleunigt ausgebaut werden müssen.
Europas Angebote
Eine schrumpfende Fertigungsindustrie in den USA braucht etwa hochspezialisierten Maschinenbau aus Deutschland und Italien. Halbleiterfertigungsanlagen (EUV-Lithographie), Quantenphotonik, grüne Technologien (Festkörperbatterien) sind weitere »Innovationsgüter«, die man gerade den Großmächten in strukturierten Verhandlungen anbieten kann, um Mehrwert zu generieren, vorausgesetzt es können gleichzeitig belastbare Verhandlungs- und Rechtsrahmen geschaffen werden. Auch die Vertiefung und internationale Erweiterung von Initiativen wie dem European Sovereign Tech Fund um die Kapazitäten anderer Mittelmächte wäre denkbar. Hier sollte Europa konkrete Angebote machen – auch gerade in der Implementierung der Handelsabkommen CETA, Mercosur und dem EU-Japan-Abkommen.
Europa muss transaktionalistisch agieren können, ohne die strategischen Möglichkeiten einer gleichzeitigen Vertiefung des europäischen und internationalen Rechtsrahmens zu vernachlässigen. Dafür braucht es einen offensiven Europäischen Auswärtigen Dienst. Um neue Partner für eine interessengeleitete, aber nicht wertegelöste globale Politik (bei Wirtschaft, Sicherheit, Energie, Technologie) zu finden, werden europäische Institutionen und nationale Sicherheitsräte stärker verzahnt arbeiten müssen.
Schon jetzt macht Europa anderen konkrete Angebote, die anschlussfähig sind. Mit ReArm Europe ermöglicht sie nicht nur die Finanzierung von Innovation in der Verteidigungspolitik für sich, sondern ermöglicht gerade auch der Ukraine ihr Wissen um Drohnenbau und Luftabwehr an andere Mittelmächte abzugeben. Im Sinne neuer »public goods« arbeitet Europa an einem neuen Zahlsystem als Alternative zu Visa, MasterCard, Swift und PayPal. Auch die Vertiefung eines souveränen »Technologie Stacks«, also einer umfassenden Technologie-Infrastruktur, könnte mit der Einbindung gerade indischer Tech-Kapazität schneller Realität werden.
Ökonomische Gewichte verschieben sich
Für viele Länder bleibt der Euro die Reservewährung, auch wenn die BRICS-Staaten nachhaltigen Druck aufbauen, den Renminbi oder Eigenwährungen zu bevorteilen. Hier wird deutlich, dass Verbindungen unter Mittelmächten nicht ohne strukturellen, diplomatischen und wirtschaftlichen Ausgleich möglich sein werden – aber gerade daraus können neue Möglichkeiten entstehen. Noch verspricht der Euro die Anbindung an den zweitgrößten Weltmarkt – und wenn dieser erst vertieft und mit einem funktionierenden Kapitalmarkt strukturell angereicht sein könnte, werden die strategischen Verbindungen für und mit anderen Mittelmächten noch attraktiver.
Die Mittelmächte im Globalen Süden sind die eigentlichen Scharniere der neuen Ordnung.
Mittelmächte können, gerade durch gezielte Ausnutzung ihrer aneinander gekoppelten Stärken, zu Kipppunkten der künftigen Weltordnung werden. Insbesondere Staaten des Globalen Südens entwickeln sich zu den eigentlichen Scharnieren der entstehenden Ordnung. Für viele dieser Länder ist die Diagnose einer selektiven regelbasierten Ordnung kein neuer Befund, sondern gelebte Erfahrung. Gleichzeitig verschieben sich die ökonomischen Gewichte: Länder wie Indien, Brasilien oder Indonesien verfügen über wachsende Märkte, junge Bevölkerungen und strategisch wichtige Ressourcen. Die Ordnungskrise ist damit auch eine Gerechtigkeitskrise.
Auffällig ist dabei die zunehmende Verbreitung flexibler außenpolitischer Strategien. Indien etwa verfolgt einen Ansatz des »Multi-Alignments«: Es kooperiert sicherheitspolitisch mit westlichen Partnern, pflegt zugleich enge Beziehungen zu Russland und engagiert sich in multilateralen Foren wie BRICS oder der G20. Balancieren zwischen Großmächten wird zur neuen Normalität. Diese Form interessengeleiteter, nicht-ideologischer Außenpolitik könnte zum Modell für viele Staaten werden. Zugleich gewinnen neue Institutionen wie die Asian Infrastructure Investment Bank an Bedeutung und ergänzen oder konkurrieren mit bestehenden Strukturen.
Carneys Antwort auf diese Entwicklung ist kein Rückzug, sondern eine Neujustierung internationaler Zusammenarbeit. Sein Konzept der »variablen Geometrie« zielt darauf ab, Kooperation flexibler und themenspezifischer zu gestalten In einer multipolaren Welt wird es entscheidend sein, Koordination über Opportunismus zu stellen und zugleich die Kosten von Diversifizierung zu akzeptieren. Gleichzeitig erfordert eine solche Strategie langfristiges Denken.
Was es jetzt (nicht) braucht
Für Deutschland ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag, der eng mit einer stärkeren europäischen Integration verknüpft ist. Europa muss handlungsfähiger werden, statt nur zu reagieren. Neue Kooperationsmöglichkeiten im Indopazifik, intensivere Beziehungen zu Mittelmächten und eine konsequente Diversifizierung wirtschaftlicher und politischer Partnerschaften sind dafür zentrale Bausteine eines zukunftsfähigen Ansatzes. Deutschland muss seine Fähigkeit zur Diversifizierung und zum Aufbau neuer Allianzen deutlich ausbauen.
Denn das deutsche außen- und wirtschaftspolitische Modell basierte über Jahrzehnte auf den Bedingungen einer offenen, stabilen Weltordnung mit verlässlichen Regeln und Sicherheitsgarantien. Genau dieses Umfeld gerät nun strukturell unter Druck. Die Gleichzeitigkeit von Prinzipientreue und Pragmatismus wird damit zur entscheidenden Herausforderung.
Am Ende steht eine nüchterne Erkenntnis: Passivität führt zu Abhängigkeit und Bedeutungsverlust. Gefragt ist ein flexibles, strategisch fundiertes Vorgehen, das auf klaren Werten basiert, ohne die Realitäten einer fragmentierten Welt zu ignorieren. Carneys Botschaft ist damit auch eine Mahnung – und eine Einladung, die eigene Rolle in einer sich neu formierenden Weltordnung entschlossen zu definieren.


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