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Rassismus in den USA und die Trägheit sozialer Ordnungen

Nun ist es doch nicht die erste Frau im Weißen Haus geworden, sondern, gleichermaßen bewegend, der erste Mann ohne vorherige Erfahrung in einem öffentlichen Amt. Eine Frau, ein Populist und, vor nunmehr acht Jahren, der erste Afroamerikaner: In jedem Fall halten viele die Wahl einer einzelnen Person in ein wichtiges Führungsamt mit politischer und symbolischer Macht für einen historischen Wendepunkt, herausgehoben aus den Prozessen, die sonst das Leben einer Nation bestimmen. So lasen viele, darunter er selbst, Barack Obamas Präsidentschaft als Symptom einer postrassischen Gesellschaft – eine Einschätzung, die heute nur noch wenige teilen würden. Dennoch hätte zweifellos jemand nach einer Wahl Hillary Clintons gleichermaßen ein postfeministisches, vielleicht gar ein geschlechterneutrales Zeitalter ausgerufen. Wir neigen dazu, einzelne Ereignisse aus dem Fluss der Geschichte herauszuheben und machen dies gerne an einzelnen Menschen fest – wir reduzieren komplexe Verhältnisse und ihren Verlauf also gleich doppelt.

Der Blick auf Rasse und Rassismus in den USA vermag eine solche Sicht zu modifizieren. Dabei geht es nicht allein um die Überwindung des oft diskutierten Gegensatzes von individueller Handlungsmacht und System, sondern auch um die vielleicht überraschende Kontinuität von als ungerecht und undemokratisch empfundenen sozialen Ordnungen, die viele als überwunden geglaubt hatten. Es geht also darum, über eine Reflexion der jüngsten Geschichte des Verhältnisses zweier Gruppen zueinander zu erkennen, wie wichtig es ist, nicht bei Momentaufnahmen zu verharren, sondern sich der Prozesshaftigkeit des Sozialen und der Dauerhaftigkeit von Machtordnungen bewusst zu bleiben. Dies kann in die Analyse aktueller Ereignisse eingehen und schärft den Blick für Entwicklungen nicht nur in den USA. Ich möchte im Folgenden zeigen, zu welchen Revisionen die Ereignisse um die Erschießungen schwarzer Männer oder auch das Erstarken einer »neuen« sozialen Bewegung geführt haben. Dies geschieht in Hinblick auf die bestehende Ordnung zwischen den Rassen, wie auch, in einem zweiten Schritt, in Hinblick auf die Geschichte des Widerstands gegen diese.

Aus einer Reihe von schwarzen Männern, die in den letzten Jahren durch Polizeigewalt zu Tode kamen, haben zwei Fälle besonders dazu beigetragen, Zweifel an Obamas Präsidentschaft als Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den Rassen und damit auch an der Nachhaltigkeit der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung zu nähren: der Tod Trayvon Martins am 26. Februar 2012 in Sanford, Florida und der Tod Michael Browns am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri. Wenn es auch vorher immer wieder Hinweise auf Kontinuitäten in den Konflikten zwischen den Rassen gab, so wurden diese durch die beiden Ereignisse ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Um dies zu verstehen, muss man vor allem die Umstände und ihre Symbolik vor einem historischen Hintergrund entschlüsseln. Im Falle Martins, einem unbewaffneten 17-jährigen Afroamerikaner, wurde das äußere Erscheinungsbild zu einem wichtigen Aspekt der Ereignisse und der Diskussion darüber. Martin trug an dem Abend, als er George Zimmerman, einem Mitglied eines Sicherheitsdienstes, verdächtig erschien, ein Sweatshirt mit Kapuze, einen sogenannten Hoodie. In der öffentlichen Debatte über das Verhalten von Zimmerman ist dieser Umstand benutzt worden, um den Jugendlichen quasi mitverantwortlich für seinen Tod zu machen: Schließlich habe er sich im Stile eines Kriminellen, im gangsta style, gekleidet. Dass sich ein junger Mann auch durch das Tragen eines Kapuzenpullovers verdächtig macht, enthüllt paradoxerweise die Bedeutung der Hautfarbe: Es ist ja nicht das Kleidungsstück selbst, das Assoziationen mit Kriminalität hervorruft – von Weißen getragen symbolisiert es vielmehr Sportlichkeit, Lässigkeit und Freizeit. An einem schwarzen Jugendlichen jedoch ermöglicht es Handlungen und Äußerungen, die über einen Verweis auf die Hautfarbe leicht als rassistisch identifizierbar wären, nun aber über den Umweg der Kleidung gemacht werden: Jemand wird aufgrund seines Aussehens als kriminell verdächtigt.

