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Analoge Diskursräume machen Demokratie wieder erlebbar - das Beispiel Gelsenkirchen Raus aus der Bubble

In der Innenstadt von Gelsenkirchen, ein paar Minuten zu Fuß vom Bahnhof, liegt ein neues Café, das Spotlight. Was von außen kaum erkennbar ist: Es ist gleichzeitig eine Lokalredaktion, die seit Kurzem jeden Donnerstag einen eigenen lokalen Newsletter verschickt.

Als CORRECTIV entschieden hat, ein neues Format für Lokaljournalismus zu etablieren, bei dem sich auch Menschen vor Ort aktiv begegnen und einbringen können, fiel die Wahl schnell auf Kaffee. Weil er verbindet. Weil er Menschen ins Gespräch bringt. Weil man beim Kaffee diskutieren kann, was die Stadt bewegt. Der Anspruch der Redaktion war, Entscheidungen des Stadtrates und des Rathauses systematisch zu analysieren, wofür Geld ausgegeben wird und wofür nicht. Und es sollte einen Ort geben, um mit Bürgerinnen und Bürgern darüber in einen Austausch zu gehen. Dabei stellten sich ein paar Fragen: Ist die Miete eines Ladens in einer Innenstadt, die mit Leerständen zu kämpfen hat, die richtige Investition, wenn wir über Dialog, über Austausch nachdenken? In einer Zeit, in der Information und politische Reaktionen vor allem auf digitalen Plattformen stattfinden?

Der öffentliche Diskurs befindet sich offensichtlich in der Krise, auch und gerade, weil er zunehmend digital stattfindet: Man sitzt in der eigenen Bubble, die Plattformen belohnen Populismus mit Reichweite und bestrafen abwägende Perspektiven mit Ignoranz, ein Austausch unterschiedlicher Meinungen mit differenzierenden Beiträgen findet digital kaum statt, die Anonymität des Netzes verleitet zu Hass, Aggression und Beleidigungen.

»Soziale Plattformen belohnen die Verschärfung des Diskurses.«

Das sind die Stichpunkte, die den Stand über den öffentlichen Diskurs im Netz zusammenfassen. Die sozialen Plattformen bilden dabei nur einen Teil der Gesellschaft ab, können aber in der Wahrnehmung einen öffentlichen Diskurs schnell dominieren. Als extremes Beispiel sei an die Kampagne gegen die Kandidatin zum Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorff, erinnert. Vor allem über die Plattformen wurden sehr schnell Gerüchte, Desinformationen und Stimmung verbreitet. Andere Diskursräume konnten das nicht auffangen und wurden teils sogar noch zu Verstärkern dessen, was digital losgetreten wurde. Das zeigt: Die Macht, einen öffentlichen Diskurs zu bestimmen, geht einher mit der Fähigkeit, digitale Diskursräume zu besetzen.

Soziale Plattformen belohnen dabei nicht den auf Ausgleich gerichteten Dialog, sondern die Verschärfung des Tons. Selbst wenn es digitale Diskursräume gibt, in denen Argumente ausgetauscht, Fakten verlinkt sowie neue Gedankenimpulse gesetzt und verbreitet werden, sind es oft Räume einer grundsätzlichen Einigkeit politischer Haltungen. Sie verschwinden in der Wahrnehmung hinter den lauten Debatten, in denen provokante Botschaften belohnt und verstärkt werden. Es ist daher auch nicht überraschend, dass US-Präsident Donald Trump ein eigenes Social-Media-Netzwerk aufgebaut hat: Es unterstützt genau die Mechanismen autoritärer und populistischer Strömungen, die er repräsentiert.

Fragmentierung der Gesellschaft

Aus der soziologischen Forschung wissen wir, dass die Gesellschaft nicht gespalten, sondern fragmentiert ist. Die Organisation More in Common hat dafür sechs unterschiedliche »gesellschaftliche Typen« identifiziert und dabei eine Dreiteilung der Gesellschaft festgestellt. Ein Drittel hat demnach eine starke Orientierung innerhalb des demokratischen Systems und besitzt ein hohes Maß an Vertrauen in die gesellschaftlichen Strukturen. Ein weiteres Drittel ist zwar auch noch im Gemeinwesen orientiert, bildet aber in sich entgegengesetzte Pole in der Meinungsbildung ab. In der Studie heißen sie die »Offenen« und die »Wütenden«. Sie haben jeweils eine laute Stimme und sind stark polarisiert. Das letzte Drittel ist labil. Da geht es um zwei Gruppen, die aus unterschiedlichen Gründen unsicher sind über ihre eigene Rolle in der Gesellschaft. Sie fühlen sich desorientiert, sind auch weniger eingebunden in gesellschaftliche Strukturen als die anderen Gruppen. Diese Differenzierung sehen wir im digitalen Diskurs fast nie. Dort sind vor allem die Wütenden oder die Offenen laut. Die Zweifelnden spielen im Kampf um die reichweitenstarken Posts keine Rolle. Und auch die loyalen, stabilen Gruppen sind dort weniger wahrnehmbar. Der öffentliche Diskurs im digitalen Raum ist demnach stark verzerrt, bildet nur einen Teil der Gesellschaft ab.

Wenn ein kleiner, lauter Teil der Gesellschaft so dominierend sein kann, braucht es neue Perspektiven für einen gesellschaftlichen Austausch, die allerdings auf eine alte Gewissheit zurückgreifen können: die physische Begegnung vor Ort.

Der öffentliche Diskurs hat auch vor der digitalen Revolution schon seine Echokammern gehabt oder seine Bubbles gepflegt – es gab ideologisch geprägte Zeitungen oder Vereine, die sich teils politisch stark isolierten. Allerdings gab es gleichzeitig analoge Räume des Austausches, in denen sich Menschen aus verschiedenen Lagern physisch trafen und in denen Dialog entstand. Diese Räume nutzen wir derzeit kaum noch.

