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Rosa Luxemburg – zwischen Linksradikalismus, Kommunismus und Sozialdemokratie

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass zum Jahreswechsel 2018/19 eine neuerliche Runde in der Debatte eingeläutet werden wird, wem denn nun Rosa Luxemburg gehört: der Sozialdemokratie, den Kommunisten, den undogmatisch-parteiungebundenen Linken oder der Partei DIE LINKE, deren parteinahe Stiftung ihren Namen trägt. Und gewiss wird dieser – im Zweifel eher unproduktive – Streit von Wortmeldungen all jener begleitet sein, die schon bei früheren Anlässen – mal mehr, mal weniger gut begründete – Argumente dafür vortrugen, dass es (wenigstens am Schluss ihres gewaltsam beendeten Lebens) mit der demokratischen Qualität des Denkens dieser Ikone linker Politik doch nicht allzu weit her gewesen sei. Wir erinnern uns: Als vor 15 Jahren der erste rot-rote Senat in der Berliner Landespolitik auf Vorschlag der damaligen PDS den Beschluss fasste, im Herzen Berlins ein Denkmal für die ermordete Sozialistin auszuschreiben, erhob sich ein vielstimmiger Chor der Ablehnenden oder Empörten, wobei die Begründungen durchaus unterschiedlich ausfielen. Für die einen war es schlicht undenkbar, nach dem Ende der DDR eine Mitgründerin der KPD auf diese Weise zu ehren: »Rosa Luxemburg mit einem Denkmal zu ehren, bedeutet im besten Fall, ihren ideologischen und totalitären Antrieb zu unterschätzen« war etwa in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu lesen. Für andere hatte sich ihre späte Absage an die zu wählende Nationalversammlung und die Präferenz eines reinen Rätesystems als die eigentliche und letzte Häutung ihres politischen Selbstverständnisses erwiesen, hinter der auch die vielzitierten Passagen aus ihrer Gefängnisschrift Zur russischen Revolution über die Freiheit, die immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sei, ihre Bedeutung und Aussagekraft verloren hätten.

Wenn wir nun 15 Jahre später – hoffentlich – ein ganzes Stück weiter sind und uns der Protagonistin sowohl unvoreingenommener als auch sachgerechter nähern können, dann liegt das vor allem daran, dass eine bereits in den 70er Jahren in der DDR unter schwierigen Bedingungen begonnene Werkausgabe ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft jetzt mit mehreren Bänden eindrucksvoll fortgesetzt worden ist. Insbesondere der unermüdlichen und akribischen Arbeit von Annelies Laschitza ist es zu verdanken, dass nunmehr die Bände sechs und sieben (letzterer in zwei Teilbänden) dieser Werkausgabe vorliegen und damit eine historisch-kritische Einordnung und Bewertung von Luxemburgs Wirkens möglich gemacht wird. Der 2014 erschienene sechste Band präsentiert immerhin 270 hier neu publizierte Dokumente aus den Jahren 1893 bis 1906. Sie entstammen vorwiegend sozialdemokratischen Presseorganen und handschriftlichen Überwachungsakten, insbesondere der Politischen Polizei und des preußischen Ministeriums des Innern im Kaiserreich. Der Band enthält zudem 21 Reden in Volks- und Wahlversammlungen, die beredt Zeugnis von der Agitationskraft dieser zierlichen Frau ablegen. Darin kämpft sie gegen Militarismus und Rüstungskosten, gegen die ungeheuren Lebensmittelverteuerungen, gegen sozialreformerische Illusionen, gegen die Entmachtung parlamentarischer Körperschaften und vielerlei Erscheinungen und Entartungen des kapitalistischen Systems. Selbst das ihr nicht unbedingt nahestehende Hamburger Echo beschreibt den »unvergleichlichen Genuß« ihres Vortrags und ihre »geistsprühenden, ebenso formschönen als gemeinverständlichen Ausführungen«. Ihre »ätzende, oft durch sarkastischen Witz gewürzte Kritik« an den politischen Zuständen habe »wiederholt stürmische Unterbrechungen« hervorgerufen.