Die Symbolträchtigkeit des Kleidungsstücks wurde im Verlauf des Prozesses gegen Zimmerman mehrfach thematisiert, nicht zuletzt beim Million Hoodie March in New York im März 2012, auf dem der Protest gegen Rassismus und für mehr Gerechtigkeit auch von den Mitgliedern der Occupy-Bewegung unterstützt wurde. Der Name spielt auf den Million Man March am 16. Oktober 1995 in Washington an, mit dem schwarze Männer ihrem Widerstand gegen die Demütigungen durch den Rassismus Ausdruck verleihen wollten. Auch dieser Protest und seine Symbolik wiederum hat Vorläufer, am deutlichsten im Streik schwarzer Müllmänner in Memphis am 11. Februar 1968, auf dem schwarze Männer Plakate mit der Aufschrift I am a Man trugen – im Kontext dieses Streiks wurde Martin Luther King in Memphis erschossen. Hier deutet sich bereits eine Kontinuität auch des Protests und Widerstands an, die im Fall Trayvon Martins an einem weiteren Punkt sichtbar wird: Zimmerman nämlich wurde im Juli 2013 von einer Jury von der Anklage des Mordes mit bedingtem Vorsatz freigesprochen. Dies war der Auslöser für die Gründung von #BlackLivesMatter, einer Bewegung, die das Erbe der Bürgerrechtsbewegung weiter trägt.

Wohl bemerkt, es ist nicht allein die Erschießung des jungen Afroamerikaners, sondern das Ausbleiben eines Schuldspruchs und somit einer juristischen Ahndung der Tat, die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Die Empörung, Wut und Trauer, aber auch die Affirmation von Identität und Solidarität, die in den sozialen Medien unter dem entsprechenden Hashtag nach dem Freispruch zum Ausdruck kamen, sind nicht Reaktion auf den Rassismus eines Einzelnen, sondern auf den inhärenten Rassismus der Institutionen des Rechts. Insofern als sowohl das Recht selbst wie auch die Rechtauslegung und die Rechtsprechung Afroamerikaner anders zu behandeln scheinen – sie einerseits härter als andere zu bestrafen, ihren Tod andererseits weniger streng zu ahnden – lassen sie den Eindruck entstehen, schwarze Leben seien weniger wert als weiße. Ein besonderes Detail der Ereignisse um Michael Browns Tod in Ferguson hat diesen Eindruck auf ganz besondere Weise verstärkt: Wieder wurde ein unbewaffneter schwarzer Jugendlicher nach einer Rangelei von einem Polizisten erschossen, wieder wurde das Aussehen des Afroamerikaners als Rechtfertigung angebracht und die Mitschuld des Opfers suggeriert. Dann aber demonstrierte dieses Detail die symbolische Macht der weißen Autoritäten in besonderer Weise: Der Leichnam des Jugendlichen wurde stundenlang auf dem Asphalt liegengelassen – eine Handlung, die auch in Europa an die Zurschaustellung getöteter Körper zur Abschreckung erinnert und eine Demütigung des toten Menschen bedeutet. Nicht zuletzt in der Zusammenschau mit dem Fall Martin wurde in Ferguson überdeutlich, dass es sich nicht um unglückliche Einzelfälle handelt – weder in Hinblick auf den Täter noch auf das Opfer –, sondern dass es um ein systemisches Problem mit langer Geschichte geht, deren Quintessenz die geringe Wertschätzung schwarzen Lebens ist.

Gesetzlich kodifiziert war dies zur Zeit der Sklaverei, in der schwarze Menschen als Eigentum zählten und als solche nur einen Tauschwert besaßen. Nach Ende der Sklaverei wurden ihnen nach und nach Bürgerrechte zu- und wieder abgesprochen; relevant ist hier, dass sie durch ein Regime des Terrors davon abgehalten werden sollten, Rechte auszuüben oder einzuklagen. Dauerhaft organisiert war der Terror im Ku-Klux-Klan, situativ formierten sich immer wieder kleinere oder größere Gruppen bis hin zu tausendköpfigen Mobs, die v. a. schwarze Männer auf oft grausamste Weise quälten und töteten. Häufig genug geschah dies unter Duldung lokaler Autoritäten und immer wieder, am spektakulärsten wohl nach dem Mord an Emmett Till 1955, wurden die Täter freigesprochen.

