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Wie Kinder und Jugendliche Zugang zum Theater finden können Räume für das Publikum von heute

Es ist ein Premierenabend wie jeder andere, eigentlich: »Die Spitzköpfe und die Rundköpfe« nach Bertolt Brecht und Margarete Steffin, ein selten gespielter Stoff, inszeniert von der Performancegruppe LIGNA, die bekannt ist für ihren forschenden Ansatz ebenso wie für ihre interaktiven Formate. An diesem Abend stellt LIGNA das Stück von 1936 in einen Kontext mit Widerstandsbewegungen wie den Gelbwesten in Frankreich und #metoo, aber auch mit den digitalen Konzernen aus dem Silicon Valley, die unsere Daten in Geld verwandeln.

Bereits im Foyer des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt mischen sich an diesem Abend Gruppen von Jugendlichen unter das übliche Premierenpu­blikum aus professionellen Zuschauer:innen, Kolleg:innen und politischen Repräsentant:innen. Sie sind 16, vielleicht 17 Jahre alt, sie stehen zusammen, schauen und scherzen – und übernehmen bei der Performance selbst eine führende Rolle. Charmant strecken sie dem mitunter interaktionsmüden älteren Publikum Handykameras entgegen, dehnen sich, wenn die Audiospur sie dazu auffordert, und nehmen sich mit Selbstverständlichkeit und ansteckender Freude den Raum, den die Künstler:innen zur Verfügung stellen.

Türen öffnen

Wie gut ein generationengemischtes Publikum einer Inszenierung tun kann, wurde hier unmittelbar erfahrbar. Das Miteinander war das Ergebnis guter Vorbereitung – wie einer Reihe von Workshops und Gesprächen mit Lehrenden und Schüler:innen, die ihnen ermöglichten, sich kompetent, ja wohl zu fühlen im gesetzten künstlerischen Rahmen. Die Möglichkeit, sich einen Theaterabend zu eigen zu machen, setzt also Zugänge voraus, dem Vergnügen an der Kunst müssen Türen geöffnet werden. Zumal in einer – vor allem im urbanen Raum – heterogenen Gesellschaft, in der Kulturinstitutionen sich nicht mehr primär an ein bildungsbürgerliches Publikum wenden und kulturelle Bildung nicht mehr selbstverständlich scheint.

Wie können Kinder und Jugendliche heute Zugang zum Theater finden? Welche Wege werden hier eröffnet? In den letzten Jahren ist die Frage, an welche Öffentlichkeit sich Stadt- und Staatstheater, aber auch die sogenannte Freie Szene richten, drängender geworden. Wen repräsentieren diese Institutionen, wessen Geschichten werden erzählt? Das etablierte Selbstverständnis von Kulturinstitutionen wird mit der Frage nach ihrem – heutigen wie künftigen – Publikum zur Diskussion gestellt. Viele Institutionen im Bereich der Darstellenden Künste bauen vor diesem Hintergrund die künstlerischen Angebote für ein junges Publikum und ihre theaterpädagogischen Kompetenzen aus.

Eine Reihe von Stadt- und Staatstheatern gründete eigene Sparten für junges Publikum, etwa das Schauspielhaus Hamburg, das Deutsche Theater Berlin, das Stadttheater Gießen und das Theater Münster – und verschafften dem jungen Publikum so eigene Bühnen dort, wo oft nur ein Kinderstück zu Weihnachten auf dem Spielplan stand. Auch im schulischen Rahmen hat sich hier in den letzten Jahren etwas getan: Die obligatorischen Theater-AGs werden häufig von professionellen, durch spezifische Förderungen ermöglichten Programmen ergänzt, bei denen pädagogisch weitergebildete Künstler:innen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen eigene Stücke entwickeln. Sie eröffnen den Schüler:innen »Räume für ästhetische Erfahrungen, Austausch und Experimente zu erobern« und ermächtigen sie, »sich als selbstbewusste Akteure in künstlerische und kulturelle Bereiche […] vorzuwagen«, wie die Theaterwissenschaftlerin Kristin Westphal in Zwischen Kunst und Bildung schreibt. Die Möglichkeit, selbst künstlerisch aktiv zu werden, sich ebenso wie die Mitschüler:innen auf eine neue Weise kennenzulernen und Einblicke in die Arbeit professioneller Tanz- und Theaterschaffender zu erhalten, schult das Ausdrucksvermögen und die Kompetenz im Umgang mit künstlerischen Arbeiten – und weckt über den Weg der eigenen Erfahrung die Neugier aufs Theater.

