Diese Ordnung befindet sich nicht in einem schrittweisen Wandel, sondern vor einem Bruch. Multilaterale Institutionen existieren zwar fort, doch sie garantieren keine Stabilität mehr, da Regeln zunehmend selektiv angewendet oder ignoriert werden. Wirtschaft ist dabei längst zu einem zentralen Instrument geopolitischer Macht geworden. Für Mittelmächte wie Deutschland ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Wer nicht aktiv gestaltet, wird zum Spielball.
Nostalgie ist keine tragfähige Strategie
Carney spricht bewusst von einem »Bruch« der Weltordnung – und grenzt sich damit von der oft beschworenen Vorstellung eines geordneten Übergangs ab. Institutionen wie die Vereinten Nationen bestehen fort, nicht die Institution verschwindet, sondern die gemeinsame Glaubensbasis zerfällt, weil die Ankermacht ihnen internationale Glaubwürdigkeit und Kapazität abspricht und sie in ihrer Funktion aushöhlt.
Parallel dazu tritt China als systemischer Gegenpol auf den Plan – nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als ordnungspolitische Kraft. China agiert als regelsetzende Macht mit eigenen Ordnungsangeboten und Parallelstrukturen. Peking positioniert sich bewusst als pragmatischer Partner ohne politische Auflagen und gewinnt so insbesondere im Globalen Süden an Einfluss. Der aktuelle Fünfjahresplan mit seinem Fokus auf »technological self-reliance« unterstreicht diesen Anspruch: Massive Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Halbleiter und erneuerbare Energien sowie die Sicherung kritischer Rohstoffe und Lieferketten sind Ausdruck einer langfristig angelegten Strategie. Hinzukommen die Kontrolle der Währungssysteme und globaler Finanzmechanismen, die die USA seit Jahren zu ihren Gunsten nutzen, die nun aber international gerade wegen des Verfalls der amerikanischen Glaubwürdigkeit unter Druck geraten.
Ein Rückzug in regelbasierte Nostalgie stellt keine tragfähige Strategie mehr dar. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier brachte die historische Einordnung kürzlich auf den Punkt: Es gebe weder ein Zurück in die 90er Jahre noch eine Rückkehr zu früheren Machtkonstellationen; vielmehr befinde sich die Welt in einem Moment ohne historische Blaupause. Es kann der Moment neuer, strategischer Kreativität sein – gerade für Europa. Die Annahme dieser Möglichkeit setzt aber voraus, dass Europa die eigenen Stärken erkennt, wirtschaftliche, technologische und politische Kapazitäten neu zusammendenkt – nämlich als Macht- und Positionierungsbasis (»statecraft«) und damit auch eigene Akteure (Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Wissenschaft) in die europäische Pflicht nimmt und sich außerdem anderen Mittelmächten als Partner anbietet. Kanada hat bereits begonnen: 20 neue Wirtschafts- und Sicherheitsabkommen mit unterschiedlichen Teilen der Welt hat Premier Carney in 2025 abgeschlossen.
Vom Taktieren zum Mitgestalten: (Europäische) Mittelmächte als Kipppunkte der kommenden Weltordnung.
Seit Jahren schon stützt sich die Europäische Union auf das Konzept der »offenen strategische Souveränität« um Abhängigkeiten im Energie-, Rohstoff-, Technologie- und Verteidigungssektor zu reduzieren – anfangs zunächst gekoppelt mit neuen Instrumenten der Abwehr (z. B. das Anti-Zwangsinstrument) fokussiert auf die Regelmanipulationen im Subventionsbereich und der Handelspolitik. Nun gilt es, Herausforderungen multidirektionaler Art zu erkennen, und über eine geschicktere strategische Vertiefung der eigenen Stärken diese kohärent und taktisch auszuspielen, während die Strukturen zur gemeinsamen Finanzierung beschleunigt ausgebaut werden müssen.
Europas Angebote
Eine schrumpfende Fertigungsindustrie in den USA braucht etwa hochspezialisierten Maschinenbau aus Deutschland und Italien. Halbleiterfertigungsanlagen (EUV-Lithographie), Quantenphotonik, grüne Technologien (Festkörperbatterien) sind weitere »Innovationsgüter«, die man gerade den Großmächten in strukturierten Verhandlungen anbieten kann, um Mehrwert zu generieren, vorausgesetzt es können gleichzeitig belastbare Verhandlungs- und Rechtsrahmen geschaffen werden. Auch die Vertiefung und internationale Erweiterung von Initiativen wie dem European Sovereign Tech Fund um die Kapazitäten anderer Mittelmächte wäre denkbar. Hier sollte Europa konkrete Angebote machen – auch gerade in der Implementierung der Handelsabkommen CETA, Mercosur und dem EU-Japan-Abkommen.
Europa muss transaktionalistisch agieren können, ohne
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