Der öffentliche Diskurs im digitalen Raum bildet nur einen Teil der Gesellschaft ab.

Ist das Café, stellvertretend für Räume des analogen Dialogs, ein Weg, dieses Dilemma zu durchbrechen? Wenn Dialogveranstaltungen vor Ort gelingen, wird danach von Teilnehmenden oft die befreiende Erkenntnis gespiegelt, dass man miteinander ins Gespräch kommt, auch wenn man in bestimmten politischen Fragen über kreuz liegt. Gerade an konkreten Problemen vor Ort entstehen überraschende Interessensallianzen, die Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Im gelungenen Dialog hören wir zu, reagieren direkt, wägen Argumente, vielleicht entsteht sogar eine gemeinsame Idee. Wir erkennen gemeinsame Standpunkte, ähnlich empfundene Probleme, geteilte Interessen, und das trotz unterschiedlicher politischer Haltungen.

Medien, gerade regionale oder lokale, suchen derzeit zunehmend den analogen Austausch. Jüngst hat die örtliche Zeitung in Halle eine PopUp-Redaktion am Bahnhof eröffnet. Menschen sind dort eingeladen, »einfach mal zu reden«. Auch das Projekt »Deutschland spricht«, ursprünglich von der ZEIT initiiert, hat gezeigt, wie Tausende Menschen in Deutschland sich zum Gespräch in der geplanten Erwartung getroffen haben, dass sie jemanden mit einer sehr unterschiedlichen politischen Haltung treffen. »Mobile Redaktionen« können Anlaufpunkte sein, um zu bestimmten Recherchethemen vor Ort in einen Austausch zu kommen.

Brückenschlag ins Analoge

Nur, wie attraktiv ist es, sich dem direkten Gespräch auszusetzen im Vergleich zu einem digitalen Post, den man auf dem Handy absetzen kann, ohne sich persönlich dafür erklären zu müssen? Ist ein Ort, zu dem man fahren oder gehen muss, konkurrenzfähig zur digitalen Vernetzung? Lohnt der Aufwand, wenn unklar ist, wem man begegnet? Das Digitale hat längst Kommunikationsgewohnheiten verändert. Soziale Plattformen ziehen zudem deshalb so viel Aufmerksamkeit auf sich, weil der Resonanzraum ganz anders skalierbar ist als ein Ort, an dem vielleicht 50, 100 oder 200 Stühle vorhanden sind. Der analoge Dialograum, so wirkt es, ist aus der Zeit gefallen.

Analoge Dialogorte sind daher eine Herausforderung. Sie müssen attraktiv sein, damit man wiederkommen will. Eine Veranstaltung, bei der es um Gespräche, um Erkenntnisgewinn, um Streit und konstruktive Ideen geht, muss am Ende auch ein wenig verzücken. Da kommt es auf zeitgemäße Formate und auf die kluge Kuratierung von Themen und Personen an.

Kommunale Orte können dafür wegweisend sein. Moderne Bibliothekskonzepte etwa zeigen, wie öffentliche Orte umgewidmet werden können. Ein Café, ein Veranstaltungsraum, offene Begegnungsräume für Jugendliche, eine Mischung aus digitalen und analogen Produkten können diese Orte neu beleben – gelungene Beispiele zeigen den Erfolg schon jetzt. Ebenso wie gut kuratierte und ausgestattete Gemeinschaftshäuser, die regelmäßige Begegnung ermöglichen. Viele Orte, die in den vergangenen Jahrzehnten diese Funktionen der Dialogräume durchaus ausgefüllt haben, wirken allerdings etwas angestaubt, ziehen vor allem treue Besucherinnen und Besucher an, üben zu wenig Anziehungskraft auf neue Gruppen aus, die bisher wenig Berührungspunkte damit hatten. Eine Chance liegt im Wandel der Innenstädte. Schon jetzt ist sichtbar, dass die Veränderung des Konsums zu Leerständen von Geschäften führt. Hier sind Städte und Gemeinden gefragt, kluge Konzepte für gemeinnützige Dialogräume zu entwickeln oder zu unterstützen.

»Moderne Bibliothekskonzepte zeigen, wie öffent­liche Orte umgewidmet werden können.«

Der Diskurs im digitalen Raum soll dabei nicht gegen die analogen Räume ausgespielt werden. Beide sind Teil unserer Lebensrealität. Im digitalen Raum entwickeln sich kluge Community-Werkzeuge, die Nachbarschaften, Interes­sens­verbünde oder ähnlich gelagerte individuelle Bedürfnisse durchaus vermitteln können. Wenn es aber gelingt, die Brücke ins Analoge zu schlagen, kann aus dem gemeinsamen Interesse ein Verständnis von Gemeinschaft wachsen, die trotz unterschiedlicher politischer Haltungen bestehen kann. Demokratie auf dem Fundament, dass wir uns als Gleiche gegenseitig anerkennen, wird so im öffentlichen Raum erlebbarer.

Die Demokratie lebt vom Austausch, daher ist die Diskussion darüber, wie Menschen untereinander ins Gespräch kommen, aber auch wie Bürgerinnen und Bürger mit ihren Repräsentanten und staatlichen Stellen in einen Austausch kommen, elementar. Analoge Dialogräume schaffen dafür eine wesentliche Voraussetzung, um den zugewandten Diskus zu stärken. In Gelsenkirchen steht nun auf der Schaufensterscheibe des Cafés ganz einfach: Lokal & Journalismus. Ein alter Begriff, hier frisch und etwas anders zusammengesetzt.

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