Pädagogik vor Ästhetik

Zugleich entstehen durch den Kontakt zwischen Schulen und kulturellen Trägern Verbindungen, werden getrennte Lebens-, Arbeits- und Erfahrungsräume miteinander verknüpft. Und wenn die Schulklassen nicht – wie bei LIGNA – vorbereitet und begleitet ins Theater kommen, kommt das Theater in die Schule: Viele entwickeln sogenannte »Klassenzimmerstücke«, speziell für den schulischen Rahmen konzipierte Inszenierungen. Sie kommen mit wenigen Spieler:innen und reduzierter Ausstattung aus und greifen Themen auf, die für den schulischen Kontext von Interesse sind – Antisemitismus beispielsweise oder Diversität. Häufig stehen eher pädagogische Ziele der Aufführung als die ästhetische Erfahrung im Vordergrund.

Besonders interessant – und oft sehr erfolgreich – wird es, wo Theater weniger mit einem didaktischen Impetus auf zu belehrende Kinder und Jugendliche zugehen, sondern ihnen ihre Räumlichkeiten und ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen und diese einladen, sie nach ihren Bedürfnissen und Bedarfen zu gestalten. So übernahm beispielsweise das Produktionshaus PACT Zollverein 2019 in Essen-Katernberg ein Ladengeschäft, nannte es »WerkStadt« und gestaltete das Programm im engen Austausch mit den Anwohner:innen. Die ersten, die kamen, waren die Kinder, berichtete Projektleiter Benjamin Melzer damals, für die in dem einkommensschwachen Stadtteil wenige Spielmöglichkeiten und Gestaltungs­spielräume zur Verfügung stehen. Heute bietet die WerkStadt ihnen Filmnachmittage und Workshops an, und im Haupthaus von PACT auf der Zeche Zollverein verwandelt sich das weitläufige Foyer – unter Mitwirkung eines Kinder- und Familienzentrums wie einer Kinder­tages­stätte – einmal wöchentlich in ein Nachbarschaftscafé, in dem Kinder sich in einer Spiellandschaft austoben und Eltern sich bei kostenlosen Getränken austauschen können. Eine denkbar niedrigschwellige Zugangsmöglichkeit, die gern genutzt wird und das Haus aktiv einbindet in sein soziales Umfeld.

Theaterschaffende teilen mit dem Publikum Macht und Räume.

Auch im künstlerischen Bereich werden Kinder und Jugendliche in den letzten Jahren verstärkt in Entscheidungsprozesse eingebunden. Die Forderung, das Theater möge ein Publikum von morgen heranziehen, hat sich verlagert: Längst geht es um das Publikum von heute, mit dem Theaterschaffende Macht und Räume teilen – und damit das tun, was Theater für junges Publikum ohnehin sehr gut kann: Partizipation und mit ihr nicht zuletzt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. So haben sich an vielen Theaterinstitutionen bundesweit Kinder- und Jugendbeiräte etabliert, die Mitspracherecht am künstlerischen Programm haben.

Schon 2019 baute Cathrin Rose am Jungen Schauspielhaus Bochum »Drama Control« auf, ein Mitbestimmungskomitee, das aktiv an Produktionen mitwirkt, Gastspiele einlädt und viele Entscheidungen am Haus begleitet. 15 Personen zwischen sechs und 21 Jahren gehören aktuell dazu. Beim Berliner Festival »Augenblick mal!« beriet 2024/25 erstmals eine Gruppe Kinder das Auswahlkuratorium und brachte eigene Ideen ins Programm ein, und eine Gruppe internationaler Jugendlicher begleitete das Festivalprogramm. Beim Frankfurter Pilotprojekt »Junge Theaterwerkstatt am Zoo« begleitet von Anfang an eine Gruppe Jugendlicher die Neukonzeption eines Kinder- und Jugendtheaters, bringt Vorschläge in die Planung ein, besuchte vergleichbare Häuser in Stuttgart und Berlin und sprach mit den Architekten, die den Umbau gestalten werden.