Wenig bekannt dürfte ferner sein, dass sie bereits als junge Frau zwischen 1898 und 1905 für jeweils kurze Perioden für drei renommierte Parteizeitungen verantwortlich zeichnete: die Dresdner Sächsische Arbeiterzeitung, die Leipziger Volkszeitung sowie das Organ des Parteivorstands, den Berliner Vorwärts. In ihrer redaktionellen Tätigkeit legte sie besonderen Wert auf die Information ihrer Leserschaft über internationale Ereignisse, wobei ihr für die Informationsbeschaffung ihr breites Sprachvermögen und ihr Wirken in der Internationale eine große Hilfe waren. Für die, die sie bis heute gerne in der Nähe zu leninistischen Konzepten sehen möchten, sei die folgende Passage ihres Textes über den Einigungskongress der französischen Sozialisten von 1905 zitiert: »Es wäre kindisch-naiv zu meinen, daß in der neuen Partei fortan das reine Schäferidyll herrschen werde. Das wäre ein Traum und nicht einmal ein schöner. Wer Partei sagt – Partei und nicht Sekte! –, der sagt damit zugleich, daß im Rahmen des Parteiganzen verschiedene Auffassungen, verschiedene Strömungen und Unterströmungen wirken und im Kampfe der Meinungen sich messen. Diesem unvermeidlichen und wünschenswerten Meinungskampf tragen die Statuten der Einheitspartei einsichtig Rechnung, indem sie die vollständige Diskussionsfreiheit in der Presse in Bezug auf alle theoretischen und praktischen Fragen ausdrücklich proklamieren«.

Nicht zuletzt hat ein derartiges Parteiverständnis, dessen Begründungszusammenhang sich erneut in ihrer Gefängnisschrift Zur russischen Revolution von 1918 wiederfindet, immer wieder zu der Fragestellung geführt, wohin sie ihr politischer Weg in den 20er Jahren wohl geführt hätte, wäre sie nicht so grausam ermordet worden: mit Wilhelm Pieck und Ernst Thälmann als Funktionärin der »bolschewisierten« KPD, mit Paul Levi zurück in die Sozialdemokratie oder womöglich – resigniert – parteilos in eine wissenschaftliche Studierstube?

Die beiden Teilbände 7.1 und 7.2 versammeln insgesamt 160 Dokumente aus den Jahren 1907 bis 1918, davon erneut über 50 Reden. Den besonderen Reiz macht dabei u. a. die Tatsache aus, dass sich fast die Hälfte davon aus handschriftlichen Fragmenten zusammensetzt, die bislang nicht veröffentlicht vorlagen. Diese Fragmente weisen zugleich Überschneidungen zu Luxemburgs Parteischultätigkeit und zu ihren öffentlichen Vorträgen über Nationalökonomie und Weltpolitik auf. Man stelle sich das nur für heute vor (um zugleich zu ermessen, wie besonders dieses Auftreten schon damals war): Ende 1907 trat sie auf Bitten des Verbandes Berliner Wahlvereine im Deutschen Hof in Berlin-Kreuzberg mit sechs aufeinanderfolgenden Vorträgen über die wirtschaftsgeschichtliche Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus auf. Laut Polizeiberichten unterbreitete sie vor insgesamt etwa 3.500 Männern und 1.100 Frauen (!) populärwissenschaftlich ihre Beobachtungen über aktuelle Tendenzen der Kartellkonzentration des Kapitals. Damit repräsentierte sie auf herausragende Weise eine damals noch verbreitete Spezies, die heute nahezu ausgestorben scheint: eine zugleich wissenschaftliche arbeitende und die Erkenntnisse ihres Forschens popularisierende aktive Politikerin. Über ihr Wirken an der sozialdemokratischen Parteischule urteilte der Absolvent Jacob Walcher, später zeitweilig wichtiger Funktionär in KPD und später SAP (und dort Mentor Willy Brandts): »Nach meinem Urteil hat es keiner der anderen Lehrer verstanden, ein so eng verbundenes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Schülern herzustellen wie gerade Rosa Luxemburg.«

