Ein ruhiges Krankenzimmer. Das Bett einer Frau ist leer. Ihre Familie sitzt schweigend daneben. Auf dem Nachttisch: ein Fläschchen »GcMAF – Experimentelle Immuntherapie«. Die Behandlung war nicht zugelassen. Sie starb, nachdem ihr verabreicht wurde, was sie für wissenschaftlich erforscht hielt. Sie fand GcMAF online, las Studien und glaubte der »Wissenschaft«. Doch die Studien waren gefälscht. Es geht nicht nur um ein einzelnes schlechtes Medikament, es ist ein tiefergehendes Problem, wenn sogar angesehene Wissenschaftler beim Betrügen ertappt werden: So etwa Eliezer Masliah, Direktor des National Institute of Aging (USA), der ein 2,6 Milliarden Dollar schweres Forschungsbudget für sein »goldenes Zeitalter der Alzheimer-Forschung« verwaltete. Seine Karriere endete als herauskam, dass 132 seiner biomedizinischen Publikationen Bildplagiate aufwiesen.
Wissenschaft beruht auf Integrität und Vertrauenswürdigkeit. Doch wenn massenhaft minderwertige oder betrügerische Artikel ungehindert ins System gelangen, dann schädigt dies unsere Gesellschaften auf allen Ebenen. In einer digitalen Welt ist es leicht KI-generierte Fake-Texte an Wissenschaftler zu verkaufen, die in einer »Reputationsökonomie« unter einem enormen Karrieredruck stehen und an Publikations- und Zitationszahlen gemessen werden.
»Der Komplex einer Fake-Industrie, einer Mafia anderer Art«
Dies führt zu einem stetigen Qualitäts- und Integritätsverlust des Publizierens von Akteuren mit unterschiedlichen Motiven: Da sind einerseits unehrliche Autoren, Institutionen und Nationen, die aus Reputationsgründen so vorgehen. Und dann gibt es andererseits industrielle Fake-Produktionen durch sogenannte »Papier-Mühlen« und manche Wissenschaftsverlage, bei denen es um Geld und Gier geht. Das Geschäft läuft wie geschmiert, ganz nach dem Motto: »The party must go on«. Es ist der Komplex einer Fake-Industrie, einer Mafia anderer Art.
Der wohl größte Wissenschaftsbetrug aller Zeiten
Die Größenordnung von Fake-Publikationen hat sich meist unbemerkt zu einem fehlerhaften System entwickelt, auch wenn erste Anstrengungen sichtbar (aber nicht prüfbar) sind, dass die Verlage aufwachen. Publizieren ist für manche (auch börsennotierte) Großverlage ein gigantisches Geschäft mit zum Teil weit über 100.000 Publikationen pro Jahr (siehe Kasten). Nach ihren Umsätzen spielen sie in der Liga der Musik- und Filmindustrie, allerdings mit weit erfreulicheren Profitmargen von 30 bis 40 Prozent. Aber der Steuerzahler bekommt nicht immer das, was er bestellt und wofür er bezahlt hat: verlässliche, wissenschaftliche Erkenntnisse.
Die Folgen sind vielfältig: Publikationslawinen, Überlastung des Begutachtungssystems (reviewer fatigue), mindere Qualität durch Schlamperei, Desinformation, Fake-Publikationen, Korruption von Herausgebern, nicht reproduzierbare Experimente, fehlgeleitete Studien, Fehlentscheidungen aller Art, und teilweise eskalierende Publikationskosten, die Forschungsförderer und Bibliotheken dreist überlasten.
Es ist wohl der größte Wissenschaftsbetrug aller Zeiten. In der Literatur kursieren unterschiedlichste Schätzungen über die Zahl von Fake-Publikationen zwischen einem und drei Prozent beziehungsweise 30 Prozent. Ein (allgemeinnütziger) Verlag berichtet eine Flut von »Schrottarbeiten«, so dass 90 Prozent nach Integritäts- und Qualitätsprüfung abgelehnt werden müssen. Realistisch sind eher fünf bis 15 Prozent. Und das bedeutet: mindestens 100.000 echte Fake-Publikationen in der Biomedizin pro Jahr (über alle Wissenschaften: 300.000), die überwiegende Mehrzahl kommt aus aufstrebenden Nationen des Mittleren und Fernen Ostens, Russland und dem Globalen Süden.