Ausrichtung an den Bedürfnissen des Publikums

Als international beispielgebend gilt dabei BRONKS in Brüssel, ein Theater, das 1991 gegründet wurde und sich stets wieder neu ausrichtet zwischen Institutionalisierung und offenem Haus, wie Gino Coomans, Mitglied der künstlerischen Leitung von BRONKS, berichtet. Oft gelte es, Gruppen von Jugendlichen vertrauensvoll das Haus zu überlassen, damit sie es für ihre Zwecke gebrauchen können. Heraus kommt kein streng kuratiertes künstlerisches Programm, sondern eine schillernde Institution, die sich immer neu an den Bedürfnissen ihres Zielpublikums ausrichtet. Wäre das nicht etwas, was das deutsche Theater insgesamt von diesen innovativen Institutionen für junges Publikum lernen könnte?

Dass es von tiefgreifender Bedeutung sein kann, ob Kinder und Jugendliche Zugang zu Theater haben, hat 2019 die Studie »Spark Change – The Impact of Performing Arts on Children« nachgewiesen, durchgeführt vom New Victory Theater in New York, im Verbund mit Forschenden. Im Laufe von drei Jahren wurde untersucht, ob und wie regelmäßige Aufführungsbesuche sowie beglei­tende Workshops und Gespräche Einfluss haben auf die beteiligten Kinder und Jugendlichen. Besonders spannend daran: Neben den Schüler:innen der neun Partnerschulen, die Aufführungen und Workshops besuchten, gab es eine Vergleichsgruppe aus Klassen, die insgesamt drei Aufführungen besuchten, aber kein Begleitprogramm erhielten.

»Es schadet Kindern und Jugendlichen, nicht ins Theater zu gehen.«

So wurde erstmals nachweisbar, dass es Kindern und Jugendlichen schadet, nicht ins Theater zu gehen: Diejenigen Schüler:innen, die sich regelmäßig mit Theater auseinandersetzten, entwickelten ein höheres Einfühlungsvermögen in andere Personen als die der Kontrollgruppe, ihre Bereitschaft zur Kooperation wuchs ebenso wie ihr kreatives Denken. Sie lernten die Darstellenden Künste kennen und schätzen. Und, etwas überraschender: Sie trauten sich selbst mehr zu und blickten optimistischer in die Zukunft.

Während die Künste in der schulischen Bildung oft als hübscher Zusatz gelten, als »nice to have«, beweist die Spark-Studie, dass die gezielte, fachkundig gelei­tete Auseinandersetzung mit den Darstellenden Künsten Kompetenzen fördert, die weit über den schulischen Alltag wie die ästhetische Rezeption hinausreichen.

Im Zentrum steht das Publikum

»Wir glauben, dass der Zugang zu Darstellenden Künsten ein Recht ist, das jedem Menschen von Geburt an zusteht«, schreiben die Macher:innen der Studie. So sei es besorgniserregend, dass viele Programme, die sich in Deutschland der Zugänglichkeit und Vermittlung verschrieben haben, aktuell von zahlreichen Kürzungen im Kulturbereich bedroht und die Errungenschaften der vergangenen Jahre, wie die wachsende Anerkennung für das Feld des Theaters für junges Publikum, wieder gefährdet sind. Dabei bietet es der deutschen Theaterlandschaft einen spannenden Perspektivwechsel: Indem sie weniger kuratorische oder dramaturgische Konzepte als ihr Publikum ins Zentrum stellen. Indem sie ihr Publikum nicht als selbstverständlich nehmen, sondern immer neu herausfinden wollen, wer diese Menschen eigentlich sind, die sich im Theater versammeln – und sich engagiert auch als eine Art Dienstleister:innen für Städtebewohner:innen begreifen.

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