Von den Mühen damaliger Wahlkämpfe zeugt folgende Passage über ihre Erfahrungen 1907 im oberschlesischen Revier: »Was unter solchen Umständen die Arbeit des Flugblattverteilens im harten Winter bedeutet, davon können sich unsere, nur die Agitationsarbeit in der Großstadt kennenden Genossen gar nicht den rechten Begriff machen. Dabei müssen die Verbreiter immer darauf sehen, daß sie auf öffentlichen Wegen bleiben, denn wenn sie etwa der Grube oder der Hütte gehörende Wege und Flächen betreten, machen sie bald die Bekanntschaft roher Fäuste und derber Knüppel, geschwungen von den Herren Steigern, Aufsehern und ähnlichen Knechtseelen.«

Die Bewilligung der Kriegskredite und die Haltung, die die (Mehrheits-) Sozialdemokratische Partei im Krieg einnahm, veränderte auf dramatische Weise die Sicht Luxemburgs auf die deutsche und internationale Sozialdemokratie. Anders als diejenigen, die wie der früher mit ihr befreundete Karl Kautsky oder Hugo Haase an der Einheit von Partei und Bewegung festzuhalten gedachten, steuerte sie seit 1914 einen unversöhnlichen Kurs der Konfrontation. Von besonderem Interesse ist hier eine zweite, überwiegend 1918 entstandene Fragmentschrift von 32 Blatt, in der sie ihre Gedanken sortierte. Obwohl ihre Tonlage immer unversöhnlicher wurde, steuerte sie – so die Herausgeberin – darin noch keineswegs auf die Gründung einer neuen Partei zu. Dies erklärt wohl auch ihre eher zögerliche Haltung (u. a. in der Namensfrage) auf dem Gründungsparteitag der KPD am Jahreswechsel 1918/19.

Mit diesen Bänden wird es heute besser als in den Kontroversen der vergangenen Jahre möglich sein, Rosa Luxemburg unvoreingenommen zu historisieren. Vieles im Rahmen ihres Wirkens lässt sie bis heute als Ikone für linke Politik erscheinen. Dazu gehören ihr wissenschaftliches Ethos, ihr Enthusiasmus, ihre Verbindung von Empathie und politischem Engagement wie die Unkorrumpierbarkeit ihres Wollens. Die Kehrseite darf dabei aber nicht ausgeblendet bleiben: ein schier grenzenloser Glaube an das richtige Handeln der »Massen«, wenn sie denn nur von den richtigen Führerinnen und Führern erreicht werden (die man ein Jahrhundert später vielleicht doch etwas nüchterner einzuschätzen hätte), wie eine Schärfe in der Auseinandersetzung mit Vertretern anderer Parteirichtungen, die sich partiell nur individualpsychologisch als besonders harsche Abwendung aufgrund enttäuschter Näheverhältnisse erklären lassen. Pauschalvorwürfe in Richtung von »Opportunisten« oder »Theoretikern des Sumpfes« tragen bis heute zu dem eingangs beschriebenen Bild bei, sie habe es mit ihren demokratischen Grundansprüchen doch nicht so ernst gemeint. Aus berufenem Mund ist allerdings schon vor fast 30 Jahren (auch mit Blick auf ihre Schrift Zur russischen Revolution) ihren allzu heftigen Kritikern entgegengehalten worden: »Mir ist schwer verständlich, wie hieraus mal von einer, dann von einer anderen Seite abgeleitet werden konnte, für Nichtkommunisten habe sie keine Freiheit gewollt.« Das einfühlsame Radioporträt des damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt aus Anlass ihres 70. Todestages, dokumentiert in dieser Zeitschrift, aus dem diese Passage stammt, schließt mit den Worten: »Dort im Gefängnis waren die Komponenten ihrer reichen Persönlichkeit so stark hervorgetreten, daß es in der kurz bemessenen höchst problematischen Zeit nicht erreicht oder gar überboten werden konnte: die Einsiedlerin und die Denkerin, die an Literatur und Naturwissenschaften leidenschaftlich Interessierte – und bei allem, in und über allem die tragische Gestalt einer leidenschaftlichen europäischen Revolutionärin.«

Annelies Laschitza/Eckhard Müller (Hg.): Rosa Luxemburg. Gesammelte Werke. Bd. 6: 1893 bis 1906. 2014, 992 S.; Bd. 7.1: 1907 bis 1918. 2017, 576 S.; Bd. 7.2: 1907 bis 1918. 2017, 672 S. Alle erschienen bei Karl Dietz, Berlin, jeweils zum Preis von 49,90 €.

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