Wie groß ist das Problem?
Auch wenn die Zahl der Fake-Arbeiten in Europa oder den USA eher geringfügig ist, sind gravierende Kollateralschäden die Folge: Wissenschaftliche Analysen, Experimente und klinische Studien scheitern häufiger, wissenschaftliches und technisches Wissen wird ungenauer oder irreführend, und vermeintlich sichere und wirksame Therapien, Materialien und Technologien liefern nicht, was versprochen wurde.
»Die direkten Kosten gefälschter Publikationen sind alarmierend – indirekte Schäden kaum zu beziffern.«
Die direkten Kosten gefälschter Publikationen sind alarmierend: \\\ANLESEN\\\ Bei einem durchschnittlichen Preisschild pro Fake-Publikation von 10.000 Euro (bei einer Spanne von 2.000 bis 25.000 Euro) und einer Publikationsgebühr bei kommerziellen Verlagen von 3.000 Euro (Extrembeispiele: 9.000 bis 30.000 EUR für eine NATURE- oder CELL-Publikation), belaufen sich die Fehlinvestitionen des Staates, der Stiftungen und der Industrie bei allen Wissenschaften auf rund vier Milliarden Euro, und Fehlinvestitionen bei der globalen Forschung und Entwicklung auf 145 Milliarden Euro (was 5,8 Prozent der Gesamtinvestitionen in Höhe von 2,5 Billionen Euro entspricht). Weitere indirekte Schäden sind kaum zu beziffern: Schäden im Gesundheitswesen, menschliches Leid, nicht reproduzierbare Experimente (allein rund 28 Milliarden Euro jährlich in der Pharmaforschung), Fehlinvestitionen in der Industrie, Umweltschäden und Verzögerung wirtschaftlicher Entwicklung. Weltweit könnte der Schaden in die Billionen gehen.
Wissenschaftliche Integrität fördern
Ohne Gegenmaßnahmen kann diese Situation auch zum Vertrauensverlust in die Wissenschaft führen, und die Glaubwürdigkeit ehrlicher Autoren, Institutionen, Verlage und Länder untergraben. Wird dem nicht entgegengewirkt, könnte mit Manipulation, Desinformation und Fake unser Archiv des Weltwissens (permanent scientific record) erheblich verseucht werden, besonders weil Fake auch Fake-Zitate fördert und so der Fake-Anteil immer größer wird. KI-Produkte werden dann wertlos und am Ende steht der Wissenskollaps.
Diese Integritätskrise war schon vor zehn bis 15 Jahren erkennbar, aber trotz zahlreicher öffentlicher Erklärungen zu Forschungsethik und Integrität konnte diese Fehlentwicklung bisher nicht aufgehalten werden. Während digitale »Open Access«-Publikationen systematisch in den Markt gepusht werden, verlangen jetzt Fachgesellschaften und Akademien der Wissenschaft (zum Beispiel die Leopoldina) die Förderung von gemeinnützigem (nicht kommerziellem) akademischen Publizieren. Ein globaler Plan gegen diesen Betrug und Missbrauch muss her, um die wachsende, und ungebremste »Wissensverschmutzung« und die Kosteninflation einzuhegen oder gar zu beenden.
Um den Handlungsbedarf zu definieren haben wir im Juni 2025 die Stockholm Declaration mit 34 Maßnahmen zur »Reformation of Science Publishing« an der Royal Swedish Academy of Sciences verabschiedet. Diese Wissenschaftsorganisation hat sich seit 1739 mit der Vermittlung von Wissen für die Bevölkerung eingesetzt und durch Nobelpreise seit 1901 (also seit 125 Jahren) wissenschaftliche Exzellenz weltweit honoriert. Der Begriff »Reformation« ist übrigens von Martin Luthers Forderung im Jahr 1517 zur Reformation der Kirche inspiriert (95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche), sie solle nicht durch Ablasshandel kommerzialisiert werden, sondern zum tugendhaften Weg der »Wahrheit des Glaubens« zurückfinden, ohne Pomp und Glanz.