Komplizenschaft des Rechtssystems mit Formen des Rassismus

Die Komplizenschaft des Rechtssystems mit Formen des Rassismus wird im Moment vor allem in Hinblick auf die überdurchschnittlich hohe Quote an Afroamerikanern hinter Gittern diskutiert; die Juraprofessorin Michelle Alexander und der Soziologe Loïc Wacquant konstatieren eine neue Form der Segregation und Kontrolle durch das Gefängnis – zu erwähnen wäre hier auch die Rolle der Verhängung der Todesstrafe gegenüber Afroamerikanern. Analog dazu wird schon lange in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eine ausgeprägte Kontinuität an rassistischen Strukturen gesehen und diskutiert: Der Soziologe Thomas Shapiro wies darauf hin, dass sich zwar die Einkommensschere zwischen Schwarzen und Weißen schließe, die Unterschiede im Vermögen aber wachsen. Der Stadthistoriker Benjamin Houston hat am Beispiel Nashvilles herausgearbeitet, wie sich dort die Segregation der Wohnviertel mit den Mitteln der Stadtplanung seit den 60er Jahren verändert hat, aber nicht geringer geworden ist. Der Soziologe Joe Feagin schließlich konzeptualisiert seit Jahren einen systemischen Rassismus und das mentale Gerüst (framing), das ihm zugrunde liegt. Einiges deutet darauf hin, dass die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung, insbesondere im Bereich des Wahlrechts eben nur ein kleiner Sieg in Hinblick auf größere Gerechtigkeit war. Viele Formen des Rassismus, so scheint es, können in leicht veränderter, vielleicht auch subtilerer Form weiterbestehen.

Es gibt aber auch eine Kontinuität des Widerstands gegen fortgesetztes Unrecht. Die geschilderten Ereignisse zeigen, dass die Bürgerrechtsbewegung kein abgeschlossenes Projekt ist, das mit Rosa Parks und dem Montgomery-Bus-Boykott begonnen und mit dem Attentat auf Martin Luther King geendet hätte. Eine weniger auf einzelne Persönlichkeiten und mehr auf die vielfältigen Vernetzungen und Organisationsformen fokussierte Betrachtung kann auch in Hinblick auf den Widerstand gegen den Rassismus der bestehenden Ordnung eine Langzeitperspektive einnehmen. »Die lange Bürgerrechtsbewegung« nennt die Historikerin Jacquelyn Dowd Hall dieses Projekt, das etwa den Boykott von Verkehrsmitteln als Protest gegen Segregation bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgt. Auch am anderen vermeintlichen Ende der Bürgerrechtsbewegung wird deutlich, dass soziale Bewegungen in veränderten Formen weiterleben, manchmal zurückgezogen auf lokale Ebenen, dann aber wieder erstarken und an die Öffentlichkeit treten können. Viele Gruppen wie etwa die Dream Defenders (in Anspielung an Kings »I have a dream«-Rede am 28. August 1963) und natürlich #BlackLivesMatter knüpfen einerseits an die Protestformen und die Symbolik der Bürgerrechtsbewegung an, unterscheiden sich aber auch in wichtigen Punkten von ihr. Für #BlackLivesMatter stehen nicht allein Bürgerrechte, sondern Menschenrechte und -würde aller im Mittelpunkt. Organisatorisch lehnen sie das charismatische Führungsmodell ab und bevorzugen basisdemokratische Strukturen, in denen nun vor allem Frauen eine wichtige Rolle spielen. Und natürlich bieten die neuen Kommunikationsformen verschiedene Möglichkeiten, herkömmliche Organisationsstrukturen mit neuen Medien zu vernetzen – so jedenfalls die optimistische Vision vieler Aktionsgruppen. Inwieweit es möglich ist, dezentral organisiert zu sein aber dennoch koordiniert zu handeln und ob es so zu einer kohärenten großen Protestbewegung kommt, wird man sehen. Die Bedeutung Donald Trumps in der Langzeitperspektive der Beziehungen zwischen schwarzen und weißen Amerikanern jedenfalls ist vielleicht geringer als manche befürchten mögen.

 

Kommentare (1)

  • adi
    adi
    vor 2 Wochen
    Deine Sprache ist dekadent.

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