Beitrag von Politik und Medien
Wir fordern Politik, Medien und Wissenschaftsorganisationen auf, das Publikationssystem zu reformieren und zu regulieren, was aus naheliegenden Gründen (Interessenskonflikt) nicht die Aufgabe von Verlagen sein sollte. Die Zulassung und Sicherheitsprüfung von PKWs wird auch nicht von der Autoindustrie reguliert.
Weil Wissenschaft ein internationales Ökosystem mit transnationalen Spielregeln ist, brauchen wir eine global koordinierte Initiative von Wissenschaftsorganisationen, Akademien und Fördermittelgebern in Kooperation mit akademischen Verlagen. Wissenschaft ist ein öffentliches Gut und das Publizieren eine hoheitliche Aufgabe des Staats.
In der »Stockholm Declaration« haben wir konkrete Reformvorschläge formuliert, die Politik und Wissenschaftsverwaltung inspirieren soll. Darin wird gefordert:
Erstens: Die Abkehr von der »publish-or-perish«-Kultur einer Reputationsökonomie durch Vermeidung von Publikations- und Zitationsmetriken für die Qualitätsbewertung an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Der Fokus sollte auf der Qualität liegen, nicht auf der Quantität, bei Berufungen, Amtszeiten und Förderentscheidungen.Zweitens: Schrittweiser Übergang zu nachhaltigen, nicht-kommerziellen Publikationsmodellen, bei denen die wissenschaftliche Gemeinschaft die Titelrechte der Journale hält und Autoren ihr Urheberrecht.Drittens: Förderung von »diamond-open access«-Publikationsmodellen, also dem kostenlosen Publizieren und Lesen.Viertens: Freier Zugang und öffentliche Nutzungsrechte für die digitale (KI-)Auswertung von Publikationsdaten und -texten, auch aus der Vergangenheit. Fünftens: Erkennen, sanktionieren und registrieren von Publikationsbetrug; Integritätschecks durch akkreditierte, unabhängige, und gemeinnützige Einrichtungen.Sechstens: Entwicklung von Regulierungen und Gesetzen zur Qualitätskontrolle und deren Umsetzung, nebst Klärung der Rechtsgrundlagen für die Sanktionierung von Paper Mills, Journalen oder Verlagen.
»Politik und Medien sollten die Publikationskrise thematisieren, aber nicht den Fehler begehen, die Wissenschaft insgesamt unter Verdacht zu stellen.«
Wissenschaft soll ein öffentliches Gut bleiben und Publikationen sollten keine Handelsware sein. Darum kann und sollte Öffentlichkeit (Politik) die Regeln bestimmen, denn der Steuerzahler zahlt die Zeche: Forschung, Publikationen, und Leserechte. Die Stockholm Declaration ruft zu einer globalen Allianz der Willigen auf gemeinsam zu handeln: Akademien, wissenschaftliche Organisationen und Regierungen. Aber auch Politik und Medien sollten die Publikationskrise thematisieren, dabei aber nicht den fatalen Fehler begehen, die Wissenschaft insgesamt unter Verdacht zu stellen. Es wäre eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung mit unabsehbaren Schäden, die weit größer wären als der Status quo. Die große Mehrheit der Wissenschaftler ist ehrlich und integer. Aber wir müssen darüber sprechen. Wenn man einen Tumor entdeckt, verschließt man auch besser nicht die Augen, sondern plant die Therapie und geht sie beherzt an. Ignorieren wäre tödlich.
Desinformation und Massenproduktion von Fake-Publikationen durch KI gefährdet auch die »Freiheit von Forschung und Lehre«, und darum ist eine Reformation zur Wahrung von Integrität und Wahrhaftigkeit erforderlich für den Erhalt der »kritischen, intellektuellen Infrastruktur« unserer wissensbasierten Gesellschaften.

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